mini|280px|Ehemalige Abteikirche Gutenzell, links das Schloss

Die Reichsabtei Gutenzell (lat. Abbatia imperialis Bona Cella vel Cella Dei; Patrozinium: St. Kosmas und Damian) war ein im 13. Jahrhundert gegründetes reichsunmittelbares Zisterzienserinnen-Kloster an der Rot in der heutigen Gemeinde Gutenzell-Hürbel im oberschwäbischen Landkreis Biberach in Baden-Württemberg. Im Zuge der Säkularisation wurde die Reichsabtei 1803 aufgelöst und als Entschädigung dem reichsgräflichen oberbayerischen Adelshaus Toerring zugesprochen. 1864 wurde das Konventsgebäude zum großen Teil abgerissen. Die ehemalige Abteikirche St. Cosmas und Damian blieb erhalten. Die kirchliche Gemeinde von Gutenzell gehört heute zur Seelsorgeeinheit St. Scholastika im Dekanat Biberach der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Geschichte Von der Gründung bis zum Ende des 18. Jahrhunderts links|mini| Reichsabtei Gutenzell. Schutzbrief Papst Gregors IX. vom 29. Mai 1238. Urkunde im Gutenzeller Archiv, Biberach. mini|hochkant|links|Schlüsselberger Wappen in der KlosterchronikDer Schlüssel auf einem Dreiberg entspricht dem Wappen der fränkischen Schlüsselberger, die mehrere Töchter nach Schwaben verheiratet haben: Belegt sind Ehen mit Grafen von Vaihingen, von Zollern und von Helfenstein. Siehe auch weibliche Erben von Konrad II. von Schlüsselberg. miniatur|links|280px|Die Reichsabtei Gutenzell am Beginn des 18. Jahrhunderts (Modell) Die Anfänge des Klosters liegen im Dunkeln. Ein erstes urkundliches Zeugnis datiert vom 29. Mai 1238, markiert aber bereits den Abschluss der Gründungsphase: Papst Gregor IX. nahm die Abtei Cella Dei in seinen Schutz und inkorporierte es förmlich dem Zisterzienserorden. An der Spitze des Konvents stand eine Äbtissin, auch eine eigene Kirche war bereits vorhanden. Ihr für den Orden untypisches Patrozinium St. Kosmas und Damian lässt vermuten, dass das neu gegründete Kloster mit einer bereits vorhandenen Kirche ausgestattet worden war. Damit stehen auch die im Bereich der Klosterkirche aufgedeckten Mauerreste des 12. Jahrhunderts in Einklang. An die Stelle von Cella Dei (Gotteszell) trat bald der 1259 erstmals belegte Name Bona Cella beziehungsweise dessen deutsche Version Guotencelle.

Wie bei den anderen oberschwäbischen Frauenzisterzen gilt der Salemer Abt Eberhard von Rohrdorf als spiritus rector der Gründung, indem er eine bereits bestehende informelle Schwesternsammlung unterstützte und dem Zisterzienserorden zuführte. Nach einer im 16. Jh. verfassten Chronik sollen „zwei adelige Schwestern und andächtige Jungfrauen“ aus dem auf einer nahegelegenen Burg ansässigen „uralten gräflichen Geschlecht von Schlüsselberg“ das Kloster gestiftet und dem ersten Konvent angehört haben – allerdings ist ein Adelsgeschlecht dieses Namens in Oberschwaben urkundlich nirgends belegt. Als wahrscheinlich gilt, dass die Stifter der edelfreien Familie von Aichheim angehörten, entweder der Hauptlinie oder dem nach (Burg-)Rieden benannten Zweig. Die Herren von Aichheim traten später nachweislich als Förderer Gutenzells in Erscheinung und errichteten dort auch ihre Grablege.

Mit der im Liber decimationis von 1275 neben der – steuerfrei gestellten – Abtei erwähnten Pfarrei Gutenzell war „vermutlich“ der von Salem als Beichtvater entsandte Geistliche gemeint.Der Landkreis Biberach, Band II, ISBN 3-7995-6186-2, S. 58. Eine 1465 erwähnte, mit dem Zwölfbotenaltar in der Klosterkirche verbundene Kaplanei erfuhr 1474 eine Aufwertung: Der Kaplan Ströhlin stiftete dem Kloster 900 Gulden mit der Bedingung, dass außerhalb des Klosterbezirks ein Kaplaneihaus errichtet und für den Unterhalt des Kaplans gesorgt werde. Dafür sollte der Geistliche auch die Laien außerhalb des Klosters betreuen und täglich eine Messe in der Klosterkirche lesen. Faktisch war die Klosterkirche damit auch Pfarrkirche, formell wurden Pfarrei und Kaplanei erst 1767 vereinigt.

In seiner Geschichte blieb Gutenzell von inneren Unruhen und sittlichem Verfall verschont, erlitt aber mehrmals Rückschläge durch äußere Einwirkung. Am Palmsonntag 1369 kam es durch Blitzeinschlag zu einem Brand, der das ganze Kloster in Schutt und Asche legte. Um 1390 war der Wiederaufbau abgeschlossen. 1522 beschädigte ein Brand die Konventgebäude, drei Jahre später plünderten aufständische Bauern das Kloster. Seine schwerste Zeit erlebte Gutenzell im Dreißigjährigen Krieg. 1632 flohen Äbtissin und Konvent vor den schwedischen Truppen, die das Kloster verwüsteten und in Brand steckten. Beim zweiten Schwedeneinfall 1647 wurde auch die Kirche „totaliter in die Asche gelegt“. Der Wiederaufbau dauerte Jahrzehnte und stürzte das Kloster in Schulden. Erst 1665 konnte die erneuerte, noch unvollständig ausgestattete Klosterkirche neu geweiht werden.

Das 18. Jahrhundert brachte dem Kloster einen letzten Aufschwung, der sich in neuen oder modernisierten Gebäuden, einer neuen Orgel sowie den insgesamt neun Altären der Abteikirche manifestierte. Während der Regierungszeit (1747–59) von Äbtissin Maria Franziska von Gall, nach Plänen von Dominikus Zimmermann, wurde die Kirche 1755–56 im Barockstil umgestaltet. Zu Mitpatroninnen des Klosters wurden die Katakombenheiligen Justina und Christina ernannt, deren 1698 beziehungsweise 1765 nach Gutenzell übertragene Reliquien in zwei Reliquienaltären verwahrt werden.

Säkularisation

Viele bauliche Tätigkeiten, juristische Prozesse, die Auswirkungen der napoleonischen Koalitionskriege, Kriegskontributionen und Einquartierungen führten zu einer hohen Verschuldung des Klosters. Joseph von Schott, genannt der Edle von Scharfenberg, war von 1785 bis 1802 Kanzler der benachbarten Benediktiner-Reichsabtei Ochsenhausen. Im August 1802 wurde er Oberadministrator der zur Entschädigungsmasse herangezogenen Klöster Ochsenhausen, Heggbach, Gutenzell, Schussenried und Rot an der Rot. Die Ochsenhausener Subdelegation übernahm am 1. Dezember 1802 die Verwaltung des Klosters bis zum Reichsdeputationshauptschluss. Es wurde damit begonnen, die Vermögens- und Einkommensverhältnisse des Klosters zu erfassen und ein Gutachten zu erstellen. Oberamtmann Weickmann und die „Bursierin“ Josepha Krismar versprachen in einer Erklärung die genaue Beobachtung der Amtsgeschäfte. Bald danach wurde der entbehrliche Dienststand und weiteres überflüssiges Gesinde entlassen.

Am 9. März 1803 ging das Kloster, unter dem Titel einer souveränen Reichsgrafschaft, an den bayerischen Reichsgrafen Joseph August von Toerring, der damit für den Verlust der reichsunmittelbaren linksrheinischen Grafschaft Gronsfeld (bei Maastricht in der niederländischen Provinz Limburg) entschädigt wurde. Der gräfliche Rat Wolfgang Zollner nahm nach der Inbesitznahme stellvertretend für den Reichsgrafen die Huldigung der Untertanen entgegen. In einer Einkommensaufstellung kam das Reichsstift auf ein jährliches Einkommen von 13.644 Gulden. Die Passiva wurden auf 193.000 Gulden geschätzt. Das Stift befand sich in einer schweren finanziellen Schieflage. Graf von Toerring reiste in Begleitung seines neuen gräflichen Rates Valentin Banghard am 14. Juni 1803 nach Gutenzell. Er installierte gegen den Willen der Äbtissin Justina den Weltgeistlichen und neuen Beichtvater des Konvents Augustin Rugel. Priorin Magdalena Klauber und der Konvent verpflichteten sich auf den Reichsgrafen als neuen Herrn.

1806 kam das Gebiet mit der Rheinbundakte zum Königreich Württemberg. Das neue Königreich übernahm von 1803 bis 1806 in mehreren Stufen insgesamt 95 Klöster und geistliche Besitzungen.

Abriss und Ende

Der Konvent lebte nach der Säkularisation weiterhin in Gemeinschaft zusammen. Er wurde ein sogenanntes „Aussterbekloster“, das keine Novizinnen mehr aufnehmen durfte. Die Äbtissin bekam nach langem Verhandeln eine bescheidene Rente von 600 Gulden pro Jahr, die 22 Chorfrauen 200 Gulden und die zehn Schwestern 100 Gulden. Des Weiteren erhielten sie Naturalien in Form von Holz, Stroh, Getreide und Wiesennutzung. Äbtissin Justina, gelernte Apothekerin und mit 19 Jahren in den Konvent eingetreten, geboren bei Weißenburg in Bayern, starb am 10. April 1809 im Alter von 63 Jahren nach 27-jähriger Amtszeit. Danach wurden Erleichterungen für die Schwestern verfügt. Die Zeit im Chor wurde verkürzt, ungesunde Prozessionen eingeschränkt, gewisse Dispensen an Fasttagen erreicht. Der Konvent blieb zusammen. Die Apotheke wurde bis 1839 weiter betrieben. 1822 wurde eine Mädchen-Industrieschule von den Klosterfrauen Theresia Krismar und Aloisia Hailer gegründet. 1828 lebten noch acht Konventsfrauen und sechs Schwestern. Die letzte Konventsfrau Violantia Miller starb 1851.

Gutenzell versank in bitterer Armut. Der größte Arbeitgeber und Auftraggeber für die Handwerker fiel zunächst weg. Graf Toerring war enttäuscht von seiner neuen Besitzung, die seinen Verlust der linksrheinischen Gebiete nicht aufwiegen konnte und in Form von alten Nonnenpensionen noch Kosten verursachte.

1864 wurde das Konventsgebäude mit Ausnahme eines Teiles des Ostflügels, der bis heute als Pfarrhaus und Forstamt dient, abgerissen. Erhalten ist ebenfalls die ehemalige Torwache.

Wirkung bis heute

Das manuelle Geschick und den Fleiß der Nonnen zeigen die heute noch in der Kirche vorhandenen reich geschmückten Reliquien sowie die große Barockkrippe mit über 100 Figuren, die jedes Jahr von Weihnachten bis Lichtmess (2. Februar) in der Kirche aufgebaut wird.

Reichs- und ordensrechtlicher Status mini|links|Tabula Seßionis (Sitzordnung) des Schwäbischen Kreises im Ulmer Rathaus, 1669 (Prälatenbank links: Sitz von Gutenzell) Wie Salem selbst stand auch sein Tochterkloster in spätstaufischer Zeit unter dem Schutz und Schirm des Reichs, sodass man Gutenzell als Reichsabtei bezeichnen kann. Diesen Status konnte die Abtei auch nach dem Ende der Staufer behaupten: König Sigismund verlieh Gutenzell 1418 umfangreiche Privilegien, so auch die Freiheit von fremder (adeliger) Vogtei, die seine Nachfolger 1439, 1444 und 1496 bestätigten. Sichtbarer Ausdruck der sich manifestierenden Reichsfreiheit war die Aufnahme Gutenzells in die Reichsmatrikel von 1521. Das Kloster besaß nun im frühneuzeitlichen Alten Reich Sitz und Stimme auf Reichs- und Kreistagen, womit seine Entwicklung zur Reichsunmittelbarkeit abgeschlossen war. Auf der Prälatenbank des Schwäbischen Kreises hatte Gutenzell seinen Platz zwischen Heggbach und Rottenmünster (siehe Abbildung).

In geistlichen Angelegenheiten stand Gutenzell unter der Paternität des Abtes von Salem, der als sog. Vaterabt oder Pater immediatus die Oberaufsicht über das Nonnenkloster führte. Der Salemer Abt vertrat das Kloster in den Gremien des Ordens, führte regelmäßige Visitationen durch, beaufsichtigte die Wahl der Äbtissin und entsandte einen seiner Mitbrüder als Beichtvater nach Gutenzell. Im 18. Jahrhundert kam es zu einem Zerwürfnis zwischen Salem und den Tochterklöstern, sodass Abt Anselm II. Schwab 1752 die Paternität aufkündigte. Fortan war Gutenzell dem Abt von Kaisheim unterstellt, auch nachdem 1768 eine gütliche Einigung mit Salem gelang.

Territorium

Besitzgeschichte

Die Besitzgeschichte Gutenzells ist mit Unsicherheiten behaftet, weil bei den Brandkatastrophen auch das Archiv in Mitleidenschaft gezogen wurde. Alte Urkunden haben sich deshalb nicht erhalten. Den ersten vollständigen Überblick liefert ein 1449 angelegtes Urbar. Frühere Vorgänge lassen sich aus anderen Quellen nur bruchstückhaft erschließen.