mini|hochkant|Oberst Albrecht von Thaer, hier mit Orden Pour le Mérite, nach dem 18. April 1918 Albrecht Georg Otto von Thaer (* 2. Juni 1868 in Panten; † 23. Juni 1957 in Gronau) war ein deutscher Generalstabsoffizier und Generalbevollmächtigter des ehemaligen Königs von Sachsen. Er wurde wegen der erfolgreichen Teilnahme am legendären militärischen Distanzritt von Berlin nach Wien im Jahr 1892 sowie durch die posthume Veröffentlichung seiner während des Ersten Weltkriegs verfassten Tagebücher bekannt.

Kindheit und Ausbildung Albrecht von Thaer wuchs als ältestes von sechs Kindern auf dem elterlichen Gut Pawonkau (heute Pawonków) im Kreis Lublinitz in Oberschlesien auf. Sein Vater Georg Ernst von Thaer (1834–1898), ein Landwirt und Pferdezüchter, war wegen seiner Verdienste um Landwirtschaft und Viehzucht geadelt worden. Seine Mutter war Franziska, geborene von Dresler und Scharfenstein (1843–1918), Tochter des Magdeburger und Wiesbadener Oberregierungsrates Otto von Dresler und Scharfenstein (1805–1880), einer ihrer Brüder war der nachmalige General der Infanterie und Ritter des Ordens Pour le Mérite Hermann von Dresler und Scharfenstein (1857–1942). Albrecht von Thaers Urgroßvater war Albrecht Daniel Thaer, der Begründer der modernen Landwirtschaft.

Thaers jüngerer Bruder Georg Friedrich Wilhelm von Thaer wurde später Landeshauptmann von Schlesien und Niederschlesien. Ein weiterer Bruder starb als Kleinkind, die drei Schwestern Johanna (1869–1958), Martha (1871–1940) und Franziska (1879–1975) heirateten schlesische oder ostpreußische Rittergutsbesitzer.Eberhard Willich: Nachfahrentafel. S. 51, 63. siehe Literaturverzeichnis

Thaer wurde zunächst von Hauslehrern in Pawonkau erzogen, besuchte später das Stadtgymnasium in Liegnitz und machte 1888 das Abitur an der Ritterakademie in Liegnitz. Bereits seit seiner Kindheit wollte er wegen der militärischen Familientradition mütterlicherseits (drei von vier Brüdern der Mutter waren Berufssoldaten) und auch wegen seiner Passion zu Pferden Kavallerie-Offizier werden. Dennoch bestand Thaers Vater darauf, dass er zunächst Jura studieren müsse, um seinem Sohn eine damals für Offiziere eher unübliche Hochschulausbildung zu ermöglichen. Während seiner Studentenzeit engagierte Thaer sich beim CVJM und wurde aktiver Anhänger des deutsch-konservativen Berliner Hofpredigers Adolf Stoeckers und dessen christlich-sozialer Versammlungen.Gemäß Aus Gegenwart und Vergangenheit! siehe Veröffentlichung 1892 legte Thaer vor dem Berliner Kammergericht das erste juristische Staatsexamen (zum Referendar) nach sieben Semestern ab.

mini|hochkant|Albrecht von Thaer zu Pferde als Einjähriger beim Leib-Kürassier-Regiment „Grosser Kurfürst“ in Breslau 1891. Ausgestattet mit Pallasch, Lanze und vollem Marschgepäck. mini|Teilnehmer des Distanzrittes Berlin-Wien 1892, auf dem Schimmel vorne mittig befindet sich Albrecht von Thaer.Es handelt sich um den Ausschnitt eines Stiches von Schnaebeli & Co., Berlin mit den 120 deutschen Teilnehmern des Distanzritt-Wettbewerbs. Vorne vlnr: Premierleutnant Diestel (Dragoner-Regiment Nr. 5), Rittmeister Freiherr von Esebeck (Garde-Ulanen-Regiment Nr. 3), Hauptmann Freiherr von Müffling (1. Garde-Regiment zu Fuß), Oberstleutnant Graf von Geldern-Egmond, Premierleutnant Freiherr von Reitzenstein (Kürassier-Regiment Nr. 4), Secondeleutnant von Thaer (Kürassier-Regiment Nr. 7), Premierleutnant von Kronenfeldt (Feldartillerie-Regiment Nr. 10) Premierleutnant Edler von Planitz (Feldartillerie-Regiment Nr. 15), Rittmeister Kimmerle (4. Ch), Secondeleutnant von Massow (Kürassier-Regiment Nr. 4), Rittmeister von Poser Dragoner-Regiment Nr. 26 mini|hochkant|Albrecht von Thaer in der Uniform eines Majors des Generalstabs, nach 1910 mini|Kaisermanöver 1911 in Mecklenburg (Uckermark), zu Pferde links: Generalstabschef Helmuth von Moltke und Kaiser Wilhelm II.Aus: Deutsches Bundesarchiv, Bild 136-C0087

Militärische Laufbahn Der Seiteneinsteiger Zunächst leistete Thaer 1890/91 das Einjährigen-Jahr beim Leib-Kürassier-Regiment „Großer Kurfürst“ (Schlesisches) Nr. 1 in Breslau ab. Am 1. Oktober 1891 erhielt er das Reserveoffizierspatent. Nach Abschluss des Studiums trat er am 16. April 1892 in das Kürassier-Regiment „von Seydlitz“ (Magdeburgisches) Nr. 7 in Halberstadt ein. Er wurde hier zwar als aktiver Leutnant patentiert, erhielt aber nicht sofort die erhoffte Vorpatentierung und war so zu Beginn seiner militärischen Karriere wegen seines Studiums rund vier Jahre älter als zeitgleich patentierte Absolventen der Kadettenanstalten. Nach mehreren Eingaben erfolgte später eine, wenn auch nur einjährige Vorpatentierung, veranlasst durch General Gustav Adolf von Deines, den vormaligen deutschen Militärbeauftragten in Wien. Thaers Vorgesetzter und Kommandeur des Regiments war Oberst von Rundstedt, der Kommandierende General des zuständigen IV. Armee-Korps war der General der Kavallerie Karl von Hänisch.

Teilnahme am Distanzritt von Berlin nach Wien 1892 Im Sommer 1892 wurde vom deutschen Kaiser für Kavallerieoffiziere der deutschen Armee die Teilnahme an einem Langstreckenritt von Berlin nach Wien ausgeschrieben. Thaer, gerade erst patentierter Sekondeleutnant, meldete sich bei seinem Disziplinarvorgesetzten, um die Erlaubnis zur Teilnahme in der Uniform der Seydlitzer Kürassiere an diesem Wettkampf zu erhalten. Der ausgeschriebene Distanzritt Berlin–Wien war – Entfernung wie Bedingungen betreffend – einmalig, und es war zu erwarten, dass Reiter wie Pferd größten Anstrengungen ausgesetzt sein würden. Entsprechend bezweifelte der zuständige Kommandierende General von Hänisch, dass der gerade erst vom Studium eingetretene Leutnant diesen Strapazen gewachsen sei. Hänisch, der in Sorge um den Ruf seiner Kürassiere war, wurde darin auch vom Kommandeur der 8. Kavallerie-Brigade Generalmajor Willy von Haeseler bestärkt, erlaubte schließlich aber die Teilnahme.Die Erlaubnis wurde erteilt mit den Worten: „Also Sie sind der eigenartige Herr, der schon an Vorpatentierung gedacht hat wegen seines absolvierten Referendar-Examens? Ach nein! Da zeigen Sie erst mal, ob Sie mehr können, als Bier trinken!“ gem. Albrecht von Thaer, Gen.-Major a. D.: Distanzritt Wien–Berlin, Berlin–Wien. October 1892. Zeitschrift der Zeit.

Zielort der deutschen Reiter war Floridsdorf, ein Vorort von Wien. Schnellster deutscher Reiter war der Premierleutnant Freiherr von Reitzenstein vom Kürassier-Regiment Nr. 4 auf der Senner Stute Lippspringe. Das Pferd starb nach dem Rennen. Zweitschnellster deutscher Reiter (und in der Gesamtwertung Neunter) wurde Thaer mit einer Gesamtreitzeit von 78 Stunden und 45 Minuten. Das errungene Preisgeld betrug 1800 Mark. Sein Pferd, eine beim Start belächelte, kleine orientalisch-polnische Schimmelstute, die er 1890 auf dem Krakauer Pferdemarkt gekauft hatte, erreichte das Ziel mit Ausnahme eines Satteldruckes (aufgrund dessen es jedoch aus der Wertung zum „Konditionspreis“ herausfiel) gänzlich schadlos.

Später war Thaer Eskadronchef bei der schweren Kavallerie des Kürassier-Regiments „Königin“ (Pommersches) Nr. 2 (eine Traditionseinheit der früheren Ansbach-Bayreuth-Dragoner) in Pasewalk. Ab dem 1. Oktober 1910 war Thaer dann zum Großen Generalstab nach Berlin kommandiert. Dort wurde er der Französischen Abteilung zugeordnet, deren Abteilungsleiter (Abteilung 3) der spätere Generalstabschef und Generalleutnant Hermann von Kuhl war. Thaer war als Reiter für die Bearbeitung der französischen Kavallerie zuständig. Noch 1910 wurde er zum Major befördert.

Ehrenstreit mit Generalstabschef Moltke In die Zeit von Thaers Tätigkeit in Berlin fiel ein Streit des Hauptmanns mit einem deutlich ranghöheren Vorgesetzten, der die Nuancen zur Ehrhaftigkeit im damaligen preußisch-kaiserlichen Offizierkorps aufzeigt: Der 42-jährige Thaer meldete sich nach einem mehrmonatigen Russland-Urlaub 1910 zurück beim Chef des Großen Generalstabs in Berlin, dem Generalleutnant Helmuth Johannes von Moltke. Dieser forderte ihn anlässlich der Rückmeldung dazu auf, seine Sicht auf das deutsch-russische VerhältnisSeit der Nichtverlängerung des noch von Bismarck ausgehandelten, dreijährigen Neutralitätsabkommens (Rückversicherungsvertrag) zwischen Deutschland und Russland durch Kaiser Wilhelm II. und dem etwa zeitgleich abgeschlossenen Helgoland-Sansibar-Vertrag zwischen Deutschland und England hatte sich das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland wie auch zwischen den verwandten Regenten ständig verschlechtert. 1910 war es bereits vorhersehbar, dass es vor allem wegen der Probleme im Balkan zu einem großen europäischen Krieg kommen würde. offen darzulegen. Vermutlich missverstand Moltke die Antwort des Hauptmanns, die er als Aufforderung zu einem Präventivkrieg verstand, was Thaer aber nicht ausgedrückt hatte. Moltke, der einen Präventivkrieg ablehnte, entließ Thaer aus dem Gespräch jedenfalls mit den militärisch formell korrekten Worten: „Ich danke Ihnen, Herr Hauptmann.“ Diese Formulierung verstand Thaer jedoch als Beleidigung, da damals die persönlichere (eigentlich unkorrekte) Formulierung „Ich danke Ihnen, Thaer“ zwischen Vorgesetztem und Untergebenen üblich gewesen wäre. Nach Ablauf der 24-stündigen Wartefrist beschwerte Thaer sich entsprechend über die ihm ungerechtfertigt erschienene Anrede seines Vorgesetzten und Moltke entschuldigte sich dafür nach Klärung der Dinge auch bei ihm.Franz Uhle-Wettler: Als Courage noch keine Floskel war. in: o.A., Junge Freiheit Verlag, Ausgabe 07/04 vom 6. Februar 2004, S. 4.

Weitere Stabsverwendungen Bereits am 15. September 1911 erfolgte die Versetzung zum Generalstab der 36. Division, einer Grenzdivision in Danzig, deren damaliger Kommandeur der Generalleutnant Kuno Arndt von Steuben war. Bestandteil der Division war die Leib-Husaren-Brigade, ebenfalls in Danzig stationiert. Zu dieser Brigade gehörten zwei Regimenter, das 1. Leib-Husaren-Regiment Nr. 1 sowie das 2. Leib-Husaren-Regiment „Königin Viktoria von Preußen“ Nr. 2. Zeitgleich mit dem Dienstantritt Thaers beim Divisionsstab wurde auch der Kronprinz Wilhelm von Preußen als Kommandeur des 1. Leib-Husaren-Regiments in Danzig-Langfuhr eingesetzt.

Ende Februar 1913 erfolgte für Thaer die Versetzung zum Gardekorps als Ia (Erster Generalstabsoffizier) nach Berlin. Dortiger Kommandierender General war zu dem Zeitpunkt noch der General der Infanterie und Generaladjutant Alfred von Loewenfeld, der bald darauf das Kommando an den General der Infanterie und Generaladjutanten Karl von Plettenberg abgab.

Verwendungen im Ersten Weltkrieg und der Nachkriegszeit Im August 1914 rückte das Gardekorps an die Westfront. Am 11. November 1914 nahm das Korps am konzentrischen Angriff auf Ypern teil, Thaer war dabei als stellvertretender Chef des Stabes des kombinierten Gardekorps unter Plettenberg längs der Straße Menin-Gheluwe-Gheluvelt eingesetzt.