mini|hochkant=2|Das Kerngebiet der Assyrer (rot). (Orange: ungefähre Ausdehnung unter Assurbanipal)

Das Assyrische Reich war ein Staat des sogenannten Alten Orients mit Ursprung im nördlichen, auch als Zweistromland bezeichneten Mesopotamien. Es existierte über einen Zeitraum von etwa 1200 Jahren, vom Beginn des 18. Jahrhunderts v. Chr. bis zu seiner Vernichtung um 609 v. Chr. Seine Geschichte wird in drei Perioden eingeteilt: das Alt-, Mittel- und Neuassyrische Reich. Namensgeber sowohl für das Reich als auch für seine erste Hauptstadt war Assur, der höchste Gott im Glauben der Assyrer.

Das Neuassyrische Reich (ab dem 9. Jahrhundert v. Chr.) gilt als das erste Großreich der Weltgeschichte. Sein Mittelpunkt lag am Tigris. Das Machtzentrum hatte sich von der Stadt Aššur (heute: Kalat Scherkât) mit der Zeit nur geringfügig nach Norden in die Städte Kalchu (Nimrud) und zuletzt Ninive verschoben. In seiner größten Ausdehnung unter Assurbanipal erstreckte sich das Reich im Osten über Babylon bis hinein in den heutigen Iran, im Westen bis ans Mittelmeer und über das Alte Ägypten bis nach Nubien (assyrisch: Meluḫḫa).

Die Assyrer sind seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. am mittleren Tigris nachgewiesen. Erste Ansiedlungen am Großen Zab und am oberen Tigris werden bereits um 2500 v. Chr. vermutet. Die Assyrer entstanden aus einer Vermischung von nicht-sumerischen Bewohnern aus der noch älteren Halaf- und Samarra-Kultur mit semitischen Einwanderern.

Die Stadt Assur lag an einem Tigrisübergang, an den Handelswegen zwischen Babylonien und Anatolien, Elam, dem Zagros und Dschesireh mit Nordmesopotamien. Älteste Spuren einer Ansiedlung reichen bis in die altsumerische Zeit zurück und unter Oberherrschaft der Könige des akkadischen Reichs war hier der Sitz eines seiner Statthalter. Ohne die Wehrhaftigkeit seiner Bevölkerung wäre Aššur gegen Ende der Ur-III-Zeit und beim Zusammenbruch des Reichs der 3. Dynastie von Ur zur leichten Beute westsemitischer Invasoren geworden. Die lokalen Fürsten sicherten nicht nur die Stadt gegen Eindringlinge, sondern übernahmen die zuvor durch den König von Ur wahrgenommene Rolle als Beschützer ihrer Kaufleute und ihrer bis weit hinauf nach Kleinasien vorgeschobenen Handelskolonien (zum Beispiel Kaniš).

Altassyrischer Staat (bis 1380 v. Chr.) Vergleiche hierzu auch Johannes Renz: Assyrien / Assyrer. Erstellt: August 2016, Deutsche Bibelgesellschaft, auf bibelwissenschaft.de

mini|hochkant=1.2|Ungefähre Ausdehnung des Altassyrischen Reichs unter Šamši-Adad I. Die reichste Quelle zum altassyrischen Reich sind die Keilschrifturkunden aus der Handelsniederlassung (karum) Kültepe in der Türkei.

Geschichte Die assyrische Königsliste, unter Šamši-Adad I. zusammengestellt, um dessen Thronbesteigung zu legitimieren, und von späteren Herrschern weitergeführt, versucht die Abfolge der assyrischen Könige bis zur Entstehung des Königtums zurückzuverfolgen. Den Anfang machen „Könige, die in Zelten wohnten“ (Könige 1–17), also Nomaden, von denen weiter nichts berichtet wird. Der Name des ersten Königs taucht auf einer Tafel von Ebla auf, die von einem Vertrag zwischen den Königen von Ebla und Assur berichtet.Alan Ralph Millard: Bibel und Archäologie. Gießen/Basel 1977, S. 20/21 Insgesamt wurden vermutlich mehrere Genealogien aneinandergehängt.Albert Kirk Grayson: Assyrian Royal inscriptions. Wiesbaden 1972, S. 1 Der erste Herrscher, der durch eigene Inschriften belegt ist, ist Ilu-šūma, der 32. König der assyrischen Königsliste.Albert Kirk Grayson: Assyrian Royal inscriptions. Wiesbaden 1972 Eine neuassyrische Chronik berichtet über eine Schlacht zwischen Ilu-šūma, König von Assyrien, und Su-abu (Sumu-abum), was einen ersten Synchronismus mit Sumer liefert. Ilu-šūma selbst bezeichnet sich lediglich als Statthalter des Aššur. Die vorhergehenden Herrscher sind als weitgehend mythisch zu betrachten.

In der Nachfolge der sumerischen Reiche gewann Aššur an Bedeutung, als es die nördlichen Gebiete Babyloniens eroberte. Es wurde zunächst von Šamši-Adad I. (König der Gesamtheit, 1744 bis 1712 v. Chr.) erobert, der dann ein obermesopotamisches Reich mit Residenz in Šubat-Enlil als Regionalmacht im nördlichen Mesopotamien errichtete; seine Söhne konnten jedoch das Reich nach seinem Tod nicht fortführen.

In Nordmesopotamien folgte ein Zeitalter (~1700–1500 v. Chr.), aus dem nur wenige Inschriften bekannt sind. Die Levante war zwischen Hethitern, Mittani und Ägyptern umkämpft. In der Endphase der altassyrischen Zeit wurde Assur von Mittani erobert, das Stadttor von Assur wurde um 1450 von Sauštatar nach Hanilgabat verschleppt (Šuppililiuma-Šattiwaza-Vertrag). Assyrien wurde von 1450 bis 1380 v. Chr. ein Vasallenstaat Mittanis. In dieser Zeit war Assyrien wieder auf die Stadt Aššur und ihre unmittelbare Umgebung beschränkt.

Aufbau Nach dem König und seiner Verwaltung war das bīt ālim/bīt līmin die höchste Behörde der Stadt Aššur. Es entsprach einem Stadtrat, war aber auch für den Handel zuständig.Klaas R. Veenhof: Some Social Effects of Old Assyrian Trade. In: Iraq, Vol. 39/1, 1977, S. 112 Vorsitz führte der jeweilige Eponym (limmu). Das bīt ālim erließ Gesetze und Vorschriften über den Handel und die Beziehungen zu den karū, scheint aber auch in der Beziehung zu anderen Staaten zumindest ein Mitspracherecht gehabt zu haben. Das bīt ālim zog auch den Zoll auf aus Assur ausgeführte Güter ein, diese mussten das „Siegel der Stadt“ tragen. Der Eponym nahm auch eine wichtige Stellung in der Rechtsprechung ein. Er war auch mit der Einziehung von Steuern betraut. Die „Abgesandten der Stadt“ kontrollierten den Handel in den karū.

In der Forschung wird beim altassyrischen Staat meist von einem Stadtstaat mit Zentrum in Aššur ausgegangen. Veenhof nimmt an, dass Aššur in altassyrischer Zeit ca. 10.000 Einwohner hatte.Klaas R. Veenhof: Some Social Effects of Old Assyrian Trade. In: Iraq, Vol. 39/1, 1977, S. 115 Großfamilien (mit dem bīt abīni als Zentrum) bildeten die Grundlage der wirtschaftlichen Struktur.Mogens Trolle Larsen: Partnerships in the Old Assyrian Trade. In: Iraq, 39/1, 1977, S. 121 Mitglieder der großen Kaufmannsfamilien konnten das wichtige Amt des Eponyms (limmu) einnehmen.Paul Garelli: Les assyriens en Cappadoce. In: Bibliothèque archéologique et historique de l’Institut français d’archéologie d’Istanbul, 19. Adrien Maisonneuve, Paris 1963

Wirtschaft Assyrische Händler legten in Anatolien ein Netz von Handelskolonien an, um Zinn und Gewänder gegen Kupfer, Silber und Gold einzuhandeln.Klaas R. Veenhof: “Modern” features in Old Assyrian Trade. In: Journal of the Economic and Social History of the Orient, 40/4, 1997 Spätestens unter Ērišum I. wurde das karum von Kaneš angelegt, das ca. 150 Jahre später in Flammen aufging. Welche Auswirkungen dies auf den assyrischen Handel hatte, ist mangels entsprechender Urkunden unbekannt.

Als Zahlungsmittel diente vor allem Silber, in Anatolien auch Zinn. Die Ausfuhr von Gold aus Aššur war strikt untersagt. Kupfer, Silber und Gold wurden aus Anatolien importiert, wo ein weitgespanntes System von Handelskolonien (karū) bestand, deren bekannteste Kültepe darstellt. Das Zinn, das in Assur gehandelt wurde, stammte aus dem Osten, wahrscheinlich aus Usbekistan. Es wurde nach Anatolien weitertransportiert.

Die assyrische Textilwirtschaft war bedeutend, es wurden aber auch Textilien, vor allem solche feinerer Qualität, aus Babylonien importiert. Während es in Ur, Larsa und Mari zentralisierte Webstuben gab, in denen Textilien unter der Aufsicht eines Tempels oder der königlichen Verwaltung hergestellt wurden, stand die Textilproduktion in Assur anscheinend nicht unter zentraler Kontrolle. Teilweise verarbeiteten die Kaufmannsfrauen und ihre Sklavinnen die zum Export bestimmte Wolle. Teilweise wurde Wolle auch aus Anatolien importiert, wenn sich in Assur nicht genug davon fand oder sie zu teuer war.

Mittelassyrisches Reich (1380 v. Chr. bis 912 v. Chr.) Die Quellen zur mittelassyrischen Zeit sind vergleichsweise spärlich. Hauptquellen zur Geschichte sind die assyrische Synchronistische Geschichte und die babylonische Chronik P.Albert Kirk Grayson: Assyrian and Babylonian chronicles. Locust Valley 1975 Annalen setzen unter Ārik-dēn-ili ein, die Angaben sind, bis auf Toponyme, spärlich und formularisch.Albert T. Olmstead: Kashshites, Assyrians, and the Balance of Power. In: The American Journal of Semitic Languages and Literatures, 36/2, 1920, S. 20–153 Einer der ersten Obelisken, der zerbrochene Obelisk, wurde unter Aššur-bēl-kala angefertigt. Wirtschaftstexte sind relativ selten überliefert.

Geschichte Eriba-Adad I. (1380 v. Chr.–1354 v. Chr.) befreite Assyrien von der Herrschaft Mittanis. Unter Ārik-dēn-ili setzen zunächst spärliche Annalentexte ein, die uns genauer über die assyrische Geschichte informieren.

Aššur-uballiṭ I. (1353 v. Chr.–1318 v. Chr.) konnte Mittani entscheidend schlagen. Er machte Šattuara I. tributpflichtig und zerstörte die Hauptstädte Taidu und Waššukanni. Šattuaras Sohn Wašašatta wurde hethitischer Vasall, Urḫi-Teššup kam ihm jedoch nicht zur Hilfe, als Aššur-uballiṭ wieder angriff, und dieser konnte bis nach Harran am Euphrat vordringen. Hatte ihn Urḫi-Teššup noch als Emporkömmling betrachtet, suchte dessen Nachfolger, der Usurpator Ḫattušili III., das Bündnis mit Assyrien und nannte ihn Bruder. Aššur-uballiṭ nahm auch diplomatische Kontakte mit Ägypten auf, trotz des Protestes von Burna-buriaš II. Um seine Position im südlichen Mesopotamien zu festigen, vermählte Aššur-uballiṭ seine Tochter mit dem babylonischen König; als deren Sohn Kadašman-Ḫarbe I. bei einem Aufstand in Babylonien getötet wurde, schritt Aššur-uballiṭ, wahrscheinlich mit babylonischer Hilfe, ein und installierte Kuri-galzu II. als neuen Herrscher.J. A. Brinkman: Materials and Studies for a Kassite History, I. Chicago 1975, Appendix C, S. 418–123

Insgesamt waren die Beziehungen zwischen Assyrien und seinem südlichen Nachbarn, abgesehen von der Eroberung Babyloniens durch Tukultī-Ninurta I. (ca. 1225 v. Chr.), weitgehend friedlich. Es gab einige Grenzkonflikte, der Verlauf der Grenze wurde vertraglich geregelt. Brinkman sieht eine ausgeglichene Machtbalance zwischen den beiden Reichen.A. J. Brinkman: Notes on Mesopotamian history in the Thirteenth Century BC. In: Bibliotheca Orientalis, 27, Leiden 1970 Wirtschaftstexte belegen den Handel zwischen Assyrien und Babylonien, neben Textilien wurde auch Zinn gehandelt. Daneben ist ein regelmäßiger Austausch von Boten belegt. Grund zu Konflikten gab vermutlich vor allem die Kontrolle der Handelswege in den Iran, die über Arbil und ArrapḫaL. D. Levine: Geographical Studies in the Neo-Assyrian Zagris. In: Iran 11, 1973, S. 13 und den Zagros verliefen.J. M. Munn-Rankin: Assyrian military Power 1300–1200 BC. In: Cambridge Ancient History, II/2, Cambridge 1967, S. 3–38

Salmānu-ašarēd I. (1263–1234 v. Chr.) eroberte weite Teile des von den Hethitern gestützten Mittani und setzte über diese Provinzen den Großwesir Qibi-Aššur als König von Hanilgabat ein. Die Könige von Hanilgabat waren in der Folge die zweitmächtigsten Personen des Mittelassyrischen Reichs. Adad-nārāri II. konnte Mittani dann endgültig unterwerfen. Es blieb bis zu dessen Ende 612 Teil Assyriens. RowtonM. B. Rowton: The Background of the Treaty between Ramesses II. and Hattušiliš III. In: Journal of Cuneiform Studies. 13/1, 1959, 11 nimmt an, dass der Besitz Hanilgabats mit seinen Handelsrouten und der langen Tradition des Streitwagenbaus eine wichtige Vorbedingung für den Aufstieg Assyriens zur Weltmacht war.

mini|hochkant=1.5|Der alte Orient um 1220 v. Chr.