mini|hochkant|Philipp Jenninger (1987)

Die Rede am 10. November 1988 im Deutschen Bundestag von Philipp Jenninger (CDU), später auch bekannt als Jenninger-Rede, wurde von dem damaligen Bundestagspräsidenten zum 50. Jahresgedenken der Novemberpogrome 1938 gehalten. „Jenninger hatte erstmals versucht, mit der Lebenslüge aufzuräumen, nach der Adolf Hitler mit einer verbrecherischen Entourage Macht über die Deutschen gewonnen und das Volk (angeblich gegen dessen Wissen und Willen) ins Verderben geführt habe.“Wolfgang Benz: Unglücklicher Staatsakt – Philipp Jenningers Rede zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome 1938, bpb.de (Bundeszentrale für Politische Bildung), 4. November 2013; abgerufen am 30. Dezember 2017 Ein zuvor geplanter und unabhängig vom Inhalt der Rede durchgeführter Protest sowie die Rede selbst führten zu einem Proteststurm innerhalb und außerhalb Deutschlands und zum Rücktritt Jenningers am Folgetag.

Inhalt Im besonders stark kritisierten Abschnitt der Rede (ab 13 m 33 s) legte Jenninger in einer Art Schuldbekenntnis dar, mit welchen Gedankengängen viele Deutsche den Nationalsozialismus seinerzeit entschuldigten und in ihn verstrickt waren:

Rezeption Schon während der Rede verließen einige Abgeordnete den Plenarsaal,Lucian Hölscher: Political Correctness. Wallstein Verlag, 2008, ISBN 978-3-8353-0344-7, S. 202. beginnend mit Jutta Oesterle-Schwerin (Grüne), was diese von vornherein geplant hatte.

Die Darstellung wurde vor allem wegen des von Jenninger ausgiebig verwendeten Stilmittels der erlebten Rede – einer ungeeigneten Vortragsweise –, aber auch wegen des Inhalts sehr kontrovers aufgenommen. Unter anderem wurde kritisiert, dass der Bundestagspräsident ausführlich den Reichsführer SS Heinrich Himmler zitierte. Der Spiegel sah eine misslungene deutsche Vergangenheitsbewältigung: „Die Union, das machte Jenninger auf bedrückend einfältige, aber bezeichnende Art klar, wird die Schatten der Vergangenheit nicht los. Unter rhetorischen Floskeln, hinter dem besten Willen und lauterer Gesinnung schimmern unübersehbar Denkfiguren rechten Spießertums, Weltbilder einer im Kern kaum belehrbaren Stammtischbrüderschaft.“ Walter Jens benannte Konrad Adenauer in diesem Zusammenhang als geistigen Vater einer Mentalität und politischen Kultur, die unter Missachtung der „Grundgebote von Moral, Sensibilität und Takt“ nach 1945 offenbar bedenkenlos „die nachträgliche Demütigung deutscher Juden“ betrieben habe.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bemängelte zwar auch, dass in der Rede beklagenswertes „Ungeschick“ zum Ausdruck komme, sah jedoch mehr Stil und Aufbau als den Inhalt als problematisch an. Diese Einschätzung untermauerte eine von Ignatz Bubis am 9. November 1989 in einer Synagoge in Frankfurt gehaltene Rede, in welcher der spätere Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland absichtlich die problematischen Passagen aus der umstrittenen Rede Jenningers im Wortlaut übernahm, ohne für die Aussagen kritisiert zu werden.Peter Schmalz: Keiner hat was gemerkt. In: Die Welt, 1. Dezember 1995.Trauer oder Pflichtübung? – Bubis wiederholte die umstrittene Jenninger-Rede, taz.de, 1. Dezember 1995 Bubis erklärte, er habe die Ansprache, die seiner Meinung nach in einer Überreaktion zum Rücktritt des damaligen Bundestagspräsidenten führte, als durchaus zutreffende Beschreibung des Mitläufertums verstanden.„Keiner hat was gemerkt“ Ähnlich äußerte sich der Publizist Sebastian Haffner: „Jenninger hatte kein Gespür für den Anlaß. Wenn ein Mensch ermordet worden ist, spricht man an seinem Grab auch nicht von der interessanten Persönlichkeit des Mörders.“Arno Widmann: Deutsche Zwillinge. In: Die Zeit, Nr. 50/1995. S. 59

Es gab auch Stimmen, die die Rede anerkennend mit von Weizsäckers Rede von 1985 verglichen.

Wirkung Die Rede ist eine der international bekanntesten eines Bundestagspräsidenten. Sie wurde auf Tonträgern veröffentlicht und wird in zahlreichen Fachbüchern – insbesondere zur Sprachwissenschaft – zitiert.

Literatur Ian Buruma: Erbschaft der Schuld. Vergangenheitsbewältigung in Deutschland und Japan. 1994, ISBN 3-446-17602-0. Jeffrey Herf: Philipp Jenninger and the Dangers of Speaking Clearly. In: Partisan Review. 56. 1989, S. 225–236 , online Hans Jürgen Heringer: Wie man etwas nicht sagen darf: Der Fall Jenninger. In: Ders.: „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort“. Politik – Sprache – Moral. Beck, München 1990, S. 163–176, ISBN 3-406-34017-2. Jan C. L. König: Wenn du einmal im Sarg liegst, kommst du nicht mehr raus. Nach Vorlage genehmigte Niederschrift des Gesprächs mit dem Bundestagspräsidenten a.D., Dr. Philipp Jenninger, am Dienstag, 16. Mai 2006. In: Monatshefte für deutschsprachige Literatur und Kultur. Hrsg. von Hans Adler. Vol. 100, No. 2, Summer 2008. University of Wisconsin Press, Madison (WI) 2008, , S. 179–190. Jan C. L. König: Über die Wirkungsmacht der Rede. Strategien politischer Eloquenz in Literatur und Alltag. Vandenhoeck & Ruprecht unipress, Göttingen 2011, ISBN 3-89971-862-3. (Darin: Nicht das, was gemeint war: Rhetorische Diskursanalyse der Rede Philipp Jenningers anläßlich der Gedenkstunde des Deutschen Bundestags am 10. November 1988 zum 50. Jahrestag der Judenpogrome in Deutschland. S. 153–220). Astrid Linn: … noch heute ein Faszinosum …: Philipp Jenninger zum 9. November 1938 und die Folgen. (= Kommunikation: Forschung und Lehre, 2) Lit-Verl., Münster 1990, ISBN 3-89473-094-3 (207 S.) Harald Schmid: Erinnern an den „Tag der Schuld“. Das Novemberpogrom von 1938 in der deutschen Geschichtspolitik. Hamburg 2001, ISBN 3-87916-062-7.

Eine Rede, die die Nation erregte. 10. November 1988. Deutscher Bundestag. Es spricht der Bundestagspräsident Dr. Philipp Jenninger. Warum löste diese Rede solche Emotionen aus? Göttingen/Atzenhausen 2008. Lesen:https://dr-ulonska.de/html/jenniger_rede.html Armin Laschet / Heinz Malangré (Hrsg.): Philipp Jenninger: Rede und Reaktion. Aachen: Einhard; Koblenz: Rheinischer Merkur, 1989, ISBN 3-920284-49-6. Antje Langer: Jenninger-Rede. In: Torben Fischer, Matthias N. Lorenz (Hrsg.): Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. Bielefeld: Transcript, 2007, ISBN 978-3-89942-773-8, S. 240–242.

Weblinks

Wortlaut der Rede des Bundestagspräsidenten Dr. Philipp Jenninger vom 10. November 1988 im Deutschen Bundestag zum Thema Pogrome vom 9. und 10. November 1938 Detaillierte Analyse auf dem jüdischen Online-Portal Hagalil.com Audioaufnahme der Rede von SWR2, mit 50 Sekunden Einführung

Einzelnachweise

Kategorie:Rede (20. Jahrhundert) Kategorie:Politik 1988 Kategorie:Deutscher Bundestag