mini|300px|Luftaufnahme von Halberstadt (2019) alt=Rotes großes „H“ auf weißem Hintergrund. Der Querbalken als kleines Dreieck, wodurch der untere Leerraum die Form einer minimalistischen Architektur erhält. Darunter in schwarz das Wort „Halberstadt“.|mini|Aktuelles Logo der Stadt Halberstadt mini|hochkant=1.2|Dom zu Halberstadt mini|hochkant=1.2|Stadtimpression mit St. Katharinen
Halberstadt (plattdeutsch Halwerstidde) ist die Kreisstadt des Landkreises Harz in Sachsen-Anhalt mit knapp 38.000 Einwohnern. Die Industriestadt an der Holtemme im nördlichen Harzvorland ist ein überregionaler Eisenbahnknoten. Die Stadt liegt an den Bundesstraßen B 79, B 81 sowie der B 245. Aufgrund des Zusammentreffens mehrerer historischer Fernstraßen aus dem Westen von Goslar und Wolfenbüttel, im Norden von Magdeburg und im Osten von Halle (Saale) und Leipzig und Süden Nordhausen und einem Fächer von Straßen zu den Harzer Orten Thale, Quedlinburg, Blankenburg und Wernigerode wird sie auch Tor zum Harz genannt.
Die Stadt war vom 9. Jahrhundert bis zum Jahr 1648 Sitz des Halberstädter Bischofs. Überregional bekannt ist Halberstadt für seinen bischöflichen Dom im Stil der französischen Gotik und die Martinikirche sowie für die Halberstädter Würstchen.
Im 18. Jahrhundert umfasste die örtliche jüdische Gemeinde etwa 8 % der Stadtbevölkerung, womit sie eine der größten und bedeutendsten in Mitteldeutschland war.Aus Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum: Halberstadt (Sachsen-Anhalt), abgerufen am 4. März 2026. Sie bildete neben Frankfurt am Main bis ins 20. Jahrhundert ein Zentrum der jüdischen Neo-Orthodoxie in Deutschland.Theresa Weiß: Antisemitismus hinter dem Schutzwall. Halberstadt war vor 1933 ein Zentrum jüdischen Lebens, die Politik der SED tilgte die Erinnerung daran. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Februar 2026, S. 6.
Die Innenstadt Halberstadts wurde am 8. April 1945 durch einen Luftangriff zu mehr als 80 Prozent zerstört. Während der DDR-Zeit war das Interesse an der historischen Bausubstanz gering; ab 1990 hingegen wurden viele Bauwerke saniert. Besonders in der nördlichen Altstadt, um die Voigtei und den Stadtteil Westendorf, haben sich einige sehenswerte Fachwerkhäuser erhalten, insgesamt etwa 450 in der Innenstadt und weitere in den alten Ortskernen im ländlichen äußeren Stadtgebiet wie Langenstein.
Für internationale Bekanntheit sorgt seit 2001 die Aufführung der Komposition ORGAN²/ASLSP (As Slow as Possible) von John Cage in der Sankt-Burchardi-Kirche, des mit 639 Jahren längstdauernden Musikstücks der Welt.
Geografie Lage Halberstadt liegt rund 20 Kilometer nördlich des Harzes an der Holtemme und dem Goldbach. Nördlich der Stadt liegt der Höhenzug Huy, im Osten die Magdeburger Börde und im Süden die Spiegelsberge, Thekenberge sowie die Klusberge. Halberstadt ist die größte Stadt des Landkreises Harz.
Stadtgliederung Die Stadt Halberstadt besteht neben der Kernstadt aus folgenden Ortsteilen mit Ortschaftsrat: Aspenstedt Athenstedt Emersleben Klein Quenstedt Langenstein Sargstedt Schachdorf Ströbeck
Weitere Ortsteile sind: Böhnshausen Mahndorf Neu Runstedt Veltensmühle Wehrstedt (eingemeindet 1. Juli 1946), Klussiedlung Sargstedter Siedlung
Die Ortsteile Böhnshausen und Mahndorf gehören zur Ortschaft Langenstein.
Nachbargemeinden Im Uhrzeigersinn, von Norden beginnend: Gemeinde Huy Stadt Schwanebeck und Gemeinde Groß Quenstedt (beide Verbandsgemeinde Vorharz) Stadt Gröningen (Verbandsgemeinde Westliche Börde im Landkreis Börde) Stadt Wegeleben und Gemeinde Harsleben (beide Verbandsgemeinde Vorharz) Stadt Thale Stadt Blankenburg (Harz) Gemeinde Nordharz Stadt Osterwieck
Klima Die Stadt liegt in der gemäßigten Klimazone. Die durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge in Halberstadt beträgt 727 Millimeter. Der meiste Niederschlag fällt im Juli mit durchschnittlich 81 Millimetern, der geringste im Februar mit durchschnittlich 44 Millimetern. Die Durchschnittstemperaturen bewegen sich zwischen 1 °C im Januar als kältestem Monat und 19,1 °C im Juli, wo es am wärmsten ist (Durchschnittswerte 1991–2021).
Geschichte Frühbäuerliche Siedlung (um 5000 v. Chr.) Im Jahr 2013 wurde ein Massengrab in Halberstadt entdeckt, das aus der gleichen Zeit – aus der Linearbandkeramische KulturMassengrab aus Halberstadt belegt neue Facette jungsteinzeitlicher Gewalt 25. Juni 2018 (archaeologie-online.de auf archaeologie-online.de) – stammt, wie andere bekannte Stätten, an denen Massaker oder Hinrichtungen stattgefunden haben, wovon u. a. die Grubenanlage von Herxheim, das Massaker von Talheim, das Massaker von Kilianstädten und das Massaker von Schletz Zeugnis ablegen. In Halberstadt wurden offenbar junge Männer erschlagen und dann in einem Massengrab verscharrt. Vorstellbar sei, so die Ausgräber, dass die Männer, die aus einiger Entfernung vom Dorf stammten, selbst Angreifer waren, aber bei ihrem Überfall gescheitert waren.Massengrab aus Halberstadt belegt neue Facette jungsteinzeitlicher Gewalt, Pressemitteilung des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, 26. Juni 2018. mini|hochkant=0.8|Ratslaube mit Roland, Halberstadt um 1900 9. bis 16. Jahrhundert Die Herkunft des Namens Halwerstidde (bzw. Halverstidde) „erfordert eine gründliche, noch zu leistende Untersuchung“. Eine Beziehung zu halba (ahd. Seite, Hälfte) oder einem Flussabschnittsnamen Halver der Holtemme und ein daraus resultierender Name Siedlung am geteilten Bach, wird angenommen.siehe S. 79 f. von Jürgen Udolph: Ortsnamen um Halberstadt – Zeugen der Geschichte. In: Geschichte und Kultur des Bistums Halberstadt 804-1648. Halberstadt 2006, S. 63–90 ()
Durch Karl den Großen wurde der Missionsstützpunkt 804 zum Bischofssitz. Der Karolingische Dom wird im Jahre 859 geweiht. Dem Bischof Hildeward von Halberstadt (968–996) wurde 989 von König Otto III. das Markt-, Münz- und Zollrecht verliehen. Ebenso erhielt er den Blut- und Heerbann, also die weltliche Gewalt im Harzgau und damit über die Bewohner des Ortes Halberstadt.MGH DD O III. Nr. 55, S. 460. Zudem fällt der Baubeginn des ersten Doms von Halberstadt in diese Zeit; er wurde 992 eingeweiht. 1005 begann der Bau der Liebfrauenkirche. 1036 erfolgte durch den auch politisch aktiven Bischof BurchardHalberstadt.de: Chronologie Halberstadts von 804 bis 1990 die Grundsteinlegung für die Kapelle St. Thomas, die später Teil des Buchardiklosters werden sollte.
1068 gab es bereits eine aufstrebende Kaufmannschaft in Halberstadt, unter der die Stadt um etwa 1105 begann, sich von der Kontrolle durch den Bischofssitz zu emanzipieren. 1134 fand in Halberstadt der Reichstag statt, auf dem Albrecht der Bär mit der Nordmark belehnt wurde. 1146 kamen möglicherweise die ersten Juden, von Halle kommend, nach Halberstadt. 1189 erreichten während des dritten Kreuzzugs verfolgte Juden die Stadt. Im Jahre 1261 ist für sie der erste bischöfliche Schutzbrief belegt.ursulahomann.de (Abgerufen am 21. April 2021)Michèle Halberstadt: Née quelque part. Éditions Albin Michel, Paris 2021, ISBN 978-2-226-45750-9, S. 249. (Auf Französisch.)
Heinrich der Löwe zerstörte 1179 im Zuge einer Fehde Stadt, Dom und Domburg durch das Legen eines Großbrandes. 1192 kamen die Templer nach Halberstadt und gründeten im Burchardikloster eine Kommende. 1199 wird erstmals der Bau der Stadtmauer erwähnt, der bis 1236 andauerte. 1223 wurde der Siechenhof eingerichtet, die erste Einrichtung für Erkrankte in der Stadt, wenngleich der Bau mehr Quarantänestation als Krankenhaus war. Zwischen 1236 und 1239 wurde dann mit dem Neubau des Domes begonnen, der 1491 geweiht wurde. Für 1241 ist erstmals ein Rathaus für die Stadt erwähnt; zudem führte die Stadt zu diesem Zeitpunkt bereits ein eigenes Siegel. Einige Jahre vor 1297 kam der Bettelorden der Serviten nach Halberstadt und gründete hier ein Kloster in der Neuen Stadt vor dem Wassertor. 1343 wurden die Juden von den Grafen von Mansfeld und Regenstein überfallen und flohen; ein Jahrzehnt später entstand das neue sogenannte Judendorf, die erste geschlossene Judenansiedlung in der Stadt.
1326 schloss sich die Stadt mit Aschersleben und Quedlinburg bis 1477 zum Halberstädter Dreistädtebund zusammen. Das Beitrittsdatum Halberstadts zur Hanse lässt sich nicht mit Sicherheit ermitteln. Es fällt mutmaßlich in die Zeit zwischen 1235 und 1358, spätestens aber 1387. 1363 erwarb die Stadt vom Stift Quedlinburg die angrenzenden Klusberge. Für 1408 verzeichnet die Stadtchronik ein Erdbeben. 1423 begann die Halberstädter Schicht: Die Stadt wurde von „Aufrührern“ der Handwerksgilden rund um Matthias von Hadeber („Langer Matz“) kontrolliert. 1425 gelang es dem Bischof Johann von Hoym, die alte Ordnung in der Stadt wiederherzustellen; im Anschluss wurde eine neue Stadtverfassung verabschiedet. 1433 erfolgte die Aufstellung des Stadt-Rolands. 1486 wurde die Stadt allerdings von Ernst II. von Sachsen unterworfen, und Rat und Stadt verloren die bislang genossenen Freiheiten wieder.
Ab 1521 begannen die ersten Predigten von reformatorischen Kräften in Halberstadt; diese wurden aber bereits 1523 wieder vertrieben. Durch den ersten protestantischen Halberstädter Bischof Heinrich Julius wurde dann 1591 am Halberstädter Dom die protestantische Lehre eingeführt. Er vertrieb erneut die Juden. Noch bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 hielt sich ein gemischtkonfessionelles Domkapitel.
In den Jahren 1577, 1597 und 1611 gab es Pestausbrüche in Halberstadt.
Von Wallenstein bis zur Industrialisierung 1606 nahm Heinrich Julius die Juden wieder in seinen Schutz. Sie durften eine erste Synagoge erbauen, die aber 1621 bei einer Revolte gegen jüdische und christliche Wechsler zerstört wurde.
1625 und 1629 ließ Albrecht von Wallenstein seine Truppen die Stadt besetzen. Der kaiserliche Oberfeldherr machte Dom und Liebfrauenstift mit Hilfe des Restitutionsedikts kurzfristig wieder katholisch. Am 18. Januar 1630 weilte Wallenstein persönlich im Ort.
Das Hochstift Halberstadt wurde im Zuge des Friedensschlusses 1648 ein protestantisches Herzogtum und Teil Brandenburg-Preußens. Kurfürst Friedrich Wilhelm kam 1650 nach Halberstadt und erließ für die Halberstädter Juden ein „Privilegium“, wonach sie gegen ein jährliches „Geleitgeld“ von acht Talern in der Stadt bleiben konnten.
Während der Hexenverfolgungen wurden in Hexenprozessen etwa 24 Menschen in Halberstadt zum Tode verurteilt.Monika Lücke, Walter Zöllner: Hexenverfolgung in der Frühen Neuzeit auf dem Gebiet von Sachsen-Anhalt. In: Elke Stolze (Hrsg.): FrauenOrte, Frauengeschichte in Sachsen-Anhalt. Band 1, Halle 2008, S. 35–36.Monika Lücke, Dietrich Lücke: Hexenprozesse im Territorium des Bistums Halberstadt. In: Geschichte und Kultur des Bistums Halberstadt. Symposium, Protokollband. 2006, S. 679–686. In dieser Zeit wirkte in Halberstadt von 1650 bis 1660 als Syndikus der Landstände der evangelische Advokat und Diplomat Justus Oldekop (1597–1667). Er war ein Frühaufklärer und trat zwei Jahre nach Friedrich Spee in deutscher (und nicht anonym in lateinischer) Sprache für einen wesentlich humaneren Strafvollzug ein. Dabei bezog er sich auch auf Hexenprozesse.Joachim Lehrmann: Justus Oldekop, Kämpfer gegen den Hexenwahn und Frühaufklärer. In: 1200 Jahre Bistum Halberstadt – Städtisches Museum Halberstadt. 2004, S. 149–162.
In den Jahren 1681/82 wütete erneut die Pest in der Stadt; 2197 Menschen starben daran. Nach dem Edikt von Fontainebleau siedelten sich 1685 Hugenotten in Halberstadt an und begründeten eine Handschuhindustrie. 1712 weihten sie ihre eigene „Franzosenkirche“ ein.
mini|Synagoge mit ehemaligem Rabbinerseminar in Halberstadt