Die Kirche St. Andreas und St. Nikolai, meist lediglich Nikolaikirche genannt, ist die evangelische Stadtpfarrkirche von Eilenburg. Der wohl im 10. Jahrhundert gegründete Bau wurde 1435 durch einen Brand vernichtet und ab 1444 als dreischiffige Hallenkirche in Backstein neu errichtet. Nach starker Zerstörung am 22. April 1945 wurde sie bis 1961 vereinfacht wiederhergestellt. Der Wiederaufbau, insbesondere des Innenraumes, ist bis heute nicht abgeschlossen. Zudem wurde die Kirche seit ihrem Bestehen, wie auch die Eilenburger Innenstadt, immer wieder von heftigen Hochwässern der Mulde, die sie bis zu Mannshöhe unter Wasser setzten, getroffen. Diese ereigneten sich unter anderem in den Jahren 1434, 1573, 1663, 1771, 1854 und zuletzt 2002.
Ihre historische Bedeutung hat die Kirche in erster Linie als Wirkungsstätte von Martin Rinckart.
Geschichte
Kirchengründung Über das Alter und die Gestalt des ursprünglichen Kirchenbaus ist wenig bekannt. Der Eilenburger Stadtchronist Jeremias Simon berichtet in der 1696 erschienenen Eilenburgischen Chronica, dass der erste Kirchenbau an dieser Stelle um 970 oder 980 – und demzufolge kurz nach der ersten urkundlichen Erwähnung von Eilenburg 961 – entstanden sein soll. Nach Simons Schilderung soll der Bau damals von einem Grafen Dione von Merseburg begonnen und 1006 oder 1007 unter Graf Friedrich I. von Wettin fertiggestellt worden sein:
So ist dieselbe anfangs nur mäßige Capelle gewesen / welche ohngefehr umb das 970. oder 980. Jahr nach Christi Geburt / von dem Dione; Graffen zu Merseburg und Eilenburg / zu erbauen angefangen / und hernach von seiner Tochter Sohne / Graff Friedrichen / [...] / umb das Jahr Christi 1006. oder 1007. vollends erbauet und in guten Stand gebracht worden.Eilenburgische Chronica/ Oder Beschreibung Der sehr alten Burg/ Schlosses und Stadt Eilenburg/ Nach dero Situation oder Lager/ Benahmung/ alten Einwohnern/ Uhrsprung und Erbawung … Religion, Nahrung und Bequemligkeit/ Regenten und Beambten … Ingleichen was so wohl in Kriegs- als Friedens-Zeiten/ daselbst und in der ümligenden Gegend … sich vor Denckwürdiges begeben und zugetragen. Aus vielen alten und neuen bewehrten Autoribus, wie auch andern glaubwürdigen Schrifften und Archiven … zusammen getragen … / Von M. Jeremias Simon/ Käyserl. gekr. Poeten und Pfarrern zu Limehna. Verlag Lanckisch, Leipzig 1696, S. 87/88. Online-Ausgabe: Halle (Saale), Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, 2008. Digitalisat
Simon bezieht sich damit offenbar auf eine örtliche Überlieferung der Geschichte des Kirchenbaus, die 1684 auch auf einer Tafel über dem Nordportal festgehalten wurde. Allerdings wird dort für die Kirchengründung kein Datum genannt:
Dieses Gotteshaus, vormals zu S. S. Andreae und Nicolai genandt Ist von Herzog Friedrichen dem ersten Burggrafen zu Meißen und Zörbig Anno Christi 1007 erweitert und nach erlittenen unterschiedlichen Bränden Ao. 1444 neu aufgeführt, Ao. 1496 mit dem Glockenthurm, Ao. 1520 von denen Antonius Mönchen verlassen. Ao. 1521 von Doc. Luthero selbst reformiert. Ao. 1536 abermahls auff geschehene einäscherung zu erbauen angefangen. Ao. 1572 renoviert. Und Ao. 1683 zur Ehre Christi wiewohl bey kümmerlicher Zeit durchgehends wieder in dieser Form gebracht worden. O Jesu Christi due Sohne Gottes erbarme dich Unser.Tafelinschrift über dem Nordportal der Nikolaikirche. Zitiert nach: Evangelische Kirchengemeinde St. Nikolai Eilenburg (Hrsg.): Kirche St. Nikolai Eilenburg – Interessantes aus der Kirchengeschichte, vom Neubau der Turmhaube und über Martin Rinckart. Klein Agentur & Verlag, Delitzsch 1999, S. 2.
Die 2012 erschienene Stadtchronik nennt als Gründungsjahr 990. Demnach legten christliche Priester unter dem Grafen Bio von Merseburg eine kleine, offene Kapelle als Rundteil nach Osten an. Diese erste Kirche, die dem Heiligen Andreas geweiht war, verfügte über Altar und Taufstein. Sie diente der Mission der in dem Gebiet lebenden Sorben. Die kleine Holzkapelle muss durch die fortschreitende Christianisierung bald zu klein geworden sein, so dass 1007 eine Erweiterung erfolgt sei.Geschichte der Stadt Eilenburg chronologisch in Auszügen, entnommen, überarbeitet und zusammengestellt aus Chroniken, Sachbüchern und Abhandlungen von Siegfried Buchhold: (Digitalisat) Den Patroziniumswechsel datiert der Superintendent und Regionalhistoriker Wilhelm Büchting in das Jahr 1150. Laut Büchting steht er im Zusammenhang mit dem Zuzug niederländischer Siedler, die sich Mitte des 12. Jahrhunderts in der Region niederließen. Nikolaus war bei den Kolonisten als Schutzheiliger der Seefahrer hochverehrt. In dieser Zeit ließ Markgraf Konrad I. die Kirche abermals erweitern.Evangelische Kirchengemeinde St. Nikolai Eilenburg (Hrsg.): Kirche St. Nikolai Eilenburg – Interessantes aus der Kirchengeschichte, vom Neubau der Turmhaube und über Martin Rinckart. Klein Agentur & Verlag, Delitzsch 1999, S. 2/3. Da sich von dem ursprünglichen Bau keine Reste erhalten haben, können die überlieferten Angaben keiner Überprüfung unterzogen werden. Auch eine Gründung erst im 12. Jahrhundert ist möglich.
Spätgotischer Neubau und Reformation 1413 fiel die Nikolaikirche einem Stadtbrand zum Opfer. Dabei wurde unter anderem die große Glocke zerstört. 1435 wurden die Kirche und der Glockenstuhl erneut von einer Feuersbrunst zerstört. 1444 begann an der gleichen Stelle der Neubau einer dreischiffigen Hallenkirche, der in Backstein aufgeführt wurde. Deren Grundriss entspricht der heutigen Form. Die Maße fielen größer aus, als die des romanischen Vorgängerbaus, so dass Teile des umgebenden Friedhofs überbaut wurden.Lothar Herklotz: Archäologische Ausgrabungen Eilenburg, Stadtkirche St. Nikolai. (PDF-Datei; 1,4 MB) 1496 wurde der Grundstein für den Kirchturm durch Friedrich den Weisen gelegt. Aus Geldmangel wurden zunächst nur zwei Geschosse mit einer Höhe von 73 Ellen errichtet. Das obere Geschoss nahm den Glockenstuhl auf. Im Mauerwerk sind bis heute die dafür eingebauten und später zugemauerten Schalllöcher zu erkennen.
mini|Das von Georg Spalatin gestiftete Bildepitaph für Andreas Kauxdorf, St. Nikolai Eilenburg (1565) Am Ende des Mittelalters hatte sich die Kirche zu einem bekannten Wallfahrtsort entwickelt. Antoniusmönche hatten hier eine Marienfigur aufgestellt, die durch versteckte Drahtzüge Bewegungen an den Armen, dem Kopf und den Augen ausführen konnte. Zahlreiche Pilger kamen nach Eilenburg, um von der „lebendigen Maria“ Heilung zu erfahren. Im Zuge der Reformation wurde vom neuen Pfarrer Andreas Kauxdorf die scheinbar lebende Maria auf dem Marktplatz ausgestellt. Als sich die Bürger von dem Betrug überzeugt hatten, zerstörten sie die inwendig hohle Figur.Dauerausstellung des Stadtmuseums Eilenburg (Stand 2021)
Die Nachricht vom Thesenanschlag Martin Luthers 1517 verbreitete sich schnell in der Stadt und wurde von der Bürgerschaft, die unter den Forderungen der Mönchsorden litt, freudig aufgenommen. Auf Bitten der Bürger schickte Luther seinen Anhänger Gabriel Zwilling nach Eilenburg, der am Weihnachtstag 1521 in der Nikolaikirche predigte. Im Mai des darauffolgenden Jahres wurde nach einem Ersuchen Luthers bei Georg Spalatin der Magdeburger Domprediger Andreas Kauxdorf als erster evangelischer Pfarrer an Sankt Nikolai inauguriert.
1531 stockte man den Turm um zwei Geschosse auf. Ein neuerlicher Stadtbrand im Jahre 1535 beschädigte die Kirche stark, zerstörte den vier Jahre zuvor fertiggestellten Turm und einige Glocken sowie die spätgotische Ausstattung. Die Wiederherstellung und Neuausgestaltung der Kirche konnte zehn Jahre später vollendet werden.
Wirken Martin Rinckarts und barocker Umbau mini|Adolf Schlabitz: Martin Rinckarts Bittgottesdienst, 1907 1617 lud Superintendent Friedrich Leyser den damaligen Pfarrer von Erdeborn, Martin Rinckart, zu einer Gastpredigt in seine Vaterstadt ein. Nachdem diese in der Stadt positiv aufgenommen worden war, erhielt Rinckart die Stelle des Archidiakons angeboten, welche er zum Ende des Jahres antrat. Er schrieb hier 1630 den Choral Nun danket alle Gott und rief nach der Niederlage der katholisch-kaiserlichen Armee in der Schlacht bei Breitenfeld das Reginenfest ins Leben. Am 24. Februar 1639 feierte Rinckart in der Nikolaikirche einen Gottesdienst, um die Stadt vor der drohenden Brandschatzung durch die schwedischen Besatzer während des Dreißigjährigen Krieges zu bewahren. Durch die mitreißende Predigt, die als Bittgottesdienst in die Geschichte einging, konnte die Forderung der Schweden wesentlich reduziert und die Plünderung abgewendet werden. 1628 riss ein Sturm die Turmkugel herab, was eine Reparatur erforderlich machte. In dem daraufhin neu aufgesetzten Turmknopf wurde 1833 ein handschriftlich verfasstes Schriftstück Rinckarts entdeckt.Evangelische Kirchengemeinde St. Nikolai Eilenburg (Hrsg.): Kirche St. Nikolai Eilenburg – Interessantes aus der Kirchengeschichte, vom Neubau der Turmhaube und über Martin Rinckart. Klein Agentur & Verlag, Delitzsch 1999, S. 34–43. Rinckart wurde nach seinem Tod 1649 in einer Gruft im Chorraum beigesetzt.
Wegen Wasseransammlungen schüttete man den Nikolaiplatz im Jahr 1619 mit etwa 800 bis 1000 m³ Erdreich auf.S. Buchhold: Geschichte der Stadt Eilenburg. 2012/2013.
Infolge der zusätzlichen Belastung durch die vier neuen, 1601/02 aufgehängten Glocken wurde der Turm zunehmend baufällig. Nach einer Inspektion 1672 beschloss man, ihn bis zum Boden der Glockenstube abzutragen. Beim anschließenden Wiederaufbau wurde eine zusätzliche Etage für die Türmerwohnung auf die Glockenstube aufgesetzt. Abschließend erhielt er im Oktober 1673 eine barocke Haube. In den Jahren 1683 und 1684 erfolgte ein zeitgenössischer Umbau des Innenraumes (→ siehe Abschnitt Ausstattung).
1670 trat Johann Schelle auf Empfehlung Sebastian Knüpfers das Amt des Kantors der Eilenburger Nikolaikirche an. Nach sieben Jahren, in denen er unter anderem die Eilenburgerin Elisabeth Wüstling heiratete, wechselte Schelle als Thomaskantor und später auch als Thomasorganist und Universitätsmusikdirektor nach Leipzig.Geschichte der Stadt Eilenburg chronologisch in Auszügen, entnommen, überarbeitet und zusammengestellt aus Chroniken, Sachbüchern und Abhandlungen von Siegfried Buchhold (Digitalisat) Schelles Nachfolger als Kantor in Eilenburg wurde Basilius Petritz, der 1694 als Kreuzkantor nach Dresden wechselte.
mini|Ansicht der Kirche von Südwesten auf einer Ansichtskarte von 1903. Das Gebiet zwischen Nikolaiplatz und Steinstraße ist zu dieser Zeit unbebaut.
Vom 18. Jahrhundert bis 1945 1771 wurde die Nikolaikirche erneut durch ein Hochwasser schwer getroffen. Die dadurch hervorgerufenen Schäden an den Grabgewölben im Chor führten zu Einstürzen. Das stehende Wasser verursachte einen üblen Geruch, so dass ein Vierteljahr kein Gottesdienst gehalten werden konnte.
Das 19. Jahrhundert war geprägt von einer Reihe von Reparaturen. 1819 erfolgte eine Ausbesserung des schadhaft gewordenen Turmes und der Kirchenpfeiler. Eine grundhafte Reparatur des Gotteshauses wurde 1832 vorgenommen. Dabei erhielt die Kirche neues Gestühl und eine neue Dielung, die wiederum 1873 durch Asphalt ersetzt wurde. Die Innenwände wurden neu geweißt und verschönert. 1846 montierte man einen Blitzableiter. 1873 sind Teile der Innenwände sowie 1915 die Fenster der Apsis ausgemalt worden. Eines der Fenster zeigte fortan den predigenden Martin Rinckart.
1913 installierte man eine elektrische Brandmeldeanlage im Turm, was die Abschaffung der Türmerstelle zur Folge hatte. Eine letzte Instandsetzung des Turmes wurde 1929 durchgeführt.
Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und Wiederaufbau