mini|hochkant|Max Brauer als Altonaer Oberbürgermeister (1927) Max Julius Friedrich Brauer (* 3. September 1887 in Altona-Ottensen; † 2. Februar 1973 in Hamburg) war ein deutscher Politiker. Nach ersten Erfahrungen in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung wurde er im Zuge der Novemberrevolution 1918 Mitglied des Magistrats von Altona. Im Jahr 1924 stieg er zum Oberbürgermeister von Altona auf und war in dieser Funktion einer der wenigen sozialdemokratischen Amtsinhaber in der Weimarer Republik. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten floh Brauer aus Deutschland und verbrachte die folgenden Jahre im Exil. 1946 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde zum ersten frei gewählten Ersten Bürgermeister Hamburgs nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieses Amt übte er – mit einer Unterbrechung von Ende 1953 bis Ende 1957 – bis 1960 aus.

Im Kaiserreich Kindheit und Jugend mini|Kinder von Glasarbeitern, im Hintergrund Werkswohnungen der Glasfabrik C. E. Gätcke Max Brauer kam 1887 als Sohn von Wilhelm und Margarethe Brauer, geborene Kunitz, in Ottensen zur Welt. Er wuchs als achtes von 13 Kindern in ärmlichen Verhältnissen auf. Die Familie bewohnte eine Werkswohnung der Glasfabrik C. E. Gätcke, bei der Wilhelm Brauer als Glasbläser angestellt war.

Ottensen war ein Ort im rapiden Umbruch. Industrialisierung und Urbanisierung prägten das Zusammenleben der Menschen. Ferner war Altona, zu dem Ottensen seit der Eingemeindung 1889 zählte, ähnlich wie Hamburg ein Zentrum der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. August Bebel adelte die Hansestadt 1875 mit der Bemerkung, sie habe als „Hauptstadt des Sozialismus“ zu gelten; das lokale Parteiblatt in der preußischen Nachbarstadt ergänzte im Folgejahr, Altona sei das „Bollwerk der Sozialisten im Norden“.Zitate über Hamburg und Altona als sozialdemokratische Zentren nach Axel Schildt: Max Brauer, S. 15. Max Brauer bekannte sich stets zu seiner Herkunft. So betonte er 1924 öffentlich:

Während der Vater Brauers die Beziehungen von Arbeitern und Unternehmern im Grundsatz als gegeben hinnahm, war die Mutter offen für sozialdemokratische Gedanken. Sie brachte ihrem Sohn die Maxime der Arbeiterbewegung nahe, wonach der Mensch acht Stunden arbeiten, acht Stunden ruhen und sich acht Stunden bilden solle. Max Brauers jüngste Schwester berichtete später, er sei überaus wissbegierig gewesen, in fast jeder freien Minute habe er gelesen.Angaben zur Herkunft Brauers bei Christa Fladhammer, Michael Wildt: Einleitung, S. 15. Zu Ottensens städtischer und politischer Entwicklung, zur politischen Grundeinstellung der Eltern sowie zum Bildungshunger des Sohns siehe Axel Schildt: Max Brauer, S. 15.

Engagement in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung mini|In der Glasfabrik C.E. Gätcke arbeitete sein Vater, Max Brauer erlernte hier das Glasbläser-Handwerk. Dem Willen seines Vaters folgend beendete Brauer mit 14 Jahren die Volksschule und erlernte ebenfalls bei C. E. Gätcke das Glasbläser-Handwerk. Seine Lehre schloss er in Westerhüsen bei Magdeburg ab, wohin seine Familie verzogen war. Als Glasbläser arbeitete Brauer jedoch nicht lange, denn nachdem er zu einem Streik aufgerufen hatte, stand er auf überregionalen schwarzen Listen der Glasfabrikanten. Schon vorher hatte er sich aktiv in der Arbeiterbewegung betätigt. Seit dem 24. Juli 1904 war er Mitglied der Gewerkschaft Centralverein der Glasarbeiter und Glasarbeiterinnen. Ein Jahr später gründete er, noch keine 18 Jahre alt, in Damgarten – dort lebte seine Familie mittlerweile – die Ortsgruppe der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Sie hatte nach kurzer Zeit etwa 30 Mitglieder.Angaben zur Lehre, zu Gewerkschafts- und Parteieintritten, zur Streikaktivität und zur SPD-Ortsgruppe Damgarten bei Axel Schildt: Max Brauer, S. 16.

Von der Ausübung seines Lehrberufes ausgeschlossen, arbeitete Brauer in den folgenden Jahren als Bau- und Fabrikarbeiter. Zugleich betätigte er sich weiterhin als Funktionär der Glasarbeiter-Gewerkschaft und der Partei. Zurück in Ottensen fand er 1909 im örtlichen Konsum-, Bau- und Sparverein eine Anstellung. Dort stieg er zum Betriebsleiter auf. 1911 wurde er in den Vorstand der SPD-Ortsgruppe Ottensen gewählt. In allen ihren drei Säulen – Partei, Gewerkschaften, Genossenschaften – lernte Brauer somit „Arbeiterbewegung‚ von der Pike auf‘“.Arnold Sywottek: Max Brauer, S. 142. Zur praktischen Arbeit kam sein Wille, sich mit wichtigen Schriften des Marxismus fortzubilden, er las Marx, Engels, Kautsky und Bernstein. Auch die Werke der klassischen deutschen Literatur um Goethe und Schiller eignete er sich an. Von den zeitgenössischen Autoren galt seine besondere Hochachtung Gerhart Hauptmann. Seine Wertschätzung von Bildung brachte Brauer auf dem SPD-Bezirksparteitag von 1912 in Kiel zum Ausdruck. Vor den Delegierten erklärte er, Bildungsarbeit mit Jugendlichen sei wichtiger als politische Kampagnen.

mini|1916: Militärinspektoren kontrollieren die Fleischproduktion im Schlachthof der Genossenschaft Produktion in Hamburg-Hamm. Im August 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, wurde Brauer eingezogen. Nachdem er an der Hand einen Durchschuss erlitten hatte, schied er im Herbst 1915 aus dem Militärdienst aus und arbeitete von da an in der Leitung der SchlachtereiabteilungJosef Rieger, Max Mendel, Walter Postelt: Die Hamburger Konsumgenossenschaft „Produktion“, 1899–1949, Seite 120 ff, Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 1949 des Konsum-, Bau- und Sparvereins „Produktion“.Axel Schildt, Max Brauer, S. 19. Die Produktion wurde in den Kriegsjahren ein wichtiger Lieferant des Heeres. 1916 heiratete Brauer Erna Pehmöller, Tochter eines hauptamtlichen Funktionärs der Tabakarbeiter. Mit ihr hatte Brauer eine Tochter und zwei Söhne, von denen einer als Kleinkind verstarb. 1916 gelang ihm als SPD-Kandidat der Einzug in die Stadtverordnetenversammlung von Altona. In der ersten Phase seiner kommunalpolitischen Arbeit engagierte Brauer sich vor allem in der Frage der Versorgung der Bevölkerung, die in den Kriegsjahren zu einem immer drängenderen Problem wurde.Angaben zu Brauers beruflicher und politischer Laufbahn bis zum Ende des Ersten Weltkrieges sowie zur Familiengründung bei Axel Schildt: Max Brauer, S. 16–19.

Die Jahre der Weimarer Republik Magistratsmitglied und Zweiter Bürgermeister Wie in Hamburg war auch in Altona die Novemberrevolution geprägt vom gemäßigten Auftreten der Mehrheitssozialdemokratie (MSPD). Die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) hatte hier nur anfangs Einfluss; die sich gerade erst formierende Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) trat kaum in Erscheinung. Am 11. November 1918 rückte Brauer mit drei anderen Sozialdemokraten in den elf-, später zwölfköpfigen Magistrat der Stadt ein. Die Verwaltung arbeitete in Altona weiter, auch blieb Oberbürgermeister Bernhard Schnackenburg im Amt. Die Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung vom 2. März 1919 brachten der MSPD die absolute Mehrheit der Stimmen (54 Prozent). Sie übernahm jedoch nicht die alleinige Regierungsverantwortung, sondern ging ein Bündnis mit den kompromissorientierten Kräften des Bürgertums ein, die gut ein Fünftel der Wähler ausmachten und in der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) organisiert waren.

Als im Spätsommer 1919 die Wahl des Zweiten Bürgermeisters von Altona anstand, entschied Brauer die Abstimmung für sich. In diesem Amt war er für die Lebensmittelversorgung zuständig. Ferner hatte er die kommunalen Versorgungsbetriebe (Gas, Wasser, Strom) zu koordinieren. Auch die Demobilisierung fiel in seinen Aufgabenkreis. Seit 1920 besorgte er zudem die Obliegenheiten des Stadtkämmerers und wurde damit der entscheidende Mann in Haushaltsangelegenheiten.

Brauer repräsentierte Altona in mehrfacher Weise. Zum einen war Schnackenburg häufig abwesend, sodass Brauer zum ersten Ansprechpartner vor Ort wurde. Zum anderen war er Altonas Vertreter im schleswig-holsteinischen Provinzialausschuss und im von Konrad Adenauer geleiteten preußischen Staatsrat.

Brauer war ein dezidierter Republikaner. Auf den Kapp-Putsch im März 1920 reagierte er ohne Zögern. Schnackenburg war nicht in Altona anwesend, Brauer rief als sein Stellvertreter sofort zum Generalstreik gegen die Putschisten auf. Die örtlichen Gewerkschaften, eigentlich für Streikfragen zuständig, reagierten mit einem solchen Appell erst drei Stunden später. Der Zweite Bürgermeister ließ das von den Putschisten besetzte Altonaer Rathaus von republiktreuen Verbänden umzingeln und erzwang so den Abzug der republikfeindlichen Einheiten.

In den Jahren bis 1924 bewährte sich Max Brauer vor allem als Krisenmanager angesichts der Hyperinflation. Auf seinen Entschluss hin waren in Altona neben dem üblichen Notgeld auch Viertel-Dollar-Noten im Umlauf. Sie sollten Geldwertstabilität in Zeiten der grassierenden Geldentwertung sicherstellen. Gedeckt wurden diese Noten durch Feingold. Die Stadt bürgte mit ihrem Grundbesitz für die Konvertibilität. Brauer setzte sich mit dieser Idee gegen skeptische Stimmen aus Hamburg durch, die vor diesem Verfahren eindringlich warnten. Überdies erhielten die Bediensteten der Stadt ihren Lohn in Gasmarken ausgezahlt, mit denen die in vielen Wohnungen installierten Gasautomaten betrieben wurden.Zu Brauers Stellung und Politik als Zweiter Bürgermeister Altonas siehe Axel Schildt: Max Brauer, S. 22–24.

Oberbürgermeister Altonas Nach dem plötzlichen Tod Schnackenburgs 1924 folgte ihm Max Brauer im Amt des Oberbürgermeisters nach. Bei der Magistratswahl erhielt er eine ausreichend große Mehrheit. Allerdings gab es in konservativen und nationalen Kreisen des Bürgertums massive Widerstände gegen einen Sozialdemokraten im Oberbürgermeisteramt. Diese Widerstände waren nicht auf das rechtsradikale Lager beschränkt, sondern wurden von wichtigen Honoratioren Altonas mitgetragen. Dies zeigte die fragile Verbindung von SPD und Bürgertum. In den Stadtverordnetenwahlen von Anfang 1924 büßte die SPD erheblich an Stimmen ein. Ihr Anteil fiel von 54 auf 33 Prozent. Die DDP kam nur noch auf 9 Prozent. Am rechten und linken Rand des politischen Spektrums war dagegen eine obstruktionswillige Opposition herangewachsen, der nun der Einzug in das Kommunalparlament gelang.Zur Wahl Brauers, den Widerständen gegen sie und zu den Stadtverordnetenwahlen von 1924 siehe Axel Schildt: Max Brauer, S. 25 f.