mini|hochkant|Fahnen- und … mini|… Blumenschmuck zur Heiligtumsfahrt

Die Aachener Heiligtumsfahrt, auch Aachener Betefahrt oder Aachenfahrt genannt, bezeichnet die alle sieben Jahre stattfindende Pilgerfahrt zu den vier großen Aachener Heiligtümern aus dem staufischen Marienschrein,Bruno Reudenbach: Der Marienschrein und seine Reliquien – eine problematische Beziehung. In: Gormans, Markschies: Venite et videte. Kunstgeschichtliche Dimensionen der Aachener Heiligtumsfahrt. S. 94–121. die zu diesem Ereignis im Aachener Dom und auf dem Katschhof gezeigt werden.

Die ersten Pilger kamen schon zu Zeiten Karls des Großen nach Aachen. Im Mittelalter entwickelte sich die Aachener Heiligtumsfahrt zur bedeutendsten Wallfahrt im deutschsprachigen Raum.Kathrin Steinhauer: „Der gotische Mensch will sehen, auch wenn er betet“. Die Sichtbarmachung und Schau des Heiligen am Beispiel der Aachener Heiligtumsfahrt. (= Karlsverein-Dombauverein Schriftenreihe, Band 15). Aachen 2013. Zunächst stand nach der Heiligsprechung Karls des Großen der Karlskult und die Verehrung des Gnadenbildes im Mittelpunkt. Im Laufe des Mittelalters gewannen dann die textilen Reliquien an Bedeutung für die Aachener Wallfahrt. Durch die Reformation im 17. Jahrhundert ging die Bedeutung zwar zurück und während der Aufklärung war sie sogar verboten, doch auch heute zieht die Aachener Heiligtumsfahrt noch zahlreiche Gläubige an. So wurden im Jahr 2014 circa 125.000 Pilger gezählt.Mehr Pilger als erwartet kamen nach Aachen. Online-Artikel der Welt vom 30. Juni 2014.

Verlauf der Feierlichkeiten mini|Der geöffnete Marienschrein Die Feier der Heiligtumsfahrt nimmt in der Regel einen Zeitraum von zehn Tagen im Monat Juni ein und bietet ein mittlerweile breites Spektrum an Veranstaltungen unterschiedlichster Interessengruppen. Im Vordergrund stehen nach wie vor die mit den liturgischen Zeigungen der Reliquien, den sogenannten Heiltumsweisungen oder auch Heiltumsschauen, verbundenen feierlichen Gottesdienste im Dom und insbesondere die stark frequentierten, festlichen Pilgergottesdienste auf dem Katschhof. Zu den Feierlichkeiten werden stets zahlreiche höchste geistliche Würdenträger aus Deutschland, dem Vatikan und der Weltkirche zur Mitgestaltung und Teilnahme an der Liturgie eingeladen. Neben den schwerpunktmäßig kirchlichen Veranstaltungen wurden insbesondere im großen Jubiläumsjahr 2014 in Kooperation von Stadt, Bistum und Domkapitel umfassende kulturelle Rahmenprogramme mit Abendveranstaltungen, Konzerten, Workshops, Pilgerstammtischen und weiteren Optionen an zahlreichen Begegnungsstätten rund um den Dom angeboten.

Besonders würdig wird die Erhebungsfeier zu Beginn der Heiligtumsfahrt begangen, bei welcher im Rahmen einer feierlichen Pontifikalvesper der Marienschrein von zwei Goldschmieden der Aachener Gold- und Silberschmiedeinnung in Gegenwart der Gläubigen, des lokalen Episkopats, des Domkapitels und der zugereisten Geistlichen sowie nach altem Brauch des Rates der Stadt Aachen, dem seit der mittelalterlichen Einführung der Wallfahrt das sogenannte Kustodienrecht an der Aufbewahrung der Reliquien zukommt, geöffnet und mit mehreren Hammerschlägen das kostbare, kunstvoll gearbeitete Vorhängeschloss aufgebrochen wird. Dieses wird anschließend dauerhaft in der entsprechenden Sammlung der Aachener Domschatzkammer ausgestellt. Diese Vorhängeschlösser waren bis einschließlich 1881 noch ohne besondere Verzierung. Erstmals ab 1888 kreierte der Aachener Stiftsgoldschmied Bernhard Witte Schlösser mit Schmuck oder Wappenbildern, um diesen eine besondere Bedeutung zu verleihen.Eckhard Hoog: In: Aachener Zeitung, 11. Juni 2014.

Nach Öffnung des Schreins erfolgen eine erste liturgische Verehrung und die Zeigung der Tücher durch einige der Domkapitulare. Nach altem Brauch wird nach der Reliquienschau das Protokoll über den Verlauf der Eröffnungsfeier durch den Oberbürgermeister verlesen. Den Abschluss bildet der feierliche Auszug, bei dem die Hymne der Stadt Aachen – das Urbs Aquensis – erklingt.

Im Rahmen der Heiligtumsfahrt werden die dem Marienschrein entnommenen Reliquien außerhalb der entsprechenden rituellen Zeigungen zu festen Zeiten in der Chorhalle des Doms in vier gläsernen Vitrinen der Öffentlichkeit und damit insbesondere den Pilgern als der primären Adressatengruppe präsentiert.Matthias Untermann: Die Chorhalle des Aachener Münsters. Ein „gläserner Schrein“ als Ort der Reliquienverehrung? In: Gormans, Markschies: Venite et videte. Kunstgeschichtliche Dimensionen der Aachener Heiligtumsfahrt. S. 123–159. Nach jeder Zeigung werden die Heiligtümer traditionell in der sogenannten Wappentruhe des Richard von Cornwall,Wappentruhe des Richard von Cornwallis im Bildindex der Kunst und Architektur. einem im Jahre 1258 in Limoges aus Zedernholz gefertigten und mit zahlreichen kupfernen Medaillons in Form von getriebenen und emaillierten Wappenbeschlägen gestalteten Werk, geborgen.

Bei der Verschließungsfeier am Ende der Heiligtumsfahrt werden die Tuchreliquien wieder in den Marienschrein verbracht und ein neues Schloss wird angebracht, dessen Schlüssel danach rituell von zwei Goldschmiedemeistern zersägt wird. Dem Kustodienrecht gemäß erhält das Domkapitel den Schlüsselkopf, der Stadtrat hingegen den Schlüsselbart.

Heiligtümer Die Aachener Heiligtümer fanden vermutlich schon unter Karl dem Großen ihren Weg nach Aachen. Die fränkischen Reichsannalen berichten, dass zur Einweihung der Pfalzkapelle im Jahr 799 ein sagenhafter Reliquienschatz aus Jerusalem übersandt wurde.Monica Paredis-Vroon: Stoffwechsel: Die vier Aachener Heiligtümer aus textilrestauratorischer Sicht. In: Gormans, Markschies: Venite et videte. Kunstgeschichtliche Dimensionen der Aachener Heiligtumsfahrt. S. 22–47.

Die vier textilen Aachener Heiligtümer werden als Berührungsreliquien angesehen, bei denen sich die Kraft der verehrten Personen – in Aachen Christus und Maria – auf die Stoffe übertragen haben soll. Erst 1237 bis 1239 wurde anlässlich der Erstellung und Einweihung des neuen Marienschreins bekannt, was die bis dahin verwendete karolingische Reliquienlade konkret enthielt.Andere Ikonen? Gedanken zur Aachener Heiligtumsfahrt – Bischof Klaus Hemmerle zur Geschichte der Reliquien.

Die vier „großen“ Heiligtümer mini|hochkant|Schmucktücher sowie die inneren und äußeren Bursen zur Aufbewahrung der Reliquien Als die vier großen Aachener Heiligtümer bezeichnet werden das Kleid Mariens die Windeln Jesu, das Lendentuch Jesu und das Enthauptungstuch Johannes des Täufers.Stefanie Seeberg: Marienkleid, Windeln und Lendentuch Christi – Zur Geschichte der Verehrung und Wahrnehmung textiler Christus- und Marienreliquien in Mittelalter und früher Neuzeit. In: Gormans, Markschies: Venite et videte. Kunstgeschichtliche Dimensionen der Aachener Heiligtumsfahrt. S. 48–93.

Sie werden im Marienschrein aufbewahrt, der sich in der gotischen Chorhalle des Aachener Domes befindet. Jede der Reliquien ist mit einem farbigen Seidenband umwickelt, dessen Farbe die Reliquie repräsentiert. Im Anschluss an die Heiligtumsfahrt wird die Reliquie in ein sieben Meter langes Seidentuch gelegt. Die Schmucktücher und die inneren und äußeren Bursen, die 1629 von Isabella Clara Eugenia von Spanien dem Aachener Marienstift geschenkt wurden, umhüllen zusätzlich zum Schutz die Heiligtümer. Eingeschlagen in Seidenpapier werden die Reliquien erneut mit den jeweiligen farbigen Seidenbändern umwickelt, die anschließend versiegelt werden. Nachdem die so verpackten Heiligtümer in den Marienschrein zurückgelegt sind, wird der Schrein mit einem Schmuckschloss versiegelt und das Schloss mit Blei ausgegossen.

Eine wissenschaftliche Untersuchung in den 1980er Jahren soll die Herkunft der Stoffe aus der Spätantike festgestellt haben. Genauere Datierungen von Stoffproben, z. B. nach der Radiokarbonmethode, werden aus Rücksicht auf die Unversehrtheit der Objekte nicht erwogen.Aussagen des Bistums und der Domschatzkammer Aachen in der Aachener Zeitung vom 28. Mai 2007. Die Frage nach der Echtheit der Textilien wird vom Bistum Aachen nicht in den Vordergrund gestellt; vielmehr seien der symbolische Gehalt und Verweis auf die biblischen Erzählungen durch die Tuchreliquien als haptischer Bezugs- und Orientierungspunkt für den Gläubigen der eigentliche Sinn der Verehrung.

Kleid Mariens Das Kleid Mariens wird bis heute bei der Heiligtumsfahrt als einzige der Aachener Textilreliquien ohne schützende Umhüllung gezeigt. Das weite naturfarbene Leinenkleid besitzt zwei unterschiedlich lange Ärmel. Das Kleid ist 153 cm hoch und mit ausgelegten Ärmeln 132 cm breit. Im Bereich des linken Ärmels wurden Stoffstreifen abgeschnitten und unter anderem nach Hildesheim als Reliquien übersandt. Der Stoff, der nach neueren Untersuchungen zwischen 400 und 750 n. Chr. angefertigt wurde,Monica Paredis-Vroon: Stoffwechsel. Die vier Aachener Heiligtümer aus textilrestauratorischer Sicht. In: Gormans, Markschies: Venite et videte. Kunstgeschichtliche Dimensionen der Aachener Heiligtumsfahrt. S. 23–47. befindet sich bis auf Spuren der Faltung und einige gestopfte Stellen in einem guten Zustand.

Über die Herkunft des Kleides wird seit dem 5. Jahrhundert berichtet, dass Maria den Jünger Johannes beauftragt hatte, ihre Kleider an fromme Nachbarn zu verteilen. Im Jahr 451 wurde das Kleid, das in einer Truhe bei einer frommen Frau in Galiläa aufbewahrt wurde, von zwei auf einer Pilgerreise befindlichen Männern entwendet und nach Konstantinopel verbracht. Leo I. ließ für das Kleid in der Marienkirche von Blachernai einen Anbau errichten und ihn reichlich ausstatten. Aus Furcht vor Plünderung und Entweihung des Heiligtums durch persische Truppen wurde das Kleid in die Hagia Sophia gebracht, von wo aus es um 800 an Karl den Großen gesandt wurde. Das Kleid Mariens wird in Aachen durch die symbolische Farbe Weiß charakterisiert.

Windel Jesu Die Windel Jesu wird in älteren Publikationen und Darstellungen auch als Botzen des heiligen Joseph (Josefshosen) bezeichnet. Der braune, derb gewalkte Wollstoff soll von Licinia Eudoxia um 445 in Jerusalem erworben worden sein. Nach der vorläufigen Beisetzung der Reliquie in einer Marienkirche in Konstantinopel wurde der Stoff später geteilt und ein Teil nach Rom und einer als Geschenk an Karl den Großen weitergegeben.

Neuere Untersuchungen an der Textilreliquie haben eine altersmäßige Datierung zwischen dem 5. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts bestätigt. Die Windel Jesu (Größe: 68 cm hoch, 94 cm größte Breite) ist durch die symbolische Farbe Gelb gekennzeichnet und demzufolge mit gelben Seidenstoffen und -bändern umwickelt.

Lendentuch Christi Das grobe, blutbefleckte Leinentuch soll Jesus Christus am Kreuz getragen haben. Wann die textile Reliquie, die mit roten Seidenbändern umwickelt ist, nach Aachen gelangte, ist weitgehend unbekannt. Ob es schon zum Reliquienschatz Karls des Großen gehörte, der bekanntlich um das Jahr 800 Reliquien von der Geburt und dem Tod Jesu geschenkt bekommen hatte, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Als gesichert gilt, dass es sich um 1095 nicht mehr bei den anderen Grabtüchern in Konstantinopel befunden haben soll. Das 127,5 cm hohe und unten 151 cm breite, zusammengefaltete Tuch ist mit drei roten Seidenbändern umwickelt. Traditionell wird das Lendentuch bei der Heiligtumsfahrt erkrankten Pilgern aufgelegt.

Enthauptungstuch Johannes des Täufers