mini|hochkant|Reinhard Gehlen, 1943 Reinhard Gehlen (* 3. April 1902 in Erfurt; † 8. Juni 1979 in Berg am Starnberger See) war ein Generalmajor der Wehrmacht. Er war Leiter der Abteilung Fremde Heere Ost (FHO), ab 1947 Leiter der nach ihm benannten Organisation Gehlen sowie von 1956 bis 1968 erster Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND).

Leben Herkunft Gehlen wurde als Sohn einer bürgerlichen Familie in Erfurt geboren und wuchs in Breslau auf. Sein Vater Walther (1871–1943) war Major a. D. der Artillerietruppe des Deutschen Kaiserreichs, ab 1908 Buchhändler und zuletzt Direktor des Verlages Ferdinand Hirt in Breslau, dessen Leitung er von seinem Bruder Max Gehlen (1868–1931) übernommen hatte.Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche who’s who. XV. Ausgabe von Degeners wer ist’s?, Berlin 1967, S. 528. Seine Mutter Katharina von Vaernewyck (1878–1922) stammte aus Flandern. Reinhard war der zweite Sohn der Familie Gehlen. Ihm folgten noch sein Bruder Walther (* 1905) und die Schwester Barbara (* 1912). Der älteste Bruder war Johannes (1901–1986). Sein Cousin war der Soziologe Arnold Gehlen. Rolf-Dieter Müller: Reinhard Gehlen. Geheimdienstchef im Hintergrund der Bonner Republik. 2 Bände. Teil 1: 1902–1950. Teil 2: 1950–1979 Ch. Links, Berlin 2017, ISBN 978-3-86153-966-7, S. 22ff.

Militärischer Werdegang Reichswehr Beförderungen 1. Dezember 1923 Leutnant 1. Februar 1928 Oberleutnant 1. Mai 1934 Hauptmann Nur wenige Jahre lebte er in Erfurt. Durch den beruflichen Wechsel des Vaters bedingt, besuchte Reinhard Gehlen die Schule in Breslau. Nach dem Abitur am humanistischen König-Wilhelms-Gymnasium zu Breslau trat er am 20. April 1920 als Offizieranwärter in das 6. leichte Artillerieregiment der Reichswehr in Schweidnitz ein. Im Oktober des gleichen Jahres wurde er in das Artillerie-Regiment 3 versetzt. Von September 1926 bis Oktober 1928 wurde er aufgrund seiner Fähigkeiten als Bereiter an die Kavallerieschule Hannover versetzt und schloss diese mit dem Dienstgrad eines Oberleutnants ab. Von November 1928 bis März 1929 wurde er in den Stab V. (reit.)/Artillerieregiment 3 versetzt. Von April 1929 bis September 1933 war er Bataillonsadjutant der 1./Artillerieregiment 3; im Oktober wurde er in die 14./Artillerieregiment 3 versetzt.

Wehrmacht Allgemein Von Oktober 1933 bis Juli 1935 war er zur Verwendung beim Chef der Heeresleitung, General der Infanterie Kurt von Hammerstein-Equord, und kommandiert zu den geheimen Generalstabs-Lehrgängen. Im Mai 1935 wurde er zur Kriegsakademie kommandiert. Von Juli 1935 bis Juli 1936 war er Adjutant beim Oberquartiermeister I im Generalstab des Heeres im Reichskriegsministerium in Berlin. Im Juli 1936 erfolgte die Versetzung in die I. Abteilung und im Juli 1937 in die 10. Abteilung des Generalstabs des Heeres. Er unterstand zu dieser Zeit Generalmajor Erich von Manstein.

Von November 1938 bis August 1939 war er Batteriechef (Feldhaubitzen) der 8./Artillerieregiment 18 in Liegnitz. Am 20. August 1939 wurde er Erster Generalstabsoffizier (Ia) der 213. Infanterie-Division und nahm am Überfall auf Polen teil. Vom 15. Oktober 1939 bis 5. Mai 1940 war er als Gruppenleiter für die Landesbefestigungen im Generalstab des Heeres zuständig. Von Mai bis Juni 1940 war er Verbindungsoffizier des Oberkommandos des Heeres zur 16. Armee sowie zu den Panzergruppen Hoth und Guderian. Am 13. Juni 1940 wurde er 1. Adjutant von Generalstabschef Franz Halder. Vom 7. Oktober 1940 bis 30. April 1942 war er Leiter der Gruppe Ost der Operationsabteilung des Generalstabes des Heeres, die von Oberst i. G. Adolf Heusinger (nachmaliger Generalinspekteur der Bundeswehr) geleitet wurde.

Gehlen war an den Vorbereitungen für das Unternehmen Barbarossa, den Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941, beteiligt; er war insbesondere für die Planungen Transport und Reserve-Nachführung zuständig.

Nach den Rückschlägen an der Ostfront im Winter 1941/42 (Schlacht um Moskau) suchte der Generalstab nach einer neuen Führung für seinen Feindlagedienst im Oberkommando der Wehrmacht.

Obwohl Gehlen sich nie mit nachrichtendienstlicher Arbeit beschäftigt hatte, keine Fremdsprache sprach und keine Kenntnisse über die Sowjetunion vorweisen konnte, wurde er am 1. Mai 1942 zum Chef der Abteilung Fremde Heere Ost ernannt und war somit auch Chef der Aufklärung Ost und vor allem deren Auswertung. Anfangs war er auch noch für Skandinavien, Südeuropa sowie die Luftrüstung der USA zuständig.

Abteilung Fremde Heere Ost Beförderungen 1. Juni 1938 Major i. G. 1. Juli 1941 Oberstleutnant i. G. 1. Juli 1942 Oberst i. G. 1. Dezember 1944 Generalmajor Zügig baute Gehlen seine Dienststelle um, die ursprünglich Informationen des Leiters der Abwehr Admiral Wilhelm Canaris bewertete. Sie konnte, ohne andere Dienststellen einbeziehen zu müssen, Nachrichten integriert auswerten. Gehlen bekam Informationen auch durch Befragungen von Kriegsgefangenen. Gehlen setzte Heinz Herre für die Auswertung, Gerhard Wessel für die Aufklärung der Roten Armee und Hermann Baun für das Agentennetz im Feindgebiet vor der Front ein. Diese drei wurden nach dem Krieg in die Organisation Gehlen übernommen.

Nach der Niederlage von Stalingrad im Winter 1942/1943 arbeitete Gehlen mit dem Auslandsnachrichtendienst der SS, dem Amt VI beim Reichssicherheitshauptamt, unter der Leitung von Walter Schellenberg zusammen. Beide wollten mit sowjetischen Kriegsgefangenen, Überläufern und Antikommunisten 1943 in der Sowjetunion eine Truppe unter General Wlassow als Komitee zur Befreiung der Völker Russlands neben den Kampfverbänden auch zur Aufklärung aufbauen. Eingebunden in diesen Wechsel der strategisch-operativen Aufklärung von der Abwehr hin zur SS war – nach Übernahme der Jagdverbände von der Division Brandenburg – deren neuer Kommandeur Otto Skorzeny.

Bei der Aufklärung der sowjetischen Kräfte im Bereich der Heeresgruppe Mitte blieben seit Beginn 1944 die 6. Garde-Armee und die 5. Garde-Panzer-Armee bis zum Beginn der sowjetischen Operation Bagration unerkannt, für deren Auswertung und Lagefeststellung sowie Lagebeurteilung die Abteilung Fremde Heere Ost unter Gehlen zuständig war.

Gehlen schlug noch die „Aktion Werwolf“, einen Widerstand aus Erddepots, vor. Bis heute liegen nur einige wissenschaftlich fundierte Analysen über die Arbeit von Fremde Heere Ost vor.Als Beispiel aus jetziger Zeit sei genannt: Magnus Pahl: Fremde Heere Ost. Hitlers militärische Feindaufklärung. Ch. Links Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-86153-694-9 (zugleich Dissertation an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg 2011)

Fehleinschätzungen als Chef der Abteilung Fremde Heere Ost Gehlens Tätigkeit als Chef der Abteilung Fremde Heere Ost war durch eine Reihe von Fehleinschätzungen geprägt, beginnend mit der nicht prognostizierten Offensive der Roten Armee bei Stalingrad über das Nichterkennen des Ausmaßes der Überlegenheit an sowjetischen Panzern bei der Kursker Schlacht 1943 bis hin zur Einschätzung der gegnerischen Sommeroffensive 1944, die zur Zerschlagung der Heeresgruppe Mitte führte. All diese Ereignisse konnte Gehlen nicht annähernd richtig einschätzen. Sein Biograf Rolf-Dieter Müller, langjähriger wissenschaftlicher Direktor am Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr und einer der Vorsitzenden der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes, betont: „Problematisch blieben auch die taktisch-operativen Prognosen, die Gehlens persönliche Spezialität gewesen sind.“Rolf-Dieter Müller: Reinhard Gehlen. Geheimdienstchef im Hintergrund der Bonner Republik. Die Biografie. 2 Bände. Teil 1: 1902–1950. Ch. Links, Berlin 2017, S. 412.

So vertrat Gehlen schon vor der sowjetischen Gegenoffensive bei Stalingrad die Auffassung, dass sich die Kräfte der Roten Armee bald erschöpfen würden.Dieter Müller: Reinhard Gehlen. Geheimdienstchef im Hintergrund der Bonner Republik. Die Biografie, S. 250. Gleichwohl verstand er es schon früh, durch die Art und Weise seiner Darstellungen sich den „Nimbus überlegenen Wissens“ zuzulegen.Dieter Müller: Reinhard Gehlen. Geheimdienstchef im Hintergrund der Bonner Republik. Die Biografie. Teil 1, S. 239.

Politisch-ideologisches Selbstverständnis Zu Gehlens politisch-ideologischen Einstellungen, die seiner Arbeit als Leiter der Abteilung Fremde Heere Ost zugrunde lagen, zeichnet sein Biograf Rolf-Dieter Müller das Bild eines stramm nationalkonservativen, antibolschewistischen Generalstabsoffiziers, der sich vom engen Korsett der antidemokratischen Normen und Werte der deutschen Militärelite nicht eingeengt fühlte, sondern sich damit identifizierte. Er sei Anhänger eines autoritären Machtstaates, aber kein direkter Nazi gewesen und auch nicht durch eigene antisemitische Propaganda aufgefallen, wohl aber über die Verbrechen an den Juden, sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilisten nicht nur gut informiert, sondern in sie verstrickt gewesen.Dieter Müller: Reinhard Gehlen. Geheimdienstchef im Hintergrund der Bonner Republik. Die Biografie. Teil 1, S. 412f.

So wurde etwa Winniza, die Schaltzentrale des Oberkommandos des Heeres für die Sommeroffensive 1942 vorher „judenfrei gemordet“. Gehlen wusste Bescheid, ignorierte aber diese Verbrechen.Dieter Müller: Reinhard Gehlen. Geheimdienstchef im Hintergrund der Bonner Republik. Die Biografie. Teil 1, S. 251f.; siehe auch das Resümee Müllers in Teil 2 seiner Gehlen-Biografie, S. 1318–1324.

Kriegsende und -gefangenschaft Ab Oktober 1944 plante Gehlen für die Zeit nach dem Krieg. Dafür entwickelte er eine Hypothese, die sich später als richtig erwies: „Die Westmächte werden sich gegen den Verbündeten Russland wenden. Dabei werden sie mich, meine Mitarbeiter und meine kopierten Dokumente im Kampf gegen eine kommunistische Expansion benötigen, weil sie selbst keine Agenten dort besitzen.“

mini|Reinhard Gehlen, 1945 (vom United States Army Signal Corps angefertigte Fotos aus Gehlens Kriegsgefangenenakte)

Anfang März 1945, rechtzeitig vor Kriegsende, ließ Gehlen die gesamten nachrichtendienstlichen Materialien von wenigen handverlesenen Mitarbeitern auf Mikrofilm vervielfältigen und, in wasserdichten Fässern verpackt, verteilt auf mehrere Bergwiesen, in den österreichischen Alpen vergraben.Christopher Simpson: Blowback. America's recruitment of nazis and its effect on Cold War. Collier Books, New York NY 1989, ISBN 0-02-044995-X, S. 41.

Vorher hatte Gehlen seine Familie von Liegnitz über Naumburg in den Bayerischen Wald geschickt, damit sie nicht der Roten Armee in die Hände fiel. Mit seinen Mitarbeitern Wessel und Baun schloss er den „Pakt von Bad Elster“. Sie verabredeten eine geordnete Übergabe an die Amerikaner.

Am 9. April 1945 hatte Hitler Gehlen entlassen; Gerhard Wessel wurde, wie später 1968 beim BND, sein Nachfolger. Schließlich verließ Gehlen am 28. April das Hauptquartier der Wehrmacht in Bad Reichenhall, versteckte sich auf der Elendsalm bei Miesbach und stellte sich zusammen mit sechs Offizieren in Fischhausen am Schliersee am 22. Mai 1945 Soldaten der 7. US-Armee.

Gehlen musste erreichen, dass er für seine Handlungen an der Ostfront nicht, wie zwischen den Alliierten verabredet, an die Sowjetunion ausgeliefert wurde. Deshalb versuchte Gehlen, den ihn vernehmenden Amerikanern die Bedeutung seiner Person für die Nachkriegszeit zu verdeutlichen. Doch er stieß bei ihnen zunächst nur auf wenig Interesse. Über Wörgl und Salzburg gelangte er zur Vernehmung in die Villa Pagenstecher in Wiesbaden. Dort wurde er von General Edwin L. Sibert (1897–1977) vernommen. Im Gespräch stellte sich heraus, dass beide sehr ähnliche Visionen über die Rolle der Amerikaner in der Zukunft hatten. Die von Gehlen versteckten Dokumentenkisten wurden ausgegraben und ins document center nach Höchst gebracht. Captain Boker sammelte wichtige Mitstreiter Gehlens ein und entzog sie einer Inhaftierung.