Berenberg, firmierend unter dem Namen Joh. Berenberg, Gossler & Co. KG, ist eine deutsche Privatbank mit Sitz in Hamburg. Ihre Ursprünge lassen sich auf die Leinentuchhändler Hans und Paul Berenberg aus den Spanischen Niederlanden zurückführen, die um 1580 nach Norddeutschland flohen. Unter der Leitung von Cornelius Berenberg beschäftigte sich das Geschäft neben dem Kolonialwarenhandel ab dem späten 17. Jahrhundert auch mit Partenreederei, Walfang und Schiffsversicherung. Finanzierungsgeschäfte erlangten erst ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts größere Bedeutung. Johann Berenberg nahm 1769 seinen Schwiegersohn Johann Hinrich Gossler in das Unternehmen auf. Unter der Leitung von Gosslers Schwiegersohn Ludwig Erdwin Seyler wurde das Unternehmen zu einem der führenden Handelshäuser in ganz Deutschland. Das Unternehmen erlangte Reichtum durch den kolonialen Handel zwischen Amerika, Hamburg und Russland. Insbesondere zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es einer der größten Zuckerimporteure Nordeuropas und beteiligte sich auch umfangreich am Handel mit der Britischen Ostindien-Kompanie und Ostasien. Beteiligungen gab es außerdem an Plantagen in Guatemala und Kamerun, wo jeweils Zwangsarbeiter zur Steigerung der Profite eingesetzt wurden. Ferner war Berenberg an der Gründung von Unternehmen und weiteren Banken beteiligt. Ab dem 19. Jahrhundert konzentrierte sich das Unternehmen schließlich auf Finanzdienstleistungen.

Heute ist Berenberg im Investmentbanking, Brokerage und bei Kapitalmarkttransaktionen aktiv, zusätzlich zum Privatbankgeschäft für wohlhabende Kunden, Vermögensverwaltung und Firmenkundenbanking. Die Bank hat etwa 1.500 Mitarbeiter und große Büros in Hamburg, London, Frankfurt und New York City. Haupteigentümer der heutigen Bank ist die Familie von Berenberg-Gossler.

Geschichte

Anfänge im Waren- und Kolonialhandel Um das Jahr 1580 flüchteten die protestantischen Niederländer Hans Berenberg (1561–1626) und Paul Berenberg (II) (1566–1645) aus Lier in den Spanischen Niederlanden gemeinsam mit vielen anderen Händlern aufgrund ihres Glaubens nach Norddeutschland. Hans und Paul Berenberg siedelten zunächst in Stade und zogen um das Jahr 1590 weiter nach Hamburg. Die Berenbergs waren seit langer Zeit Leinenhändler, handelten auch mit Leinentuch in Hamburg und weiteten ihre Handelsaktivitäten auf andere Güter – insbesondere Kolonialwaren – aus.Nach Angaben der Pressestelle Berenberg in: Manfred Pohl (Hrsg.): Handbook on the History of European Banks. Edward Elgar, Aldershot 1994, S. 362, digitalisatVierteljahrsschrift für Heraldik, Sphragistik und Genealogie, Band 9, 1881, digitalisat Es wird davon ausgegangen, dass Hans und Paul Berenberg keine gemeinsame Handlung führten, da beide in den Aufzeichnungen als selbständige Konteninhaber zu finden sind.Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg. 54. 1966, digitalisat Im Jahr 1631 bezog Paul Berenberg beispielsweise eine Schiffsladung vornehmlich bestehend aus Zucker von einem Händler aus Antwerpen. Das Handelsnetzwerk der beiden umfasste Händler in den Kolonial- und Imperialreichen, insbesondere in England, Archangelsk, im Baltikum, in Italien, Portugal und Spanien.Percy Ernst Schramm: Hamburger Kaufleute in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Tradition: Zeitschrift für Firmengeschichte und Unternehmerbiographie. 2. Jahrgang, 1957, S. 307–332, hier S. 309 f.Zur sachlichen und geografischen Ausweitung der Geschäfte siehe auch Maria Möring: Joh. Berenberg, Gossler & Co, Hamburg. (Als Manuskript gedruckt). Christians, Hamburg 1962. Handelsware wie Tuche, Zucker oder Zimt wurden dann etwa an Händler in Nürnberg verkauft. Ein Zollbuch von 1636 erwähnt in diesem Zusammenhang auch noch einen Andreas Berenberg, der Ingwer nach Nürnberg exportierte.

Cornelius Berenberg (1634–1711) leitete ab 1660 eine Handlung und erschloss weitere Geschäftsfelder. Dazu zählten durch Anteile an Fracht- und Fangfahrten die Partenreederei (Teileigentum an Schiffen), der Walfang und die Walverarbeitung sowie Schiffsversicherungen. Zu dieser Zeit finanzierten Händler ihre eigenen Aktivitäten: Sie vergaben Kredite an ihre Kunden und liehen ihren Zulieferern Geld zur Tätigung deren Geschäfte.Maria Möring: Joh. Berenberg, Gossler & Co, Hamburg. (Als Manuskript gedruckt). Christians, Hamburg 1962.

Die Berenbergs blieben in Hamburg Niederländer, bis Cornelius Berenberg am 20. Juni 1684 den Hamburger Bürgereid schwor.Deutsches Geschlechterbuch. Band 127, 1961, S. 367. Die Einbindung in die niederländische Einwanderergemeinde Hamburgs zeigten Hochzeiten, insbesondere mit den Amsincks,Hermann Kellenbenz: Unternehmerkräfte im Hamburger Portugal- und Spanienhandel. 1590–1625 (= Veröffentlichungen der Wirtschaftsgeschichtlichen Forschungsstelle e. V.; Band 10). Verlag der Hamburgischen Bücherei, Hamburg 1954, S. 184 (Digitalisat); siehe auch Percy Ernst Schramm: Hamburger Kaufleute in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Tradition: Zeitschrift für Firmengeschichte und Unternehmerbiographie. 2. Jahrgang, 1957, S. 307–332, hier S. 309. ferner fürsorglichen Aktivitäten wie etwa die Übernahme von Ämtern der Niederländischen Armen CasseSo waren Hans Berenberg 1606/07, Paul Berenberg 1666/67, Johannes Berenberg 1717/18 und 1733/34 Jahreverwalter der Niederländischen Armen Casse; siehe oder Spenden an diese Einrichtung. Nach der Einbürgerung stiegen die Berenbergs auch im Hamburger Bürgertum auf. Im 18. Jahrhundert gehörte ihnen eines der ältesten und weitgespanntesten Handelsimperien Deutschlands: Sie schickten ihre Kinder und Geschwister nach London und in andere europäische Handelszentren, die dort Kontore und Filialen leiteten. Ein Zweig der Familie gründete in London das im Handel mit den westindischen Kolonien aktive Unternehmen Meyer & Berenberg. Meyer besaß Plantagen in Barbados.

Ab 1711 leiteten Johann Berenberg und sein Bruder Rudolf (1680–1745) die Geschäfte. Das Unternehmen firmierte zunächst als Johann und Rudolf Berenberg und, nachdem Rudolf Berenberg 1735 Mitglied des Senats geworden war, als Johann und Herr Rudolf Berenberg.

Mitte der 1730er Jahre belieferten Johann und Rudolf Berenberg die baskische Caracas-Kompanie mit deutschen Leinenstoffen, die das Monopol für den Handel zwischen Spanien und der Kolonie Venezuela besaß. Leinen war in Hamburg günstiger einzukaufen als in Amsterdam. Leinen war in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts eine Handelsware von enormer Bedeutung für die Spanischen Handelskompanien: An den Westafrikanischen Küsten wurde Leinen gegen Sklaven getauscht.

Rudolfs Söhne, Senator Paul Berenberg (IV) (1716–1768) und vor allem Johann Berenberg (1718–1772), gliederten die Geschäfte in fünf Bereiche: Warenhandel, Assekuranzgeschäfte, Besitz von Schiffsparten, Beteiligung an der Walfettgewinnung in der Grönlandfahrt und den Betrieb einer Wachsbleiche zur Verarbeitung des Walfetts.Percy Ernst Schramm: Hamburger Kaufleute in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Tradition: Zeitschrift für Firmengeschichte und Unternehmerbiographie. 2. Jahrgang, 1957, S. 307–332, hier S. 313. mini|Landkarte von Suriname aus dem Jahr 1737 mit 436 verzeichneten Plantagen 1763 konnte sich das Unternehmen, das durch das politische Umfeld in eine Krise geraten war – Ende des Siebenjährigen Krieges sowie des Französischen und Indischen Krieges (1754–1763) – durch Mittel sanieren, die Hamburg über seine Darlehenskasse als Hilfsinstitution für gesunde, jedoch in Schwierigkeiten steckende Firmen errichtet hatte.Manfred Pohl: Hamburger Bankengeschichte, S. 34.

Der einzige Sohn Johann Berenbergs, Rudolf Berenberg, reiste 1767 auf Geheiß seines Vaters nach Paramaribo und starb dort wenige Monate später. Geschäftsinteressen Berenbergs in der niederländischen Kolonie Suriname sind anzunehmen, doch ist über seine konkreten geschäftlichen Aktivitäten nichts bekannt.

Nach dem Tod seines Bruders, der kinderlos geblieben war, nahm Johann Berenberg 1769 seinen Schwiegersohn und langjährigen Mitarbeiter Johann Hinrich Gossler (1738–1790) in das Unternehmen auf. Die Familie Gossler war mindestens seit dem Ende des 16. Jahrhunderts als Kaffamacher in Hamburg ansässig.Stammfolge der Familie (Berenberg-)Gossler, in: Bernhard Koerner (Hrsg.): Deutsches Geschlechterbuch. Genealogisches Handbuch bürgerlicher Familien. Band 19, C. A. Starke, Görlitz 1911, S. 14–50 (Digitalisat im Internet Archive). Johann Hinrich Gossler hatte 1768 Elisabeth Berenberg (1749–1822) geheiratet, das letzte Mitglied der Familie Berenberg und einzige Erbin Johann Berenbergs. Das Unternehmen firmierte nun unter Joh. Berenberg & Gossler.Percy Ernst Schramm: Hamburger Kaufleute in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Tradition: Zeitschrift für Firmengeschichte und Unternehmerbiographie. 2. Jahrgang, 1957, S. 307–332, hier S. 312; Maria Möring: Joh. Berenberg, Gossler & Co, Hamburg. (Als Manuskript gedruckt). Christians, Hamburg 1962; Johann Hinrich Gossler entwickelte neben dem Warenhandel die Finanzgeschäfte des Unternehmens weiter, da es damals keine Banken gab. Es wurden kurzfristige Kredite ausgegeben, hinzu kam die Schifffahrt und Versicherungsgeschäfte.Manfred Pohl: Hamburger Bankengeschichte, S. 35. Bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren Finanzierungsgeschäfte von unwesentlicher Bedeutung.Manfred Pohl: Hamburger Bankengeschichte, S. 29. Von 1778 bis 1780 beschäftigte Goßler zwei Personen in seinem Kontor und hatte vier bis fünf Dienstboten. Von 1785 bis 1789 waren es drei Personen und ein weiterer Dienstbote. Es stellte damals die Regel dar, dass Kaufmänner wie Gossler ihre Kontore mit „sehr kleinen Betriebsgrößen“ betrieben. Der Warenhandel bei gleichzeitigen Geldgeschäften wurde später auch Merchant Banking genannt. Zu der Zeit war die Bezeichnung nicht geläufig.Percy Ernst Schramm: Hamburger Kaufleute in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Tradition: Zeitschrift für Firmengeschichte und Unternehmerbiographie. 2. Jahrgang, 1957, S. 307–332, hier S. 313; zur Geschichte der Merchant Banks in Hamburg siehe Manfred Pohl: Hamburger Bankengeschichte, S. 29–64. mini|hochkant|Ludwig Erdwin Seyler (1758–1836)

Im Jahr 1788 wurde Ludwig Erdwin Seyler (1758–1836) Teilhaber des Unternehmens. Er war seit 1775 Mitarbeiter der Firma gewesen und hatte 1788 Anna Henriette Gossler (1771–1836), die älteste Tochter der Firmeninhaber Johann Hinrich Gossler und Elisabeth Berenberg, geheiratet. Nach dem Tod seines Schwiegervaters übernahm Seyler 1790 die Leitung des Unternehmens.Percy Ernst Schramm, Neun Generationen: Dreihundert Jahre deutscher Kulturgeschichte im Lichte der Schicksale einer Hamburger Bürgerfamilie 1648–1948, Band I, Verlag von Vandenhoeck & Ruprecht, 1963 Der Firmenname wurde 1790 in „Joh. Berenberg, Goßler & Co.“ geändert, um seinen Eintritt in das Unternehmen widerzuspiegeln; Seyler „ist sozusagen der ‚Co.‘ im Firmennamen“.Wolfgang Seidel: Die ältesten Familienunternehmen Deutschlands, München 2019, S. 34–41 (Digitalisat). Seither ist der Firmenname unverändert geblieben. Seyler baute als einer der ersten deutschen Kaufleute Handelsbeziehungen mit den Vereinigten Staaten und Ostasien auf.

In den 1790er Jahren wurden Städte an der amerikanischen Ostküste durch Unternehmen wie das von Berenberg & Gossler zu zentralen Warenumschlagplätzen für den Handel zwischen der Karibik und Europa. Ab 1790 gehörte Joh. Berenberg, Goßler & Co neben Parish & Co zu den Hauptabnehmern von Waren der Britische Ostindien-Kompanie in Hamburg. Da die britische Kolonialgesellschaft nicht ausreichend Schiffe zur Verfügung stellte, wurde der Handel mit anderen Destinationen im Indischen Ozean und Ostasien ausgeweitet, beispielsweise mit der dänischen Kolonie Tharangambadi oder der französischen Kolonie Île de France (Mauritius), von der Zucker bezogen wurde. Berenberg, Gossler & Co importierten große Mengen Zucker, Baumwolle und Kaffee aus den USA.