Gittersdorf ist ein Ortsteil der Gemeinde Neuenstein im osthessischen Landkreis Hersfeld-Rotenburg. Der Ort liegt im Knüllgebirge am Lauf des Geisbachs.
Geschichte Urgeschichte bis zur Neuzeit Bronzezeitliche Funde von Lanzenspitzen bei Gittersdorf weisen auf eine durchgängige Besiedelung des Ortes hin.Gernot Jacob-Friesen: Bronzezeitliche Lanzenspitzen Norddeutschlands und Skandinaviens. August Lax, Hildesheim 1967, S. 358. Etwas südlich des Ortes an der Stellerskuppe liegt der schon 1464 als Wüstung erwähnte Ort Reidemanns, erstmals urkundlich erwähnt 1183.Otto Dobenecker (Hrsg.): Regesta diplomatica necnon epistolaria historiae Thuringiae, (2. Band), Nr. 653. G. Fischer, Jena 1900.
Im Jahre 1343 wird Gittersdorf erstmals als Villa Gutwinsdorf erwähnt. Abt Reinhard von Hersfeld kaufte das Dorf im Jahre 1391 zur Hälfte von Ritter Eberhard von Milnrode mit allem Zubehör und allen Einnahmen für sechzig Goldgulden. Der Restkaufpreis wurde von mehreren namentlich in der Verkaufsurkunde genannten Besitzern des Dorfs aufgebracht.Das zweite Siegel ist von Eberhards Sohn Gopel. Verkaufsurkunde vom 27.02.1391, Hessisches Staatsarchiv Marburg (HStAM Bestand Urk. 56 Nr. 632) 1415 verpfändete Gottfried von Milnrode dem Abt Hermann von Hersfeld das ganze Dorf Gutwinsdorff.Elisabeth Ziegler: Das Territorium der Reichsabtei Hersfeld von seinen Anfängen bis 1821. In: Edmund E. Stengel (Hrsg.): Schriften des Hessischen Landesamtes für geschichtliche Landeskunde (7. Band). N.G. Elwert’sche Buchhandlung, Marburg 1939, S. 101 (online). Danach nannte man den Ort ab 1456 Guthernsdorf. Im Hersfelder Mannbuch von 1487 wurde er als Guttersdorff registriert.Hersfelder Mannbuch 1482-1492. Hessisches Staatsarchiv Marburg (HStAM, L, 31) Folio 83 Zeile 3 (online). Reinhard von Boyneburg der Ältere wurde kraft Urkunde vom 16. Oktober 1532 von Abt Crato I. von Hersfeld mit einem Gut in Guttersdorf belehnt.Urkunde der Belehnung vom 15.10.1532, Hessisches Staatsarchiv Marburg (HStAM Bestand Urk. 56 Nr. 1453). Spätestens im Jahre 1639 erhielt der Ort dann seinen heutigen Ortsnamen.Verzeichnis der Hausgesessenen im Amt Geisa: Obergeis, Untergeis, Gittersdorf, Aua und Biedebach (1639), Hessisches Staatsarchiv Marburg (HStAM Bestand 17 I. Nr. 1923).
Neuzeit Im Siebenjährigen Krieg wurde Gittersdorf Schauplatz von Truppenbewegungen. Im Juli 1762 stand der französische General Stainville bei Gittersdorf und Untergeis im Lager mit einem Detachement der französischen Hauptarmee.Oberst Wilhelm Beß: Aus dem Tagebuch eines Veteranen des siebenjährigen Krieges, Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde, Bd. 2, Kap. VI, S. 234–236, Kassel 1869, Kommissionsverlag August Freyschmidt. General von Luckner bekam den Befehl, dieses Lager im Geistal anzugreifen. Die aus Ersrode über Obergeis entsandten Spähtrupps fanden das Lager geräumt vor, da Stainville kurz vorher nach Hersfeld verlegt hatte, und stießen erst bei Allmershausen auf französische Husaren. General von Freytag zog einige Tage später durch Gittersdorf.
Im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg dienten drei Gittersdorfer auf Seiten der britischen Kolonialmacht in hessischen Grenadierbataillonen als Teil des Soldatenhandels unter Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel. Im April 1776 am Gesteufer in Bremerlehe eingeschifft, nahmen sie im selben Jahr an den verlustreichen Gefechten am Brandywine Creek, bei Germantown und Redbank teil. Unter dem Kommando von Karl Emil von Donop scheiterte der Sturm von Fort Mercer durch die Hessen, bei dem Donop selbst tödlich verwundet wurde. Bis Mai 1778 waren zwei der drei Gittersdorfer umgekommen: Johannes Hast, Fourier (*ca. 1746 †März 1777) und Johannes Krause, Gemeiner (*ca. 1755 †Mai 1778). Nur Johann Jost Schmidt (*ca. 1750) wurde 1780 nach Europa zurückgeschickt.
Infolge der Massenmigration als Folge der Industrialisierung wanderten etwa 50 Gittersdorfer zwischen 1847 und 1861 nach Amerika aus. Zahlreiche Gesuche um Reisepässe, oft verbunden mit der Bitte, aus dem „kurhessischen Unterthanenverbande“ entlassen zu werden, sind erhalten.Vgl. etwa Wochenblatt für die Provinz Fulda, Nr. 70, Ausgabe vom 1. September 1866, S. 799 online
Erster Weltkrieg bis heute mini|Kriegerdenkmal der im 1. Weltkrieg gefallenen Gittersdorfer
In beiden Weltkriegen hatten nahezu alle Gittersdorfer Familien Gefallene zu beklagen. Im Ersten Weltkrieg dienten mehrere Gittersdorfer im Reserve-Infanterie-Regt. Nr. 205, das unter anderem in den Stellungskämpfen um La Bassée nördlich von Arras eingesetzt wurde.Friedrich Appel: Das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 205 im Weltkrieg, Deutsche Taten im Weltkrieg, Bd. 82, Frankfurt/M. 1937, Verlag Bernard & Graefe. Nach dem Krieg wurde auf der gegenüberliegenden Seite des Ortseingangs ein Kriegerdenkmal errichtet. Es erinnert mit den Namensinschriften an die Gittersdorfer Gefallenen des Ersten Weltkriegs.
Zwischen den beiden Weltkriegen richteten Gittersdorfer Schützen in einer Schlucht oberhalb des Kriegerdenkmals einen Kleinkaliberschützenstand ein, dessen Geschossfang heute noch erkennbar ist.
Im Zuge der Gebietsreform in Hessen fusionierten zum 31. Dezember 1971 die bis dahin selbständigen Gemeinden Aua, Gittersdorf, Mühlbach, Raboldshausen, Saasen, Salzberg, Obergeis und Untergeis freiwillig zur neuen Gemeinde Neuenstein. Für die ehemaligen Gemeinden wurde je ein Ortsbezirk mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung eingerichtet.
Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen Gittersdorf angehört(e):
1567–1806: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Kassel, Fürstentum Hersfeld, Amt Obergeis 1807–1813: Königreich Westphalen, Departement der Werra, Distrikt Hersfeld, Kanton Obergeis ab 1815: Kurfürstentum Hessen, Fürstentum Hersfeld, Amt Obergeis ab 1821/22: Kurfürstentum Hessen, Provinz Fulda, Kreis HersfeldVerordnung vom 30sten August 1821, die neue Gebiets-Eintheilung betreffend, Anlage: Übersicht der neuen Abtheilung des Kurfürstenthums Hessen nach Provinzen, Kreisen und Gerichtsbezirken. Sammlung von Gesetzen etc. für die kurhessischen Staaten. Jahr 1821 – Nr. XV. – August. (kurhess GS 1821) S. 75. Trennung von Justiz (Landgericht Hersfeld) und Verwaltung ab 1848: Kurfürstentum Hessen, Bezirk Hersfeld ab 1851: Kurfürstentum Hessen, Provinz Fulda, Kreis Hersfeld ab 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Hersfeld ab 1871: Deutsches Reich, Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Hersfeld ab 1918: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Rotenburg ab 1944: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Kurhessen, Landkreis Hersfeld ab 1945: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Groß-Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Hersfeld ab 1946: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Hersfeld ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Hersfeld ab 1972: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Hersfeld-Rotenburg, Gemeinde NeuensteinAm 31. Dezember 1971 als Ortsbezirk zur Gemeinde Neuenstein.
Bevölkerung Einwohnerstruktur 2011 Nach den Erhebungen des Zensus 2011 lebten am Stichtag, dem 9. Mai 2011, in Gittersdorf 369 Einwohner. Darunter waren 6 (1,6 %) Ausländer. Nach dem Lebensalter waren 48 Einwohner unter 18 Jahren, 159 zwischen 18 und 49, 87 zwischen 50 und 64 und 75 Einwohner waren älter. Die Einwohner lebten in 153 Haushalten. Davon waren 33 Singlehaushalte, 45 Paare ohne Kinder und 63 Paare mit Kindern, sowie 12 Alleinerziehende und keine Wohngemeinschaften. In 24 Haushalten lebten ausschließlich Senioren und in 102 Haushaltungen lebten keine Senioren.
Einwohnerentwicklung Quelle: Historisches Ortslexikon • 1610: 35 Haushaltungen • 1747: 32 Haushaltungen
Historische Religionszugehörigkeit • 1885: 289 evangelische (= 99,66 %), ein katholischer (= 0,34 %) Einwohner • 1961: 340 evangelische (= 89,01 %), 35 katholische (= 9,16 %) Einwohner
Politik Für Gittersdorf besteht ein Ortsbezirk (Gebiete der ehemaligen Gemeinde Mühlbach) mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung. Der Ortsbeirat besteht aus fünf Mitgliedern. Bei den Kommunalwahlen in Hessen 2021 betrug die Wahlbeteiligung zum Ortsbeirat 61,18 %. Alle Mitglieder gehören der „Bürgerliste Gittersdorf“ (GLG) an. Der Ortsbeirat wählte Albert Kempf zum Ortsvorsteher.
Kirche und Kultur Für die unter Denkmalschutz stehenden Kunstdenkmäler des Ortes siehe die Liste der Kulturdenkmäler in Gittersdorf.
Das Alter der Kirche ist unbekannt. Der nach Osten zeigende, teilmassive Rechteckbau verfügt über einen polygonalen Chor mit rundbogigen Fenstern. Über Knaggen kragt das spätmittelalterliche Fachwerkobergeschoss hervor, welches vermutlich als Speicher diente. Seinen Abschluss nach oben findet die Kirche in einem spitzverschieferten hexagonalen Haubendachreiter.Kulturdenkmäler in Hessen. Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Bd. II: Landkreis Hersfeld Rotenburg (Ludwigsau bis Wildeck). Braunschweig, Wiesbaden 1996, S. 612 ISBN 3-528-06247-9. Das Patronat wurde vom Nonnenkloster in Aua ausgeübt. Es behielt das Patronat auch nach der Verlegung des Klosters nach Blankenheim bei. Erst um 1620 erhielt Gittersdorf einen von Hersfeld bestellten Pfarrer. 1775 wurde das nahe der Kirche gelegene Pfarrhaus errichtet, dessen Vorgängerbau vor der Nutzung als Pfarrhaus als Beamtenwohnung diente. Um 1835 wurde beschlossen, den Friedhof außerhalb des Ortes zu verlegen.Wilhelm Bach: Kirchenstatistik der evangelischen Kirche im Kurfürstentum Hessen. Kassel 1835, S. 533–535.
Schon vor 1835 verfügte Gittersdorf über eine Dorfschule.Wilhelm Bach: Kirchenstatistik der evangelischen Kirche im Kurfürstentum Hessen., Kassel 1835, S. 534. Nach Schließung der Schule um die Hälfte des 20. Jahrhunderts bildet die Schule mit der Obergeiser Schule nun die Grundschule Neuenstein.
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