mini|hochkant=1.2|Sowjetischer „ASAT-Satellit“, etwa 1960er Jahre
Als Wettlauf ins All (auch Space Race) wird die Rivalität zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion um Pionierleistungen und Vorherrschaft in der Raumfahrt in den 1950er und 1960er Jahren bezeichnet.
Im Kalten Krieg fand das Wettrüsten der beiden konkurrierenden Systeme mit dem Weltraum einen weiteren Schauplatz. Von den Massenmedien und Historikern wurde dafür die Bezeichnung „Wettlauf ins All“ (engl. Space Race) geprägt.
Der politisch motivierte „Wettlauf“ begann im Juli 1955 mit der Ankündigung von US-Präsident Eisenhower, erdumkreisende Satelliten ins All zu bringen. Ein paar Tage später folgte eine gleichlautende Absichtserklärung der Sowjetunion. Er endete nach verschiedenen Auffassungen mit der ersten US-Mondlandung 1969, mit dem gemeinsamen Apollo-Sojus-Projekt 1975 oder mit dem Ende des Kalten Krieges. Der Begriff wird aber in den Medien bis heute auf verschiedene, auch außerhalb dieses Zeitraums liegende, Vorgänge angewandt. Seit Ende der 2010er Jahre ist von einem neuen „Wettlauf zum Mond“ zwischen verschiedenen Staaten die Rede.
Motive Diesen „Wettlauf“ trieben – vereinfacht dargestellt – zwei Motivationen an: Propagandistische Motive: Beide Parteien wollten die eigene technische Überlegenheit beweisen, um die Überlegenheit des eigenen Gesellschaftssystems aufzuzeigen. Militärische Motive: Das Aggregat 4 (A4) war im Zweiten Weltkrieg als „Vergeltungswaffe V2“ die erste Fernwaffe mit einer Reichweite von bis zu 270 km, nach heutigen Maßstab eine Kurzstreckenrakete. Militärökonomisch war sie eine Fehlinvestition, da sie ungenau und ihre Produktion sehr teuer war. Durch ihre hohe Geschwindigkeit war sie jedoch nicht abwehrbar und vor dem Einschlag nicht zu hören.
Mit der für den Start der Sputnik-Satelliten verwendeten sowjetischen Interkontinentalrakete des Typs R-7 wurde bewiesen, dass es möglich ist, ein Objekt vom eigenen Hinterland über das des Feindes zu befördern, und dies auch rund um den Erdball. Die Raumfahrtprogramme waren deshalb von vornherein eng mit den militärischen Aspekten des Kalten Krieges verzahnt.
Hintergrund mini|Die Vanguard-Trägerrakete TV3 der US Navy explodiert kurz nach dem Abheben beim ersten Start am 6. Dezember 1957. Das Raketen-Know-how in Ost und West rekrutierte sich nicht unwesentlich aus Raketen-Experten, die im Zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite in Peenemünde am militärischen Raketenprogramm gearbeitet hatten. Mit Ende des Krieges fielen diese Fachleute, die raketentechnischen Objekte und die Unterlagen beiden Lagern sozusagen als Kriegsbeute zu. Im Rahmen der Operation Overcast und nachfolgender Programme wurden Wernher von Braun – in den 1960er Jahren Hauptorganisator des amerikanischen Mondfahrtprogramms Apollo – sowie einige seiner Mitarbeiter (Hans Fichtner, Walter Häussermann und Oscar Holderer) in die USA gebracht. Die Sowjetunion unternahm vergleichbare Anstrengungen namentlich mit der Aktion Ossawakim und verpflichtete Helmut Gröttrup, der in Peenemünde für Bordsysteme und Steuerung verantwortlich war. Das Aggregat 4 bildete dabei auf beiden Seiten die Basis für die Weiterentwicklung von Raketen, die eine Nutzlast tatsächlich ins Weltall tragen konnten. Mit den Skizzenprojekten G-2 und G-4 in den Jahren 1948–1949 entwarf das deutsche Kollektiv entscheidende Verbesserungen für die sowjetische Raketentechnik, die in der Mittelstreckenrakete R-5 (Rakete) und der Sputnikrakete R-7 angewandt wurden.
Wernher von Braun war ein geschickter Marketingstratege und arbeitete mit Walt Disney zusammen. Im März 1955 wurde erstmals der mit Animationen gestaltete Film Man in Space ausgestrahlt. Darin erklärt von Braun unter anderem die Funktionsweise von Raketen und welchen wirkenden Kräften Raumfahrer standhalten müssen. Mit 42 Millionen Zuschauern gilt der Film als zweiterfolgreichste Sendung aller Zeiten im US-Fernsehen. Die Fernsehproduktion zog zwei Fortsetzungen nach sich, in denen er ebenfalls zu Wort kam.
In den ersten Jahren dominierte die Sowjetunion im Weltraum mit Pionierleistungen, ab 1965 konnten die USA technologisch überholen. Mit der bemannten Landung auf dem Mond konnten sie in der öffentlichen Wahrnehmung den Wettlauf sogar gewinnen. Der „Wettlauf ins All“ lässt sich allgemein betrachtet als letztes utopisches Großprojekt der Wissenschaftsgläubigkeit und des Fortschrittsoptimismus der historischen Moderne deuten.
Ablauf und Aspekte
Vorgeschichte Im März 1950 stellte der sowjetische Wissenschaftler Michail Tichonrawow mit aktiver Unterstützung des Raketen-Chefkonstrukteurs Sergei Koroljow seinen Bericht „Raketenpakete und ihre Entwicklungsperspektiven“ vor. Darin sprach er zum ersten Mal direkt über die unmittelbaren Aussichten für die Schaffung künstlicher Erdsatelliten und Flügen von Menschen in den Weltraum. Im Oktober 1951 veröffentlichte er einen Artikel „Flug zum Mond“ in der Zeitschrift Pionerskaya pravda und erklärte für junge Leser: „Wir werden nicht mehr lange warten müssen. Wir können annehmen, dass Konstantin Ziolkowskis kühner Traum in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren Wirklichkeit wird. Ihr werdet das alles miterleben und manche von euch werden sogar an solchen bisher unvorstellbaren Reisen teilnehmen.“ Die New York Times griff das Thema sofort auf und zitierte Tichonrawows These, dass die sowjetischen Raketenentwicklung dem Stand des Westens mindestens ebenbürtig oder gar überlegen sei. Der deutsche Raumfahrtwissenschaftler Heinz Hermann Koelle beschrieb in der Zeitschrift Weltraumfahrt die Möglichkeiten der sowjetischen Mondrakete.
Im März 1952 veröffentlichte Wernher von Braun in der Zeitschrift Collier’s Weekly mit der Serie Man Will Conquer Space Soon! seine Vision einer permanent bemannten Weltraumstation, die als Weltraumhotel für Gäste nutzbar wäre. Die eindrucksvollen Illustrationen der radförmigen Station mit einem Durchmesser von 75 m reizten Walt Disney, den Film Man in Space zu beauftragen.
Der „Wettlauf“ der Supermächte Richtung Kosmos begann Ende Juli 1955 mit der Ankündigung von US-Präsident Eisenhower, im Rahmen des „Internationalen Geophysikalischen Jahres“ – das für 1957/58 projektiert war – erdumkreisende künstliche Kleinsatelliten zu wissenschaftlichen Zwecken ins All zu schicken. Ein paar Tage darauf zog die Sowjetunion mit einer gleichlautenden Absichtserklärung durch Leonid Sedow nach. Im Westen wurde dieser Ankündigung kaum Beachtung geschenkt, da die Sowjetunion auf technischem Sektor als hoffnungslos rückständig angesehen wurde.
Im Dezember 1955 befasste sich das Spiegel-Magazin mit einer elfseitigen Titelgeschichte „Die Raumfahrt hat schon begonnen“ zum Thema. Das Titelblatt zeigte „Professor Dr. Wernher Freiherr von Braun“ mit zwei schlanken Raketenmodellen, die mächtige Stabilisierungsflossen am Heck haben. Ist er der „Kolumbus des Alls?“ fragte der Bericht skeptisch. Kolumbus hätte immerhin über meertaugliche Schiffe verfügt, doch Raumstationen existierten bisher nur als phantastische Skizzen. Die meisten befragten Experten sahen die bemannte Raumfahrt noch in weiter Ferne.
In den USA war die Bereitschaft gering, für solche Phantasien viel Geld auszugeben, da sie keinen militärischen Nutzen brachten oder zu utopisch schienen. Wernher von Brauns Konzept für einen Satellitenstart mit bereits vorhandenen Redstone-Raketen der Armee, schon 1955 vorgebracht, wurde bis zum Sputnikerfolg durch die Marine und die Luftwaffe zurückgewiesen. Stattdessen setzten sie auf das Vanguard-Projekt mit einer neu entwickelten Rakete der Marine, die im Frühjahr 1958 einen fußballgroßen Satelliten in die Umlaufbahn bringen sollte.
Sputnik 1 und „Sputnikschock“ mini|Piepssignale des Sputnik 1 Der sowjetische Satellit Sputnik 1 wurde am 4. Oktober 1957 als erster künstlicher Erdtrabant gestartet. Da seine Funksignale weltweit von Funkamateuren empfangen und seine Spur von Sternwarten verfolgt werden konnten, erregte er allgemeines Interesse. Vier Wochen später wurde der Erfolg durch Sputnik 2 mit der Hündin Laika an Bord noch übertrumpft. Das Ereignis führte gemeinsam mit bereits zwei gescheiterten Testläufen des Vanguard-Projekts auf US-amerikanischer Seite zum Sputnikschock und befeuerte den Wettstreit um Ersterfolge in der Raumfahrt. Die US-Amerikaner setzten daraufhin eine Reihe neuer Projekte an, die unter anderem in den Start von Explorer 1 am 1. Februar 1958 durch das Team von Wernher von Braun und in die Gründung der DARPA und der NASA mündeten. Am 17. März 1958 gelang den USA der Start des ersten Vanguard-Satelliten, den der sowjetische Parteichef Chruschtschow wegen seiner Fußballgröße als „Pampelmuse“ verhöhnte.
Reaktionen in Westeuropa Die Öffentlichkeit in Westeuropa und in Westdeutschland reagierte auf Sputnik vorwiegend neugierig. Es wurde gemeinhin als ein weniger singuläres, spektakuläres und weit weniger bedeutsames Großereignis erachtet. Der Weltraum erfreute sich in den frühen 1950er Jahren schichtenübergreifender Popularität, aber der Wissensstand um ihn war in der Bevölkerung gering. Es wurde zum Beispiel mit der Installierung von riesigen Brennspiegeln im erdnahen Orbit sowie permanenter Kolonisierung von Mond und Mars in naher Zukunft gerechnet. Es gab verbreitet Hoffnung auf regelmäßigen Kontakt zu außerirdischen Lebensformen. Solche „kosmischen Visionen“ wurden seit den 1920er Jahren immer mehr von zunehmend international vernetzten semiprofessionellen Weltraumenthusiasten propagiert. Der weit verbreitete Fortschrittsoptimismus war aber besonders in Westdeutschland gedämpft und öffentlich geäußerte Zweifel an ihm waren gang und gäbe. Der erste Satellit von Menschenhand markierte einen Wendepunkt und verstärkte den in der westlichen Welt weit verbreiteten Glauben, die politische Überlegenheit eines Gesellschaftsmodells sei an dessen technischen Erfolgen abzulesen. In der westdeutschen Presse wurde unter anderem auch ein kollektiver Verlust von Unschuld im Zusammenhang mit den neuen technischen Entwicklungen vorhergesagt. Die Historiker John Krige und Joachim Radkau stellten fest, dass die Politiker zu diesem Zeitpunkt den Weltraum militärisch als unbedeutend erachteten. Sie begannen sich, in kommerzieller Hinsicht, erst in den 1970ern für ihn zu interessieren, vornehmlich für die Nutzung von Kommunikationssatelliten zur Nachrichtenübermittlung und Wettersatelliten für die Wettervorhersage.
Reaktionen in den USA US-amerikanische Presse und Politik gerieten allerdings in Panik. Von einer „ultimativen Waffe“, von einem missile gap („Raketenlücke“), vergleichbar mit der angeblichen sogenannten Bomberlücke der USA gegenüber ihrem Kontrahenten, von einem „education gap“ („Bildungslücke“) und Vergleichen mit „Pearl Harbor 1941“ wurde dort sehr direkt gesprochen. Das Gewicht der Sputnik-Satelliten mit mehr als 500 kg in der Umlaufbahn war der Beweis, dass die Sowjetunion über eine funktionsfähige Interkontinentalrakete verfügte und damit jeden Punkt der USA mit Nuklearwaffen erreichen konnte. Damit wurde der Rüstungsspirale mit innenpolitischer Propaganda weiter Vorschub geleistet.