mini|Summerhill School – älteste und bekannteste demokratische Schule; Suffolk, England
Demokratische Schule bezeichnet eine Alternativschule, die folgende Kriterien erfüllt:
Unterricht ist freiwillig. Lernen findet selbstbestimmt und ohne Lehrplan statt. Möglichst viele Belange des schulischen Zusammenlebens werden basisdemokratisch geregelt, wobei Schüler und Lehrer je eine Stimme haben. Jeder Schüler kann sich frei in der Schule bewegen, solange er nicht gegen die von der Gemeinschaft beschlossenen Regeln verstößt.
Demokratische Schulen ermöglichen ihren Schülern somit ein selbstbestimmtes Lernen. Der Begriff wurde erstmals 1987 von der Democratic School of Hadera verwendet.
Definition Es existiert keine allgemein anerkannte Definition Demokratischer Schulen. Einig sind sich Demokratische Schulen in dem Anspruch, keinerlei verpflichtende oder wertende Vorgaben an den Lernprozess ihrer Schüler zu stellen, also selbstbestimmtes Lernen zu ermöglichen und die Schule basisdemokratisch zu organisieren. In der Regel geschieht dies durch eine Schulversammlung.
Der europäische Dachverband EUDEC nennt drei Kernmerkmale, die eine Demokratische Schule ausmachen:
Ein gefestigter und allgemein anerkannter Umgang der Gleichwertigkeit und geteilten Verantwortung. Entscheidungen werden kollektiv von allen Mitgliedern der Gemeinschaft unabhängig von Alter oder Status getroffen. Jeder Schüler und jeder Lehrer hat ein gleiches Mitspracherecht bei wichtigen Entscheidungen, wie zum Beispiel Schulregeln, Lerninhalte, Projekte, Anstellung des Schulpersonals und Finanzen. Selbstbestimmtes Lernen: Lernende wählen, was sie lernen möchten, wann, wie und mit wem sie lernen. Lernen kann innerhalb oder außerhalb des Klassenzimmers geschehen, durch Spiel ebenso wie durch klassisches Studieren und Forschen. Lernen muss der intrinsischen Motivation der Schüler folgen und auf ihre Interessen abzielen.
Typische Merkmale Demokratischer Schulen keine Noten und keinerlei fremdbestimmte Beurteilung Altersmischung über das ganze Spektrum der Schülerschaft kein allgemeiner oder verpflichtender Lehrplan Unterricht ist freiwillig Selbstregulierung durch demokratische Institutionen wie Schulversammlung und Konfliktlösungskomitee; dadurch Sicherung von Menschenrechten, insbesondere Gleichwertigkeit zwischen Lehrer und Schüler regelmäßig tagende Schulversammlung als oberste Autorität der Schule Bewegungsfreiheit auf dem kompletten Schulgelände Schülerzahlen von in der Regel 15 bis 150 Schülern, in Ausnahmefällen auch mehr Spielen wird in allen Altersstufen positiv angesehen
Konzepte Demokratischer Schulen Alle Demokratischen Schulen gehen von einem grundlegenden Respekt gegenüber Kindern aus. In der konkreten Ausgestaltung der Lernfreiheit und der demokratischen Entscheidungsstrukturen sowie des Schulalltags gibt es allerdings deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Schulen.
Die genaue Zahl Demokratischer Schulen ist nicht bekannt. Je nach Definition existieren weltweit Hunderte bis Tausende Schulen, hauptsächlich in demokratischen Staaten. Besonders verbreitet sind sie in Israel, den USA, Frankreich, Japan und den Niederlanden. In Deutschland gibt es 23 Demokratische Schulen (Stand 2019).
Summerhill Summerhill ist der berühmteste, erste und älteste Vertreter (Gründung 1921) Demokratischer Schulen. 1921 in Dresden als Internationale Schule Hellerau von A. S. Neill gegründet, zog die Internatsschule mehrmals um und befindet sich heute in Leiston (Suffolk, England). Die große Berühmtheit Summerhills beeinflusste die Alternativschulbewegung und die meisten Demokratischen Schulen maßgeblich in ihrer Konzeption. Der hohe internationale Bekanntheitsgrad nahm jahrzehntelang keinen Abriss. So kamen 1970 an einem einzigen Tag 300 unangemeldete Gäste, was den Schulalltag so erschwerte, dass die Schulversammlung 1971 ein Besuchsverbot erließ und Neill sich vornahm, die Schülerzahl auf 60 zu begrenzen. Summerhill ist als demokratische Internatsschule eine Kinderrepublik. Fast alle Regeln werden von Lehrern, Betreuern und Schülern gemeinsam gemacht, Unterricht ist optional und den Schülern wird ein großes Maß an Selbstbestimmtheit zugestanden.
Der Schulleiter und -gründer A. S. Neill war von Anfang an ein Vorkämpfer freier Sexualität. In ihrer Unterdrückung sah er viele Probleme der Kinder und der Gesellschaft bedingt. Auch Koedukation war seit Beginn der Schule Normalität. Fluchende und nackt badende Kinder auf dem Schulgelände waren zu Neills Zeiten daher keine Besonderheit. Die Thematisierung von Sexualität (ungewöhnlich für das 20. Jahrhundert) gehörte neben der Anwendung paradoxer Sanktionen, also der Belohnung von schweren Vergehen, zu den Besonderheiten in Summerhill. Zoë Readhead, die gegenwärtige Schulleiterin und Tochter von Neill, merkte 2014 an: „Heute haben viele Kinder zu viel Macht“, und spielt darauf an, dass Summerhills Herausforderungen sich gewandelt haben. Früher sei es oft darum gegangen, verängstigten Kindern Vertrauen beizubringen, heute gehe es mehr darum, Kinder dazu zu bringen, sich an die Regeln der Gemeinschaft zu halten.
Sudbury Valley School Die 1968 gegründete Sudbury Valley School in Framingham (Massachusetts, USA) ist von Summerhill beeinflusst, hat aber einen noch radikaleren Begriff von Lernfreiheit. Kurse und andere Formen formalen Unterrichts werden nur angeboten, wenn Schüler explizit darum bitten. Lehrer nehmen an Sudbury-Schulen daher eine passivere Rolle ein als an anderen Demokratischen Schulen. Mittlerweile gibt es mehr als 40 Sudbury-Schulen, von denen sich die meisten in den USA befinden.
Soziokratische Schulen Soziokratische Schulen sind vor allem in den Niederlanden vertreten und beziehen sich auf die Soziokratische Methode von Gerard Endenburg. Endenburg entwickelte seine Methode auch über die Erfahrungen, die er an der konsensorientierten Quäkerschule Werkplaats Kindergemeenschap gemacht hatte. Entscheidungen fallen in der Soziokratie im Konsent, einer schwachen Form des Konsens, bei dem niemand einen begründeten „schwerwiegenden Einwand“ haben darf. Kleine Schulen haben nur einen Entscheidungskreis, größere Schulen organisieren sich in Lerngemeinschaften (ähnlich einer Schulklasse). Die einzelnen Lerngemeinschaften sind in Kreisen organisiert und sind an den Schülerkreis angebunden, d. h. ein oder zwei Schüler/Lehrer sitzen in beiden Kreisen und übermitteln Informationen und Entscheidungen. Dieser wiederum ist an den Schulkreis (oberstes Gremium) angebunden, ebenso wie der Lehrer-, der Eltern und der Unterstützerkreis, der wiederum der übergeordnete Kreis einiger Arbeitskreise ist. Alle Delegierten sind dabei an die Entscheidungen ihres jeweiligen Kreises gebunden.
Lernen ist grundsätzlich frei. Formellem Lernen wird jedoch mehr Bedeutung beigemessen als an Sudbury-Schulen.
Die Frisch-Schule in Erbach in Hessen bezeichnet sich selbst als erste Soziokratische Schule Deutschlands (Gründung 2014).
Schulen, die sich selbst soziokratisch organisiert nennen, verstehen sich oft nicht als Demokratische Schule, sondern haben eine soziokratische Organisation des Lehrerkollegiums und eventuell der Elternschaft oder des Trägervereins, aber ohne (relevante) Schülerbeteiligung.
Voll implementiert auch bei den Kindern ist die Soziokratie als Organisationsform in Österreich in der KreaMont-Schule in St. Andrä-Wördern, einer Montessori-Schule für das 1.–8. Lernjahr (Gründung 1994). Zunächst wurden ab 2015 die Elternmitarbeit und die Arbeit der Pädagogen soziokratisch organisiert. Seit 2021 entscheiden auch die Schülerinnen und Schüler in soziokratischen Kreisen mit. Sie lernen schon im Schulalltag, ihre Anliegen zu formulieren, gemeinsam eine Meinung zu bilden und im Konsent Entscheidungen zu treffen, die den gemeinsamen Zielen am besten dienen.
Weitere Schulen Zudem gibt es noch weitere Konzepte, die die Kriterien Demokratischer Schulen erfüllen, sich aber nicht als solche bezeichnen. Dazu zählen Agile Learning Centers, die staatlichen Schulen Lycée Experimental de Saint-Nazaire und Lycée autogéré de Paris in Frankreich, die Schule für Erwachsenenbildung in Berlin, der Methodos e. V. in Freiburg sowie einige anarchistische Schulen und von Schülern besetzte Schulen. Historisch zählen das Waisenhaus Dom Sierot und sein Ableger Nasz Dom von Janusz Korczak sowie Kees Boeckes Werkplaats Kindergemeenschap (in den Anfangsjahren) ebenso als Demokratische Schule.
Geschichte Seit dem Entstehen demokratischer Staatssysteme gab es Schulen und Kinderrepubliken, die mit Schülerdemokratie experimentieren. Zu den bekannteren Fällen zählen Léonard Bourdons Kriegswaisen-Internat Société des jeunes Français (1791–1795), Heinrich Stephanis Schülergerichtsbarkeit in Gunzenhausen (1826–1834), Leo Tolstojs Bauernkinderschule in Jasnaja Poljana (1859–1862) südlich von Moskau und die George Junior Republic (1895–?) im Bundesstaat New York.
Als älteste Schule, die eine sehr weitreichende Schülerdemokratie institutionell festgeschrieben hat, gilt das Internat Summerhill in Leiston (Suffolk, England), das 1921 von dem schottischen Pädagogen A. S. Neill gegründet wurde und noch heute existiert. Summerhill beeinflusste die Sudbury Valley School (seit 1968), zahlreiche Alternativschulen weltweit und die Democratic School of Hadera (seit 1987) sehr stark, weswegen heute die große Mehrheit der Demokratischen Schulen weltweit direkt oder indirekt auf Summerhill zurückzuführen sind.
Unabhängig von Summerhill entwickelte Kees Boecke 1929 seine konsensdemokratische Schule Werkplaats Kindergemeenschap im niederländischen Bilthoven, aus dem später die Soziokratie und damit die Soziokratischen Schulen entstanden, und Janusz Korczak eröffnete das basisdemokratische Warschauer Waisenhaus Dom Sierot (1911–1942), in dem auch Unterricht angeboten wurde. Die Sudbury Valley School wurde 1968 unter anderem von Daniel und Hanna Greenberg gegründet. Unterstützt durch die zahlreichen und relativ auflagenstarken Publikationen der Greenbergs über ihre Schule gründeten sich mindestens 40 Sudbury Valley Schools, von denen sich die meisten in den USA befinden. Dadurch sind die Sudbury Valley Schools die größte namentlich gesondert auftretende Schulart unter den Demokratischen Schulen.
2003 gab es in den Niederlanden etwa 23 Iederwijs-Schulen, die sich sowohl auf Sudbury als auch auf Kees Boeke und seinen Werkplaats Kindergemeenschap bezogen. Sie sind die Vorläufer der Soziokratischen Schulen.
Die 68er-Generation gründete in der westlichen Welt zahlreiche Alternativschulen mit basisdemokratischen Elementen. In den USA, wo die Gründung freier Schulen rechtlich leichter möglich ist, werden hunderte Schulgründungen während der 70er und 80er Jahre vermutet. Zeitgleich diskutierte die Antiautoritäre Bewegung in Deutschland und die Éducation Nouvelle in Frankreich die Ideen Neills und gründete alternativpädagogische Kindergärten. Die erste deutsche Alternativschule, welche die Schulpflicht erfüllt, war die Demokratische Freie Schule Frankfurt. Sie entstand 1975, existierte bis 1986 illegal und wurde anschließend von der neuen rot-grünen Regierung Hessens legalisiert. Die erste Alternativschule der DDR war die 1990 gegründete Freie Schule Leipzig, die 2008 eine Demokratische Schule wurde.