Toruń [] (), , ist neben Bydgoszcz (Bromberg) eine der beiden Hauptstädte der Woiwodschaft Kujawien-Pommern in Polen. Die an der Weichsel gelegene kreisfreie Stadt mit rund 195.000 Einwohnern (Stand 2024) ist Sitz des Woiwodschaftsparlaments (Sejmik), des Woiwodschaftsmarschalls und der regionalen Selbstverwaltungsbehörde, der Universität Toruń sowie des römisch-katholischen Bistums Toruń.
Die Stadt war eine der ältesten des Kulmerlands. Aufgrund ihrer Lage und Geschichte entwickelte sie sich zum Schmelztiegel zwischen deutscher und polnischer Kultur. Ihr bekanntester Sohn ist Nikolaus Kopernikus. Das Stadtbild ist durch Backsteingotik geprägt; die mittelalterliche Altstadt zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Geographische Lage mini|Blick auf Toruń von der Weichselbrücke Die Stadt liegt im Kulmerland im breiten Flusstal der schiffbaren Weichsel, 45 Kilometer südöstlich von Bydgoszcz (Bromberg), 57 km südlich von Grudziądz (Graudenz) und 39 Kilometer südlich von Chełmno (Kulm, Culm). Sie ist umgeben von ausgedehnten Waldgebieten, die besonders im Südwesten geschlossen sind.
Das Stadtgebiet beträgt mit zugehörigen Stadtteilen und eingemeindeten Ortschaften 115 km² zu beiden Seiten des Flusses. Von Norden nach Süden dehnt sie sich auf 12,7 km und von West nach Ost auf 17,5 km aus.
Geschichte mini|Hauptsiegel der Altstadt Thorn aus dem 13./14. Jahrhundert. Es zeigt die Mutter Jesu, die Schutzherrin des Deutschen Ordens, unter einem von zwei Türmen flankierten Torbogen auf einem Thron sitzend, mit der Umschrift SIGILLVM BURGENSIUM IN THORVN.Friedrich August Voßberg: Münzen und Siegel der preußischen Städte Danzig, Elbing, Thorn, so wie der Herzöge von Pomerellen im Mittelalter. Mit vielen Münz- und Siegel.Abbildungen. Berlin 1841, S. 29–30 (books.google.de).
Die ursprüngliche Siedlung In der Zeit vom 9. bis zum 13. Jahrhundert stand an dieser Stelle die ursprüngliche slawische Festung Toruń (Thorn), umgeben von Holz- und Erdwällen, die den Übergang über die Weichsel bewachte. In den Jahren von 966 bis 1220 stand die Siedlung unter der Herrschaft polnischer Piasten im Königreich Polen und später auch im polnisch-piastenpommerschen Danziger Pommern während der Zeit der Teilung des Königreichs Polen in kleinere Teile.
Mittelalter Thorn entstand 1231 als erste Siedlung im Kulmerland unter Verwaltung des Deutschen Ordens. Ursprünglich lag diese im Bereich des späteren Dorfes Alt-Thorn (poln. Stary Toruń, seit dem Ende des 20. Jahrhunderts Stadtteil Starotoruńskie Przedmieście), rund 7,5 km westlich der heutigen Stadt, wurde jedoch aufgrund der permanenten Überschwemmungsgefahr 1236 an den heutigen Standort verlegt. Der Deutsche Orden war vom polnischen Herzog Konrad von Masowien ins Land gerufen worden, um die in der Gegend wohnenden heidnischen baltischen Pruzzen zu christianisieren. Aktiv wurde der Orden aber erst, nachdem Kaiser Friedrich II. ihm 1226 das Herrschaftsrecht über das zu erobernde Land zugesichert hatte. Den Grundstein zu der Stadt Thorn legte 1231 der Landmeister Hermann von Balk. Einwanderer aus Westfalen bevölkerten die Stadt, die am 28. Dezember 1233 mit der Kulmer Handfeste das Stadtrecht erhielt. Thorn und Kulm sind die ältesten Städte des Kulmerlands. Im Jahr 1255 fehlte der Stadt noch eine Stadtmauer.Lotar Weber: Preussen vor 500 Jahren in culturhistorischer, statistischer und militairischer Beziehung nebst Special-Geographie. Bertling, Danzig 1878, S. 389. 1260 wurde die Burg Thorn erbaut. Ihren Namen erhielt die Stadt angeblich nach der Festung und Baronie Toron, einer Kreuzfahrerburg des Deutschen Ordens im Heiligen Land. In alten Dokumenten heißt die Stadt Thoren.
Im 14. Jahrhundert trat Thorn der Hanse bei und gehörte somit wie Elbing, Danzig, Königsberg und Kulm zu den Hansestädten. 1367 trat Thorn der Kölner Konföderation von Hansestädten bei. Das Bestreben des Ordens, gleichzeitig seine Landesherrschaft auszudehnen und den Handel zu kontrollieren, führte zu kriegerischen Konflikten und einer Allianz der deutschen Handelsstädte mit dem Königreich Polen. 1411 wurde der Erste Thorner Frieden zwischen dem polnischen König Władysław II. Jagiełło und dem Deutschen Orden geschlossen. Bei neuen Auseinandersetzungen wurde 1454 die Ordensburg in Thorn vom Preußischen Bund erobert und von seinen Bürgern zerstört.
Nach dem Dreizehnjährigen Städtekrieg wurde am 19. Oktober 1466 der Zweite Thorner Frieden mit dem Deutschen Orden geschlossen. Danach musste der Ordensstaat große Gebiete rund um die untere Weichsel an das autonome Preußen Königlichen Anteils abtreten, das sich freiwillig der Oberhoheit der polnischen Krone unterstellt hatte. Die Städte Thorn, Danzig und Elbing wurden als „Quartierstädte“ des Hansebundes polnisch-preußische Stadtrepubliken mit politischer Vertretung im Sejm.
Thorn als Stadtrepublik in Königlich Preußen in der Krone des Königreichs Polen mini|Lageplan von Thorn an der Weichsel (Matthäus Merian, 1641) mini|Brandtaler von 1629, Vorderseite: Die brennende Stadt Thorn nach der Beschießung und Belagerung durch die Schweden. Als Sohn einer Kaufmannsfamilie wurde 1473 der berühmteste Sohn der Stadt, der spätere Astronom Nikolaus Kopernikus, hier geboren und besuchte die ortsansässige Johannis-Schule, eine Lateinschule.
Zeitweilige Versuche des Hochmeisters Albrecht von Brandenburg-Ansbach, die königlich-polnischen Gebiete Preußens für den Deutschen Orden zurückzuerobern, endeten nach dem erfolglosen Reiterkrieg mit dem Waffenstillstand zu Thorn am 5. April 1521. Auf einer anschließenden Reise nach Süddeutschland fand Albrecht keine Unterstützung für seine bisherigen Pläne und entschloss sich, im Ordensstaat Preußen die Reformation einzuführen und ihn fortan als Herzog zu regieren. Weil er dafür die Unterstützung König Sigismunds I. von Polen, seines Onkels, brauchte, schloss er mit diesem am 8. April 1525 den Vertrag von Krakau, huldigte ihm, wurde von ihm als weltlicher Herzog in Preußen anerkannt und erhielt zudem eine privilegierte Stellung im polnischen Senat.
Im Jahr 1557 nahmen Rat und Bürgerschaft die Reformation an. Die Marienschule wurde 1558 zu einem Gymnasium erhoben.
Auf Veranlassung des polnischen Königs Władysław IV. Wasa wurde 1645 unter dem Vorsitz des polnischen Kanzlers Jerzy Ossoliński das Thorner Religionsgespräch (Colloquium charitativum) zur Verständigung von Katholiken und Protestanten veranstaltet. Daran nahmen unter anderem Georg Calixt und Michael Behm teil. Im späten 17. Jahrhundert war der aus Lyck stammende Christoph Hartknoch, ein bedeutender Historiker der Geschichte des Ordensstaates Preußen und Polen-Litauens, Direktor des 1568 gegründeten Thorner Gymnasiums.
Im 17. Jahrhundert waren nach Schätzung des Historikers Stanisław Salmonowicz die Bewohner der eigentlichen Stadt ganz überwiegend Deutsche. Zusammen mit den Vororten, in denen überwiegend Polen lebten, machte der deutsche Bevölkerungsanteil etwa 50 % aus. Mitglieder einflussreicher lokaler Patrizierfamilien wie Heinrich Stroband und Ernst Lichtfuß gründeten und (ver)pachteten eine Brauerei (inklusive Brennerei und Mühle) in Przysiek (deutsch: Wiesenburg), die zeitweise ein Drittel der Einnahmen der Stadt ausmachte.
mini|Kupferstich von Christoph Hartknoch: Thorn. In: Alt- und neues Preussen, 1684 mini|Karte von Thorn (um 1750) Während des Großen Nordischen Krieges sah sich Thorn vom 26. Mai bis 14. Oktober 1703 einer Belagerung durch die Armee des schwedischen Königs Karl XII. ausgesetzt. Die 6000 Mann zählende Garnison, die aus sächsischen Soldaten Augusts des Starken, des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen, bestand, konnte den Fall der Stadt letztlich nicht verhindern.Tony Jaques: Dictionary of Battles an Sieges: A Guide to 8,500 Battles from Antiquity, S. 1014. Durch den schwedischen Beschuss hatten nicht nur die Befestigungsanlagen der Stadt, sondern auch ihre Häuser schwere Schäden erlitten. Das altstädtische Rathaus war infolge des Beschusses ausgebrannt, ebenso fast die gesamte Westseite des altstädtischen Marktes und weitere Häuser. Zahlreiche andere Gebäude waren zum Teil schwer beschädigt worden. Die Stadtbefestigung wurde nach der Einnahme von den Schweden geschleift. Die Kriegsschäden und die in den Folgejahren mehrmals zu zahlenden Kontributionen ließen die Stadt für lange Zeit verarmen. Überdies wurde Thorn im August und September 1708 von einer Pestepidemie heimgesucht, die bis 1710 andauerte und in der Stadt und ihrer Umgebung rund 4000 Todesopfer forderte.H. Haeser: Historisch-pathologische Untersuchungen. Als Beiträge zur Geschichte der Volkskrankheiten. Band 2, Dresden und Leipzig 1841, S. 330 (books.google.de).Manasse Stöckel; Anmerckungen, welche bei der Pest, die Anno 1709. in Dantzig grassirte, beobachtet. Hamburg 1710, Abschnitt Von der Pest in genere ff.Jacob Heinrich Zernecke: Das verpestete Thorn, oder summarischer Auszug der Pestlilentz-Seuchen, womit nach Gottes Willen die Stadt Thorn von Anfang ihrer Erbauung biß an gegenwärtige Zeiten heimgesuchet ist. Thorn 1710, S. 23–27 (books.google.de).
Bei der Fronleichnamsprozession am 16. Juli 1724, die einen nicht genehmigten Weg nahm, um einen Protest zu provozieren, kam es wie erwartet zu Streitigkeiten zwischen den Jesuitenzöglingen und den Schülern des protestantischen Gymnasiums. Aus diesem Tumult heraus wurde das Jesuitenkloster gestürmt und verwüstet. Die Regierung des polnischen Königs August des Starken führte daraufhin ein Verfahren gegen die Stadt, ließ den Bürgermeister Johann Gottfried Rösner und neun weitere Bürger am 7. Dezember 1724 enthaupten (Thorner Blutgericht) und bestimmte, dass der Magistrat künftig zur Hälfte aus Katholiken bestehen müsse und die Marienkirche den Katholiken zu übergeben sei.
Ende 18. bis 20. Jahrhundert mini|hochkant|Dambski-Palais mini|Stadttheater in Thorn, um 1915 mini|rechts|Gedenkveranstaltung für die ermordeten Menschen in Torun, Okt. 2019 Im Rahmen der zweiten Teilung Polens durch den Vertrag von Sankt Petersburg wurde Thorn 1793 vom Königreich Preußen annektiert. Durch den von Napoleon Bonaparte diktierten Frieden von Tilsit wurde Thorn 1807 vorübergehend dem als Herzogtum Warschau wiederhergestellten Polen zugeschlagen. Aufgrund unvorsichtigen Verhaltens französischer Soldaten, die Schießpulver-Fässer entluden, kam es am 7. August 1807 nach Abschluss des Friedensvertrags an der Weichselbrücke zu einer gewaltigen Explosion, bei der etwa 70 Menschen ums Leben kamen; Schadensersatzforderungen Thorner Bürger wurden von französischer Seite nicht beantwortet.Leopold Prove: Die Pulverexplosion in Thorn i. J. 1807. In: Neue Preußische Provinzial-Blätter. Dritte Folge. Band 10, Königsberg 1865, S. 156–159 (books.google.de).
Am 16. April 1813 kapitulierte die Besatzung Thorns unter dem französischen General Pointcoin nach mehrtägiger Belagerung. 100 französische, 400 polnische und 3500 bayerische Soldaten legten vor den russischen und preußischen Truppen die Waffen nieder; die Stadt hatte unter dem vom 10. bis zum 16. April andauernden Bombardement der Belagerer sehr gelitten. Durch die Wiener Kongressakte von 1815 kam es wiederum an Preußen, das es ab 1818 zur Festung ausbaute. Am 21. Juni 1815 hatte die preußische Regierung Thorn dem westpreußischen Regierungspräsidenten in Marienwerder unterstellt. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts verfügte Thorn über ein Gymnasium mit angeschlossener Realschule.L. Wiese: Das höhere Schulwesen in Preußen. Historisch-statistische Darstellung. Berlin 1864, S. 81 f. (books.google.de).