Die Polte Armaturen- und Maschinenfabrik OHG in Magdeburg war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein bedeutender Hersteller von Großarmaturen sowie einer der größten Munitionsproduzenten der Welt.Gem. Astrid Pawassar: Bildatlas Leipzig, Halle, Magdeburg. Band 233 des HB Bildatlas. 2007, S. 96 f. größter Munitionsproduzent des Deutschen Reichs Der Konzern war einer der wichtigsten Arbeitgeber Magdeburgs,Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges arbeiteten rund 14.000 Magdeburger Einwohner in den Polte-Werken, gem. Martin Nathusius: Die Magdeburger Linie .., siehe LitVerz. (S. 109) Vorreiter bei der Errichtung sanitärer und sozialer Einrichtungen für Angestellte und Arbeiter und international für die ingenieurtechnische Qualität seiner Erzeugnisse geschätzt.„So ist auch das Poltewerk mit zum Pionier und Bahnbrecher für den Siegeslauf der deutschen Industrie in allen Teilen der Welt …“. Hans Leonhard: Eugen Polte. In: Mitteldeutsche Lebensbilder. Fünfter Band. Lebensbilder des 18. und 19. Jahrhunderts. Magdeburg, 1930. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er vor allem wegen der massenhaften Beschäftigung von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen (ab Juni 1943 bis zum Kriegsende) bekannt. Die während des Krieges nicht zerstörten oder von der sowjetischen Besatzungsmacht als Reparationen abtransportierten Teile der Polte-Werke gingen später im VEB Schwerarmaturenwerk „Erich Weinert“ bzw. dem daraus entstehenden VEB Magdeburger Armaturenwerke „Karl Marx“ auf. mini|Logo der Polte-Werke
Geschichtlicher Überblick mini|hochkant|Porträt des 1911 verstorbenen deutschen Industriellen und Rüstungsproduzenten Kommerzienrat Eugen Polte, Foto aus dem Jubiläumskatalog der Polte-Werke von 1935Aus: Polte Armaturen- und Maschinenfabrik (Hrsg.): 1885–1935, 50 Jahre Armaturen, Gesamt-Ausgabe 1935. (Produktverzeichnis), Magdeburg, 1935. mini|Ansicht des Alten Werks in der Halberstädter Straße in MagdeburgPolte Armaturen- und Maschinenfabrik Magdeburg (Hrsg.): Armaturen, Polte Magdeburg, Ausgabe 1931. (Produkt-Verzeichnis / Preisliste) Magdeburg 1931. mini|Ansicht des neuen Werks II in der damaligen Poltestraße (Liebknechtstraße) in Magdeburg mini|Bodenstempel (Punzierung) einer 7,7-cm-Geschosshülse, vermutlich für Feldkanone, Produktionsjahr 1917 Gegründet 1873 als Metallgießerei und Armaturenfabrik unter der Firma Jürgens & Co. wurde das Unternehmen 1885 von Eugen Polte übernommen und 1887 als Armaturenfabrik Polte ins Handelsregister eingetragen.Detlef Schmiechen-Ackermann, Steffi Kaltenborn: Stadtgeschichte in der NS-Zeit. Fallstudien aus Sachsen-Anhalt und vergleichende Perspektiven. Lit Verlag, Münster 2005, ISBN 3-8258-8822-3, S. 125 ff. (books.google.pl) Unter dem Namen Polte firmierte die Gesellschaft (hier im Weiteren Polte-Werke genannt) von 1885 bis 1945. Während dieses 60-jährigen Zeitraumes blieb die Firma ein Familienunternehmen und war eigentümergeführt. Ab 1917 bestand sie in der Rechtsform einer oHG.
In zeitgenössischen Katalogen, Preislisten und Angeboten trat die Firma wahlweise unter Namen wie Polte Metallwarenfabrik, Polte Armaturen- und Maschinenfabrik, Polte Werkzeugmaschinen, Polte Aluminiumfabrik, Polte Armaturen- und Wassermesserfabriken, Polte Patronen-, Munitionsmaschinen- und Armaturenfabrik, Polte Armaturen- und Patronenfabrik oder Polte Munitionsfabrik – mit oder ohne den Zusatz Magdeburg – auf. Bereits seit 1913 gehörte die C. Louis Strube AGDie Maschinen- und Armaturenfabrik von C. Louis Strube war 1864 in der Porsestraße in Magdeburg-Buckau etabliert worden. Ab 1889 als Aktiengesellschaft geführt, war sie spezialisiert auf die Fabrikation von und den Handel mit Maschinen, Armaturen, Pumpen, Metallwaren und verwandten Artikeln. Nach der Übernahme durch die Polte-Werke firmierte sie unter Maschinen- und Armaturenfabrik Magdeburg-Buckau. 1946 wurde die Firma in die Industrie-Werke Sachsen-Anhalt, Maschinen- und Armaturenfabrik vormals C. L. S. Magdeburg-Buckau überführt, ab 1948 in die SANAR Werk Strube-VEB, Magdeburg-Buckau, gem. u. a. Magdeburg.de aus Magdeburg zu den Polte-Werken. Ab 1931 wurden rund ein Dutzend weiterer Produktionsstätten außerhalb Magdeburgs, vorwiegend im damaligen Mitteldeutschland, als Zweigstellen oder Tochterunternehmen übernommen, errichtet oder gepachtet und betrieben.
Gründung 1885 Das Unternehmen ging auf eine Gründung des Magdeburger Metallwarenunternehmers Heinrich Jürgens zurück, der 1873 in Magdeburg eine Armaturenfabrik mit Eisengießerei im Magdeburger Stadtteil Sudenburg gründete. Mit einem Handelsregister-Eintrag vom 2. Mai 1885 wurde Eugen Polte als neuer Eigentümer ab 1. April 1885 bestätigt.Der Amtliche Anzeiger der Stadt Magdeburg, Nr. 101 vermerkte dazu: Das von dem Metallwarenfabrikanten Heinrich Jürgens unter der Firma Jürgens & Co. zu Sudenburg – Magdeburg betriebene Handelsgeschäft – Metallgießerei und Armaturenfabrik – ist seit dem 1. April 1885 auf den Ingenieur Eugen Polte übergegangen, der es für seine Rechnung fortführt. Er ist als deren Inhaber unter Nr. 2160 des Firmenregisters eingetragen, dagegen die Firma unter Nr. 1518 desselben Registers gelöscht – zitiert nach: Polte Armaturen- und Maschinenfabrik, 1885–1935, 50 Jahre, Gesamt-Ausgabe 1935. Produktverzeichnis, Magdeburg 1935.
Bei der Übernahme des Betriebes waren 23 Personen beschäftigt. Zunächst wurde die Produktion von Armaturen für Gas- und Wasserleitungen sowie für Dampfkessel mit dem übernommenen Maschinenbestand weitergeführt. Schnell konnte das Unternehmen mittels neu entwickelter Herstellungsverfahren seine Produktpalette ausweiten. Bereits nach kurzer Zeit wurde Polte zu einem bedeutenden Lieferanten von Ausstattung im Feuerlöschwesen (Schlauchkupplungen, Saugkörbe, Stand- und Strahlrohre).Stadtplanungsamt Magdeburg (Hrsg.), Sabine Ullrich: Industriearchitektur in Magdeburg, Maschinenbauindustrie. Magdeburg 1999, S. 47 ff. (online als PDF; 7,4 MB)
Neuentwickelte Maschinen zur Herstellung von Metallkörpern nach dem Zieh- und Walzverfahren wurden in eigenen Werkstätten gebaut und folgend in der Produktion eingesetzt. So konnte Polte auch Aufträge für Groß- und Schwerarmaturen sowie für Hochdruckarmaturen für den Einsatz auf Bohranlagen und Ölfeldern ausführen. Ebenso wurde die Produktion von Aluminium-Kochgeschirren und -Haushaltsgegenständen aufgenommen.
Der Versuch, auch noch in die homogene Verbleiung von Apparaten für die chemische Industrie einzusteigen, misslang. 1887 – zwei Jahre nach der Firmenübernahme – wurden 70 Personen beschäftigt. Im Jahr 1890 arbeiteten bereits 700 Arbeiter und Angestellte in den Betrieben.
Munitionsproduzent 1889 erhielt die Firma vom preußischen Kriegsministerium einen ersten großen Auftrag für die Herstellung von 40 Millionen Patronenhülsen des Kalibers 7,92 × 57 mm für das damals neue Armeegewehr 88. Die zur Produktion angeschafften Werkzeugmaschinen aus dem Ausland erwiesen sich als untauglich zur Massenproduktion. Erst nach wesentlichen Konstruktionsänderungen konnte der Auftrag trotz kurzfristiger Liefertermine zur Zufriedenheit des Ministeriums ausgeführt werden. In der Folge wurde Polte zu einem der wichtigsten Lieferanten für Munitions- und Geschosshülsen der deutschen Armee.Vor 50 Jahren wurde Polte gegründet. Jubiläum der angesehenen Magdeburger Maschinenfabrik. Mit 23 Arbeitern wurde begonnen. In: Magdeburgische Zeitung vom 6./7. April 1925, 7. Beilage / Nr. 177 (176) (zitiert nach: Martin Nathusius; Die Magdeburger Linie. …, siehe Literaturverzeichnis (S. 103)) Zulieferer für die wichtigen Messingnäpfchen war die spätere Hirsch Kupfer- und Messingwerk AG in Finow, deren Eigentümer Gustav Hirsch mit Eugen Polte befreundet war.Kurt Berus: Auf blutigem Fundament. Der Finowsche Wasserturm und die Hirsch’sche Waffenschmiede Messingwerk. Teil 2. In: Barnimer Bürgerpost. Ausgabe 1/2008 (Nr. 156) vom 11. Januar 2008, S. 3. (online als PDF; 458 kB)
Um auch die größeren Geschosshülsen automatisiert herstellen zu können, entwickelte Eugen Polte das dazu bislang gebräuchliche Ziehverfahren zu einem Kugelwalzverfahren weiter, bei dem rollende Kugeln die Umgestaltung der Messingröhren in einem Walzvorgang übernahmen.Franz Reuleaux: Lehrbuch der Kinematik. Band 2, F. Vieweg, Braunschweig 1900, S. 668. (books.google.pl) Neben einer Vereinfachung der Herstellung führte das neue Verfahren auch zu einer Festigkeitserhöhung der Hülsen. Polte entwickelte weitere, ergänzende Präzisionsmaschinen und war damit in der Lage, ganze Fertigungslinien zur automatisierten Herstellung von Geschosshülsen zu verkaufen.
1914 war die Zahl der Beschäftigten auf 4000 gestiegen und die Polte-Werke gehörten bereits zu den größten Munitionsproduzenten Europas. Neben den ursprünglichen Fabrikationsanlagen waren neue Gebäude entstanden. Beim Erwerb des Unternehmens umfasste das Fabrikgelände an der damaligen Halberstädter Straße in Magdeburg-Sudenburg 1.278 Quadratmeter (davon 640 Quadratmeter bebaut), 1910 waren es 23.539 Quadratmeter (davon 8.043 bebaut).Hans Leonhard: Eugen Polte. In: Mitteldeutsche Lebensbilder, Band 5: Lebensbilder des 18. und 19. Jahrhunderts. Magdeburg 1930, S. 584. – zitiert nach: Martin Nathusius: Die Magdeburger Linie. (siehe Literaturverzeichnis) S. 109.
mini|Stand der Polte-Werke auf der Braunen Messe in Magdeburg, 1934, aus: Polte Armaturen- und Maschinenfabrik, Katalog, Ausgabe 1935. mini|Patente für Polte-Entwicklungen des Deutschen Reichs, Österreichs und der Schweiz aus den Jahren 1901–1938Es handelt sich um Patente für eine Nebenauslaßvorrichtung für Pumpenförderleitungen (Reichspatentamt des Deutschen Reiches, 1938, gem. DepatisNet), Leuchtspur-Sprenggeschosse (Reichspatentamt des Deutschen Reiches, 1930, gem. DepatisNet), eine Einrichtung zur Herstellung von Metallhohlkörpern aus Platten (Eidgenössisches Amt für geistiges Eigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, 1901, gem. DepatisNet) sowie für eine selbsttätige Waage (Kaiserlich Königlich Patentamt des Kaiserreiches Österreich, 1903, gem. DepatisNet) mini|Internationale Patente für Polte-Erfindungen aus den Jahren 1925–1932Es handelt sich um Patente für Improvements in and relating to Automatic Cartridge Loading Machines (Patent Office des Vereinigten Königreichs, 1932, gem. DepatisNet), ein Steam-cut-off valve or stop valve (United States Patent Office, 1925, gem. DepatisNet) sowie ein Dispositif de commande pour vanne de retenue (Direction de la Propriete Industrielle, Ministere du Commerce et de l’Industrie, Republique Francaise, 1925, gem. DepatisNet) mini|Eisengießerei und Großformerei, ca. 1935, aus: Polte Armaturen- und Maschinenfabrik, Katalog, Ausgabe 1935 mini|Versandhalle mit Gleisanschluss, ca. 1935, aus: Polte Armaturen- und Maschinenfabrik, Katalog, Ausgabe 1935 mini|Diesel-LKW-Fuhrpark der Polte-Fabriken vor den Werksgaragen, ca. 1935, aus: Polte Armaturen- und Maschinenfabrik, Katalog, Ausgabe 1935 mini|Polte-Fabriken Werkfeuerwehr mit Magirus-Löschzug, ca. 1935, aus: Polte Armaturen- und Maschinenfabrik, Katalog, Ausgabe 1935
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