mini|Hotel Silber, 2022 Hotel Silber ist der umgangssprachliche Name des Stuttgarter Gebäudes, in dem von 1937 bis 1945 die Staatspolizeileitstelle Stuttgart, d. i. die Gestapo-Zentrale für die Reichsteile Württemberg und Hohenzollern, untergebracht war. Es befindet sich in der Dorotheenstraße 10 am Karlsplatz, gegenüber dem Alten Waisenhaus und unweit des Alten Schlosses. Im Ostflügel des Gebäudes befindet sich seit Dezember 2018 der Erinnerungsort Hotel Silber mit einer Dauerausstellung zum Thema „Polizei, Gestapo und Verfolgung“.
Geschichte
1845–1919 mini|Hotel Silber um 1900 1845 wurde das Gebäude an der damals noch namenlosen Straße, gegenüber dem Alten Waisenhaus und hinter dem Alten Schloss, als Gasthaus „Zum Bahnhof“ erbaut. Davor hatten dort ab 1815 Wohngebäude gestanden. 1858 wurde der Gasthof erweitert und erhielt den Namen „Zum Bayrischen Hof“.
1873 kaufte Heinrich Silber das Gebäude und baute es zum Nobelhotel Hotel Silber mit Restaurant aus. Es wurde um ein Stockwerk aufgestockt (nunmehr vier plus Keller und Dachgeschoss). Erste Schmuckelemente wurden an der Fassade angebracht. Das Gebäude nahm nun zwei Drittel der heutigen Grundfläche ein. 1897 kaufte Wilhelm Bubeck das Hotel und erweiterte den Bau um das angrenzende Gebäude, der Name wurde beibehalten. Nach 1897 wurde das Gebäude nicht mehr wesentlich baulich verändert.
1903 wurde im Hotel Silber der ADAC gegründet (zunächst als Deutsche Motorradfahrer-Vereinigung). 1906 wurde es von Heinrich Stapff erworben. 1913 wurde die Fassade mit Stilelementen der Neorenaissance verziert.
500 Meter weiter gab es zudem noch das Parkhotel Silber in der Villastraße 21.https://www.zvab.com/manuskripte-papierantiquitaeten/Ansichtskarte-Postkarte-Stuttgart-Baden-W%C3%BCrttemberg-Parkhotel/22873189986/bd#&gid=1&pid=2
1919 bis 1933 1919 verkaufte Stapff das Gabäude an die württembergische Staatsfinanzverwaltung weiter. Von 1919 bis 1928 beherbergte das Haus die Oberpostdirektion der Deutschen Reichspost für Württemberg.
1928 zog das Stuttgarter Polizeipräsidium, damals unter der Leitung von Rudolf Klaiber, in das Hotel Silber. Auch die Abteilung der Politischen Polizei, die mit landesweiten Kompetenzen ausgestattet war, hatte nun dort ihren Dienstsitz. Ihre Aufgabe bestand in der Beobachtung und Überwachung staatsfeindlicher Vereine, Parteien und Personen. Die Politische Polizei nahm insbesondere die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) ins Visier, wogegen sie die rechtsextremen Parteien und Verbände gewähren ließ. 1930 fasste Klaiber die Abteilungen Kriminalpolizei und Politische Polizei zusammen. Leiter der neuen Abteilung wurde Ernst Lauer, sein Stellvertreter, der insbesondere für die Unterabteilung Politische Polizei zuständig war, Karl Zindel.
1933 bis September 1944 Bei weitgehender personeller Kontinuität war während der Zeit des Nationalsozialismus das Hotel Silber Dienstgebäude der Politischen Polizei. Ab März 1933 sollte die letztere die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ vom 28. Februar 1933 umsetzen. Im April 1933 wurde die Abteilung der Politischen Polizei direkt dem Innenministerium unterstellt. Bis Jahresende wurde unter dem neuen Leiter Hermann Mattheiß die Zahl des Personals verdreifacht. Entsprechend nutzte ab November 1933 die Abteilung Politische Polizei das Gebäude alleine.
1936 vereinheitlichte Heinrich Himmler, „Chef der Deutschen Polizei“, die Organisation der Politischen Polizeien der Länder. Im Oktober 1936 wurde aus dem Württembergischen Politischen Landespolizeiamt die Geheime Staatspolizei (Gestapo), Staatspolizeileitstelle Stuttgart. Mit Hilfe von sogenannten Vertrauensleuten (V-Leuten) gelang es der Stuttgarter Gestapo den organisierten Widerstand im Land zu unterwandern. Bis Sommer 1937 wurde ein großer Teil der Mitglieder der inzwischen illegalen KPD in Württemberg verhaftet.
Eugen Bolz, der letzte Staatspräsident des Landes Württemberg in der Weimarer Republik, wurde 1933 hier vorgeladen und unter Misshandlungen in „Schutzhaft“ genommen. Im Keller des Gebäudes befanden sich bis zum Herbst 1944 drei Verwahrzellen. Bekannte Gefangene waren Kurt Schumacher, der spätere Vorsitzende der SPD, und die Kommunistinnen Liselotte Herrmann und Lina Haag.
Von der Dorotheenstraße 10 aus wurde während des Zweiten Weltkrieges ein Spionagenetz in der Schweiz unterhalten. Dabei sollten u. a. Informationen für einen möglichen Angriff NS-Deutschlands auf die Schweiz gewonnen werden.
Von 1938 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war Personal der Politischen Polizei bzw. der Gestapo Württemberg-Hohenzollern in den von NS-Deutschland besetzten bzw. eingegliederten Gebieten in den Einsatzgruppen und in Dienststellen der SiPo und des SD tätig. Darunter waren auch Leiter wie Walter Stahlecker, der „im auswärtigen Einsatz“ die Ermordung von fast 220.000 Menschen meldete, und stellvertretende Leiter wie Wilhelm Harster, der später für die Deportation von 82.773 jüdischen Männern, Frauen und Kindern aus den Niederlanden in die Vernichtungslager verantwortlich war. siehe Abschnitt Wilhelm Harster.
Oktober 1944 bis April 1945 Nach der Zerstörung des Westflügels durch die britische Luftwaffe im September 1944 wurde die Gestapo-Zentrale in die Heusteigstraße verlegt. Die erhaltenen Räume wurden jedoch weiter genutzt u. a. als Telefonzentrale. Da auch das bisherige Polizeigefängnis in der Büchsenstraße zerstört worden war, wurde der Keller des Hotels Silber als Gefängnis ausgebaut und bis zum 19. April 1945 genutzt.Staatsarchiv Ludwigsburg, Verfahren gegen Gottfried Mauch. Hermann G. Abmayr (Hg.): Stuttgarter NS-Täter. Vom Mitläufer bis zum Massenmörder. Wir haben nur unsere Pflicht getan für Volk und Vaterland. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009, S. 145. Noch am 13. April 1945, wenige Tage vor der Übergabe der Stadt an die französische Armee, wurden hier vier Gefangene von der Gestapo erhängt. Alle dort befindlichen Dokumente der Gestapo wurden am Ende des Krieges verbrannt.
1945 bis 2013 In den Nachkriegsjahren stand das Hotel Silber unter französischer und dann unter US-amerikanischer Aufsicht. Bis 1949 waren dort verschiedene Polizeibehörden, die nach Anordnung der Alliierten städtisch wurden, untergebracht. Am 29. März 1946 wurde von der im Gebäude ansässigen Stuttgarter Polizei eine antisemitisch motivierte, gewaltsame Razzia gegen von der amerikanischen Besatzungsmacht einquartierte Displaced Persons angeordnet. Dabei wurde der Auschwitz-Überlebende Shmuel Dancyger von einem Stuttgarter Polizisten unter nicht aufgeklärten Umständen mit einem Kopfschuss getötet. Jüdische Lagerbewohner wurden verletzt, teilweise schwer. Auch einige Polizisten zogen sich Verletzungen zu. Der Oberbefehlshaber der US-Truppen in Europa Joseph T. McNarney verbot daraufhin deutschen Polizisten den Zutritt zu allen DP-Camps der US-Zone.Aubrey Pomerance: 1946 von deutschen Polizisten erschossen: Das tragische Schicksal von Shmuel Dancyger sel. A. Jüdisches Museum Berlin, 2016. Danach nutzte überwiegend die Kriminalpolizei das Gebäude. In dem wiederaufgebauten Westflügel wurde ein Gefängnis eingerichtet. Bis 1973 war die städtische Polizei eine Kommunalbehörde.
Zwischen 1985 und 1988 wurde das Gebäude saniert und danach Dienstgebäude des Innenministeriums Baden-Württemberg. Am 18. September 2025 wurde im Bereich des ehemaligen Wohnorts der Displaced Persons in Stuttgart-West der Shmuel-Dancyger-Platz eingeweiht.https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/stuttgart/neue-einweihung-shmuel-dancyger-platz-100.html
Erinnerungsort im Hotel Silber
Im Jahr 2007 wurde der Plan zur Neuordnung des Areals, das an das Kaufhaus Breuninger angrenzt, vorgestellt. Das Land Baden-Württemberg und die Firma Breuninger wollten dort 270 Millionen Euro investieren, um Ministerien, Läden, Bars, Kneipen, Restaurants und ein Luxushotel zu bauen. Das Hotel Silber, ein Bürogebäude im Besitz der Landesstiftung, sollte abgerissen werden. Im Neubau sollte eine Gedenkstätte zur NS-Vergangenheit des Hotel Silber entstehen.Hellmut G. Haasis: Das Stuttgarter Gestapohaus schnell abreissen. zukunft-braucht-erinnerung.de, 25. Juli 2009.
Die „Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber“ setzte sich seit Februar 2009 und die „Gruppe der Fünfzig“ vor und während der Landtagswahl im März 2011 für den Erhalt des Gebäudes ein. Im Jahr 2011 beschloss die neu gewählte Landesregierung den Erhalt des Gebäudes.
Im Jahr 2017/18 wurde der Ostflügel nach Plänen von Wandel Lorch Architekten umgebaut. Der zugemauerte frühere Gasthof-Eingang an der Ecke Dorotheenstraße/Holzstraße wurde wieder geöffnet und bildet nun den Haupteingang. Für das Eingangsfoyer im Erdgeschoss wurde der Raumzuschnitt der früheren Gaststätte wiederhergestellt. Im Erdgeschoss sind außerdem zwei Seminarräume und drei weitere Räume entstanden. Im Keller befinden sich Garderobe, sanitäre Einrichtungen und technische Anlagen. Der Grundriss aus der NS-Zeit wurde nur im ersten Obergeschoss weitgehend erhalten, wo die Dauerausstellung untergebracht wurde. Das zweite Obergeschoss ist für die Wechselausstellungen vorgesehen.Thomas Faltin: Gedenkstätte in Stuttgart: Neuer Eingang für das Hotel Silber stuttgarter-zeitung.de, 1. September 2015. Am 4. Dezember 2018 wurde der Erinnerungsort eröffnet.Nikolai B. Forstbauer: Hotel Silber vor der Eröffnung in Stuttgart: „Wir sind auf der Zielgeraden“ stuttgarter-nachrichten.de, 11. Juli 2018.Erinnerung an Nazi-Gräuel: „Hotel Silber“ vor Eröffnung sueddeutsche.de, 30. November 2018.Benno Stieber: Das ganz normale Morden taz.de, 3. Dezember 2018.
Die historische Bausubstanz Bei der Schadenskartierung im Sommer 1945 wurde das Haus als mittelschwer beschädigt bezeichnet, im Oktober desselben Jahres hieß es „mittel, auch zu erhalten“. Aufnahmen aus diesem Jahr zeigen, dass der östliche Gebäudeteil bis zum Dach und der westliche bis zum dritten Stockwerk von vier erhalten geblieben war. Entsprechendes geht aus den Plänen des Architekten hervor, der den Wiederaufbau leitete. Am 8. Juli 1953 schrieb die Stuttgarter Zeitung angesichts laufender Renovierungsarbeiten am östlichen Gebäudeflügel: „Die aus dem Jahre 1898 stammende Fassade wird von ihrem steinernen Neo-Renaissance-Schmuck befreit. An Stelle der wurstartigen Erker […] entstehen wieder normale Hausecken. Der große Balkon über dem Haupteingang ist auch schon entfernt. An seiner Stelle wird ein kleines Dach angebracht“ – das auch heute noch zu sehen ist.Die genannten Aufnahmen sind reproduziert im Aufsatz von Roland Ostertag: Hotel Silber – zum Thema. Gebäude und Stadt. In: Initiative für einen Gedenkort im ehemaligen Hotel Silber (Hg.): Tatort Dorotheenstraße. Peter-Grohmann-Verlag, Stuttgart 2009, S. 18–25. Für die Zitate siehe ebd., S. 22 f. Die Aufrisszeichnung von 1946 für den Wiederaufbau in derselben Broschüre, S. 30 f.
Im Untergeschoss entsprechen die tragenden Wände, die Stützen und die meisten Türöffnungen einem erhaltenen Plan von 1941 (Stadtarchiv Stuttgart), lediglich einige Zwischenwände der Verwahrzellen und Wände zum mittleren Flur wurden nach dem Krieg entfernt. Ob sich unter dem gegenwärtigen Anstrich der ehemaligen Zellen noch der Verputz aus der Zeit der Nutzung durch die Gestapo befindet – möglicherweise mit Zeichnungen und Beschriftungen der damaligen Gefangenen – ist gegenwärtig unklar.
Im Ostflügel des Gebäudes sind im Sockelgeschoss sämtliche Schichten der Fassade bis hin zur Rustizierung erhalten. Im Innern des Ostflügels besteht über sämtliche Stockwerke die ursprüngliche Gebäudestruktur mindestens mit den Haupttragwänden und dem Treppenhaus fort.