Chevalier Louis Antoine Debrauz de Saldapenna (geboren 2. Juni 1811 in Triest, Kaisertum Österreich; gestorben 18. Januar 1871 in Paris; eigentlich Alois Anton Dobrauz (slowenisch: Dobravec) Ritter di Saldapenna) war ein österreichischer Geheimdiplomat, Journalist, Herausgeber und Eigentümer des Mémorial diplomatique, ein führender Statistiker seiner Zeit und Autor zahlreicher Bücher zu politischen, juristischen und finanzwirtschaftlichen Themen.
Leben
Herkunft und Ausbildung: Von Triest nach Paris (1811–1838)
Louise Antoine Debrauz de Saldapenna wurde am 2. Juni 1811 unter dem Namen Alois Anton Dobrauz (slowenisch: Alojz Dobravec)Rudolf Čuješ und Vladimir Mauko (Hrsg.): This is Slovenia: A Glance at the Land and Its People. Slovenian National Federation of Canada, Toronto 1958, S. 142. als Sohn des Unternehmers Luca Dobrauz und seiner Ehefrau Marie geboren.
Alois Dobrauz besuchte zunächst das Gymnasium in Laibach und nach der Matura die philosophischen Kollegien zu Mailand. Dann nahm er das Studium der Rechtswissenschaften auf, das ihn nach Graz, Wien, Pavia und Paris führte.Constant von Wurzbach: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 3. Band (Coremans – Eger). Typogr.-literar.-artist. Anstalt (L. C. Zamarski, C. Dittmarsch & Comp.), Wien 1858, S. 188. An der Universität Pavia wurde er am 18. November 1833 im dritten Jahr seiner Studien unter dem Namen Luigi Dobrauz aus Triest immatrikuliert.Anna Andreoni und Paola Demuru (Hrsg.): La Facoltà politico legale dell’ Università di Pavia nella Restaurazione (1815-1848). Docenti e studenti. Fonti e studi per la storia dell’ Università di Pavia. Cisalpino, Bologna 1999, S. 286.
Nach erlangter Doktorswürde trat er beim Zivil und Kriminalgericht in Mailand in den Staatsdienst, welchen er aber schon 1837 wieder verließ, nachdem seine Frau Christine Ponthieure de Berlaere, die er im Jahr zuvor geheiratet hatte, im Kindbett verstorben war, als sie Zwillinge zur Welt brachte. Seine beiden Söhne Franz und Joseph Dobrauz wurde von den Großeltern in Laibach aufgezogen, während Alois die Italienische Halbinsel bereiste, für einige Zeit in Rom und Neapel lebte und sich schließlich entschloss, zunächst eine publizistische Laufbahn einzuschlagen und in Hinblick auf eine mögliche diplomatische Karriere sein Französisch zu perfektionieren, wozu er seinen Wohnsitz in Paris nahm. Am 21. Juni 1838 heiratete er in Paris ein zweites Mal, nämlich Denise Eugénie de Sigfeld, die Tochter eines hohen napoleonischen Offiziers und Ritters der Ehrenlegion.Karl Glossy (Hrsg.): Literarische Geheimberichte aus dem Vormärz. Mit Einleitung und Anmerkungen. Separatband aus dem Jahrbuch der Grillparzer-Gesellschaft, Jahrgang XXI-XXIII, Karl Konegen, Wien 1912, S. 76 (Anmerkungen).
Zu dieser Zeit begann er auch seinen Namen französisch aussprechen zu lassen. Aus Alois Anton wurde Louis Antoine und aus Dobrauz wurde Debrauz.Karl Blind: An English government and the Mexican Republic. In: Westminster Review, 162. Band, London 1904, S. 362.
Journalist und Publizist in Paris. Teil I (1838–1848)
Louis Debrauz widmete sich nunmehr gänzlich dem Schreiben und begann seine Tätigkeit für eine Reihe namhafter, durchwegs konservativer Journale und Zeitungen. So war er ab 1838 als Journalist und Redakteur für das von Émile de Girardin im Jahre 1836 gegründete Journal La Presse tätig, schrieb aber auch für die Augsburger Allgemeine ZeitungRutger Booß: Ansichten der Revolution. Paris-Berichte deutscher Schriftsteller nach der Juli-Revolution 1830: Heine, Börne u. a. Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1977, S. 73. den Wiener Lloyd und die Londoner Morning Post, als deren Pariser Korrespondent.
1842 veröffentlichte er als Antwort auf die damals in Frankreich viel diskutierte Frage der Regentschaft im Gefolge des unerwarteten Todes des Thronfolgers Ferdinand Philippe d’Orléans, duc de Chartres das Buch La Question de la régence, exposée d’après les principes du droit et les usages des États constitutionnels de l’Europe und trat im gleichen Jahr in seinem Buch Guizot et Lamartine für die Sache seines Freundes Alphonse de Lamartine ein. Im Jahre 1845 publizierte er das Buch L’Enseignement supérieur en harmonie avec les besoins de l’État und wurde für seine Verdienste um die Reorganisation der französischen juridischen Fakultäten als Ritter der Ehrenlegion ausgezeichnet. Durch Fürst Felix zu Schwarzenberg wurde er 1849 ermuntert, eine Sammlung seiner im Jahre 1848 verfassten Artikel über die kriegerische Auseinandersetzung zwischen Österreich und Italien unter dem Titel La Question Italianne zu publizieren.
Staatsdienst und Geheimdiplomatie in der Frage der Donaufürstentümer (1849–1853)
Am 7. März 1849 wurde Alois Debrauz zum kaiserlichen Rat mit der Zuweisung beim Handelsministerium und Verwendung in Paris ernannt. Am 3. Januar 1850 erfolgte seine Beförderung zum Sektionsrat und Kanzleidirektor des österreichischen Generalkonsulates in Paris, welches er fortan für seinen guten Freund Baron James de Rothschild, den damaligen österreichischen Generalkonsul in Paris, leitete.Allgemeines Beamten-adressbuch für die k.k. Haupt- und Residenzstadt Wien. Systematische Zusammenstellung sämtlicher k.k. Hof- und Staat-Aaemter, der städtischen Behörden, öffentlichen Anstalten, Vereine etc etc und der bei diesen angestellten Beamten, Functionäre und Diener, mit Angabe des Namens, der Diensteigenschaft und der Wohnung nebst alphabetischem Register. I. Jahrgang 1853/54, Verlag Friedrich Manz, Wien 1854, S. 144 In dieser Funktion führte er zunächst eine Reorganisation des österreichischen Konsularwesens in Frankreich und an der spanischen Küste durch. Im Sommer 1853 bereiste Debrauz an Bord der ihm zur Verfügung gestellten französischen Dampffregatte Newton Spanien, Portugal und Marokko. Die auf dieser Reise gewonnenen Erkenntnisse publizierte er 1854 in den Mittheilungen auf dem Gebiete der Statistik. Anlässlich der Thronbesteigung des französischen Kaisers Napoleon III. veröffentlichte Debrauz 1853 dessen Biographie unter dem Titel Napoléon III, empereur des français: esquisse biographique, wobei er die dafür erforderlichen Informationen von diesem persönlich erhielt.Constant von Wurzbach: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, 3. Band, Wien 1858, S. 190. Beginnend mit Herbst 1852 sandte Debrauz aus Paris geheime Berichte an den Reichsratspräsidenten Baron Karl Friedrich von Kübeck, der diese direkt Kaiser Franz Joseph I. vorlegte.Eduard Heller: Fürst Felix zu Schwarzenberg: Mitteleuropas Vorkämpfer. Militärwissenschaftlicher Verlag, Wien 1933, S. 235. Mit Anweisung vom 13. November 1853 genehmigte der österreichische Kaiser diese inoffizielle Berichterstattung.Paul Müller: Feldmarschall Fürst Windischgrätz. Revolution und Gegenrevolution in Österreich. Wilhelm Braumüller Universitäts-Verlagsbuchhandlung, Wien 1934, S. 237. Auf diesem Weg entwickelte Debrauz im Februar 1854 im Auftrag Kaiser Napoleons III. im geheimen Weg dem österreichischen Kaiser die Idee des so genannten Tauschplans, der vorsah, dass Österreich im Gegenzug für eine Aufgabe eines Teiles seiner italienischen Besitzungen die Donaufürstentümer erhalten sollte.Martin Senner: Die Donaufürstentümer als Tauschobjekt für die österreichischen Besitzungen in Italien(1853-1866). F. Steiner Verlag, Wiesbaden 1988, S. 65. Nach Intervention Alexander Graf Hübners, des österreichischen Gesandten in Paris, der in Debrauz einen gefährlichen Rivalen sah, wurde dieser als Doppelagent qualifiziert und 1855 aus dem österreichischen Staatsdienst entlassen.Friedrich Engel-Jánosi: Der Freiherr von Hübner, 1811-1892: Eine Gestalt aus dem Österreich Kaiser Franz Josephs.Universitäts-Verlag Wagner, Innsbruck 1933, S. 77.
Journalist und Publizist in Paris. Teil II (1855–1871)
Auch während seiner Beschäftigung am österreichischen Generalkonsulat war Debrauz weiterhin als Journalist tätig. Ab 1855 intensivierte er seine diesbezüglichen Aktivitäten wieder.
Zusätzlich publizierte er eine Reihe sehr erfolgreicher Bücher. So erschien 1856 Le Traité de Paris du 30 mars, étudié dans ces causes et dans ces effetes, das eine Reihe von diplomatischen Geheimnissen publik machte, sodass das Buch bei seinem Erscheinen reissenden Absatz fand. 1859 folgte mit La paix de Villafranca et les conférences de Zurich das nächste Buch aus der Feder Louis Debrauz’, 1861 Le rachat de la Vénétie est-il une solution? und 1862 Solution de la crise hongroise und La Situation financière de l’Autriche et le plan financier de M. de Plener. 1863 schließlich publizierte Debrauz Organisation administrative des États de l’Église. Mémoire du gouvernement pontifical communiqué par le nonce du Saint-Siège au Cabinet français le 12 janvier 1863.
Seine journalistische Tätigkeit gipfelte 1859 in der Gründung des Pariser Mémorial diplomatique, einer wöchentlich erscheinenden Zeitschrift für Fragen der internationalen Politik, deren Geschicke er bis zu seinem Tod leitete und für die er im Laufe der Jahre hunderte von Artikeln verfasste.
Sekretär der Internationalen Statistischen Kongresse
In den Jahren 1853, 1855, 1857 und 1860 nahm Debrauz an den Internationalen Statistischen Kongressen in Brüssel, Paris Wien und London teil, wobei er jeweils als Sekretär des Kongresses amtete.Adolf Ficker: Die dritte Versammlung des Internationalen Congresses für Statistik zu Wien im September 1857. W. Braumüller, Wien 1857, S. 43. (Royal) Statistical Society of London (Hrsg.): Journal of the Statistical Society of London (founded 1834). Vol. XXIII, Year 1860, John William Parker and son London 1860, S. 385. Commision centrale de statistique: Compte rendu des travaux de congrès général de statistique, réuni à Bruxelles les 19, 20, 21 et 22 septembre 1853. M. Hayes, Bruxelles 1853, S. 379.
Erhebung in den Adelsstand (1858)
Am 17. Februar 1858 wurde Dr. Alois Debrauz von Kaiser Franz Joseph I. der Orden der Eisernen Krone III. Klasse verliehen, woraufhin er unter Beigabe des Prädikates di Saldapenna in den erblichen österreichischen Ritterstand erhoben wurde.online auf books.google.com Alois Debrauz Ritter di Saldapenna nannte sich aber zeit seines Lebens, das er in Paris verbrachte, in französischer Schreibweise Chevalier Louis Antoine Debrauz de Saldapenna, seine in Österreich verbliebenen Nachkommen verwendeten dagegen weiterhin hauptsächlich die deutsche Schreibweise Dobrauz, nach 1867 regelmäßig ohne das Prädikat di Saldapenna.
Debrauz und die Expedition der Grafen Castellani und Freschi (1859)
1859 koordinierte Louis Antoine Debrauz de Saldapenna in Paris als persönlicher Repräsentant des Erzherzogs Ferdinand Maximilian von Österreich das auch vom damaligen französischen Außenminister Édouard Drouyn de Lhuys unterstützte Vorgehen des lombardo-venezianischen Grafen Castellani gegen den ägyptischen Staat.Claudio Zanier: Alla ricerca del seme perduto: sulla via della seta tra scienza e speculazione (1858-1862). FrancoAngeli, Milano 1993, S. 54. In der Folge gelang es tatsächlich die unglaubliche Schadenersatzsumme von 700,000 Francs für auf dem Transport von Suez nach Kairo beschädigte, aus China stammende Seidenraupenpuppen zu erhalten.David S. Landes: Bankers and Pashas: International Finance and Economic Imperialism in Egypt. Harvard University Press, Cambridge (MA) 1958, S. 92.
Geheimdiplomat zur Vermittlung der mexikanischen Krone (1863)