Peer Review (im Deutschen alle drei Genera möglich; von englisch Peer „Gleichrangiger“ und Review „Begutachtung“), seltener Kreuzgutachten, ist ein Evaluationsverfahren zur Qualitätssicherung einer wissenschaftlichen Arbeit oder eines Projektes durch unabhängige Gutachter aus dem gleichen Fachgebiet („Peers“).
Peer Review gilt im heutigen Wissenschaftsbetrieb als eine Standard-Methode, um die Qualität wissenschaftlicher Publikationen zu gewährleisten. Diese Qualität und die Veröffentlichungswürdigkeit korrelieren.Maria Gutknecht-Gmeiner: Externe Evaluierung durch Peer Review: Qualitätssicherung und -entwicklung in der beruflichen Erstausbildung. Springer-Verlag, 2008. (books.google.co.uk) Während zunächst vor allem Zeitschriften im Bereich STM (Science, Technology, Medicine) das Verfahren einsetzten, verbreitet es sich zunehmend für die Begutachtung von wissenschaftlichen Texten allgemein, wie beispielsweise Konferenzbeiträgen, Monografien und Forschungsanträgen.Ulrich Herb: Verfahren der Wissenschaftlichen Qualitäts-/Relevanzsicherung/Evaluierung. In: Rainer Kuhlen, Dirk Lewandowski, Wolfgang Semar, Christa Womser-Hacker (Hrsg.): Grundlagen der Informationswissenschaft. De Gruyter, 2023, S. 317 ff. doi:10.1515/9783110769043. Auch in Bereichen außerhalb des Wissenschaftsbetriebs wird die Methode des Peer Reviews zur Qualitätssicherung verwendet.
Die Variationen, wie ein Peer Review durchgeführt werden kann, haben im Lauf der Zeit zugenommen. Während die Begutachtung zunächst üblicherweise vor der Veröffentlichung stattfand und die Gutachten nicht veröffentlicht wurden, haben sich inzwischen auch Verfahren etabliert, bei denen das Peer Review nach der Erstveröffentlichung durchgeführt wird und/oder die Gutachten veröffentlicht werden (Open Peer Review).
Beim klassischen Verfahren vor der Veröffentlichung müssen die Autoren der begutachteten Arbeit etwaige von den Gutachtern geäußerte Kritik ernst nehmen und entdeckte Fehler korrigieren oder darlegen, weshalb die Kommentare der Gutachter unzutreffend sind, bevor die Studie publiziert werden kann. Daneben wird eine wissenschaftliche Behauptung zumindest in den Naturwissenschaften erst dann zu einer potentiell validen These, wenn sie erfolgreich einem Peer-Review-Prozess unterzogen wurde.Naomi Oreskes, Erik M. Conway: Die Machiavellis der Wissenschaft (Original: Merchants of Doubt: How a Handful of Scientists Obscured the Truth on Issues from Tobacco Smoke to Global Warming). Weinheim 2014, S. XVIII.
Weltweit gibt es etwa eine ständig wachsende Zahl von Zeitschriften, die verschiedene Arten von Peer Review einsetzen. Im Jahr 2019 wurde die Anzahl auf über 80.000 geschätzt, davon etwa 30.000 aus dem medizinischen Bereich.A. M. Suiter, C. C. Sarli: Selecting a Journal for Publication: Criteria to Consider. In: Missouri Medicine. Band 116, Nr. 6, Nov-Dez 2019, S. 461–465. PMID 31911720; . Es gibt daneben auch viele wissenschaftliche Zeitschriften, die lediglich ein Editorial Review einsetzen.
Peer-Review-Publikationen haben aufgrund der mit der Begutachtung verbundenen Qualitätsprüfung einen besseren Ruf als andere Formen der Veröffentlichung wie etwa Kongressbeiträge oder Fachzeitschriften ohne Peer Review. Die Anzahl solcher Veröffentlichungen wird als Maß für die Produktivität und den Einfluss der Autoren auf ein Wissensgebiet angesehen.
Geschichte Im 17. Jahrhundert wurde in der Royal Society of London ein Verfahren zur Bewertung etabliert, um der wachsenden Zahl an Experimenten, Theorien und Beobachtungen Herr zu werden, die an sie herangetragen wurden. Ziel war, gehaltvolle Arbeiten von unseriösen zu unterscheiden und zu klären, wer als Erstentdecker eines Sachverhalts gelten durfte.Stefan Hornbostel: Neue Evaluationsregime? Von der Inquisition zur Evaluation. In: H. Matthies, D. Simon (Hrsg.): Wissenschaft unter Beobachtung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2008. Adelige, ihrer Standesehre verpflichtete Peers, sollten die Richtigkeit sicherstellen, Experimente mussten ggf. vor Zeugen wiederholt werden. Die Erlaubnis zur Publikation von Texten unter eigenen Bewertungsregeln (Royal Society: ab 1662, Académie des sciences de Paris: ab 1699) stellte einen Sonderweg der sonst üblichen Staats- und Kirchenzensur dar, die zu diesem Zeitpunkt überall in Europa etabliert war. Während Peer Review heute als Zeichen der hart erkämpften Unabhängigkeit der Wissenschaft von gesellschaftspolitischen Interessen angesehen wird, hat es sich also in Wirklichkeit zunächst als Ergebnis eines nur wenigen Akademien zugestandenen Privilegs entwickelt, mit dem diese zu Mitakteuren des Buchlizenzierungs- und Zensursystems der damaligen Zeit wurden.Mario Biagioli: From Book Censorship to Academic Peer Review. In: Emergences: Journal for the Study of Media & Composite Cultures. Band 12, Nr. 1, 2002, S. 14. doi:10.1080/1045722022000003435 PDF.
Entstehungslegende Verkürzt zu einer LegendeCaspar Hirschi: Wie die Peer Review die Wissenschaft diszipliniert. In: Merkur. Heft 832, September 2018 (merkur-zeitschrift.de) wird die Entstehung Henry Oldenburg, dem ersten Sekretär der Royal Society of London und Gründungsherausgeber der seit 1665 in London erscheinenden Philosophical Transactions, zugeschrieben. Dieser habe sich als Theologe außer Stande gesehen, die Qualität eingereichter Aufsätze zu naturwissenschaftlichen Themen selbst angemessen zu beurteilen. Er habe diese Aufgabe daher an andere Wissenschaftler delegiert, die zum jeweiligen Thema als fachkompetent galten. Dieses Verfahren wurde später von anderen wissenschaftlichen Zeitschriften übernommen.Irving E. Rockwood: Peer review: more interesting than you think. In: Choice. 44.2007,9, S. 1436. Melinda Baldwin zufolge entstand die Legende 1971. Sie gehe auf die Wissenschaftssoziologen Harriet Zuckerman und Robert K. Merton zurück, habe aber mit der wissenschaftlichen Praxis in der Royal Society des 17. Jahrhunderts so gut wie nichts zu tun.
Akademisch-wissenschaftlicher Bereich Ablauf und Zweck Im akademisch-wissenschaftlichen Bereich sind Peer Reviews von Zeitschriftenartikeln (und zunehmend auch von Monografien) üblich, bei denen einer oder mehrere Experten des entsprechenden Gebietes die zur Veröffentlichung vorgeschlagene Studie bewerten. Üblicherweise schickt der Autor seinen Artikel als Manuskript an einen Verantwortlichen (z. B. den Herausgeber) einer Zeitschrift oder Schriftenreihe. Wenn dieser den Text für grundsätzlich geeignet hält, wählt er Gutachter aus, die nach inhaltlicher Prüfung ein Votum abgeben, ob der Artikel in der eingereichten Form veröffentlicht, zur Überarbeitung an den Autor zurückgeschickt oder endgültig abgelehnt werden sollte. Diese auch Reviewer oder Referee genannten Experten dürfen beim Peer Review nicht aus dem Umfeld des Autors stammen; diese Regel soll Befangenheit vermeiden. Die Unabhängigkeit des Gutachters vom zu bewertenden Objekt gilt als Voraussetzung eines Peer Reviews; sie muss von den Herausgebern sichergestellt werden.
Eine Anonymität des Gutachters ist dabei nicht unbedingt erforderlich, aber oftmals gegeben. Die Anonymität dient dazu, dem Gutachter das Äußern von Kritik und den Hinweis auf Mängel der Publikation zu ermöglichen, ohne dass er die Revanche des möglicherweise hierarchisch oder an Reputation und Einfluss höher stehenden Autors fürchten muss. Das soll eine gründliche und unvoreingenommene Überprüfung ohne Ansehen der Person des Autors sichern und letztlich zu einem höheren wissenschaftlichen Niveau beitragen. Das Prinzip der Anonymität des Gutachters ist nicht unumstritten.Ronald N. Kostoff: Research Program Peer Review: Purposes, Principles, Practices, Protocols. Office of Naval Research, Arlington, VA, (Report) 2004, S. 23. (dtic.mil, PDF; 852 kB)
Das Peer Review ist nicht als Methode gedacht, um Plagiate, Fälschungen oder in betrügerischer Absicht gemachte Experimente aufzudecken. Es kann und muss auch nicht sicherstellen, dass die wissenschaftliche Arbeit frei von Fehlern ist. Der Gutachter kann nur im Rahmen seiner Möglichkeiten die Signifikanz und Aktualität der Fragestellung, die Originalität und Validität des Lösungsansatzes und die Plausibilität der Resultate im Kontext prüfen sowie auf methodische Fehler und Probleme hinweisen.
Der Sinn der Begutachtung liegt vor allem in einer Bewertung der Qualität eines eingereichten Manuskripts, die dem Herausgeber der Fachzeitschrift Anhaltspunkte liefert, ob dieses als Artikel darin veröffentlicht werden kann. Durch die hohe Anzahl von wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Fachgebieten sind die Bewertungsmaßstäbe oft sehr unterschiedlich und richten sich nach dem Leserkreis und der Reputation des Fachjournals. In der Regel wird der Gutachter das Manuskript nach offensichtlichen Defiziten oder Verbesserungsmöglichkeiten bewerten und nur gelegentlich auf Rechtschreibfehler oder sprachliche Unzulänglichkeiten hinweisen. Sehr detaillierte Gutachten, inklusive Prüfung der verwendeten Methoden, werden vor allem von Artikeln verlangt, die Themen in umstrittenen oder prestigeträchtigen Fachgebieten (z. B. Stammzellenforschung) behandeln oder von außerordentlich hohem Interesse für einen großen Leserkreis sind (z. B. in Nature oder Science).
Neben der Qualitätssicherung dient das Peer Review auch dem Zweck, Argumente in einer reviewten Arbeit stichhaltiger darzustellen.
Die Gutachten selbst werden zunehmend öffentlich gemacht, um Transparenz herzustellen. Der Verlag Nature Research bot beispielsweise seit 2020 als Opt-in-Lösung an, die Gutachten zusätzlich zu den fertigen Artikeln mit zu veröffentlichten. Seit Juni 2025 wurde dies zum neuen verpflichtenden Standard für alle Nature-Journals.Nature Editorial: Transparent peer review to be extended to all of Nature’s research papers. 16. Juni 2025 Nature 642, 542 (2025), https://doi.org/10.1038/d41586-025-01880-9.
Doppelblindgutachten Bleiben sowohl Gutachter als auch Begutachteter anonym, so wird von Doppelblindgutachten (englisch double-blind review) gesprochen. Mit diesem Verfahren soll vermieden werden, dass die Bekanntheit des Einreichenden oder eine etwaige Beziehung zwischen dem Gutachter und dem Einreichenden einen Einfluss auf die Bewertung seiner Arbeit hat oder der Einreichende den Gutachter beeinflusst. Gerade junge Wissenschaftler können durch dieses Verfahren profitieren, weil ihr Beitrag (und nicht ihr Renommee) entscheidet. Die Autoren sind dann gehalten, im Text Passagen zu vermeiden, die der Anonymität zuwiderlaufen könnten (z. B. Selbstzitierungen in der ersten Person, Hinweise auf die eigene Forschungseinrichtung). In vielen Fällen können jedoch anhand der Referenzen, der experimentellen Möglichkeiten etc. die Autoren trotzdem erraten werden, zumal wenn das betreffende Spezialgebiet von einer überschaubaren Anzahl von Leuten beforscht wird. Daher und aus anderen Gründen wird in vielen Fällen auf die Verdeckung der Autorennamen verzichtet.
Vortäuschen von Peer Review