Heinz Duchhardt (* 10. November 1943 in Berleburg) ist ein deutscher Historiker mit dem Schwerpunkt Frühe Neuzeit.

Er bekleidete Lehrstühle für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Bayreuth (1984–1988) und für Neuere Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (1988–1995). Von 1994 bis 2011 war er Direktor der Abteilung für Universalgeschichte im Mainzer Institut für Europäische Geschichte. Duchhardt gehört zu den führenden Frühneuzeit-Historikern in Deutschland. Seine Forschungsschwerpunkte sind die internationalen Beziehungen in der Vormoderne, die historische Friedensforschung, die Verfassungs- und Sozialgeschichte des Alten Reiches und der Sattelzeit sowie die europabezogene Grundlagenforschung. In jüngster Vergangenheit konzentrieren sich seine Forschungen zunehmend auf die Wissenschaftsgeschichte.

Leben Heinz Duchhardt wurde eineinhalb Jahre vor Kriegsende in der sauerländischen Mittelgebirgslandschaft geboren. Seine Eltern waren bäuerlicher Herkunft. Seinen Vater lernte er nie kennen, da dieser 1944 in der Sowjetunion gefallen war. In den Nachkriegsjahren ließ sich die Familie in Mainz nieder. Duchhardt studierte von 1963 bis 1968 Geschichte, Politikwissenschaft und Kunstgeschichte an den Universitäten Mainz, Bonn und Wien. Die Entscheidung, Geschichte zu studieren, begründete Duchhardt aus der Rückschau mit traumatischen Verlusterfahrungen und mit den Erlebnissen des Kriegsendes und Nachkriegselends.Barbara Stambolis: Leben mit und in der Geschichte. Deutsche Historiker Jahrgang 1943. Essen 2010, S. 99. Zu seinen wichtigsten akademischen Lehrern zählt unter anderem Hermann Weber. Im Jahr 1968 wurde er in Mainz mit einer von Ludwig Petry betreuten Arbeit über den Mainzer Kurfürsten Philipp Karl von Eltz promoviert.Vgl. dazu die Besprechungen von Hans Schmidt in: Archivalische Zeitschrift 67 (1971), S. 213–214; Ulrich Eisenhardt in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung 88 (1971), S. 395–398. 1969/70 war er Hilfsreferent im Bundeskanzleramt. 1970 wurde er wissenschaftlicher Assistent an der Universität Mainz. Seine Habilitation erfolgte 1974 im Alter von 31 Jahren ebenfalls in Mainz mit einer verfassungsgeschichtlichen Studie, die die gesamte Frühe Neuzeit abdeckt. Von 1980 bis 1984 hatte Duchhardt Lehrstuhlvertretungen in Mannheim, Stuttgart und Bonn. Duchhardt war Professor an der Universität Bayreuth (1984–1988) und der Universität Münster (1988–1995). Einen Ruf an die Universität Jena lehnte er 1993 ab. Als akademischer Lehrer betreute er zwanzig Dissertationen und vier Habilitationen. Zu Duchhardts bedeutendsten akademischen Schülern gehörten unter anderem Johannes Arndt, Ronald G. Asch und Matthias Schnettger. Von 1994 bis 2011 war er als Nachfolger von Karl Otmar von Aretin Direktor der Abteilung für Universalgeschichte des Instituts für Europäische Geschichte. Duchhardt war von 2009 bis 2015 Präsident der Max Weber Stiftung.

Duchhardt ist ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz (seit 2001)Mitgliedseintrag von Heinz Duchhardt bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz., korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (seit 2003), auswärtiges Mitglied der Finnischen Akademie der Wissenschaften (seit 2003), Mitglied der Commission Internationale pour la Publication des Sources de l’Histoire Européenne, Mitglied der Historischen Kommissionen Hessen (seit 1977), Westfalen (ordentliches Mitglied von 1992 bis 1998, korrespondierendes Mitglied seit 1998), Nassau (seit 2001). Er war ab 1985 Mitglied in der Frankfurter Historischen Kommission. Außerdem war er Mitglied der Vereinigung für Verfassungsgeschichte und der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (1995–2018). Duchhardt erhielt 2011 die Ehrendoktorwürde der Staatlichen Universität Smolensk für seine wissenschaftlichen und wissenschaftsorganisatorischen Verdienste. Er ist der erste ausländische Wissenschaftler, der diese Ehrung erhielt.Tina Rudersdorf: DGIA-Stiftungsratsvorsitzender erhält Ehrendoktorwürde der Universität Smolensk 5. Oktober 2011, abgerufen am 24. August 2026. Im Jahr 2016 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der St. Kliment Ohridski-Universität Sofia verliehen. Duchhardt gehörte den wissenschaftlichen Beiräten des Deutschen Historischen Instituts Paris (1999–2007) und des Deutschen Historischen Instituts Moskau (2005–2008) an. Er war Mitglied des Präsidiums der Freiherr-vom-Stein-Gesellschaft (1998–2008). Von 1996 bis 2004 war er Schriftführer des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands. Duchhardt war sechs Jahre Gastprofessor an der chinesischen Ocean University Qingdao.

Duchhardt war in erster Ehe mit der Kunsthistorikerin Sigrid Bösken und ist in zweiter Ehe mit der polnischen Germanistin Malgorzata Morawiec (* 1958) verheiratet.

Forschungsschwerpunkte Geschichte des Alten Reiches und historische Friedensforschung In seiner Mainzer Habilitation befasste er sich mit den nicht ausgeführten Plänen von Kaiserkandidaturen protestantischer Fürsten. Mit seiner Arbeit wollte er nachweisen, „was die öffentliche Meinung einer Epoche in Bezug auf das Kaisertum für denkbar hielt, ob und ggf. ab wann und wie intensiv sich eine bestimmte Zeit mit protestantischen Kaiserkandidaturen beschäftigt hat und auf wen diese Hoffnungen bzw. Befürchtungen gerichtet waren“.Heinz Duchhardt: Protestantisches Kaisertum und Altes Reich. Die Diskussion über die Konfession des Kaisers in Politik, Publizistik und Staatsrecht. Wiesbaden 1977, S. 3.

Duchhardt ist durch zahlreiche Veröffentlichungen ausgewiesener Kenner frühneuzeitlicher Friedenskongresse. Er war Leiter eines Forschungsprojekts zur digitalen Erschließung europäischer Friedensverträge. Zu Frieden, Friedensvermittlung und Friedenssicherung in der Frühen Neuzeit veröffentlichte er zahlreiche Studien. 15 Aufsätze zu diesem Thema aus den Jahren 1979 bis 2011 wurden von Martin Espenhorst 2012 herausgegeben.Heinz Duchhardt: Frieden im Europa der Vormoderne. Ausgewählte Aufsätze 1979–2011. Herausgegeben und eingeleitet von Martin Espenhorst. Paderborn u. a. 2012. Der Westfälische Frieden von 1648 wurde in der historischen Friedensforschung ein Hauptarbeitsfeld Duchhardts. Zum Westfälischen Frieden legte er 1996 die maßgebliche Bibliographie vor. Die Bibliographie umfasst zum Westfälischen Frieden, seiner Vorgeschichte ab den 1640er Jahren und den Folgeverhandlungen bis 1653/54 insgesamt 4095 Titel (Bearbeitungsende Dezember 1994).Heinz Duchhardt (Hrsg.): Bibliographie zum Westfälischen Frieden. Bearbeitet von Eva Ortlieb und Matthias Schnettger. Münster 1996. Vgl. die Besprechung Volker Seresse in: Das Historisch-Politische Buch 46 (1998), S. 255. In seiner Münsteraner Antrittsvorlesung von 1988 hat Duchhardt erstmals herausgestellt, dass die europäische Friedensordnung von 1648 keine Langzeitwirkung entfalten konnte und bereits in den 1670er Jahren durch Ludwig XIV. von Frankreich zusammenbrach.Heinz Duchhardt: Westfälischer Friede und internationales System im Ancien Regime. In: Historische Zeitschrift 249 (1989), S. 529–543. Ähnlich auch Heinz Duchhardt: Friedenssicherung im Jahrhundert nach dem Westfälischen Frieden. In: Manfred Spieker (Hrsg.): Friedenssicherung. Band 3: Historische, politikwissenschaftliche und militärische Perspektiven. Münster 1989, S. 11–18, hier: S. 17. Dementsprechend lehnt er auch den Begriff eines „Westfälischen Systems“ über die Jahrhunderte ab. In Münster veranstaltete er Ende 1996 einen Kongress zum Westfälischen Frieden, an dem weit mehr als 100 Fachleute aus ganz Europa und Übersee teilnahmen. 39 der Vorträge dieses Kolloquiums wurden 1998 veröffentlicht.Heinz Duchhardt (Hrsg.): Der Westfälische Friede. Diplomatie, politische Zäsur, kulturelles Umfeld, Rezeptionsgeschichte. München 1998. Vgl. dazu die Besprechung von Winfried Dotzauer in: Nassauische Annalen 110 (1999), S. 418–419. Im September 2009 organisierte Duchhardt am Institut für Europäische Geschichte Mainz eine internationale Konferenz zum Pyrenäenfrieden, dessen Abschluss sich zum 350. Mal jährte. Der Tagungsband wurde 2010 von ihm herausgegeben.Heinz Duchhardt (Hrsg.): Der Pyrenäenfriede 1659. Vorgeschichte, Widerhall, Rezeptionsgeschichte. Göttingen 2010. Vgl. dazu die Besprechung von Sven Externbrink in Francia-Recensio 2012/1 (online). Es ist im deutschsprachigen Raum die einzige Veröffentlichung im Umkreis des Jubiläums.Vgl. dazu die Besprechung von Holger Kürbis in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 59 (2011), S. 1074–1075, hier: S. 1074. Duchhardt befasste sich dabei mit den Vermittlungsaktivitäten des Mainzer Erzbischofs Johann Philipp von Schönborn. Unter Leitung von Duchhardt und Martin Espenhorst fand im September 2012 im Rahmen des Forschungsverbunds „Übersetzungsleistungen von Diplomatie und Medien im vormodernen Friedensprozess. Europa 1450–1789“ eine Tagung im aargauischen Baden anlässlich des anstehenden Jubiläums der Friedensschlüsse von Utrecht, Rastatt und Baden 1713/14 statt. Der daraus entstandene Band mit zwanzig Beiträgen wurden 2013 veröffentlicht.Heinz Duchhardt, Martin Espenhorst (Hrsg.): Utrecht – Rastatt – Baden 1712–1714. Ein europäisches Friedenswerk am Ende des Zeitalters Ludwigs XIV. Göttingen 2013. Vgl. dazu die Besprechung von Sven Externbrink in: Historische Zeitschrift 300 (2015), S. 797–799. Im selben Jahr erschien von Duchhardt eine knappe Darstellung zum Wiener Kongress, der als die bedeutendste europäische Friedensordnung des 19. Jahrhunderts gilt.Heinz Duchhardt: Der Wiener Kongress. Die Neugestaltung Europas 1814/15. München 2013. Ebenfalls 2013 gab Duchhardt mit Johannes Wischmeyer einen Sammelband zum Wiener Kongress heraus, der auf eine Tagung am Institut für Europäische Geschichte Mainz im März 2012 deutlich vor dem Jubiläum zurückgeht. Dabei stand mit der „Neugestaltung der Beziehungen zwischen Staat und Kirche(n)“ ein Thema im Blickpunkt, das in den Arbeiten zum Wiener Kongress bislang wenig beachtet worden war.Heinz Duchhardt, Johannes Wischmeyer (Hrsg.): Der Wiener Kongress – eine kirchenpolitische Zäsur? Göttingen 2013, S. 5. Dabei befasste sich Duchhardt mit den kirchenpolitischen Vorstellungen des Freiherrn vom Stein.Heinz Duchhardt: Steins „Kirchenpolitik“ auf dem Wiener Kongress – eine Spurensuche. In: Heinz Duchhardt, Johannes Wischmeyer (Hrsg.): Der Wiener Kongress – eine kirchenpolitische Zäsur? Göttingen 2013, S. 175–182. In einer 2015 veröffentlichten Arbeit möchte er den Stellenwert des Jahres 1648 für die einzelnen Großregionen Europas herausarbeiten. Er geht dabei der Frage nach, „ob sich der Kontinent wirklich schon als Einheit empfand“, was von ihm ausdrücklich bejaht wird.Heinz Duchhardt: 1648 – das Jahr der Schlagzeilen. Europa zwischen Krise und Aufbruch. Wien u. a. 2015, S. 15. Im Jahr 2017 hat er eine Vorgeschichte des Dreißigjährigen Kriegs vorgelegt.Heinz Duchhardt: Der Weg in die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges. Die Krisendekade 1608–1618. München 2017. Vgl. dazu die Besprechungen von Matthias Rekow in: Historische Zeitschrift 308 (2019), S. 507–509; Robert Rebitsch in: H-Soz-Kult, 11. Juli 2017 (online). Zum 200. Jubiläum des Aachener Kongresses veröffentlichte er 2018 eine Darstellung zu dieser Konferenz.Vgl. dazu die Besprechungen von Peter Burg in: Historische Zeitschrift 309 (2019), S. 511–512; Guido Braun in: Rheinische Vierteljahrsblätter 84 (2020), S. 435–436 (online); Friedrich Battenberg in: Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde 77 (2019), S. 394–396 (online).

Europa-Thematik