Die Formosa-Sprachen (auch Formosanische oder Taiwan-Sprachen) gehören zur Austronesischen Sprachfamilie und sind die Sprachen der indigenen Völker Taiwans. Dabei bilden die Formosa-Sprachen nicht eine einzelne Unterfamilie der Austronesischen Sprachen, sondern neun Hauptunterfamilien.R. Blust: Subgrouping, circularity and extinction: some issues in Austronesian comparative linguistics, written at Taipei. In: E. Zeitoun, P.J.K Li: Selected papers from the Eighth International Conference on Austronesian Linguistics, Academia Sinica, 1999 Die von der Republik China auf Taiwan anerkannten Ureinwohner Taiwans machen 2,3 % der Inselbevölkerung aus, wovon aufgrund jahrhundertelanger Sprachwechsel jedoch nur 35 % ihre angestammte Sprache sprechen können.apc.gov.tw: (englisch)
Von den etwa 26 Sprachen der Ureinwohnenden Taiwans sind elf bereits ausgestorben, weitere vier stehen vor dem Aussterben,Elizabeth Zeitoun, Ching-Hua Yu: . In: Computational Linguistics and Chinese Language Processing. Volume 10, No. 2, June 2005, S. 167–200Paul Jen-kuei Li, Shigeru Tsuchida: Kavalan Dictionary «噶瑪蘭語詞典». Institute of Linguistics, Academia Sinica Monograph Series No.A19. Academia Sinica, Taipei 2006 [In press] alle anderen in gewissem Maße bedroht. Die indigenen Sprachen Taiwans haben eine große Bedeutung in der historischen Linguistik, da Taiwan höchstwahrscheinlich der Ursprungsort der gesamten Austronesischen Sprachfamilie ist.
Nach dem Sprachexperten Robert Blust bilden die Formosa-Sprachen neun der zehn Zweige der austronesischen Sprachen, während der zehnte Zweig um die 1.200 nichttaiwanesische malayo-polynesische Sprachen enthält.Jared M. Diamond: . In: Nature, Volume 403, February 2000, S. 709–710 Obwohl einige Linguisten mit der Theorie Blusts nicht übereinstimmen, bleibt der Konsens erhalten, dass die austronesischen Sprachen in Taiwan ihre Herkunft finden.James J. Fox: . Paper prepared for Symposium Austronesia Pascasarjana Linguististik dan Kajian Budaya. Universitas Udayana, Bali 19.–20. August 2004. Diese Theorie wurde durch weitere genetische Bevölkerungsstudien untermauert.JA Trejaut, T Kivisild, JH Loo, CL Lee, CL He et al.: Traces of archaic mitochondrial lineages persist in Austronesian-speaking Formosan populations. (PDF; 476 kB) In: PLoS Biol 3(8), 2005, e247.P. A. Underhill et al.: Maori origins, Y-chromosome haplotypes and implications for human history in the Pacific. Human Mutation, Volume 17, Issue 4, S. 271–280. , PMID 11295824.C. C. Chu et al.: Diversity of HLA among Taiwan’s indigenous tribes and the Ivatans in the Philippines. In: Tissue Antigens, Volume 58, Number 1, July 2001, S. 9–18(10).
Der Name Formosa stammt aus dem 16. Jahrhundert, als erstmals portugiesische Reisende Taiwan entdeckten und als schön, übersetzt formosa bezeichneten.
Vier Ansichten zu den Formosa-Sprachen Unter Linguisten haben sich vier verschiedene Ansichten zu den Formosa-Sprachen gebildet:
Die Formosa-Sprachen als Sprachzweig der „östlichen Sprachen“ Traditionell teilt die Sprachwissenschaft die Sprachfamilie der Südinseln entlang der Wallace-Linie in zwei Zweige: Die östlichen Sprachen der Südinseln () und die westlichen Sprachen der Südinseln (, die alle weiteren Sprachen außer den ozeanischen umfasst). Shigeru Tsuchida betrachtet die Formosa-Sprachfamilie als eng verwandt mit den östlichen Sprachen der Südinseln. Dieser Sprachzweig hat demnach keine spezielle Position.
Die Formosa-Sprachen als „nördliche Sprachfamilie der Südinseln“ André-Georges Haudricourt nennt die Formosa-Sprachen „nördliche Sprachfamilie der Südinseln“ (), da aus seiner Sicht Taiwan zum Malaiischen Archipel gehört, und unterteilt diese in die „taiwanesischen Sprachen der Südinseln“ (), die „östliche Sprachen der Südinseln“ () und die „westlichen Sprachen der Südinseln“ ().
Die Formosa-Sprachen als erster Sprachzweig der „Sprachfamilie der Südinseln“ O. Chr. Dahl betrachtet die Formosa-Sprachen als am nächsten zu den proto-austronesianischen Sprachen zugehörig und ordnet sie als Zweig dieser Sprachen ein. Von dieser Grundlage aus geht Blust einen Schritt weiter und unterteilt die Formosa-Sprachen in vier Unterzweige: Die Tàiyǎ-Sprachen (), die Páiwān-Sprachen (), die Zōu-Sprachen () und die malayo-polynesischen Sprachen. Die Formosa-Sprachen gehörten demnach zu drei klaren Gruppen. Der Rest wäre nicht genau einzuteilen.
Demnach unterteilten einige Linguisten die Formosa-Sprachfamilie in zwei Sprachzweige: Der erste ist die Formosa-Sprachfamilie, der zweite die malayo-polynesischen Sprachen. Diese wurden in der 2004er Ausgabe des Ethnologue: Languages of the World auch detailliert dargestellt. Von den 1262 Sprachen wurden 23 dem Formosa-Sprachzweig zugeordnet, alle anderen 1239 dem malayo-polynesischen Sprachzweig.
Synthese von Blust und Bellwood Immer mehr Linguisten messen der Formosa-Sprachfamilie wachsende Relevanz zu. Forschungen haben ergeben, dass Taiwan einer der Ursprungsorte der austronesischen Sprachen ist, wenn nicht sogar der einzige, wie Blust und Bellwood behaupten. Das einschlägige Buch Ethnologue: Languages of the World (2005b) teilt die Formosa-Sprache in drei Zweige auf: Tàiyǎ-Sprachen (), Páiwān-Sprachen () und Zōu-Sprachen ().
Verwandte Wörter in Formosa-Sprachen und im Indonesischen vier fünf sieben Vater Mutter Auge Aal essen Reis Amis Sepat Lima Pito Wama Wina Mata Toda Komaen Frac Paiwan Sepat Lima Pitu Kama Kina Matca Cula Kuman Fat Tau Apat Yima Pitu Ama Ina Mata Tuna Kuman Indonesisch Empat Lima Tujuh Ayah (bapak ist gebräuchlicher) Ibu Mata Belut Makan Beras
Geschichte Wahrscheinlich bewohnten die indigenen Völker Taiwans die Insel seit bereits über 5.500 Jahren und lange Zeit weitestgehend ungestört und autonom. Ab dem 17. Jahrhundert begann die flächendeckende Unterdrückung der indigenen Kulturen durch diverse Herrschende (Zheng Chenggong, Qing-Dynastie), die Menschen wurden assimiliert oder in die Bergregionen verdrängt.
Unter der Regierung Japans ab 1895 und der darauffolgenden, weitestgehend autoritären Regierung der Kuomintang bis 1990 war das Sprechen der Formosa-Sprachen verboten. Und bis heute werden die Sprachen der 16 von der Regierung anerkannten indigenen Völker weiter stetig vom kulturell dominanten Hochchinesisch verdrängt.
Nach der Jahrtausendwende initiierte die Regierung Taiwans im Rahmen eines Programmes zur Wertschätzung der indigenen Kultur die Wiedereinführung der Muttersprachen in Schulen,Hui-chi Lee: A Survey of Language Ability, Language Use and Language Attitudes of Young Aborigines in Taiwan. In: Charlotte Hoffmann, Jehannes Ytsma (Hrsg.): Trilingualism in Family, School, and Community. Multilingual Matters, Clevedon / Buffalo 2004, ISBN 1-85359-693-0, S. 101–117.Greg. Huteson: Sociolinguistic survey report for the Tona and Maga dialects of the Rukai Language. (PDF; 1,0 MB) SIL Electronic Survey Reports 2003-012, SIL International:Dallas TX 2003 2016 entschuldigte sich die Präsidentin Tsai Ing-Wen für die "Jahrhunderte des Schmerzes und der Misshandlung" bei den indigenen Völkern.
Seitdem führte die Regierung der Republik China ihren neuen Kurs zur Unterstützung der indigenen Sprachen fort: 2017 erklärte sie die formosanischen Sprachen zu Nationalsprachen. Zwei Jahre später wurde ein sieben-stufiger Plan zur Wiederbelebung und Weiterentwicklung aller Nationalsprachen für 2022 bis 2026 angekündigt, um die sprachliche und kulturelle Vielfalt zu beschützen.
Liste der Sprachen 400px|mini|Die vermutete Verbreitung der formosanischen Sprachen vor Beginn der chinesischen Kolonisation im 17. Jahrhundert. Die Einteilung in verschiedene Gruppen variiert.
Oft ist es schwer, eine klare Unterscheidung zwischen Dialekt und Sprache zu finden, was zu Meinungsverschiedenheiten und Unstimmigkeiten unter Expertinnen über die Formosa-Sprachen führt. Es gibt dementsprechend viele Unklarheiten über das Aussterben und die kulturelle Assimilation verschiedener formosanischer Stämme, was linguistische Untersuchungen erschwert. Eine Liste verschiedener Formosa-Sprachen ist unten gegeben, aber aus den gegebenen Gründen nicht als vollständig anzusehen.
Lebende Sprachen Atayal () Bunun (; große Unterschiede in den Dialekten) Amis (; große Unterschiede in den Dialekten, manchmal als verschiedene Sprachen kategorisiert) Kanakanavu (; aussterbend) Kavalan (; in einigen Quellen als aussterbend kategorisiert, in anderen Quellen jedoch als lebende Sprache kategorisiert) Paiwan () Saisiyat () Puyuma () Rukai (; große Unterschiede in den Dialekten) Saaroa (; aussterbend) Seediq (; auch Truku) Tao (auch Yami) Thao (; aussterbend) Tsou ()
Ausgestorbene Sprachen Babuza (; auch ) Basay () Hoanya () Ketagalan () Makatao Pazeh (; 2010 ausgestorben) Popora Siraya () Taivoan Taokas ()
Literatur S. Tsuchida: Kanakanavu texts (Austronesian Formosan). [Endangered Languages of the Pacific Rim], Osaka? 2003. E. Zeitoun: Nominalization in Formosan languages. Institute of Linguistics (Preparatory Office), Academia Sinica, Taipei 2002. O. Chr. Dahl: Proto-Austronesian. Studentlitteratur, Lund 1973. G. L. Mackay: Chinese-Romanized dictionary of the Formosan vernacular. Presbyterian Mission Press, Shanghai 1893. Gilbertus Happart, W. H. Hedhurst: Dictionary of the Favorlang dialect of the Formosan language. Parapattan, Batavia 1840.
Weblinks sinica.edu.tw: () iweb.bsu.edu: (englisch) ecai.org: Indigenous Legacy: The Formosan Languages of Taiwan (englisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Austronesische Sprachen Kategorie:Malayo-polynesische Sprachen