mini|Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins, August/September 1898 Der Allgemeine Deutsche Sprachverein (ADSV) war ein Verein, der von 1885 und zumindest bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bestand.Vgl. Wiechers (2004) Er widmete sich hauptsächlich der Bekämpfung von Fremdwörtern in der deutschen Sprache.
Entstehung Ende August 1885 rief der Kunsthistoriker und Museumsdirektor Herman Riegel (1834–1900) zur Gründung des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins auf. Diesem Aufruf folgend gründete der Dresdener Germanist und Lehrer Hermann Dunger in Braunschweig am 10. September 1885 den ersten ADSV-Zweigverein. Dieser Tag gilt heute als Gründungsdatum des ADSV. Bereits 1886 folgte der »Zweig Wien«. Vom Anbeginn seines Schaffens verschrieb sich der Verein der Bekämpfung von Fremdwörtern im Wortschatz der deutschen Sprache. Im Jahre 1940, während der Zeit der Hitler-Diktatur, wurden die Aktivitäten des Vereins erheblich eingeschränkt; 1943 wurde der Druck der Vereinszeitschrift eingestellt. Zwei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, 1947, wurde in Lüneburg eine Nachfolgeorganisation, die Gesellschaft für deutsche Sprache, gegründet; in Wien folgte 1948 der Verein Muttersprache.
Dunger war zwar der Gründer des ersten Zweigvereins, doch Riegel war ab 1885 der erste Vorsitzende des ADSV. 1893 trat er nach inneren Querelen von der Vereinsleitung zurück. Er äußerte sich als sprachwissenschaftlicher Laie, als er 1883 mit seiner Schrift „Ein Hauptstück von unserer Muttersprache. Ein Mahnruf an alle national gesinnten Deutschen“ das erste Mal öffentlich gegen das „Fremdwörterunwesen“ in der deutschen Sprache auftrat. In scharfem Ton kritisierte er den vermeintlich tief verankerten Einfluss der französischen Lexik auf die deutsche Sprache. Er wollte mit der Schrift „meiner Nation diesen Dienst erweisen und ihr diesen Spiegel vorhalten“ (S. 2). Er beklagt darin eine „Empfindungslosigkeit in Bezug auf die Reinheit und Schönheit der Sprache“, die er kaum begreifen könne (ebd.). Als besonders skandalös empfand Riegel, dass „deutsche Männer, in deren Tüchtigkeit das Wohl und Wehe des Vaterlandes, das Geschick der Nation ruht“ französische Fremdwörter benutzen müssen: „Warum darf der deutsche Krieger sein Gewehr nicht laden, sondern muss es ‚chargiren‘?“ (S. 58).
Von der Gründung eines Vereins war zunächst jedoch keine Rede, im Gegenteil: „Dieses weiß ich: mit besonderen Vereinen und Gesellschaften zur Bekämpfung des Übels, mit Vorschlägen zur Verdeutschungen und mit Wörterbüchern ist im großen und ganzen auf die Dauer nichts geholfen.“ (S. 43). Seinen Sinneswandel, zwei Jahre später mit seiner Schrift „Der allgemeine deutsche Sprachverein“ doch zur Gründung eines Sprachvereins aufzurufen, begründete Riegel mit dem unerwarteten Erfolg, den sein „Hauptstück“ gehabt habe. Dieser Erfolg sei ein Zeichen einer „Bewegung“ im deutschen Volk, sich für die Schönheit und Reinheit der deutschen Sprache einzusetzen.
Ende August 1885 versandte Riegel mit 20 anderen Persönlichkeiten einen Aufruf zur Gründung des ADSV. Am 10. September wurde in Dresden unter Leitung von Hermann Dunger (1843–1912; Dunger studierte klassische Philologie und war Gymnasiallehrer in Dresden) der erste Zweigverein gegründet. Dieses Datum gilt als das Gründungsdatum des ADSV.
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Die Protagonisten des Vereins haben die von ihnen angestrebte Sprachreinigung von Anfang an als eine nationale Aufgabe verstanden. In den Satzungen von 1886 heißt es, der Verein sei ins Leben getreten, um „die Reinigung der deutschen Sprache von unnötigen fremden Bestandtheilen zu fördern,– die Erhaltung und Wiederherstellung des echten Geistes und eigentümlichen Wesens der deutschen Sprache zu pflegen – und auf diese Weise das allgemeine nationale Bewusstsein im deutschen Volke zu kräftigen.“ Zum Motto des Vereins wurde der Satz von Riegel: Gedenke auch, wenn du die deutsche Sprache sprichst, dass du ein Deutscher bist!
Der Verein bekämpfte in seiner Anfangszeit vor allem Fremdwörter aus dem Französischen und aus lateinischen oder griechischen Bestandteilen, später verstärkt Anglizismen. Er hatte nicht nur den öffentlichen Sprachgebrauch im Blick, sondern es ging um „deutsche Sprache, deutsche Ehre – auch in Küche und Keller, auf Tisch und Tafel!“Zeitschrift des ADSV. Band I, Nr. 12, 2. Mai 1887, Sp. 190
Es sollte also auch der private Sprachgebrauch verändert werden. Der Verein sah sich als gemäßigt an und wollte sich von früheren radikalen Puristen absetzen. Riegel betonte, er wolle „thörichte Übertreibung“ und „leidenschaftliche Reinigungswuth“ vermeiden. Diese Selbstbeschränkung und Mäßigung drücke sich laut Riegel in seinem Leitspruch aus: „Kein Fremdwort für das, was deutsch gut ausgedrückt werden kann.“ (Riegel: Hauptstück 1888, S. 3.) Dieses subjektive Kriterium sollte übertriebene Verdeutschungen verhindern. Die Praxis sah anders aus: Der ADSV machte weder vor Fachausdrücken halt, noch ließ er sich durch das Argument der Verständlichkeit von Verdeutschungen aller Art abhalten.
Vielmehr machte er den Fremdwortgebrauch bzw. die Vermeidung der Fremdwörter zum Maßstab für den Patriotismus der Mitbürger. Die deutschen Ersatzwörter für alle Bereiche des Lebens sollten durch sog. „Verdeutschungsbücher“ popularisiert werden. Außerdem versuchte der ADSV durch seine Zeitschrift, durch Schreiben an Behörden, Vereine und Zeitungen sowie durch öffentliche Vorträge, Fremdwörter so weit wie möglich aus dem deutschen Wortschatz zu verdrängen. Der ADSV hat die Fremdwörter aber weniger verdrängt, sondern zu einer „semantischen Auffächerung des Wortschatzes der Standardsprache“ beigetragen. So wird die Verdeutschung des ADSV für „Automobil“, das „Kraftfahrzeug“, bis heute ausschließlich im amtlichen und nicht im alltäglichen Sprachgebrauch verwendet. Jedoch waren nicht alle Ersetzungen der Sprachreiniger abwegig, nicht nur Gesetzestexte sind mit deutschen Begriffen verständlicher geworden, auch die Verwendung von „Fahrkarte“ statt „Billett“ oder „Bahnsteig“ statt „Perron“ ist Verdienst der Deutsch-Verfechter.
Mitglieder und Ausbreitung Der ADSV wollte sich als parteilos verstanden wissen, wie ein Appell Riegels auf der Hauptversammlung 1888 zeigt:
Inwiefern diese hier behauptete politische Heterogenität der Mitglieder der Realität entsprach, ist unklar, da Untersuchungen zur Mitgliederstruktur des ADSV fehlen. Nationalismus verstand Riegel als überparteiliche Tugend aller Deutschen – wobei Sozialdemokraten in seiner Aufzählung nicht genannt werden.
Der Verein wuchs schnell. Im Oktober 1887 waren es 6000–7000 Mitglieder und 91 Zweigvereine,Zeitschrift des ADSV. 1887, Sp. 251. ein knappes Jahr später bereits 106 Zweigvereine und rund 8000 Mitglieder.Zeitschrift des ADSV. Band II, Nr. 11, 1. November 1888, Sp. 161. 1890 war die Mitgliederzahl auf fast 12000 Mitglieder angewachsen.Zeitschrift des ADSV. Band III, Nr. 7, 1. Juli 1890, Sp. 100. Allerdings wuchs der Verein nicht überall gleich schnell und gleich stark. Während sich im Norden und der Mitte Deutschlands sowie in Österreich zahlreiche Zweigvereine bildeten, hinkten Süddeutschland, und hier vor allem Bayern, hinterher, was Riegel ausdrücklich bedauerte. So hatte die Arbeit reale sprachverändernde Auswirkungen in Österreich, jedoch kaum in der Schweiz. 1906 bestanden 284 Zweigstellen, davon 24 in Österreich-Ungarn.Brockhaus' Kleines Konversations-Lexikon. 5. Auflage. 1906.
Die größte Gruppe der Mitglieder, fast ein Drittel (29,17 %), stammte 1890 aus dem Bereich Handel und Gewerbe. Mit 20,8 % folgten Lehrer und Hochschullehrer, wobei Letztere nur 1,67 % ausmachten. Die weitere Verteilung sah folgendermaßen aus: Angehörige von Behörden und Techniker sind mit je 7,5 % vertreten, Juristen mit 6,7 %, Mediziner mit 4,2 %, das Militär mit 3,3 %, der Buchhandel und die Drucker mit 2,8 %, Theologen mit 2,2 %, Postbedienstete mit 1,9 %, Schriftsteller, Journalisten und Künstler „leider nur“ mit 1,8 %, Landwirte mit 1,5 %. 2,5 % der Mitglieder waren Frauen, 3,3 % waren als Vereine Mitglied im ADSV.Zeitschrift des ADSV. Band III, Nr. 7, 1. Juli 1890, Sp. 100.
Frühe Kritik am ADSV Der Verein erfuhr von der Universitätsgermanistik kaum Anerkennung. Ausnahmen bilden lediglich Friedrich Kluge und Otto Behaghel, die mit dem ADSV sympathisierten, jedoch keine Mitglieder waren. Stattdessen musste sich der ADSV schon früh mit zahlreichen, teils prominenten Gegnern auseinandersetzen. Herman Grimm (1828–1901), der Sohn von Wilhelm Grimm und Neffe von Jacob Grimm und Professor für Kunstgeschichte in Berlin, Gustav Rümelin (1815–1888), Jurist und Kanzler der Universität Tübingen, Hans Delbrück (1848–1929), Historiker und Politiker, und andere traten zunächst einzeln gegen den Sprachverein auf. Dabei griff Delbrück nicht nur die Arbeit des Vereins, sondern auch die Begründung für die Sprachreinigung scharf an:
In der „Erklärung der 41“ vom 28. Februar 1889 unterschrieben 41 teils prominente Persönlichkeiten, vor allem Schriftsteller und Personen aus dem universitären Umkreis, darunter der Philosoph Wilhelm Dilthey (1833–1911), der Schriftsteller Gustav Freytag (1816–1895), der Historiker und Schriftsteller Heinrich von Treitschke (1834–1896), der Arzt Rudolf Virchow (1821–1902) und der Journalist und Dichter Theodor Fontane (1819–1898), eine Erklärung gegen den Verein, die im Märzheft 1889 der von Heinrich von Treitschke und Hans Delbrück herausgegebenen Zeitschrift „Preußische Jahrbücher“ veröffentlicht wurde.
Die Unterzeichner der Erklärung akzeptierten die Notwendigkeit der Sprachreinigung zwar grundsätzlich, verwahrten sich aber gegen eine Bevormundung bezüglich des Sprachgebrauchs durch den Verein oder staatliche Institutionen, wie sie der ADSV anstrebte. Der Anlass der Erklärung war gewesen, dass der Vorstand des ADSV im Januar 1889 ein Schreiben an den preußischen Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten Gustav von Goßler gerichtet hatte, in dem dieser gebeten wurde, er möge die Schulbehörden auf die „Bestrebungen des allgemeinen deutschen Sprachvereins beistimmend hinweisen“.Zeitschrift des ADSV. Band II, Nr. 1, 2. Januar 1889, Sp. 15. Darin erkannten die Unterzeichner den Versuch, die Sprache „von oben“ regeln zu lassen.
Der tief verletzte ADSV, der viele der Unterzeichner, zumindest aber Gustav Freytag und Heinrich von Treitschke, offenbar für Mitstreiter und nicht für Gegner gehalten hatte, antwortete mit einer Kampagne, in der die Unterzeichner in aggressiver Weise verhöhnt, verspottet und verunglimpft wurden. So wurde Fontane vorgeworfen, seine Sprache sei „empörend“ und „eine Beleidigung und Verhöhnung des deutschen Kaisers und des deutschen Volkes“.Zeitschrift des ADSV. Band II, Nr. 4, 1. April 1889, Sp. 56.
Laut Helmut Bernsmeier legten einige der Kritiker durchaus ein ambivalentes Verhalten an den Tag, denn sie durchsuchten ihre eigenen Werke auf Fremdwörter und ersetzten diese durch deutsche Begriffe. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass eher der Einfluss des Sprachvereins auf die Institution Schule und die durch die Nähe zur Regierung bedingte Sprachpflege von „oben“ abgelehnt wurde als seine Bemühungen.Anne Fabian, Denis Fabian: Der Allgemeine Deutsche Sprachverein. Eine umfassende kritische Betrachtung von 1883 bis 1943. GRIN Verlag, München 2012, S. 30.
Interne Querelen und Riegels Rücktritt