mini|Stadtkirche St. Jakob und St. Dionysius in Gadebusch Die ursprünglich spätromanische Stadtkirche St. Jakob und St. Dionysius in Gadebusch befindet sich auf einem zentralen Hügel nahe Markt und Rathaus. Es wird angenommen, dass das Rathaus einst mit der Kirche auf einem Platz stand, da die Straße, die beide heute voneinander trennt, erst im späten Mittelalter gebaut wurde.
Der lang gestreckte Backsteinbau mit dem niedrigen Westturm gliedert sich in drei gleich hohe Schiffe und gehört somit zum Typus der Hallenkirchen. Diese Bauweise ist vermutlich beeinflusst von skandinavischen und westfälischen Kirchen, erklären lässt sich diese Annahme zum einen durch die langzeitige dänische Herrschaft über Westmecklenburg, zum anderen durch die Besiedlung der einst von Slawen beherrschten Gebiete durch westfälische Siedler. Genau wie die älteste mecklenburgische Dorfkirche im sieben Kilometer entfernten Vietlübbe wird die Gadebuscher Stadtkirche heute als eine der frühesten Backsteinkirchen in Nordwestmecklenburg angesehen. Dass beide Bauten Parallelen zum 1154 begonnenen Ratzeburger Dom aufweisen, deutet auf eine Beteiligung der Ratzeburger Bauhütte beim Bau hin. Als mecklenburgische Nachfolgebauten gelten die Kirchen von Ribnitz, Grevesmühlen und Malchin.
Baugeschichte mini|Romanisches Hallenschiff Die Errichtung der Kirche lässt sich in mehrere Bauabschnitte gliedern, das romanische Langhaus in Form der wohl ersten Vierstützenhalle aus den ersten Jahren des 13. Jahrhunderts, die westliche Verlängerung um ein Joch ab 1220 und den spätgotischen Chor des 15. Jahrhunderts in Form einer Pseudobasilika.
Die ursprüngliche Ostpartie, bestehend aus einem Kastenchor und zwei Apsidiolen (kleinen Nebenapsiden) ist archäologisch nachgewiesen. Das quadratische „Langhaus“ ist dendrochronologisch auf 1206 datiert. 1220 erfolgte die Grundlegung für die Verlängerung der Kirche um eine Jochreihe nach Westen, das Turmjoch. Die dicken Nord- und Südwände der Westverlängerung und ihre kräftigen Bündelpfeiler lassen auf den Plan eines querrechteckigen Westbaues schließen. Stattdessen erhielt die Kirche dann einen einfachen Turm über dem Mittelschiff, vermutlich um 1300. Dass der Turm außerdem drei heute zugemauerte rundbogige Pforten und bis zu fünf Meter hohe Wandvorlagen aufweist, lässt auf eine anfänglich vorgesehene Dreigliederung und ebenso auf eine größer geplante Dimension des Westbaus schließen.
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts wich der Kastenchor im Zuge einer nächsten Erweiterung einem dreischiffigen Chor, wobei der ursprüngliche Ostgiebel der Hallenkirche zwar erhalten blieb, allerdings durch das nun höhere Dach verborgen wurde. Dass eine dreihundert Jahre später errichtete Erweiterung einer Kirche einen anderen Querschnitt hat als der Kernbau, ist nichts Ungewöhnliches. mini|Grundriss von 1894 Ebenfalls im 15. Jahrhundert entstanden die vier angrenzenden Kapellenbauten. Die an den Chor anschließende Kapelle, früher St.-Annen-Kapelle genannt, wurde vermutlich baueinheitlich mit diesem errichtet, es folgte die Lützow- oder auch Holdorfer Kapelle. Die Königskapelle im Westen (ursprünglich eine Marienkapelle) ist der größte der vier Anbauten. Sie wurde um 1420 von Agnes, Herzogin zu Mecklenburg, gestiftet. Als Materialienkammer dient die letzte, kurz vor 1466 errichtete Kapelle, die sich an den Turm angliedert.
Zu einer Renovierung des Giebels kam es bereits Ende des 16. Jahrhunderts, eine erste größere Restaurierungsphase erfolgte von 1842 bis 1845 unter der Leitung des mecklenburgischen Forschers Friedrich Lisch. Im Zuge dieser Arbeiten wurden unter anderem einige bedeutende Ausstellungsstücke beseitigt, der Fußboden bis zu 72 cm erhöht und Emporen errichtet. 1896 bis 1898 erfolgte eine neue Ausmalung der Königskapelle, kurze Zeit später wurde das Südportal restauriert und außerdem durch Umbauten aus drei Kapellen ein einheitlicher Raum geschaffen. Mit dem Jahr 1955 wurde die Abtragung der Farbschichten zur Aufdeckung der ursprünglichen Farbgebung in den romanischen Bauteilen beendet. Im Zuge einer Restaurierung des Chors wurden 1973 die nach 1842 nachträglich eingebauten Elemente entfernt. 2010 wurde auch der 1842 erhöhte Fußboden wieder auf sein ursprüngliches Niveau abgesenkt, das Gestühl entfernt und vier Fenster in der Südwand zurückgebaut und mit moderner farbiger Verglasung versehen.Fördervereinswebsite: Tabellarische Geschichte, abgerufen am 4. Oktober 2016
Beschreibung des Äußeren mini|hochkant|Südportal Der im Grundriss nahezu quadratische Backsteinbau im wendischen Verband (zwei Läufer, ein Binder) wurde auf einem Fundament aus Granit errichtet. Die spätromanische, dreischiffige Halle besteht aus drei mal drei Jochen, drei westlich angrenzende Joche tragen den Kirchturm, im Osten bilden neun weitere den gotischen Chor. Entlang der Nordwand schließen sich vier Kapellenbauten an.
Süden Die Südseite des Baus wird durch Lisenen sowie einen von diesen unabhängigen Kreuzbogenfries gegliedert und weist schmale Rundbogenfenster auf. Die Verwendung unterschiedlicher Backsteinziegel lässt sich am Farbwechsel der Mauer im zweiten Joch erkennen: im Osten sind graugelbe, im westlichen Teil größere rote Steine zu sehen.
Das rundbogige Südportal, dem eine kleine halbrunde Treppe vorgelagert ist, gilt als ein Prachtstück der Kirche. Es wird von einem Gewände mit schmalen Säulen und ornamentierten Backsteinkapitellen gesäumt, deren Schmuckformen Parallelen zur spätromanischen Kunst des rheinischen Hausteinbaus aufweisen. Dem Original entsprechend restauriert und ergänzt wurde der schachbrettartig gekästelte, gedrehte Rundstab in der Archivolte. Eine rundbogige Wandvorlage mit drei Viertelrundwülsten führt vom Portalgewände nach einem markanten Knick weiter am Sockel der Halle entlang. Dieses Motiv findet sich in rechteckiger Form ebenso an der Südvorhalle des Ratzeburger Doms.
Westen mini|hochkant|Westfassade mit Turm und Fensterrose Entsprechend der Dreischiffigkeit des Langhauses wird die Westfassade vertikal durch Lisenen sowie drei zugemauerte rundbogige Pforten gegliedert. Mittig darüber ist eine große Fensterrose aus Bronzeguss in die Wand eingelassen. Sie entstand zeiteinheitlich mit dem Kirchenbau, ihre Glasfenster wurden im 19. Jahrhundert eingesetzt.
Der niedrige Kirchturm an der nördlichen Westseite wird durch vier Blendgiebel und einen achtseitigen Pyramidenhelm gekrönt. Diese – für Sakralbauten im südlichen Ostseeraum charakteristische – Dachform ist auch unter dem Namen „Bischofsmütze“ bekannt.
Osten Im Osten schließt sich der ebenfalls dreijochige Chor an das Langhaus an, wodurch die Gesamtlänge des Baus nahezu verdoppelt wird. Dieser Bauteil gliedert sich zwar als Fortsatz der Halle in drei Schiffe, entsprechend der Bauweise gotischer Basiliken ist das Mittelschiff hier jedoch stark erhöht. Die auf Grund des Straßenverlaufs schräg stehende Ostwand mit dem leicht vorspringenden dreiseitigen Schluss des mittleren Chorschiffs wird durch einen hohen quaderförmigen Granitsockel sowie abgetreppte Strebepfeiler und gotisch geschmückte Fenster gegliedert. Der ursprüngliche Ostgiebel mit einer kleinen Sechspassblende verbirgt sich unterhalb des Chordachs. Die Umrahmung seiner Schrägen mit Zahnschnittfriesen, die von Konsolen getragen werden, findet sich in vergleichbarer Form auch an der benachbarten Vietlübber Dorfkirche.
Norden mini|St.-Annen-, Lützow- und Königskapelle an der Nordseite von Ost nach West Die Nordseite der Langhaushalle wird durch die vier Kapellenanbauten geprägt. Im Osten steht der quer ausgerichtete Giebel unter dem Satteldach der aus einem Joch bestehenden St.-Annen-Kapelle; er weist Blendgliederungen auf. Die anschließende ebenfalls einjochige Lützow- (nach den Herren von Lützow) oder Holdorfer Kapelle ist durch eine neu eingelassene Tür zu betreten und wird von einem abgerundeten Renaissancegiebel aus dem 16. Jahrhundert gekrönt. Westlich grenzt die zweijochige und damit größte und ebenso bedeutsamste der Anbauten an: die St.-Marien- oder auch Königskapelle der Königin Agnes. Ihre Fassade gliedert sich durch flache Strebepfeiler sowie zwei spitzbogige Fenster. Den Abschluss nach oben bildet ein längsgerichtetes Satteldach. Der mit einem Kreuzrippengewölbe ausgestattete Kapellenraum ist nicht nur über das nördliche Seitenschiff zu betreten, sondern weist ebenso einen Durchgang zum anschließenden vierten Raum, der heutigen Materialkammer auf. Diese lässt sich außerdem über die zur westlichen Empore leitende Treppe erreichen.
Beschreibung des Inneren Besonders in der Architektur des Inneren zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den romanischen und gotischen Bauteilen der Kirche. Hier lässt sich feststellen, dass der nachträglich erweiterte Chor deutlich weniger aufwändig gestaltet ist, als das bauzeitliche Langhaus. Der im Zuge der Restaurierung der Jahre 1842–1845 teilweise erhöhte Fußboden sorgte darüber hinaus für eine starke Verschiebung der Proportionen; er wurde 2010 wieder auf sein ursprüngliches Niveau abgesenkt.
Langhaus mini|Fensterrose der Westwand von innen Im spätromanischen Teil sind die drei Turmjoche im Westen zum Langhaus mit seinen neun quadratischen Jochen hin geöffnet. Das gleichmäßige Kreuzgratgewölbe der Halle wird von unterschiedlich gestalteten Bündelpfeilern getragen, deren Umfang von West nach Ost abnimmt, wodurch der Raum optisch auf den Chor ausgerichtet wird. Das gewaltige Freipfeilerpaar im Westen ist mit sechs starken Halbsäulen versehen, von denen je zwei die kräftigen, den massiveren Wänden des Turmjochs angemessenen Gurtbögen bedienen. In der Mitte fungieren zwei vergleichsweise schmale Pfeiler mit jeweils acht schlankeren Halbsäulen als Gewölbeträger. Das Paar im Osten weist je vier starke Halbsäulen sowie schmale, in die Ecken eingestellte Runddienste auf, welche, vermutlich inspiriert durch einen ähnlich gestalteten Vierpasspfeiler in der Südvorhalle des Ratzeburger Doms, in plastisch ausgearbeiteten Menschen- und Tierköpfen enden, deren Symbolik jedoch bisher nicht eindeutig bestimmt ist. An den Wänden der Seitenschiffe finden sich Wandvorlagen in Gestalt von Halbsäulen oder aber in rechteckiger Form mit Runddiensten, die die Schildbögen bedienen, und Kapitellen, auf denen die Gratgewölbe aufliegen.
Chor mini|Chorgewölbe Zum dreischiffigen Chor führt an Stelle der ursprünglichen Ostwand, deren Breite sich genau wie der Ansatz des einstigen Gewölbes noch erkennen lässt, ein leicht spitzbogiger Triumphbogen. An seiner der Halle zugewandten Seite befinden sich zwei schlanke, in Holz ergänzte Runddienste. Ihre original erhaltenen Basen und Kapitelle dienen als Auflager für die östlichen Scheidbögen der Halle. In den Durchbrüchen zu den niedrigeren Seitenschiffen des Chors sind außerdem noch Überreste der seitlichen Apsidiolen vorhanden. Doch nicht nur im erhöhten Mittelschiff zeigen sich Parallelen des Chors zum Typus der gotischen Basilika: im Gegensatz zum Langhaus befinden sich hier massige Achteckpfeiler, die schlichte Arkadenbögen tragen, außerdem wird der Raum von einem gotischen Kreuzrippengewölbe gekrönt, das im Mittelschiff auf schmalen Birnstabdiensten, in den Seitenschiffen auf schlichten Konsolen ruht. Der Obergaden des erhöhten Chormittelschiffs ist mit Blendfenstern versehen. Das östliche Ende des Baus bilden die zwei geraden, allerdings auf Grund der Straßenführung nicht ganz rechtwinklig verlaufenden Außenmauern der Seitenschiffe sowie der dreiseitige polygonale Abschluss des Mittelschiffs.
Architekturfarbigkeit mini|Gewölbemalerei