Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte ist ein Kinofilm des österreichischen Regisseurs Michael Haneke aus dem Jahr 2009. Die Handlung des Schwarzweißfilms ist im Jahr vor Beginn des Ersten Weltkriegs in Norddeutschland angesiedelt und schildert mysteriöse Vorfälle im fiktiven Dorf Eichwald. Der Film verdeutlicht das bedrückende, insbesondere für die Heranwachsenden traumatisierende soziale und zwischenmenschliche Klima der damaligen Zeit, das selbst im engen Familienkreis von Unterdrückung und Verachtung, Misshandlung und Missbrauch sowie Frustration und emotionaler Distanz geprägt ist. Er wirft einen kritischen Blick auf den sittenstrengen Protestantismus und fragt letztendlich danach, ob die gezeigte Art des Aufwachsens womöglich dem Nationalsozialismus den Weg bereitet hat.

Seine Uraufführung erlebte Das weiße Band am 21. Mai 2009 bei den 62. Filmfestspielen von Cannes, wo Haneke mit der Goldenen Palme, dem Hauptpreis des Filmfestivals, ausgezeichnet wurde. Kinostart war Mitte September 2009.

Handlung Die Dorfgemeinschaft von Eichwald, einem fiktiven Dorf in Ostelbien im Raum Greifswald, ist von wirtschaftlicher Unterdrückung und gegenseitiger Demütigung geprägt. Strenge Verhältnisse herrschen nicht nur zwischen der reichen Baronsfamilie und den von ihr abhängigen Bauern, sondern auch zwischen Eltern und ihren Kindern. Der protestantische Pastor erzieht seine Kinder mit Härte, bestraft auch kleine Vergehen mit Prügeln und achtet streng auf tugendhaftes Verhalten. Für emotionale Nähe ist kein Raum. Zur Ermahnung lässt er seine Kinder ein weißes Band als Symbol der Unschuld an der Kleidung tragen.

Zur Handlungszeit ereignen sich im Dorf rätselhafte Grausamkeiten: Ein quer über den Weg gespanntes Drahtseil bringt das Pferd des Arztes zu Fall, der dabei schwer verletzt wird. Eine Arbeiterin kommt bei einem ungeklärten Arbeitsunfall ums Leben. Das älteste Kind des Barons wird entführt und brutal misshandelt. Ein Gebäude des Gutshofes geht eines Nachts in Flammen auf, ein neugeborenes Kind schläft stundenlang unbemerkt im winterkalten Zimmer und erkrankt schwer, und einem wegen geistiger Behinderung wehrlosen kleinen Jungen werden die Augen zerstochen. Zu keiner Tat gibt es verwertbare Zeugenaussagen, und weder die jeweils herbeigerufene Polizei noch die Appelle und Nachforschungen des Barons kommen zu einem Ergebnis.

Hinter der Fassade sittlicher Ordnung offenbaren sich nach und nach private Tragödien: Die Ehe des Barons und der Baronin ist zerrüttet; dem verwitweten Arzt muss erst die Hebamme sexuell zu Diensten sein, später missbraucht er seine eigene Tochter; der Gutsverwalter schlägt und tritt seine Söhne als Strafe für einen kleinen Diebstahl; der Pastor macht seinem Sohn Angst vor Masturbation und bindet ihn zum Schutz davor nachts in seinem Bett fest.

Der im Film namenlose junge Dorflehrer, der die Geschichte des Films aus der Rückschau erzählt, kommt aufgrund verschiedener Beobachtungen zu dem Schluss, dass die schrecklichen Taten eng mit einer Gruppe von Kindern um die älteren Pastorenkinder zusammenhängen – zumal eine verschüchterte Mitschülerin dieser Kinder ihm anvertraut hat, sie habe von zweien der Taten zuvor „geträumt“. Er konfrontiert die Pastorenkinder mit seinem Verdacht, kann ihr trotziges Schweigen jedoch nicht durchbrechen. Als der Dorflehrer dem Pastor von seinem Verdacht berichtet, droht dieser ihm schwerwiegende Konsequenzen an, falls er seine Gedanken öffentlich macht.

Da Arzt und Hebamme mittlerweile überstürzt aus dem Dorf verschwunden sind, begnügt sich das Dorf damit, diesen beiden und ihrem fragwürdigen Verhältnis die Schuld an allem zuzuschieben. Die Frage nach den tatsächlichen Abläufen und Ursachen der Taten bleibt im Film ungeklärt.Stefan Stiletto: Wer war der Täter?, Bundeszentrale für politische Bildung vom 20. Dezember 2011, abgerufen am 28. Januar 2021.

Schließlich werden all diese Geschehnisse vom Ersten Weltkrieg verdrängt. Nach dem Kriegsdienst verlässt der Lehrer das Dorf für immer, um nach dem Krieg in die Lehre als Schneider zu gehen. Er hat niemanden der Beteiligten je wieder gesehen.

Produktion und Hintergründe Der Film entstand als deutsch-österreichisch-französisch-italienische Koproduktion. Das deutsche Unternehmen X-Filme sei laut Produzent Stefan Arndt für „über die Hälfte des Budgets“ verantwortlich gewesen. Demnach sei es „auch richtig, dass der Film als deutscher Beitrag ins Rennen geht“, zumal der Film auch „eine deutsche Geschichte“ darstelle, die „komplett in Deutschland gedreht“ wurde – so Arndt in Hinblick auf die von manchen aufgeworfene Frage, ob der Film als deutscher oder als österreichischer zu gelten habe.Barbara Munker (DPA): . Kurier, 19. Januar 2010. Im Koproduktionsabkommen zwischen Österreich und Deutschland ist jedenfalls festgehalten, dass bei Einreichungen an Festivals der Film entweder als Beitrag des Mehrheitsproduzenten (hier: X-Filme) oder desjenigen Produzenten, der den Regisseur stellt (in diesem Fall die Wega Film), vorzuführen ist.

Was allerdings die Einreichung zur Oscar-Verleihung (nur in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film) betrifft, ist jedes an der Produktion beteiligte Land berechtigt, den Film einzureichen. Konkret ist die Auslandsvertretung der nationalen Filmbranche zuständig, in diesem Fall die German Films Service + Marketing GmbH, die den Film schlicht als erste eingereicht hat. Die Austrian Film Commission (AFC) war zunächst darüber verstimmt, dass die Deutschen den in „wesentlichen Funktionen […] österreichische[n]“ Film zuerst eingereicht hatten – doch sei das Ergebnis zu akzeptieren. Der Standard berichtet hingegen, dass „taktische Überlegungen“ hinter der deutschen Einreichung des Films stünden. Nachdem Österreich die letzten zwei Jahre nominiert war, habe der US-Verleih Sony Pictures Druck ausgeübt, da der Film als deutsche Einreichung bessere Chancen auf den Oscar gehabt habe.Martin Schweighofer (Chef der AFC), zitiert nach Dominik Kalmazadeh: Haneke greift für Deutschland nach Gold. derStandard.at vom 27. August 2009 (abgerufen am 30. August 2009). Der letzte Film, der zumindest von vielen Medien beider Länder als jeweils „eigener“ beansprucht worden war, war Die Fälscher. Dieser Film, der 2008 den Oscar erhielt, war eine 50/50 deutsch-österreichische Produktion und wurde von der österreichischen AFC eingereicht.

mini|Drehort Schloss Johannstorf Für die Dreharbeiten wurden vom 9. Juni bis 4. September 2008 Bei: achteinhalb – Kino & Kultur e. V. Orte in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen aufgesucht.. Das Dorf Eichwald repräsentierten die realen Orte NetzowGemeinde Plattenburg – Netzow. und Michaelisbruch in der Prignitz. In Netzow konnte die geplante Asphaltierung der Kopfsteinpflasterstraße kurz vor Drehbeginn noch verschoben werden.. Häuser neueren Baujahrs wurden mit Fassaden verblendet. Das Arzthaus wurde für die Dreharbeiten neu gebaut.Der Tagesspiegel vom 6. März 2010: Die Auserwählten. Der Arbeitsunfall, bei dem eine Bauersfrau ums Leben kam, spielte im Sägewerk Zechlinerhütte bei Rheinsberg. Als Schloss des Barons fungierte das mecklenburgische Herrenhaus Schloss Johannstorf in der Nähe von Travemünde.Steffen Oldörp: . Uetersener Nachrichten vom 22. August 2008. Die Studioaufnahmen fanden im Leipziger Media City Atelier (MCA) statt.mdm-online.de

Der als Schwarzweißfilm in die Kinos gekommene Film wurde im Original auf Farbfilm gedreht. Digitalkameras hätten laut Berger für den starken Kontrast der mit Petroleumlampen beleuchteten nächtlichen Innenaufnahmen einen zu geringen Belichtungsumfang gehabt, und der Film musste aufgrund von Vereinbarungen mit den co-finanzierenden Fernsehgesellschaften in Farbe gedreht werden, da er ursprünglich als TV-Mehrteiler geplant war.Fernsehpremiere: Ein Farbfilm in Schwarz und Weiß. In: Kurier. 3. Oktober 2011, S. 31. Die Endfassung wurde aber nur in Schwarzweiß erstellt.François Reumont: The White Ribbon. Interview with cinematographer Christian Berger, AAC. Die Aufnahmen wurden digitalisiert, in Schwarzweiß umgewandelt und umfangreich nachbearbeitet. Unter anderem zeigte sich, dass in vielen Szenen, die bei Kerzen- und Petroleumlicht gedreht wurden, die Umgebung und Gesichter unscharf erschienen. Diese wurden dann digital nachgeschärft.

Während des Drehbuchschreibens las Haneke „Tonnen von Büchern über die Erziehung und das Landleben im 19. Jahrhundert“. Die Erkenntnisse daraus wurden im Film verwendet – so diente im 19. Jahrhundert „das weiße Band zur demütigenden, weil für alle sichtbaren Bestrafung.“ Überhaupt legte Haneke größtes Augenmerk auf historische Genauigkeit. So ließ er historischen Roggen anpflanzen, „[d]amit er die richtige Höhe hat wie Anfang des Jahrhunderts.“ Da der Roggen allerdings nicht wie erwartet wuchs, musste doch auf einem anderen Feld gefilmt werden. Beim Verfassen des Drehbuches, das mit Hilfe von Jean-Claude Carrière auf Kinolänge gebracht wurde, dachte Haneke bei einigen Rollen bereits daran, wer sie spielen sollte: etwa Susanne Lothar als Hebamme oder Ulrich Mühe als Pastor. Da Mühe vor Beginn der Dreharbeiten verstarb, hat Haneke „die ganze deutsche Filmprominenz rauf und runter gecastet, bis ich Burghart Klaußner gefunden habe“. Das Casting der Kinder, das von Hanekes Casting-Direktor Markus Schleinzer durchgeführt wurde, benötigte ein halbes Jahr und bezog über 7000 Kinder mit ein.Michael Omasta, Michael Pekler: . In: Falter. H. 38/2009, S. 24 f. „Die Arbeit mit Kindern ist wegen der Rechtslage in Deutschland kompliziert, da Kinder unter sechs Jahren nur zwei Stunden, solche über sechs nur drei Stunden am Tag arbeiten dürfen.“ Auch die erwachsenen Schauspieler hatten ihre Schwierigkeiten – so hatte Birgit Minichmayr mit nur einem Satz die kürzeste Sprechrolle ihrer Karriere, und Branko Samarovski, der einen Landwirt darstellt, wurde für die Endfassung synchronisiert.

Der in Deutschland von X-Verleih verliehene Film lief am 17. September 2009 in einigen deutschen Kinos an, am 15. Oktober bundesweit. In Österreich startete der Film am 24. September im Verleih des Filmladens. Bei: filminstitut.at. Österreichisches Filminstitut (abgerufen am 30. August 2009). Die Weltvertriebsrechte liegen bei Les Films du Losange. Das Drehbuch ist im Berlin Verlag erschienen.

Haneke über den Film

Über die Rolle des Protestantismus jener Zeit beim Entstehen einer deutschen Diktatur meint Haneke, es habe ihn „schon immer irritiert, […] warum der Faschismus in Italien so anders ausgesehen hat als in Deutschland.“ Den Film daher als generelle Kritik am Protestantismus zu verstehen, wäre aber „völliger Unsinn“:

Zur Dramaturgie des Films:

Rezensionen Dominik Kamalzadeh äußerte in seiner Rezension für den österreichischen Standard, Michael Haneke inszeniere „mit einer gravitätischen Strenge, er findet Bilder, in denen Figuren wie hinter Glas agieren, oft in gespenstischer Stille. Stilistisch schließt der Film an eine Tradition von Literaturverfilmung an (das Buch ist jedoch von Michael Haneke selbst), als gelte es, diese Form nochmals zu radikalisieren. Das wirkt bei aller Präzision und Raffinesse oft auch ein wenig museal.“Dominik Kamalzadeh: In: derStandard.at. 21. Mai 2009.