Der Parc des Buttes-Chaumont [] ist ein Landschaftsgarten englischen Stils im nordöstlichen 19. Arrondissement von Paris. 1867 zur Weltausstellung unter Napoleon III. eröffnet, zählt der von Jean-Charles Alphand konzipierte jardin public heute mit knapp 25 Hektar zu den großen Parks der Stadt.
Gebaut wurde der Park als Kunstlandschaft auf das steile Gelände eines Steinbruchs am Rande der ehemaligen Müllkippe von Paris. Er integriert die Geschichte seines Ortes in ein Bezugssystem von Technik, Kultur und Naturwahrnehmung und wird deshalb zur Avantgarde der Landschaftsarchitektur seiner Zeit gezählt. Seine Konzeption gilt als paradigmatisch für den Pariser Stadtumbau unter Baron Haussmann. Gartenhistoriker nennen ihn „pittoresque par excellence“.
Name Butte bedeutet im Französischen eine Anhöhe, Chaumont gilt als Kompositum aus französisch chauve (kahl) und mont (Hügel). Der Name kam laut Georges-Eugène Baron Haussmann daher, dass sich die dortigen Böden aus Lehm, festem Mergel und Kalk „absolut jeder Vegetation verweigerten“.
Überliefert ist auch eine zweite mögliche Herkunft des Namens: Bereits knapp einhundert Jahre vor Haussmann wurde die butte auch Saint-Chaumont genannt,Thuillier, Jean Louis: Flore des environs de Paris. Paris 1790, S. 74 (books.google.fr). offenbar nach der Christengemeinde Filles de Saint-Chaumont aus Paris und dem nördlichen Saint-Denis. Ihr Gemeindehaus war das alte Pariser Stadthaus des als Marquis de Saint-Chaumont bekannten Staatsministers Melchior Mitte de Chevrières († 1649) aus Saint-Chamond.Abbé de Fontenai: Le voyageur françois, ou La connoissance de l'ancien et du nouveau monde. Paris 1765–1795, S. 297 (gallica.bnf.fr). Bei der Pariser Stadterweiterung 1860 war die butte namensgebend für das neugegründete 19. Pariser Arrondissement des Buttes-Chaumont.Lazare, Félix: Nomenclature des rues, boulevards, quais, impasses, passages, monuments de la ville de Paris. Paris 1860, S. 6 (gallica.bnf.fr).
Geologie mini|Lage innerhalb von Paris
Die Butte de Chaumont entstand – wie die Butte Montmartre – als Teil eines Lagunensystems während des oberen Paläogens (Priabonium). Vor etwa 35 Millionen Jahren wurde das Pariser Becken mehrfach durch tektonische Verschiebungen vom offenen Nordmeer abgeschnitten. Infolge des warmen Klimas verdampfte ein Großteil des zunehmend salzigen Wassers, das sich in kleine Lagunenareale zurückzog und dort Sedimente aus Gips bildete.
Erneute Meeresingressionen führten zur Bildung von Zwischenschichten aus Mergel, welche die Gipslager entwässerten und komprimierten (Diagenese) und sie vor neuer Lösung in Wasser schützten. Die Butte de Chaumont hat drei Gipslager mit einer Gesamtmächtigkeit von mehr als 25 Metern, wobei das jüngste mit 17 Metern das mächtigste ist. Sie blieben durch eine abschließende Überlagerung mit Ton und Mergel von Erosion im Quartär verschont. Die Pariser Buttes erheben sich heute etwa fünfundsiebzig Meter (Butte de Chaumont) bis einhundert Meter (Butte de Belleville und Butte Montmartre) über das Niveau der Seine (26 m ü. NN)..
Geschichte Die Butte de Chaumont vor 1860 mini|hochkant=1.4|Blick auf Paris von der Butte de Chaumont, 1620
Bis zum Mittelalter war die Anhöhe aufgrund ihrer unfruchtbaren Böden wenig genutzt. Vom 13. bis ins 18. Jahrhundert befand sich an ihrem westlichen Fuße der berüchtigte Galgenberg des Gibet de Montfaucon. Oben am Steilhang standen ab dem 17. Jahrhundert einige Windmühlen, darunter die Moulin de la Folie (Mühle des Wahnsinns) mit Blick auf Paris.Herfray, Jacqueline und Joly, Yves: L’Histoire de Belleville. In: La ville des gens. Nord-Est parisien. des-gens.net (, abgerufen am 28. Februar 2012).
Am Ort des heutigen Parks befanden sich ab der Französischen Revolution eine Müllkippe (Grande Voirie), Abwassergruben (Fossés de la Grande Voirie) und Abdeckereien, deren „verpesteter Dunst“, so Alphand, sich je nach Wind über die ganze Stadt legte. Zwischen neun- und fünfzehntausend Pferde pro Jahr wurden hier abgedeckt, ausgenommen und ihre Kadaver unter freiem Himmel entsorgt. Es gab deswegen zahlreiche Berichte über schwere Rattenplagen bis in die Nachbargemeinden. Mit den Abdeckereien bei Montfaucon begann auch der Verzehr von Pferdefleisch im 18. Jahrhundert. Wenige Meter westlichheute Rue de Meaux / Place du Colonel Fabien des heutigen Parks wurden ab 1781 Tierkämpfe zwischen Stieren und Hundemeuten veranstaltet (Combat de Taureau), die dem heutigen Stadtviertel des Parks (Quartier du Combat) den Namen gaben.Dulaure, Jacques-Antoine: Histoire physique, civile et morale de Paris depuis les premiers temps historiques jusqu’à nos jours. Band 8. Paris 1826, S. 408 (gallica.bnf.fr). Besucher nannten die Gegend um die Butte de Chaumont „wild und scheußlich“.Fontenay, Henri de: Boutades d’un promeneur dans Paris. Paris 1867, S. 102 (gallica.bnf.fr).
Lokal berühmt wurde die Butte de Chaumont auch als Ort des Widerstands gegen die übermächtigen Koalitionstruppen in der Schlacht bei Paris während der Napoleonischen Kriege. Auf der Anhöhe waren Artilleriebatterien stationiert, die den preußischen Truppen bei ihrem Einmarsch in Paris am 30. März 1814 große Verluste zufügten.Joanne, Adolphe Laurent: Paris illustré: Nouveau guide de l’étranger et du Parisien. Paris 1867. S. 293 (books.google.fr). Auch bei den Abwassergruben fanden Gefechte statt.Labédollière, Émile de: Le nouveau Paris: histoire de ses 20 arrondissements. Paris ca. 1860, S. 299 (gallica.bnf.fr). Im Andenken an die mutige Verteidigung wurde die Anhöhe in den folgenden Jahrzehnten vermehrt „heilige“ Butte Saint-Chaumont genannt.unter vielen anderen: P. Cuisin: Jugement dernier de Napoléon Bonaparte. Paris 1815, S. 41 (gallica.bnf.fr).
Bergbau mini|Carrières d’Amérique. Stich von 1863
Obwohl bereits die Römer Gips zum Anstrich der Häuser von Lutetia verwandten,L. Simonin: Les Carriers et les Carrières. In: Paris Guide. Deuxième Partie. Par les principaux écrivains et artistes de la France; introduction par Victor Hugo. Paris 1867, S. 1598 (gallica.bnf.fr). diente die Butte de Chaumont erst seit dem 17. Jahrhundert und zunehmend ab dem späten 18. Jahrhundert als Steinbruch zur Gewinnung von Mergel, Ton und vor allem Gips. Dieser wurde aus bis zu 17 Meter dicken Sedimentschichten gewonnen und aufgrund seiner hohen Güte bis in die USA exportiert. Das Stadtviertel östlich des Parks erbte seinen Namen vom dortigen Steinbruch und heißt noch heute Quartier d’Amérique. Zunächst nur im Tagebau wurde der Gips ab 1810 auch unter Tage aus großen Kavernen und Stollen mit bis zu 61 Metern Tiefe gefördert. Um 1860 waren in den drei Steinbrüchen du Centre, Buttes-Chaumont und d’Amérique etwa 800 Bergleute beschäftigt. Sie förderten rund einhundertfünfzigtausend Kubikmeter Gips pro Jahr auf einer geschätzten Gesamtfläche von knapp einhundert Hektar, wovon sich ein Viertel unter Tage befand.Joanne, Adolphe Laurent: Paris illustré: Nouveau guide de l’étranger et du Parisien. Paris 1867, S. 155. Gipsbrenner verarbeiteten das Mineral vor Ort zu Baugips (plâtre). Die ansässigen Zementfabriken der Kompanien Schacher und Letellier genossen dank der Reinheit ihrer Produkte überregional einen guten Ruf.Joseph Claudel et al.: Pratique de l’art de construire: maçonnerie, terrasse et platrerie. Paris 1870, S. 112 (books.google.fr). Neben Baumaterial war Gips damals gefragt als Werkstoff für Stuckaturen und Kunstplastiken sowie zur Herstellung von Farb- und Polierpulvern.Paul-Robert Takacs: Géologie du Bassin Parisien. In: parisestunjardin.unblog.fr 2010 (parisestunjardin.unblog.fr, abgerufen am 19. Februar 2012). Die letzten Bergstollen an der Butte de Chaumont, die Carrières d’Amérique, wurden in den 1870er Jahren zugeschüttet. Sie mussten der schnell wachsenden Stadt weichen.
Planung und Bau unter Napoleon III. Im Zweiten Kaiserreich unter Napoleon III. wurde das Gebiet 1860 Teil von Paris. 1862 beschloss der Conseil d’État auf Anregung von Baron Haussmann den Erwerb des Steinbruchs Carrière du Centre. Im Jahr darauf wurde er der Betreibergesellschaft für rund 2,5 Millionen Francs abgekauft.Georges-Eugène Haussmann: Mémoires du Baron Haussmann. Grands travaux de Paris. Paris 1890–1893, S. 237 (gallica.bnf.fr). Das steile Gelände galt als untauglich für jegliches Gewerbe und wegen der ausgehöhlten Böden für eine städtische Bebauung als zu gefährlich.André, Édouard François: Les Jardins de Paris. In: Paris Guide. Deuxième Partie. Par les principaux écrivains et artistes de la France; introduction par Victor Hugo. Paris 1867, S. 1213 (gallica.bnf.fr). Im Rahmen des Pariser Stadtumbaus wollte Haussmann das Gelände zu einer promenade public umbauen lassen, um die Wohnqualität in der Umgebung zu verbessern und, so die Stadtverwaltung, das „verruchte Viertel, Nährboden für Diebe, Bohémiens und Landstreicher“ zu „regenerieren“. Die Kosten des Parkes sollten nach seiner Fertigstellung durch einen Verkauf der anliegenden Grundstücke ausgeglichen werden.Georges-Eugène Haussmann: Mémoires du Baron Haussmann. Grands travaux de Paris. Paris 1890–1893, S. 235 (gallica.bnf.fr). 1863 war geplant, den Park mit Prachtstraßen (voies de luxe) zu umgeben, um den Grundstein für ein neues Luxusquartier zu legen.Darcel, Jean: Présentation devant le Conseil Municipal, 25 juin 1863. Archives de Paris VONC 291. Zitiert nach Hamon, Francoise: Les Buttes-Chaumont. In: Texier, Simon (Hrsg.): Les Parcs et Jardins dans l’Urbanisme Parisien. XIXe – XXe siècles. Paris 2001, S. 100.
mini|Jean-Charles Alphand, Porträt von Alfred Philippe Roll (1889)
Mit der Konzeption betraute Haussmann den Ingenieur und Stadtplaner Jean-Charles Alphand, der bereits den Bois de Boulogne und den Parc Monceau gestaltet hatte. Unterstützt wurde Alphand vom Landschaftsgärtner und Jardinier en chef de la ville Jean-Pierre Barillet-Deschamps, den Ingenieuren Jean Darcel für die Felskonstruktionen und Eugène Belgrand für den Wasserbau sowie dem Generalinspektor der Pariser Architekten Gabriel Davioud, der die Bauwerke entwarf.Le Chatelier, Luc: Jean-Pierre Barillet-Deschamps, le jardinier des Buttes-Chaumont. In: telerama.fr 27. Juli 2011 (telerama.fr, abgerufen am 5. Februar 2012). Hauptakteur bei der Durchführung der Pläne war der Jardinier principal von Paris Édouard François André.Hamon, Francoise: Historique du Parc des Buttes-Chaumont. In: Grunig-Tribel [Architectes] (Hrsg.): Concours pour la réhabilitation du parc des Buttes-Chaumont. Paris 2001. S. 8 (online (PDF; 378 kB), abgerufen am 24. Februar 2012).
In den drei Jahren Bauzeit von 1864 bis 1867 wurden gewaltige Erdmassen bewegt und buchstäblich Berge versetzt. Bis heute werden die Arbeiten als „travaux titanesques“, als übermenschliches Werk bezeichnet. Rund eintausend Arbeiter, etwa einhundert Pferde sowie zwei Dampfmaschinen waren im Einsatz. Sie bewegten rund eine Million Kubikmeter Erde und Mutterboden mit hunderten Loren einer eigens konstruierten Eisenbahn. Auch das gerade erfundene Dynamit soll für Sprengungen benutzt worden sein. Bei einem großen Erdrutsch gingen sechzig- bis achtzigtausend Kubikmeter Erde zu Tal, die Baupläne mussten daraufhin geändert werden.André, Édouard François: L’Art des jardins. Traité général de la composition des parcs et jardins. Paris 1879, S. 418. Allein die groben Erdarbeiten dauerten ein Jahr: Im Süden des Parks wurde ein bestehender Hügel (Belvédère du Sud) aufgeschüttet und um zehn Meter erhöht. Die vom Bergbau zerfurchten Hänge wurden gleichmäßig ausgeformt; nur in den zentralen Felsen ließ Alphand nahezu senkrechte Wände schneiden und mit einem großen Durchbruch die Felsinsel Île du Belvédère entstehen. Anschließend wurde zwei Jahre an den Straßen und der Aufschüttung des Geländes mit Humus gearbeitet. Gleichzeitig begannen ab Ende 1865 die Pflanzungen.Alphand, Jean-Charles: Les Promenades de Paris. Paris 1867–1873, S. 203, sowie Bildtafel: Plan des courbes de niveau du parc des Buttes-Chaumont.