Unter Sozialunternehmertum bzw. sozialem Unternehmertum oder Social Entrepreneurship versteht man eine unternehmerische Tätigkeit, die sich innovativ, pragmatisch und langfristig für die Lösung sozialer Probleme oder allgemeiner: für einen wesentlichen, positiven Wandel einer Gesellschaft (für sog. metaökonomische Oberziele) einsetzen will. Ein Unternehmer, der eine solche Tätigkeit leitet, wird Social Entrepreneur oder Sozialunternehmer genannt.Vgl. den Eintrag in der Gemeinsamen Normdatei: . Gebiete, auf denen sich ein Social Entrepreneur engagiert, sind zum Beispiel Bildung, Umweltschutz, Arbeitsplatzschaffung für Menschen mit Behinderungen, Armutsbekämpfung oder Menschenrechte. Der Profitgedanke steht für Social Entrepreneurs im Hintergrund, weshalb viele dieser Unternehmer in Non-Profit-Organisationen organisiert sind, andere Rechtsformen leiten oder unterstützen.

Gelegentlich wird der Begriff Social Economy als Oberbegriff für Organisationen des Dritten Sektors und marktwirtschaftliche Aktivitäten mit sozialen Zielen verwendet. Er schließt das Sozialunternehmertum ein.Zu den verschiedenen Definitionen vgl. L. M. Salamon, H. K. Anheier: In Search of the Non-Profit Sector I: The Question of Definitions. In: Voluntas. International Journal of Voluntary and Nonprofit Sector Organizations. Band 3, 1992, S. 267–309.

In einigen Ländern lassen sich Sozialunternehmen bzw. Social Entrepreneurs registrieren und erlangen damit einen besonderen Status.Zum Beispiel in Finnland, wenn sie einen bestimmten Anteil von Menschen mit Behinderungen oder Arbeitslose beschäftigen. Ihre steuerliche Behandlung ist international sehr uneinheitlich.

Ein ca. im Jahr 2000 geprägter Oberbegriff sowohl für Social Entrepreneurship als auch für Eco-entrepreneurship ist Sustainable Entrepreneurship oder Sustainability Entrepreneurship, kurz Sustainopreneurship.K. Hockerts: Sustainability Innovations. Ecological and Social Entrepreneurship and the Management of Antagonistic Assets. Dissertation. University St. Gallen, 2003; A. Gerlach: Sustainable entrepreneurship and innovation. Conference Proceedings of Corporate Social Responsibility and Environmental Management, Leeds 2003. Typisch dafür ist die Verflechtung von mehreren, nicht primär auf Profit gerichteten Unternehmenszielen, z. B. von Beschäftigungsförderung, Bildung, Innovation und/oder Umweltschutz. In den letzten Jahren kamen die Cultural Heritage-Aktivitäten dazu, die sich der Erhaltung und Pflege kultureller Denkmäler und Traditionen widmen. Die zunehmend heterogenen Tätigkeitsfelder wie Sport-, Kunst- oder Recyclingprojekten in heterogenen Rechtsformen werden in jüngerer Vergangenheit häufiger mit dem ebenfalls bereits länger existierenden Konzept der Social Economy bezeichnet.Scheuerle, Glänzel, Knust, Then 2013, S. 9.

Die Versuche zur Evaluation der Wirksamkeit des Sozialunternehmens in Form der Ermittlung einer Sozialrendite bzw. des Social Impact sind methodisch noch wenig vereinheitlicht.

Merkmale und Formen Ein Social Entrepreneur wird in der Literatur definiert als ein Unternehmer, der (idealerweise) eine nicht oder bisher nur unzureichend gelöste gesellschaftliche Aufgabe auf innovative Weise zu bewältigen sucht, indem er sozialen Mehrwert produziert (sog. „metaökonomische Oberziele“ anstrebt), die Gewinnerzielung nicht in den Mittelpunkt seiner Aktivitäten stellt und den erzielten Gewinn nicht zu großen Teilen an Investoren ausschüttet, ein leistungsbasiertes Einkommen erzielt (also z. B. nicht von Subventionen lebt), nicht nur die Gewinne aus einem beliebigen Geschäft für die Erreichung der metaökonomischen Oberziele verwendet, für die Erfüllung der selbst gestellten Aufgabe eine geeignete Organisation aufbaut, welche eine nachhaltige Entwicklung für die Gesellschaft anstrebt, demokratische Werte und die Menschenwürde achtet, weitere interessierte Personen zur Mitwirkung, zum ständigen Lernen und Verbessern zu motivieren sucht und die nötigen finanziellen und materiellen Ressourcen akquirieren kann, ohne in Abhängigkeit von einzelnen großen Geldgebern zu geraten, und sich nicht durch limitierte Ressourcen entmutigen lässt.Siehe u. a. J. Gregory Dees: Was bedeutet soziales Unternehmertum? Berlin / Heidelberg / New York 2002, S. 94 ff., T. Scheurle u. a. 2013, S. 7 ff.

Die Europäische Kommission hat im Rahmen ihrer Social Business Initiative Sozialunternehmen wie folgt definiert: „Unternehmen, für die das soziale oder gesellschaftliche gemeinnützige Ziel Sinn und Zweck ihrer Geschäftstätigkeit darstellt, was sich oft in einem hohen Maße an sozialer Innovation äußert, deren Gewinne größtenteils wieder investiert werden, um dieses soziale Ziel zu erreichen und deren Organisationsstruktur oder Eigentumsverhältnisse dieses Ziel widerspiegeln, da sie auf Prinzipien der Mitbestimmung oder Mitarbeiterbeteiligung basieren oder auf soziale Gerechtigkeit ausgerichtet sind.“Europäische Kommission: Eine neue EU-Strategie (2011-14) für die soziale Verantwortung der Unternehmen (CSR). KOM(2011) 682 endgültig, Brüssel, 25. Oktober 2011, S. 2–3.

Gemäß der Definition des Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland ist das „primäre Ziel von Social Entrepreneurship die Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen. Dies wird durch kontinuierliche Nutzung unternehmerischer Mittel erreicht und resultiert in neuen und innovativen Lösungen. Durch steuernde und kontrollierende Mechanismen wird sichergestellt, dass die gesellschaftlichen Ziele intern und extern gelebt werden.“

Kennzeichnend für Social Enterprises ist, dass Sachziele (d. h. Aspekte der Leistungsproduktion wie Zielrichtung und Zielgruppe) Formalziele wie z. B. Kostendeckung oder Liquiditätssicherung dominieren. Während einige Social Entrepreneurs Gewinne durch das Angebot besonderer sozialer Leistungen – z. B. die Beschäftigung von Arbeitslosen – zu erreichen suchen, stellt der Gewinn für andere ein Mittel dar, um über den Unternehmenszweck hinaus soziale Zwecke realisieren zu können. Andere Sozialunternehmen stehen eher in der Tradition der Genossenschaften und betonen den Solidar- bzw. kollektiven Selbsthilfeaspekt.

Aufgrund der speziellen ökonomischen Situation von Sozialunternehmen stellt ihre Finanzierung oftmals eine besondere Herausforderung dar. Einerseits sind die Renditechancen für Investoren aufgrund der Einkommensmodelle von Sozialunternehmen oft eingeschränkt, andererseits ergibt sich durch die „soziale Rendite“ für einige Investorentypen ein besonderer Investitionsanreiz.T. Scheuerle u. a. 2013, S. 65 ff. Seit ca. 2003 gibt es in Deutschland Risikokapitalgeber für Sozialunternehmen (Social Venturing). So engagiert sich neben privaten Stiftungen auch die KfW in diesem Bereich. Social-Venture-Capitalists erwarten keine (oder nur geringe) finanzielle, aber dafür eine soziale Rendite.

Eine besondere Variante des Social Entrepreneurship ist das Social Franchising. Die wichtigste Differenzierung gegenüber traditionellen Franchises betrifft den Zweck von Social Franchising. Obwohl es auch bei Social Franchising um Verbreitung eines Geschäftskonzepts geht, stehen bei letzterem nicht die einheitliche Marktpräsenz zur Generierung einer hohen Markenbekanntheit und Aufbau eines wiederkehrenden Kundenstocks im Vordergrund, sondern eine möglichst hohe gemeinnützige Rendite und die bestmögliche Befriedigung sozialer Bedürfnisse.Valerie Hackl, Social Franchising – Social Entrepreneurship. Aktivitäten multiplizieren. Dissertation, St. Gallen 2009, http://www1.unisg.ch/www/edis.nsf/wwwDisplayIdentifier/3674/$FILE/dis3674.pdf Ein Beispiel ist die Ladenkette CAP.Social Franchising bietet neue Möglichkeiten, WDG 1/2012, http://www.cap-markt.de/fileadmin/ext/hgcapmarkt1/dat_Berichte/CAP-Maerkte_erobern_Europa_aus_WDG_1.2012.pdf Zugriff am 5. April 2012.

Helga Hackenberg und Stefan Empter bezeichnen in einem von ihnen 2011 herausgegebenen Sammelband (Social Entrepreneurship – Social Business: Für die Gesellschaft unternehmen) das Phänomen als „nichts Neues“ („die Strategien des boomenden social entrepreneurship-Sektors schon“) und Social Entrepreneurship als ein begrifflich wie konzeptionell noch nicht definiertes „Phänomen im Spannungsfeld von Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft“.link.springer.com Social Entrepreneurs füllen Lücken, die weder der Markt noch die wenig dynamischen staatlichen Aktivitäten abdecken können.

Geschichte Bereits in der Geschichte finden sich zahlreiche sozial engagierte Unternehmer, die ihre Projekte aus eigener Tasche oder mittels eingeworbener Spenden finanzierten, zum Beispiel: Florence Nightingale, die Gründerin der Florence-Nightingale-Stiftung und der Nightingale School of Nursing, Robert Owen, der Begründer des Genossenschaftswesens in England Vinoba Bhave, der Gründer der indischen Landschenkungsbewegung, der erfolgreich für die freiwillige Abgabe von Ackerland warb. Auch Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Hermann Schulze-Delitzsch oder Adolph Kolping handelten bereits im 19. Jahrhundert nach heutigem Verständnis sozialunternehmerisch.

Grundsätzlich waren und sind auch die Unternehmensgründungen der Alternativbewegung sozial engagiert – bis heute in Berlin Oktoberdruck, die Regenbogenfabrik und auch die Spedition Zapf Umzüge.

Auch in der Tradition des konfuzianischen Unternehmertums in China ist der soziale Nachhaltigkeitsgedanke verankert. Der chinesische Begriff des konfuzianischen Entrepreneurs (rushang 儒商) setzt sich zusammen aus den Schriftzeichen ru 儒(für rujiao儒教 „Konfuzianismus“) und shang商(für shangren 商人 „Händler, Kaufleute, Geschäftsleute, Unternehmer“). Er bezeichnet Unternehmer, die in ihrem Geschäft darauf achten, ethisch zu agieren.

Da vielen Entwicklungs- und Schwellenländern und in den angelsächsischen Industriestaaten soziale Sicherungssysteme auf einer oft unzureichenden oder auch weitgehend privaten Erbringung sozialer Dienstleistungen beruhen, hat sich dort die Idee des Social Entrepreneurship schneller verbreitet als in Deutschland, wo sie bisher auf einen ausgeprägten Wohlfahrtsstaat traf, dessen subventionierte Einrichtungen oft mit Social Entrepreneurs konkurrieren. Dennoch vollzieht sich die Entwicklung in Deutschland zu einem wesentlichen Teil innerhalb der vom Wohlfahrtsstaat abgedeckten Leistungsbereiche.Scheuerle, Glänzel, Knust, Then 2013, S. 7. Jeweils etwa ein Drittel der deutschen Sozialunternehmen arbeitete um 2012 in den Bereichen Bildung, Kinderbetreuung und Sport bzw. soziale Dienste und Gesundheit.Scheuerle, Glänzel, Knust, Then 2013, S. 23. Sie bleiben in ihrem Handeln jedoch nicht mehr auf die typischen Handlungslogiken und Ressourcen der jeweiligen Sektoren begrenzt, sondern setzen marktbasierte Einkommen, Freiwilligenengagement oder auch politisches Lobbying kombiniert ein. In diesem „hybriden“ Modus arbeiten auch immer mehr klassische Wohlfahrtsorganisationen mit Hilfe von Ausgründungen.