Konversionstherapie (von lateinisch conversio‚ Umwendung, Umkehr) oder auch „Reparativtherapie“ wird eine Gruppe von umstrittenen Methoden der Psychotherapie genannt, welche die Abnahme homosexueller Neigungen und die Entwicklung heterosexueller Potenziale als Ziel postulieren. Sie wird auch Reorientierungstherapie genannt und von verschiedenen Gruppen der überwiegend evangelikal geprägten Ex-Gay-Bewegung propagiert.

Alle führenden internationalen psychiatrischen und psychologischen Fachgesellschaften lehnen solche Behandlungsversuche ab, da sie im Widerspruch zu den heute in Psychiatrie und Psychologie etablierten Auffassungen von Homosexualität stehenStellungnahme des Berufsverbandes Deutscher Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie zur öffentlichen Diskussion um „Konversionstherapien“ oder „reparative Therapien“ bei Homosexualität. 2009. der Bundesärztekammer: Weltärztebund: Homosexualität ist keine Krankheit. Beschlüsse der 64. Generalversammlung des Weltärztebundes. Abgerufen am 30. März 2014.Royal College of Psychiatrists: (PDF; 43 kB), Punkt 5 (S. 3): Psychotherapy and reparative therapy for LGB people. Abgerufen am 22. Juli 2008.Just the Facts Coalition, American Psychological Association et al.: Just the facts about sexual orientation and youth: A primer for principals, educators, and school personnel. und schädigende Wirkung für die einer solchen Therapie unterzogenen Personen haben können.Douglas C. Haldeman: Therapeutic Antidotes: Helping Gay and Bisexual Men Recover from Conversion Therapies. In: Journal of Gay & Lesbian Psychotherapy. 5, 2002, S. 117, . Der Begriff selbst stößt dabei auf Ablehnung, da er missverständlich und durch religiöse Werturteile geprägt sei.Glossar: Unsachgemäße „Fachausdrücke“. Aus: E. J. Haeberle: dtv-Atlas Sexualität. Deutscher Taschenbuch Verlag, 2005.

Hintergrund Lange Zeit wurde Homosexualität als psychische Störung betrachtet und als solche in den internationalen medizinischen Handbüchern geführt. Im Jahr 1974 wurde Homosexualität in der Folge gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Entwicklungen von der American Psychological Association (APA) aus der Liste der psychischen Störungen gestrichen, 1992 schließlich auch aus dem weltweit anerkannten ICD-10-Katalog. Damit ist für die Wissenschaft Homosexualität unstrittig keine psychische Störung.

Zahlreiche religiöse Gruppen betrachten Homosexualität und andere von der Norm abweichende sexuelle Veranlagungen jedoch weiterhin als behandlungsbedürftige Krankheiten.Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft: Mein Weg heraus aus der Homosexualität. Abgerufen am 30. März 2014. Insbesondere die evangelikale Bewegung ist diesbezüglich sehr aktiv und fördert Maßnahmen wie die Konversionstherapie. Vertreter der Konversionstherapie (z. B. Wüstenstrom, Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft) gehen von der Hypothese aus, dass Homosexualität nicht wesentlich genetisch begründet und angeboren sei, sondern auf einer Kombination von Veranlagung und verschiedenen komplexen Lebenserfahrungen in der Kindheit und Jugend der Betroffenen zurückzuführen sei. Zu diesen Lebenserfahrungen werden unter anderem die Herkunft, das Temperament, Verletzungen durch Eltern und Geschwister, Familienentwicklungen, sexueller Missbrauch und soziale und kulturelle Verletzungen gezählt. Diese Sichtweise und insbesondere die daraus resultierenden therapeutischen Behandlungsversuche werden jedoch von den entsprechenden medizinischen Fachverbänden und zahlreichen gesellschaftlichen Gruppen als falsch kritisiert und als teilweise gefährlich bezeichnet.Kurt Wiesendanger: Stellungnahme zu Umpolungstherapien für Homosexuelle aus psychologischer und psychotherapeutischer Sicht. 2005.Stellungnahme der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften zu Homoheilungwerbung an Universitäten, abgerufen am 30. März 2014.Position Statement der American Psychiatric Association: März 2000, abgerufen am 30. März 2014. der Bundesarbeitsgemeinschaft Schwuler im Gesundheitswesen (BASG) über Fundamentalistische Organisationen und ihre Therapien. 2005, abgerufen am 30. März 2014. des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen zu Christlicher Sexualberatung durch Wüstenstrom e. V., Therapie von Homosexualität. 2006, abgerufen am 30. März 2014. Im Oktober 2013 beschloss die 64. Generalversammlung des Weltärztebundes im brasilianischen Fortaleza, dass Homosexualität keine Krankheit sei und deshalb keiner Heilung bedürfe. Die Delegierten des Weltärztebundes lehnen auch die Konversions- bzw. Reparativtherapie ab.

Anwendung Die Therapie und ihre Vertreter Heutige wichtige Vertreter der Konversions- bzw. Reparativtherapie sind der Psychologe Joseph Nicolosi, der Psychologieprofessor Mark A. Yarhouse von der evangelikalen Regent University sowie Warren Throckmorton und Richard Cohen, dem wegen Verstößen gegen mehrere ethische Vorschriften die Zulassung als Therapeut entzogen wurde.Sandra G. Boodman: A Conversion Therapist’s Unusual Odyssey. In: The Washington Post, 16. August 2005 Abgerufen am 30. März 2014 Der Begriff Reparativtherapie wird spezifisch für eine von Joseph Nicolosi entwickelte Behandlungsform verwendet, so von vielen, aber nicht allen Mitgliedern von NARTH. In Deutschland wird diese Therapie vor allem von dem zur Offensive Junger Christen gehörenden Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG)OJC: , abgerufen am 27. März 2010. und von Wüstenstrom unterstützt. Der Psychologieprofessor Nicholas A. Cummings, früherer Präsident der American Psychological Association, berichtete, dass er in seiner persönlichen Praxis etwa 2.000 Patienten mit Konflikten auf Grund ihrer Einstellung zu Homosexualität ergebnisoffen behandelt habe. Im kalifornischen Gesundheitskonzern Kaiser Permanente, wo er langjähriger Vorgesetzter von über 600 Psychotherapeuten war, wurden nach seiner Schätzung etwa 16.000 Patienten mit Konflikten bezüglich ihrer Einstellung zur eigenen sexuellen Identität behandelt. Nach seinen Angaben war bei einem Drittel der Behandlungen keine wesentliche Verbesserung festzustellen. Von den zwei Dritteln, bei denen die Behandlung erfolgreich gewesen sei, hätten 80 % nachher ein gesundes, sexuell verantwortungsvolles Leben als Homosexuelle gelebt, bei 20 % sei eine Umorientierung erfolgt. Er bekomme im Ruhestand immer noch Dankesschreiben von einigen heterosexuell verheirateten Klienten, aber noch mehr von solchen, die glückliche gleichgeschlechtliche Langzeitbeziehungen führen würden. Im selben Interview äußerte er sich jedoch auch dahingehend, dass „jene, die gegen Homosexualität sind, nicht behaupten sollten, dass alle Homosexuellen ihre sexuelle Orientierung ändern könnten oder dies tun sollten“.Warren Throckmorton: Homosexuality and Psychotherapy: An Interview with Dr. Nicholas Cummings, auf der Webseite des Center for Vision and Values der christlichen Hochschule Grove_City_College Berufsorganisationen, die gegenüber der Konversions- bzw. Reparativtherapie positiv eingestellt sind, sind NARTH, die American Association of Christian Counselors und die Catholic Medical Organization in den Vereinigten Staaten.Homosexuality & Hope Booklet, Statement of the Catholic Medical Association. Text

Über die Anwendung verschiedener Verfahren der Verhaltenstherapie zur Reorientierung Homosexueller gibt es verschiedene Fallstudien. Albert Ellis wandte sein Verfahren der Rational Emotive Therapie auch bei Homosexuellen an und schrieb 1965, dass er nach der Behandlung von Dutzenden von Klienten die Rational Emotive Therapie als wesentlich wirkungsvoller ansah als seine früheren psychoanalytischen Verfahren.Albert Ellis: Homosexuality: Its causes and cure. New York 1965.

Häufig werden Konversionstherapien mit einer entsprechenden „geistlichen Begleitung“ durchgeführt, da die homosexuelle Orientierung „von Gott nicht gewollt“, sondern lediglich eine „psychologische Fehlentwicklung“ sei, die „geheilt werden“ könne. Sexuelle Orientierung wird dabei nicht als eine der Persönlichkeit integrale Identität gesehen. Die wesentlichen Vertreter der Konversions- bzw. Reparativtherapien haben in der Regel ein evangelikal geprägtes Menschenbild und bewerten Homosexualität aufgrund einer recht wörtlichen (bibeltreuen) Auslegung der Bibel. Danach kann Sexualität für den Menschen nie die Basis sein, um seine Identität zu definieren oder um im Leben Sinn und Erfüllung zu finden, sondern diese Basis ist in der Identifikation als Jünger Christi zu finden.

Am 27. August 2018 stellte der Vatikan klar, dass Homosexualität keine Krankheit sei und daher Konversionstherapien nicht befürwortet werden.Vatikan zieht umstrittene Äußerung zu homosexuellen Kindern zurück. Spiegel Panorama, 27. August 2018.Vatikan ändert Papst-Zitate zu homosexuellen Neigungen von Kindern. Tagesspiegel, 28. August 2018.

Rechtliche Lage mini|400px|rechts|Karte der Länder, die Konversionstherapien, zumindest für Minderjährige, gesetzlich verboten haben

Internationaler Überblick Land Jahr des Verbots Besonderheiten Brasilien 1999 1999 untersagte der nationale Fachverband für Psychologie seinen Mitgliedern, Therapien anzubieten, die Homosexualität pathologisieren. Dies war die erste rechtliche Regelung zum Verbot von Konversionstherapien weltweit. Argentinien 2010 Es gibt kein direktes Verbot von Konversionstherapien. Ein Gesetz zur mentalen Gesundheit schreibt jedoch vor, dass psychologische Diagnosen nicht alleine auf der sexuellen Orientierung einer Person basieren dürfen. Ecuador 2012 Seit 2012 ist die Durchführung von Konversionsbehandlungen in Rehabilitationseinrichtungen zur Behandlung von Personen, die von psychoaktiven Substanzen abhängig sind, verboten. Darüber hinaus kann die Durchführung von Konversionsbehandlungen laut ecuadorianischem Recht seit 2014 unter bestimmten Bedingungen als Folter gelten und dementsprechend geahndet werden. Die rechtlichen Hürden hierfür sind aber hoch, sodass nicht alle Versuche, die sexuelle Orientierung von Personen zu beeinflussen, unter dieses Verbot fallen. Malta 2016 Das maltesische Verbot war das erste seiner Art in Europa. Uruguay 2017 Indirektes Verbot aufgrund des Verbots, psychologische Diagnosen allein auf Basis der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität einer Person zu erstellen. Puerto Rico 2019 Albanien 2020 Kein staatliches Verbot; der nationale Fachverband für Psychologie untersagt die Durchführung von Konversionstherapien. Deutschland 2020 Kanada 2021 Frankreich 2021 Chile 2021 Wie in Argentinien gibt es auch in Chile kein direktes Verbot auf Gesetzesebene, sondern psychologische Diagnosen dürfen auch hier nicht allein auf der sexuellen Orientierung einer Person beruhen. Neuseeland 2022 Israel 2022 Vietnam 2022 Griechenland 2022 Das Verbot bezieht sich nur auf Konversionstherapien bei Minderjährigen.Griechenland verbietet "Homo-Heilung" für Jugendliche. In: queer.de. 13. Mai 2022, abgerufen am 12. Oktober 2025. Spanien 2023 Norwegen 2023 Island 2023 Belgien 2023 Zypern 2023 Portugal 2024 Mexiko 2024 USA unterschiedlich In etwa zwei Dutzend Bundesstaaten gelten Verbote von Konversionstherapien. Aktuell berät der Oberste Gerichtshof über eine Klage gegen das Verbot in Colorado. Die Entscheidung könnte auch Einfluss auf die Gesetzeslage in anderen Bundesstaaten haben.Niederlande2026

Vereinigte Staaten