mini|Rathaus des Flecken Aerzen mini|Die Osterstraße in Aerzen
Der Flecken Aerzen ([], sprich „Ärzen“) liegt im südniedersächsischen Landkreis Hameln-Pyrmont unmittelbar an der Landesgrenze zu Nordrhein-Westfalen.
Geografie Lage Der Flecken liegt im Weserbergland etwa zehn Kilometer südwestlich der Kreisstadt Hameln und etwa sieben Kilometer nördlich von Bad Pyrmont, mitten im Hummetal. Nördlich vom Ort Aerzen befindet sich der Lüningsberg, südlich der Schierholzberg und der Pyrmonterberg. Von Westen nach Osten durchfließen die Humme und der Grießebach, der innerorts in die Humme mündet, den Ort.
Fleckengliederung Der Flecken Aerzen ist eine Einheitsgemeinde und besteht aus den Ortsteilen Aerzen (Kernort) Dehmke mit Dehrenberg Dehmkerbrock mit Wördeholz Egge Gellersen Grießem Groß Berkel mit Laatzen Grupenhagen Herkendorf mit Pessinghausen Königsförde mit Schwöbber Multhöpen Reher Reinerbeck mit Reine, Bruch. Duensen und Hilkenbreden Selxen
Nachbargemeinden Nachbarstädte und -gemeinden sind die Stadt Hessisch Oldendorf, die Stadt Hameln, die Stadt Rinteln, die Gemeinde Emmerthal, die Stadt Bad Pyrmont sowie die in Nordrhein-Westfalen liegende Stadt Barntrup und die Gemeinde Extertal.
Geschichte Das ursprüngliche Amt Aerzen ist aus der gleichnamigen Herrschaft, die in ihrem Bereich auch die Gerichtshoheit besaß, hervorgegangen. 1178 starb das Geschlecht der Herren von Aerzen aus. Die Gografschaft Aerzen fiel an die Grafschaft Everstein. Nach einem eversteinischen Kornregister aus der Mitte des 14. Jahrhunderts war Aerzen damals Mittelpunkt eines Verwaltungsbezirkes mit 13 Ortschaften.
Als die Welfen sich nach dem Sturz Heinrichs des Löwen gegen die Hohenstaufen erfolgreich zur Wehr setzten und die Eversteiner bedrängten, suchte Konrad von Everstein 1283 bei Erzbischof Siegfried von Köln Schutz und übertrug ihm den festen Ort Aerzen. Doch auch der Bischof konnte die Einnahme der Burg Everstein durch die Welfen nicht verhindern. Daraufhin schloss Graf Hermann VII. von Everstein Erbverträge mit dem Bistum Paderborn und der Grafschaft Lippe, um sein Land vor den Herzögen von Braunschweig-Lüneburg zu schützen. Beide Erbverträge bestimmten, dass Gräfin Irmgard von Everstein, die Gattin Graf Hermanns, Schloss Aerzen als Leibzucht erhielt.
Die Schutzbündnisse lösten den Eversteiner Erbfolgekrieg aus, in dessen Verlauf die Welfen weit in lippisches Territorium vordrangen. 1408 kam es zum Friedensschluss: Graf Hermann gab Otto von Braunschweig-Lüneburg das Eheversprechen für seine erst vier Jahre alte Tochter Elisabeth, die Aerzen als Mitgift erhielt. Damit hatten die Welfen den Anschluss der Grafschaft Everstein an Braunschweig-Lüneburg erreicht. Die Welfenherzöge verpfändeten 1433 Aerzen an die Hildesheimer Bischöfe, die Amt und Schloss als Pfand weitergaben. 1508 erhielten Stacius von Münchhausen und Heinrich von Hardenberg Pfandschaften. Als neun Jahre später der Hildesheimer Bischof die Hardenbergsche Pfandschaft nicht erneuerte, kam es Anfang 1518 zwischen den beiden Pfandinhabern in Aerzen zum Kampf. Stats von Münchhausen musste fliehen und wurde kurz vor Hildesheim von Heinrich von Hardenberg erschlagen. Sein Tod führte zu der verhängnisvollen Hildesheimer Stiftsfehde. 1533 ließ Herzog Erich der Ältere, der dem Hochstift Hildesheim das Amt Aerzen wieder aberkannt hatte, das dreigeschossige Amtshaus erbauen.
1557 erwarb der Obrist Hilmar von Münchhausen (1512–1573), der jüngste Sohn des erschlagenen Stats, Aerzen für 24.000 Taler als Pfandschaft auf Lebenszeit (wie zur selben Zeit sein Vetter und „Obristenkollege“ Georg von Holle die seit 1491 Münchhausen’sche Pfandschaft Grohnde). Hilmar, als Söldnerführer zu einem der reichsten Männer seiner Zeit geworden, ließ 1561 auf dem Amtshof die 50 m lange und 16 m hohe Zehntscheune errichten, die 1980 im Museumsdorf Cloppenburg wieder aufgebaut wurde. Er zog mit seiner Frau Lucia, geborenen von Reden (1525–1583) und vier Kindern nach Aerzen (weitere drei Kinder sollten noch folgen.) Lucia war ausdrücklich in die Belehnung mit aufgenommen worden, was sonst nicht üblich war. Sie fing sogleich an, in den Amtsdörfern Schulen zu gründen und sich um die Kirchen zu kümmern, wobei ihr der Feldprediger ihres Mannes, Philipp Nagel, half, der jetzt in Aerzen als Pfarrer wirkte.
1570 beauftragte Hilmar den Hamelner Baumeister Cord Tönnies, in Schwöbber ein dreiflügeliges Schloss zu planen, das nach seinem Tode 1573 von seiner Witwe Lucia errichtet und vom Sohn Hilmar dem Jüngeren ab 1588 um die Seitenflügel erweitert wurde. 1593 vergab Herzog Heinrich Julius das Amtsschloss in Aerzen als Pfandbesitz an Hilmar den Jüngeren, der 1617 in Schwöbber starb und als erster seine Ruhestätte im Erbbegräbnis der Aerzener Marienkirche fand. Sein Sohn Börries übernahm nach dem Tode des Vaters die Pfandschaft, aus der ihn 1630 das Hochstift Hildesheim mit Waffengewalt vertrieb. Erst als nach der Landung des Schwedenkönigs Gustav Adolf in Deutschland das Restitutionsedikt aufgehoben wurde, erhielt Börries Aerzen als Pfand zurück. Der zweite Schicksalsschlag traf ihn 1642, als durchziehende weimarische Reiterei den Ort brandschatzte und Börries von seinem Hab und Gut nur die goldene Gnadenkette seines Vaters retten konnte, die Hilmar der Jüngere 1578 in Heidelberg erhalten hatte. Nach einer alten Hausinschrift brannten in jener Nacht 66 Wohnhäuser, das Schloss, die Kirche, die Schule und viele Scheunen und Speicher nieder. 1660 mussten die Herren von Münchhausen nach über 160 Jahren Pfandherrschaft Aerzen für immer verlassen.
Der Amtshof wurde Staatsgut. Amtmänner und Amtsschreiber bestimmten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts das Verwaltungs- und Gerichtsgeschehen in Aerzen. 1823 wurde das Amt Aerzen aufgehoben, 1854 neben dem Amtsgericht aber wieder eingerichtet. Die endgültige Auflösung erfolgte 1858.
1864 gründete Adolph Meyer die Aerzener Maschinenfabrik, die ab 1907 als GmbH firmierte und Drehkolbenmaschinen und später auch Aufladegebläse für Dieselmotoren produzierte.
Im Zweiten Weltkrieg kam es in Aerzen zu keinen Kampfhandlungen, allerdings führte die Reichsstraße 1 durch den Kernort und diente den Truppenbewegungen der Wehrmacht. Als am 4. April 1945 die Amerikaner in das Hummetal vorstießen, floh der für Aerzen zuständige SS-Sturmbannführer Sempf und übergab das Kommando an Erich Mestmäcker und Erich Kropp. Auf ihren Befehl hin stießen die Alliierten auf keinerlei Widerstand, woraufhin sie nach Hameln weiterzogen.
Ortsname Frühere Ortsnamen von Aerzen waren um 1200 Artelessen, vom 12. bis ins 13. Jahrhundert Artlissen, etwa 1237–47 Arteldessen, in der Mitte 13. Jahrhundert Ardlesen, Arteldessen, 1283 Arthesloin, 1293 Artelsen, 1310 Artldissen und 1317 Aartlessen.
Beim Grundwort kann es sich um „-husen“ oder „-hem“ handeln. Davor steht ein Personenname, dessen Grundform allerdings nicht ganz sicher zu bestimmen ist. Wahrscheinlich liegt „arth, ard“, wie „Ardulf, Artold“, hier wohl Verkleinerung „Arthili“ vor, also aus „Arthilis-husun“ entstanden. Der Personennamen-Stamm „Arth-, Ard-“ gehört zu altenglisch „earth“ und bedeutet „Stammgut“, altsächsisch „arth“, also „Wohnort“.
Eingemeindungen Der heutige Flecken Aerzen entstand im Rahmen der Gebietsreform in Niedersachsen vom 1. Januar 1973 durch die Zusammenlegung des damaligen Fleckens Aerzen mit den Gemeinden Dehmke, Dehmkerbrock, Egge, Gellersen, Grießem, Groß Berkel, Grupenhagen, Herkendorf, Königsförde, Multhöpen, Reher, Reinerbeck und Selxen.
Einwohnerentwicklung Jahr Einwohner Quelle 1885 1.424 1910 1.715 1925 1.773 1933 1.844 1939 1.906 1950 3.185 1956 2.919 1961 2.970 ¹ 1970 3.614 ² 1973 11.263 Jahr Einwohner Quelle 1975 11.279 ³ 1980 11.035 ³ 1985 10.578 ³ 1990 11.050 ³ 1995 12.057 ³ 2000 12.198 ³ 2005 11.794 ³ 2010 11.239 ³ 2015 10.693 ³ 2020 10.557 ³ 2025 10.677 ³ ¹ Volkszählungsergebnis vom 6. Juni (mit den später eingegliederten Gemeinden vom 1. Januar 1973 = 10.899 Einw.) ² Volkszählungsergebnis vom 27. Mai (mit den später eingegliederten Gemeinden vom 1. Januar 1973 = 11.214 Einw.) ³ jeweils zum 31. Dezember
+Einwohner
Politik
Rat Der Rat des Fleckens Aerzen besteht aus 26 Ratsfrauen und Ratsherren. Dies ist die festgelegte Anzahl für eine Gemeinde mit einer Einwohnerzahl zwischen 10.001 und 11.000 Einwohnern. Die Ratsmitglieder werden durch eine Kommunalwahl für jeweils fünf Jahre gewählt.
Die aktuelle Amtszeit begann am 1. November 2021 und endet am 31. Oktober 2026.
Stimm- und sitzberechtigt im Rat ist außerdem der hauptamtliche Bürgermeister.
Nach der Kommunalwahl 2021 bildeten sich folgende Gruppen bzw. Fraktionen: Parteien Gruppe / Fraktion Zahl der Sitze BemerkungenSPDGruppe 1Bürgermeister Wittrock (SPD) SPD 11Grüne 3Linke 1 CDU Fraktion 9 DU/FDP Gruppe 2
Die SPD/Grüne/Linke – Gruppe verfügt über eine Mehrheit im Rat des Fleckens Aerzen.
Bürgermeister Hauptamtlicher Bürgermeister des Fleckens Aerzen ist seit 1. November 2019 Andreas Wittrock (SPD). Bei der Bürgermeisterwahl am 26. Mai 2019 wurde er als Nachfolger von Bernhard Wagner, welcher vorzeitig seine Amtszeit aus Altersgründen beendete, gewählt. Seine Amtszeit endet am 31. Oktober 2026.
Bei der letzten Bürgermeisterwahl 2026 wurde Stephan Brand (CDU) mit 53,81 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang als neuer Bürgermeister gewählt. Die Wahlbeteiligung lag bei 68,33 %.
Ortsrat Aerzen Der Ortsrat des Kernortes Aerzen setzt sich aus folgenden Parteien zusammen: SPD: 3 Sitze Grüne: 1 Sitz CDU: 3 Sitze (Stand: Kommunalwahl 2026)
Ortsbürgermeister Der Ortsbürgermeister des Kernortes Aerzen ist Jürgen Schwitzer (SPD). Seine Stellvertreter sind Karl-Heinz Frevert (CDU) und Michael Schlie (SPD).
Wappen Am 14. Oktober 1930 beschloss die Gemeindevertretung Aerzen die Einführung von Kommunalwappen und Siegel, die vom Preußischen Staatsministerium drei Jahre später bestätigt und verliehen wurden.
Flagge Die Flagge ist blau-weiß, belegt mit dem Gemeindewappen.
Kultur und Sehenswürdigkeiten
Bauwerke
Die von Wassergräben umgebene Domänenburg Aerzen wurde bereits früher errichtet, jedoch 1293 erstmals urkundlich erwähnt. Heute befindet sich ein Kulturzentrum in den Gebäuden. Das Schloss Schwöbber errichtete das niedersächsische Adelsgeschlecht der Münchhausen im 16. Jahrhundert. Es wird heute als 5-Sterne Hotel genutzt. Das Rittergut Posteholz im Ortsteil Posteholz wurde im 17. Jahrhundert von dem Geheimen Rat Arnold Ludwig von Post errichtet. Die evangelisch-lutherische Marienkirche wurde 1643 errichtet. Der große und helle Raum wird durch die barocke Ausstattung belebt. Die Kirche befindet sich an der Osterstraße, ihre Kirchengemeinde gehört zum Kirchenkreis Hameln-Pyrmont. Die katholische St.-Bonifatius-Kirche befindet sich am Hainebuchenweg. Sie wurde 1962/1963 errichtet und gehört seit 2006 zur Pfarrgemeinde St. Elisabeth in Hameln.
Sport Männer-Turn- und Sportverein MTSV Aerzen 04. der neben einer Fußball-, Volleyball- und Judo- unter anderem auch eine Faustballsparte sowie die Gründungssparte Männerturnen unterhält. Reit- und Fahrverein „St. Georg“ 1949 e. V. gegründet 1949, Aerzener Schwimmverein e. V. gegründet 1971, Handballverein Handballfreunde Aerzen e. V. gegründet 1972, Modellfluggruppe Aerzen e. V. gegründet 1975, Tennis-Club Aerzen gegründet 1976, Hamelner Golfclub e. V. Schloß Schwöbber gegründet 1985, Ballettverein Aerzen e. V. gegründet 1989 Verein für Rollsport Aerzen von 1989 e. V. gegründet 1989
Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 logierte die französische Nationalmannschaft vom 8. Juni bis 8. Juli im Aerzener Schloßhotel Münchhausen im Schloss Schwöbber. Während dieser Zeit fanden öffentliche Trainings im Weserberglandstadion in Hameln und im Veilchenbergstadion in Aerzen statt, das Pressezentrum befand sich in Hameln in der Rattenfängerhalle. Das Team kehrte nach dem Finale am 9. Juli als Vize-Weltmeister nach Frankreich zurück.
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