Der Flughafen Berlin-Tempelhof war neben den Berliner Flugplätzen Johannisthal und Staaken einer der ersten Verkehrsflughäfen Deutschlands und nahm 1923 den Linienverkehr auf. Er war bis zu seiner Schließung am 30. Oktober 2008 neben Berlin-Tegel und Berlin-Schönefeld einer von drei internationalen Verkehrsflughäfen im Großraum Berlin und trug die Bezeichnung Zentralflughafen. Im Jahr 2007 wurden dort rund 350.000 Fluggäste abgefertigt.
Ab 2010 wurde das ehemalige Flughafengelände vom Land Berlin und seinen Unternehmen mit dem Projektnamen Tempelhofer Freiheit bezeichnet und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Am 14. Juni 2014 trat das Gesetz zum Erhalt des Tempelhofer Feldes (ThF-Gesetz) in Kraft und schrieb den Namen Tempelhofer Feld fest.
Lage und Verkehrsanbindung mini|links|hochkant=1.2|Lage der aktiven und ehemaligen Berliner Flughäfen
Das Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof liegt im Innenstadtbereich Berlins innerhalb des S-Bahn-Ringes, vier Kilometer südlich des Stadtkerns und . Das Flughafengebäude und der größte Teil des Flugfeldes befinden sich im Ortsteil Tempelhof, das Flugfeld erstreckt sich östlich bis in den Ortsteil Neukölln.
Auf der Straße ist der einstige Flughafen Berlin-Tempelhof über die Anschlussstelle 20 der A 100 (Stadtautobahn) sowie den Abschnitt Tempelhofer Damm der Bundesstraße 96 zu erreichen. Ebenfalls zum Flughafen führen der Mehring- und der Columbiadamm sowie als Zufahrtsstraßen die Manfred-von-Richthofen-Straße und die Dudenstraße. Diese Straßen enden am Platz der Luftbrücke, wo sich der Haupteingang zum Flughafengebäude befindet. An die öffentlichen Verkehrsmittel ist der ehemalige Flughafen durch die Linie U6 der Berliner U-Bahn mit dem U-Bahnhof Platz der Luftbrücke angebunden, durch die u. a. der Regionalbahnhof Friedrichstraße erreicht werden kann; ebenfalls am ehemaligen Flughafengelände bzw. am U-Bahnhof halten die Buslinien M43 und 248.
Geschichte
Entstehung mini|hochkant|Historische Pappel auf dem Tempelhofer Feld, die aus der Zeit des Soldatenkönigs stammte. Hier paradiert das 3. Garde-Regiment zu Fuß an ihr vorbei.
Die Fläche, auf der der Flughafen Tempelhof gebaut wurde – das Tempelhofer Feld –, war ehemals ein Exerzierplatz. Der erste Motorflug auf dem Tempelhofer Feld fand bereits 1909 statt. Am 28. Januar begann der Franzose Armand Zipfel (1883–1954) hier mit seinen öffentlichen Vorführungen. Er flog auf Einladung des Berliner Lokal-Anzeigers unter großem öffentlichen Interesse bis Mitte Februar 1909 mit seinem Voisin-Doppeldecker. Vom 4. bis 20. September 1909 führte auch Orville Wright auf dem Feld Demonstrationsflüge durch, bei denen er unter anderem einen Höhenweltrekord von 172 m aufstellte und erstmals einen Passagierflug von 1:35 Stunden Dauer absolvierte. Im Oktober 1909 führte Hubert Latham (1883–1912) den ersten Überlandflug über einer Stadt vom Tempelhofer Feld über Rixdorf und Britz zum Flugplatz Johannisthal durch.
Nach dem Ersten Weltkrieg stimmten im Jahr 1919 die Gemeindevertretungen Neuköllns und Tempelhofs, auf deren Gebiet sich das Tempelhofer Feld befand, gegen eine Bebauung des Feldes. Erst nach einer Initiative des Reichsverkehrsministeriums im Dezember 1921 vollzog sich im Laufe des Jahres 1922 ein Schwenk in den betroffenen Gemeinden und Berlins hin zum Bau eines Flughafens, allerdings verbunden mit dem Willen zur gleichzeitigen Schaffung eines Volksparks am Nordrand des Tempelhofer Feldes und eines Sportparks auf seiner östlichen Seite.Matthias Heisig: Der Kampf um das Feld. Die Entstehung von Flughafen Tempelhof, Volkspark Tempelhof und Sportpark Neukölln. In: Werner Breunig, Uwe Schaper (Hrsg.): Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jahrbuch des Landesarchivs, Berlin 2014, S. 86. Den Beschluss zum Flughafenbau fasste der Magistrat von Groß-Berlin nach einer Vorlage des Berliner Verkehrsstadtrates Leonhard Adler am 21. Februar 1923. Anfang März 1923 demonstrierte die Junkers Luftverkehrsgesellschaft die Tauglichkeit des Tempelhofer Feldes mit Sonderflügen von fünf Junkers F 13 zum Flughafen Leipzig-Mockau. Unter den Passagieren befanden sich Reichspräsident Friedrich Ebert und der Direktor des Reichsluftamtes, Traugott Bredow. Im April 1923 wurden für Berliner Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft auch einige Rundflüge vom Tempelhofer Feld aus veranstaltet. Dabei kam es zu einem Flugzeugabsturz über der Hasenheide, bei dem auch ein Berliner Stadtverordneter starb. Ungeachtet dieses Unglücks stimmten am 3. Mai 1923 die Berliner Stadtverordneten für den Bau des Flughafens.Matthias Heisig: Der Kampf um das Feld…, Berlin 2014, S. 90.
Provisorium ab 1923 Auf Kosten der Junkers Luftverkehr AG und der Deutschen Aero Lloyd wurde ab Juni 1923 am Nordrand des Tempelhofer Feldes ein Stück Land planiert und zwei hölzerne Flugzeughallen mit je 1000 m² Grundfläche und ein Stationsgebäude errichtet. Die Anlage sollte später in den Besitz der Stadt Berlin übergehen. Der Flugbetrieb begann am 8. Oktober 1923 mit einer vorläufigen Konzession des Reichsverkehrsministeriums. Mehrere Hundert Zuschauer verfolgten an diesem Tag die Starts der ersten zwei planmäßigen Flüge, einer führte nach München mit Anschluss in die Schweiz bzw. nach Österreich und weiter auf den Balkan, der andere nach Danzig und Königsberg mit Anschluss nach Moskau. Von der Eröffnung am 8. Oktober 1923 bis zum Jahresende wurden insgesamt 100 Starts und Landungen mit 150 Passagieren und 1300 kg Fracht durchgeführt.Laurenz Demps, Carl-Ludwig Paeschke: Flughafen Tempelhof. Die Geschichte einer Legende. S. 27.
Die noch heute bestehende Berliner Flughafen-Gesellschaft mbH (BFG) wurde am 19. Mai 1924 gegründet, ihr erster Aufsichtsratsvorsitzender war Leonhard Adler. Aufgabe der Gesellschaft war der „Ausbau und Betrieb des Flughafens auf dem Tempelhofer Feld und anderer Luftverkehrseinrichtungen in Berlin“. Gesellschafter waren zunächst der Berliner Magistrat und ab 27. September 1924 das Deutsche Reich. 1925 beteiligte sich auch der Freistaat Preußen an der Gesellschaft. Planungen, auf einem Teilstück des Tempelhofer Feldes auch einen Standort für Messeanlagen zu schaffen, wurden im Verlauf des Jahres 1924 zugunsten des Charlottenburger Messegeländes aufgegeben.Matthias Heisig: Der Kampf um das Feld…, Berlin 2014, S. 91.
Erster Bauabschnitt ab 1924 mini|Erstes Abfertigungsgebäude an der Einmündung der Lilienthalstraße (von rechts oben) in die Flughafenstraße, 1928 mini|Warte- und Abfertigungshalle im ersten Abfertigungsgebäude, 1928 mini|Flughafen Tempelhof bei Nacht, 1928 mini|Wartebereich der Deutschen Luft Hansa AG, im Hintergrund einige Verkehrsmaschinen, April 1930
Mit dem nun zur Verfügung stehenden Kapital konnte der Ausbau des Flughafens beginnen. Es wurde ein rund 1,5 Millionen m² großes Areal im Zentrum des Tempelhofer Feldes planiert: Erhöhungen von bis zu vier Metern und Vertiefungen von bis zu fünf Metern sowie der leichte Abfall des Areals nach Süden hin mussten ausgeglichen werden. Hierfür wurden 140.000 m³ des Aushubs der gerade in Bau befindlichen Verlängerung der Nord-Süd-U-Bahn (heutige Linie U6) verwendet, was knapp der Hälfte des benötigten Füllbodens entsprach. Zudem wurde für längere Zeit der Berliner Müll auf das Flughafengelände gebracht: 18.000 Fuhren Müll bildeten die Füllmasse für den Untergrund des Geländes.
Ende 1924 wurde mit dem Bau der großen Flugzeughallen begonnen. Es entstanden die drei westlichen Hallen mit einer Grundfläche von 64 m × 25 m und einer Höhe von 6 m. Diese Dimensionen erwiesen sich aber schnell als zu klein, weshalb die drei östlichen Hallen mit einer Grundfläche von 80 m × 30 m und einer Höhe von 8 m gebaut wurden. Neben den Hallen entstanden ein Scheinwerferturm sowie eine Funkstation und das erste Abfertigungsgebäude. Die Gebäude lagen des Flugfelds an der Flughafenstraße, die als Verlängerung der Paradestraße in West-Ost-Richtung verlief, an deren Einmündung der Lilienthalstraße.Stadtplan von 1932 bei alt-berlin.info, abgerufen am 11. Dezember 2018.
Der erste Bauabschnitt war im Jahr 1927 fertig und konnte über den damals ebenfalls neueröffneten U-Bahnhof Flughafen (heute: U-Bahnhof Paradestraße) erreicht werden. Eine Flughafenanbindung durch eine U-Bahn war seinerzeit weltweit einzigartig.
Die am 6. Januar 1926 aus der Vereinigung der Junkers Luftverkehr AG und Deutscher Aero Lloyd entstandene Deutsche Luft Hansa AG machte Tempelhof zu ihrem Heimatflughafen. Von dort aus erfolgte am Tag der Betriebsaufnahme, dem 6. April 1926 – im Winter hatte der Flugverkehr noch geruht – auch der erste planmäßige Flug nach Dübendorf (Zürich).
Zweiter Bauabschnitt In einem zweiten Bauabschnitt wurde das Abfertigungsgebäude verlängert und aufgestockt, das nun ein großer, mit Klinkern verkleideter Bau wurde. Darin gab es ein von der MITROPA betriebenes Flughafenrestaurant, das nun zwei weitere Gasträume belegen konnte, eine Besucherterrasse und ein Flughafenhotel.Und nachmittags in den Flughafen. In: Vossische Zeitung, 3. Februar 1928; abgerufen am 8. Mai 2019. Doch schon lange vor der Eröffnung dieses Abschnittes im Frühjahr 1929Frank Schmitz: „… eine gewisse Sehenswürdigkeit der Reichshauptstadt“. Das alte Hauptgebäude des Flughafens Berlin-Tempelhof (1926–1929), in: Berlin in Geschichte und Gegenwart, Jahrbuch des Landesarchivs, Berlin 2002, S. 103. forderte die BFG, das Flugfeld nach Süden, wo sich Kleingartenkolonien befanden, zu erweitern. Sie begründete ihre Forderung mit dem starken Anstieg des Luftverkehrs in Tempelhof und der Verringerung der Rollfläche durch eine zunehmende Betonierung der Abstellbereiche für die Flugzeuge. Nach dem Protest der betroffenen Kleingärtner und den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise ab 1930 wurde dieses Vorhaben vorerst nicht weiter verfolgt.Matthias Heisig: Der Kampf um das Feld…, Berlin 2014, S. 96–101.
Neubau In den 1930er Jahren stand der alte Flughafen Tempelhof mit seinem Verkehrsaufkommen noch vor Paris, Amsterdam und London an der Spitze des europäischen Flugverkehrs. Die Grenzen der technischen Möglichkeiten waren bald erreicht, und im Januar 1934 begannen – noch unter dem BFG-Hausarchitekten Heinrich KosinaElke Dittrich: Ernst Sagebiel. Leben und Werk 1892–1970, Berlin 2005, S. 156. – die ersten Planungsarbeiten für einen Neubau zu einem Großflughafen auf dem Tempelhofer Feld. Im Juli 1935 erhielt der Architekt Ernst Sagebiel vom Reichsluftfahrtministerium den Planungsauftrag für den Neubau, der sowohl den neuen städtebaulichen Vorstellungen und der monumentalen Architektur im Nationalsozialismus entsprach als auch die Entwicklung der Luftfahrt für einen längeren Zeitraum vorwegnehmen musste.Elke Dittrich: Ernst Sagebiel. Leben und Werk 1892–1970, Berlin 2005, S. 157. Der Flughafen war für bis zu sechs Millionen Passagiere pro Jahr geplant. Die Anlage sollte aber nicht allein dem Luftverkehr dienen, sondern auch für Veranstaltungen wie den Reichsflugtag genutzt werden und möglichst vielen luftfahrtbezogenen Dienststellen und Institutionen einen Sitz bieten. Dieser Neubau erfüllte auch alle Voraussetzungen eines Militärflugplatzes der damaligen Zeit.Berliner Geschichtswerkstatt e. V. (Hrsg.): Kein Ort der Freiheit. Das Tempelhofer Feld 1933–1945. Berlin 2012.
mini|Lufthansa-Junkers Ju 52 „Berlin-Tempelhof“ mini|Mahnmal KZ Columbia am Columbiadamm, nahe dem ehemaligen Flughafen Tempelhof