mini|15. März 1939: Panzer der Wehrmacht fahren in Prag auf dem Wenzelsplatz ein. Die Zerschlagung der Tschechoslowakei war ein Prozess, mit dem das nationalsozialistische Deutschland die Tschechoslowakei seit 1938 destabilisierte und bewirkte, dass sie verkleinert, geteilt und schließlich dem deutschen Machtbereich einverleibt wurde.
In der Sudetenkrise verlangte Adolf Hitler, die von den Sudetendeutschen besiedelten Grenzgebiete der Tschechoslowakei dem Deutschen Reich anzugliedern („Heim ins Reich“). Um den Frieden in Europa nicht zu gefährden, gestanden Frankreich, Großbritannien und Italien dies schließlich am 29. September 1938 im Münchner Abkommen zu. Im November 1938 wurden im Ersten Wiener Schiedsspruch die südlichen und östlichen Teile der Slowakei, die mehrheitlich von Magyaren bewohnt waren, Ungarn zugesprochen. Hitlers Behauptung, das Sudetenland wäre die letzte territoriale Forderung Deutschlands, war eine Lüge: Bereits am 21. Oktober 1938 hatte er die Wehrmacht angewiesen, sich auf die „Erledigung der Rest-Tschechei“, wie die NS-Terminologie es nannte, vorzubereiten. Nach einem deutschen Ultimatum erklärte sich die Slowakei am 14. März 1939 für unabhängig (Slowakischer Staat). Am nächsten Tag erreichte Hitler durch die Androhung einer Bombardierung Prags, dass der bisherige tschechoslowakische Staatspräsident Emil Hácha sein Land „dem Schutz des Deutschen Reiches“ unterstellte.
Der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Prag bedeutete das Ende der britischen Appeasement-Politik. Großbritannien und Frankreich gaben eine Garantieerklärung für die Unabhängigkeit Polens ab, die nach dem deutschen Überfall auf Polen zum Beginn des Zweiten Weltkriegs führte. In den tschechisch besiedelten Landesteilen der Tschechoslowakei errichteten die Deutschen das Protektorat Böhmen und Mähren, das bis 1945 Teil des Großdeutschen Reiches war.
Vorgeschichte Spätestens seit 1937 plante Hitler ein Vorgehen gegen die Tschechoslowakei. Diese Demokratie war als Mitglied der Kleinen Entente und durch den französisch-tschechoslowakischen Vertrag vom 24. Januar 1924 Teil des französischen Sicherheitssystems. Wie die so genannte Hoßbach-Niederschrift dokumentiert, legte Hitler am 5. November 1937 den wichtigsten Vertretern der Wehrmacht dar, dass er spätestens 1943 einen Krieg plante, um Deutschlands angebliche Raumnot zu beheben. Sollten Großbritannien und Frankreich vorher in eine Krise geraten, die sie daran hindern würde, gegen Deutschland vorzugehen, könne man auch schon 1938 losschlagen: Für diesen Fall dachte Hitler „zur Verbesserung unserer militär-politischen Lage“ an eine Eroberung Österreichs und der Tschechoslowakei.Klaus Hildebrand: Das vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler 1871–1945. Oldenbourg, München 2008, ISBN 978-3-486-58605-3, S. 636 f.
Die Münchener Konferenz (29./30. September 1938), einberufen infolge der vom Deutschen Reich provozierten Sudetenkrise, brachte der Tschechoslowakei in ihren Ergebnissen und Folgen beträchtliche Gebietsverluste. Diese überwiegend von Deutschen bewohnten Gebiete umfassten unter anderem auch die starken tschechoslowakischen Grenzverteidigungsstellungen gegen Deutschland, welche für die Wehrmacht damals nach eigener Einschätzung militärisch nicht zu überwinden gewesen wären. Dennoch zeigte sich Hitler mit dem Erreichten unzufrieden. Schon zehn Tage später legte er Wilhelm Keitel einen geheimen Fragenkatalog über die militärischen Möglichkeiten zur Besetzung des „restlichen“ tschechischen Territoriums vor, obwohl er zuvor in mehreren Reden ein Streben nach tschechischen Gebieten verneint und in München eine Garantie der Grenzen des tschechoslowakischen Reststaats in Aussicht gestellt hatte. Am 21. Oktober 1938 wies er die Wehrmacht an, sich darauf vorzubereiten, „die Rest-Tschechei jederzeit zerschlagen zu können, wenn sie etwa eine deutsch-feindliche Politik betreiben würde“.
Ohne an der einberufenen Münchner Konferenz beteiligt gewesen zu sein, besetzte die Republik Polen Anfang Oktober das Teschener Olsagebiet und erhielt später weitere Gebietsteile zugesprochen. Auch Ungarn trachtete danach, Gebiete zurückzuerlangen, was im Ersten Wiener Schiedsspruch vom 2. November 1938 teilweise umgesetzt wurde.
Die Vorbereitungen auf den Einmarsch der Wehrmacht blieben auf französischer Seite nicht unbemerkt. Am 12. März 1939 meldete Frankreichs Generalkonsul in Leipzig, am 15. oder 16. März werde Deutschland eine „blitzartige Militäraktion gegen die Tschechoslowakei“ starten. In Großbritannien dagegen blieb Premierminister Neville Chamberlain, für die Franzosen unverständlich, bis zuletzt optimistisch. Eine konzertierte Aktion der Westmächte, Hitler vor den Folgen zu warnen, unterblieb daher.Jean-Baptiste Duroselle: La décadence (1932–1939). Imprimerie nationale, Paris 1979, S. 403 f.
Unabhängigkeitserklärung der Slowakei Ab Februar 1939 wurden auf deutscher Seite sieben Armeekorps zusammengezogen, die auf den Einmarsch warteten. Hitlers Hoffnung, von den Slowaken um Hilfe gerufen zu werden, erfüllte sich jedoch nicht. Nach der Besetzung der autonomen Slowakei am 9. März 1939 durch tschechische Truppen drängte Hitler den am 13. März nach Berlin bestellten abgesetzten bisherigen slowakischen Ministerpräsidenten Jozef Tiso, eine vorgefertigte slowakische Unabhängigkeitserklärung zu unterzeichnen, andernfalls würde das slowakische Territorium zwischen Polen und Ungarn aufgeteilt werden. Laut Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop würden sich bereits ungarische Truppen der slowakischen Grenze nähern. Tiso weigerte sich aber, diese Entscheidung allein zu treffen. Es wurde ihm daher erlaubt, sich mit den Mitgliedern des slowakischen Parlamentes zu beraten.
Das am nächsten Tag zusammengetretene Parlament beschloss einmütig, die Slowakei für unabhängig zu erklären. In Preßburg wurde das Unabhängigkeitsmanifest des Slowakischen Staates verlesen, womit er sich von der Tschecho-Slowakei abspaltete.Vgl. Rudolf Chmel: Zum nationalen Selbstverständnis der Slowaken im 20. Jahrhundert, in: Alfrun Kliems (Hrsg.): Slowakische Kultur und Literatur im Selbst- und Fremdverständnis, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2005, S. 36–38. Der neue Staat wurde bis zur Entfesselung des Zweiten Weltkrieges von mehreren europäischen Staaten, insbesondere von Frankreich, Großbritannien, der Sowjetunion, Ungarn, Spanien, Polen sowie der Schweiz und dem Vatikan anerkannt.Oliver Dörr: Die Inkorporation als Tatbestand der Staatensukzession, Duncker & Humblot, 1995, S. 334, Anm. 953 mit weiteren Nachweisen.
Inzwischen inszenierte die NS-Propaganda in der gleichgeschalteten Presse eine Kampagne, in der behauptet wurde, es gäbe ein „tschechisches Terrorregime“ gegen Deutsche und Slowaken. Hitler legte den Einmarsch deutscher Truppen für den 15. März auf 6 Uhr früh fest. Hermann Göring wurde am 13. März per Brief Hitlers von seinem Urlaubsort San Remo nach Berlin zurückbeordert, wo er am Nachmittag des 14. März eintraf.
Hácha in Berlin mini|Der tschechische Präsident Emil Hácha (zweiter von links) am 14./15. März 1939 in der Reichskanzlei im Gespräch mit Hitler und Göring
Ebenfalls am 14. März 1939 traf am Abend der bisherige tschechoslowakische Staatspräsident Emil Hácha zusammen mit Außenminister František Chvalkovský in der Neuen Reichskanzlei in Berlin ein. Hácha hatte um dieses Gespräch nachgesucht. Die Gäste wurden mit allen protokollarischen Ehren empfangen, aber erst nach einer langen Wartezeit zwischen ein und zwei Uhr nachts vorgelassen. Hácha dankte Hitler, neben dem Göring und Keitel saßen, für den Empfang. Er distanzierte sich von seinen Vorgängern Tomáš Garrigue Masaryk und Edvard Beneš, bat aber gleichwohl darum, seinem Volk das Recht auf eine eigenständige Existenz einzuräumen.
Hitler antwortete mit einer langen Rede, in der er unter anderem eine vielfach bezeugte Feindseligkeit der Tschechen und den fortexistierenden Beneš-Geist kritisierte, gegen den die gegenwärtige Regierung im eigenen Lande ohnmächtig sei. Er erklärte, seine Geduld sei nun erschöpft, und um sechs Uhr werde die deutsche Armee „in die Tschechei“ einrücken. Wenn sich das Einrücken der deutschen Truppen zu einem Kampf entwickle, werde dieser Widerstand gebrochen werden. Sollte sich der Einmarsch der deutschen Truppen in erträglicher Form abspielen, könnten ein großzügiges Eigenleben, Autonomie und eine gewisse Freiheit gewährt werden.
Als Hácha fragte, wie er innerhalb von vier Stunden das gesamte tschechische Volk vom Widerstand zurückhalten sollte, verwies ihn Hitler an seine Prager Dienststellen. Nach zwei Uhr verließen Hácha und Chvalkovský Hitlers Arbeitszimmer und versuchten, die telefonische Verbindung nach Prag herzustellen. Es folgten Gespräche mit Ribbentrop und Göring. Bei dieser Gelegenheit drohte Göring mit einem Luftangriff auf Prag und schilderte dessen verheerende Folgen. Dabei erlitt Hácha einen Herzanfall. Durch eine Injektion von Hitlers Leibarzt Theo Morell konnte sein Gesundheitszustand stabilisiert werden. Somit konnte Hácha die Unterwerfungsurkunde unterzeichnen, nach der er „das Schicksal des tschechischen Volkes und Landes vertrauensvoll in die Hände des Führers des Deutschen Reiches“ lege. Hitler seinerseits sagte in demselben Dokument zu, die Autonomie der Tschechen zu gewährleisten.15. März 1939 – Der deutsche Einmarsch in die Tschecho-Slowakei, mit Abbildung der Gemeinsamen Absichtserklärung vom 15. März 1939 auf der Website des Politischen Archivs des Auswärtigen Amts (2019), Zugriff am 7. Dezember 2020; Hans-Ulrich Thamer: Verführung und Gewalt. Deutschland 1933–1945. Siedler, Berlin 1994, S. 603. Hácha und Chvalkovský wiesen in dieser frühen Stunde die Prager Stellen an, dem bevorstehenden deutschen Einmarsch keinen Widerstand zu leisten. Unmittelbar darauf gab sich Hitler gegenüber seiner Umgebung äußerst erfreut über Háchas Unterschrift, ganz anders als nach dem Zustandekommen des Münchner Abkommens.
Einmarsch der Wehrmacht und SS-Verfügungstruppe mini|Einmarsch deutscher Truppen in Prag durch eine protestierende Menschenmenge mini|Menschenmenge beim Einmarsch der Wehrmacht in Brünn (März 1939, Propagandabild) mini|Adolf Hitler auf der Prager Burg (15. März 1939)
Der Slowakei und der Karpatenukraine waren zwischenzeitlich die jahrelang verweigerte Autonomie gewährt worden, doch die nun unabhängige Slowakische Republik „stellte sich unter den Schutz des Reiches“; sie war fortan ein Satellitenstaat des nationalsozialistischen Deutschlands.Vgl. Vertrauliches Protokoll vom 23. März 1939 über wirtschaftliche und finanzielle Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Reich und dem Staat Slowakei. Ungarn besetzte die Karpatenukraine.
Am 15. März 1939 um sechs Uhr rückten deutsche Wehrmachtsverbände und SS-Verfügungstruppen über die Grenze vor und erreichten gegen neun Uhr die Hauptstadt Prag. Die deutsche Armee entwaffnete das tschechische Heer. Die Leibstandarte SS Adolf Hitler besetzte das Industriegebiet von Mährisch-Ostrau und übernahm zusammen mit der SS-VT-Standarte „Germania“ „Wachaufgaben“ auf der Prager Burg. Mit Wehrmacht und SS-Verfügungstruppe rückte auch die Geheime Staatspolizei (Gestapo) ein und begann mit der Verfolgung deutscher Emigranten und tschechischer Kommunisten. Während dieser Aktion, die als „Aktion Gitter“ bekannt wurde, wurden einige Tausend Personen verhaftet. Hitler verließ um acht Uhr Berlin, traf am Abend in Prag ein und verbrachte die Nacht auf dem Hradschin.