Wadji (eigentlich Hor-Wadji), auch Hor-Djet genannt, ist der Name eines altägyptischen Königs (Pharaos) der 1. Dynastie (Frühdynastische Zeit), welcher gemäß Thomas Schneider um etwa 2960/30 v. Chr. regierte.Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen. Düsseldorf 2002. Er war der Nachfolger von König Djer und der Vorgänger von König Dewen. Wadji regierte nur wenige Jahre.

Name und Identität Zeitgenössischer Name Wadji ist ausschließlich durch seinen Horusnamen bezeugt. Dieser erscheint auf Artefakten aller Art: Tonsiegel, Tongefäß-Ritzungen, Gefäßinschriften, Elfenbein-Etiketten und vieles mehr. Sein Name wird mit einem Gardiner-Zeichen dargestellt, das bisweilen unterschiedlich gelesen und gedeutet wird. Die Mehrheit der Ägyptologie identifiziert das Zeichen als I10, das eine aufgebäumte Schlange abbildet und wahlweise „Wadji“ (w3ḏ) und „Djet“ (ḏt) gelesen wird. Die exakte Bedeutung des Namens „Wadji/Djet“ ist zwar unsicher, doch wird heute allgemein eine schlichte Übersetzung als „Schlange (des Horus)“ akzeptiert.Hermann Alexander Schlögl: Das Alte Ägypten. Hamburg 2003, S. 26–28.Paul D. LeBlanc: Deciphering the Proto-Sinaitic Script: Making Sense of the Wadi El-Hol and Serabit El-Khadim Early Alphabetic Inscriptions. 2013, ISBN 978-0-9952844-0-1, S. 130–132.

Der Name Wadjis ist vielleicht auch in einer Felsinschrift im Schatt er-Rigal südlich von Edfu belegt und weist eine ungewöhnliche Schreibweise des Horusnamens auf: Neben dem herkömmlichen Symbol einer Schlange erscheint im Serech zusätzlich das Gardiner-Zeichen M13 (ein Papyrusstängel).vergl. Georges Legrain: Annales du service des antiquités de l'Égypte. Le Service, Caire 1900, S. 221; Abbildung 7. (online). Die Inschrift wurde zunächst von dem Ägyptologen Flinders Petrie kopiert.W. M. Flinders Petrie: A Season in Egyptt. Field & Tuer, London 1888, Tafel XIV, 414 (online). Georges Legrain besprach die Inschrift nochmals in: Annales du service des antiquités de l'ÉgypteGeorges Legrain: Annales du service des antiquités de l'Égypte. Le Service, Caire 1900, S. 221, Abbildung 7 (online). und legte eine leicht veränderte Kopie vor, die vor allem den Horusfalken mit Krone zeigt. Jürgen von Beckerath, der die Inschrift ebenfalls Wadji zuordnet, ist jedoch der Überzeugung, dass die Inschrift erst lange nach dem Tod des Herrschers angebracht wurde.Jürgen von Beckerath: Handbuch der ägyptischen Königsnamen. München 1984, S. 38, Anmerkung 7.

Wadjis Eigenname wird möglicherweise bereits in Tonsiegelabdrücken überliefert. Mehrere Tonsiegel zeigen König Wadji in Gestalt einer sitzenden Königsfigur im Wechsel mit einer Imiut-Standarte. Der Sitzfigur ist der Serech mit Wadjis Horusnamen beigefügt. Sowohl über als auch unter dem Serech erscheint eine Zeichengruppe, die aus den Symbolen M17 (ein Schilfrohrblatt) und U33 (ein Pistill) zusammengesetzt ist und Itja gelesen wird. Weitere Tonsiegel zeigen nur Wadjis Serech und besagte Zeichengruppe im Wechsel. Gelehrte wie Josep Cervelló Autuori sehen darin den Geburtsnamen von Wadji und die Vorlage für die späteren Königslisten.Josep Cervelló Autuori: Narmer, Menes and the Seals from Abydos. In: Zahi A. Hawass, Lyla Pinch Brock: Egyptology at the Dawn of the Twenty-first Century. Kairo 2003, S. 168–175.Flinders Petrie: The Royal Tombs of the first dynasty. 1900. Part I. London 1900, Tafel XVIII, Objekt 2 und 3.

In späteren Königslisten mini|links|hochkant=0.6|Der Name Ita in einer Kartusche in der Abydos-Liste.

Wadji erscheint in ramessidischen Königslisten unter seinem Kartuschennamen. Dabei ist auffällig, dass alle Namensversionen mit einem Vogelsymbol enden, das in der Königsliste von Abydos mit dem Gardiner-Zeichen G1 (ein Schmutzgeier) geschrieben wird und im Turiner Königspapyrus mit dem Zeichen G4 (ein Bussard). Vermutlich kommt diese Wirrung dadurch zustande, dass beide Vogelsymbole in der Hieratischen Schrift sehr leicht miteinander verwechselt werden können. Allerdings ergeben sich dadurch leicht abweichende Lesungen: für die Abydos-Liste ergibt sich die Lesung „Ita“, für den Turin-Papyrus hingegen „Itetju“. Die Vorlagen dürften aber ein- und dieselbe gewesen sein.

Herkunft und Familie Verheiratet war der Regent mit Königin Meritneith. Da diese unmittelbar nach Wadjis Tod selbst den Thron bestieg, nehmen Ägyptologen an, dass sie erst kurz vor Wadjis Tod „Königliche Gemahlin“ geworden war und die vorherige Gattin des Wadji, Königin Herneith, verdrängt hatte.Toby A. H. Wilkinson: Early Dynastic Egypt – Strategy, Security and Society. London 1999, S. 73–75. Als ein möglicher Sohn des Wadji wird sein Thronnachfolger Den angesehen.

Regierung mini|links|hochkant=0.6|Schieferfragment K-5089 mit den Horusnamen der Könige Djer und WadjiPeter Kaplony: New fragments from Tomb Z at Abydos. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo. (MDAIK) Band 56, Ausgabe 2000, S. 10.

Wadji regierte etwa 10 Jahre und zwei Monate.Wolfgang Helck: Untersuchungen zur Thinitenzeit. Wiesbaden 1987, S. 124. Aus einem Kalendereintrag geht Djers Todesdatum vom 7. Peret III hervor. Die Regierungszeit seines Nachfolgers Wadji begann am 22. Peret IV. Da auf dem Annalenstein ansonsten bei einem Regierungswechsel innerhalb des Kalenderjahres die Regierungszeiten zweier Könige 365 Tage ergeben, bleiben die Gründe für die Differenz von 45 Tagen7. Peret III bis 22. Peret IV. unklar. In den Pyramidentexten des Alten Reiches wird eine Einbalsamierungsdauer von 70 Tagen genannt, die jedoch bei nur 45 Tagen Regierungszeitdifferenz nicht für eine Mumifizierung eingehalten werden konnte. Siegfried Schott vermutet deshalb ein Interregnum von 1 Jahr, 1 Monat und 15 Tagen. Daneben bleibt die Frage, ob bereits der altägyptische Kalender mit dem zugehörigen Wandeljahr in Gebrauch war oder ob sich die Datierungen auf den ebenfalls 365 Tage umfassenden Sothis-Kalender beziehen.Siegfried Schott: Altägyptische Festdaten. Verlag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz 1950, S. 54.

Funde von Gefäßfragmenten und Tonsiegeln belegen einen regen und erfolgreichen Handel mit Syrien und Palästina. In Gräbern bei Tarchan und Sakkara aus Wadjis Regierungszeit wurde Keramik aus Palästina entdeckt. Als ältester Beleg der ägyptischen Himmelsvorstellungen gilt der „Elfenbeinkamm des Wadji“ aus seinem Grab. Neben der Darstellung des Horusnamens weist er eine geflügelte Barke auf, deren Vogelschwingen unter dem Bug ausgebreitet sind. Das Zentrum der Vogelschwingen ist herausgekratzt. Bekanntheit erlangte Wadji aber in erster Linie durch seine Grabstele aus Abydos. Diese wurde um 1904 von Émile Amélineau ausgegraben, heute befindet sich das Exponat im Louvre. Wie lange Hor Wadji tatsächlich regiert hat, ist unbekannt. Da auf Elfenbeinetiketten bislang nur ein Sokar-Fest überliefert ist, wird seine Regierungsdauer auf sechs bis zehn Jahre geschätzt.

Tonsiegel des Beamten Amka belegen, dass er während der Regierungszeit des Wadji sein Amt als königlicher Verwalter angetreten haben musste, da Amka bereits in der Regierungszeit von Djer an der Verwaltung der Domäne „Hor-sechenti-dju“ beteiligt war. Den unter Djer erhaltenen Titel „Heri-nechenu“ führte Amka unter Wadji weiter. In den frühen Jahren des Nachfolgekönigs Den verstarb Amka, nachdem er am Ende seiner Karriere mit Regionalaufgaben im westlichen Nildelta betraut worden war.Toby A. H. Wilkinson: Early Dynastic Egypt – Strategy, Society and Security. London 1999, S. 146. Weitere hohe Beamte unter dem Herrscher waren Sedjesechemka und Setka.

mini|hochkant|Plan des Grabes des Djet in Abydos

Es sind nur zwei Jahrestäfelchen des Herrschers bekannt. Eines von ihnen ist in zwei Exemplaren erhalten. Die Lesung der Ereignisse darauf ist hochgradig problematisch. Helck übersetzt: „Jahr der Planung des Kellers (?) der Doppelanlage, Geburt der Lotusknospenzeichen, Stehen im Kronenschrein der beiden Herrinnen“.W. Helck: Untersuchungen zur Thinitenzeit. Wiesbaden 1987, S. 155–156. Ein weiteres Jahrestäfelchen nennt einen Sieg, die Herstellung („Geburt“) einer Statue (weggebrochen) und vielleicht die Gründung einer Festung.Günter Dreyer, Rita Hartmann, Ulrich Hartung u. a.: Nachuntersuchungen im frühzeitlichen Königsfriedhof: 13./14./15. Vorbericht. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo. (MDAIK) Band 59, Mainz 2003, S. 93, Tafel 18f Bei Masra Alam in Unternubien fand sich die kurze Inschrift: „Hemka“ (unter) „Wadji“, die die Anwesenheit eines Beamten dieses Königs belegt.Fritz Hintze, Miroslav Verner, Zbyněk Žába: The Rock Inscriptions of Lower Nubia (= Publications / Czechoslovak institute of egyptology in Prague and in Cairo, Charles university of Prague. Band 1). Charles university, Prag 1974, S. 239–41, Nr. A30.

Der griechisch schreibende Chronist Manetho nennt Wadj „Uenéphes“ (Οὐενέφης) und berichtet: „Als eine große Hungersnot Ägypten heimsuchte, ließ er Pyramiden bei Kôchôme errichten.“.William Gillian Waddell: Manetho. Cambridge (Mass.) 2004, S. 28–31. Dieser Erzählung stehen Ägyptologen und Historiker skeptisch gegenüber, denn Pyramiden als solche wurden erst ab König Djoser zu Beginn der 3. Dynastie errichtet. Außerdem ist unklar, woraus Manetho den Namen „Uenephes“ abgeleitet haben könnte.Wolfgang Helck: Untersuchungen zur Thinitenzeit. Wiesbaden 1987, S. 157.

Das Grab Das Grab des Wadji befindet sich in Abydos unter der Bezeichnung Tomb Z.William Matthew Flinders Petrie, Francis Llewellyn Griffith: The Royal Tombs of the first dynasty. 1900. Part I (= Memoir of the Egypt Exploration Fund. Band 18, ). Egypt Exploration Fund, London 1900 (Digitalisat), S. 8–11, Tafel LXI (59). Es handelt sich um eine Lehmziegelgrube von 11,94 × 9,30 m, an 3 Seiten mit insgesamt 19 Vorratskammern versehen. Zu diesem Grab gehörte auch ein großer Talbezirk.W. M. Flinders Petrie, with chapters by Alan Gardiner, Hilda Petrie, M. A. Murray: Tombs of the Courtiers and Oxyrhinkhos. In: British School of Archaeology in Egypt. (BSAE) Band XXVIII (28), London 1925, Tafel XVII (17).

Ein weiteres Grab aus der Zeit des Wadji entdeckte man in Sakkara (Nr. 3504) im Palastfassadenstil, mit 300 eingelassenen Stierköpfen aus Ton mit echten Hörnern.Walter B. Emery: The Great Tombs of the First Dynasty. Band II, London 1954, S. 5–127. Einige Ägyptologen vermuten in diesem Grab die Ruhestätte des Würdenträgers Sedjesechemka.Toby A. H. Wilkinson: Early Dynastic Egypt – Strategy, Security and Society. London 1999, S. 146–147. In Gizeh fand sich eine weitere große Mastaba, die in seine Regierungszeit datiert.W. M. Flinders Petrie: Gizeh and Rifeh (= Publications of British School of Archaeology in Egypt.). School of Archaeology, London 1907, S. 2–7, Tafel. VI.

Literatur Jürgen von Beckerath: Handbuch der Ägyptischen Königsnamen (= Münchner ägyptologische Studien. (MÄS) Heft 20). Deutscher Kunstverlag, München 1984, ISBN 3-422-00832-2. I. E. S. Edwards: The early Dynastic Period in Egypt. University Press, Cambridge 1964. Walter B. Emery: Ägypten, Geschichte und Kultur der Frühzeit, 3200–2800 v. Chr. Goldmann, München 1964. Gérard Godron: Études sur l'Horus Den et quelques problèmes de l'Égypte archaïque (= Cahiers d'orientalisme. Band 19). P. Cramer, Genève 1990. Wolfgang Helck: Untersuchungen zur Thinitenzeit (= Ägyptologische Abhandlungen. (ÄA) Band 45). Harrassowitz, Wiesbaden 1987, ISBN 3-447-02677-4. Jochem Kahl: Inscriptional Evidence for the Relative Chronology of Dyn. 0–2. In: Erik Hornung, Rolf Krauss, David A. Warburton (Hrsg.): Ancient Egyptian Chronology (= Handbook of Oriental studies. Section One. The Near and Middle East. Band 83). Brill, Leiden / Boston 2006, ISBN 90-04-11385-1, S. 94–115 (Online). Peter Kaplony: Inschriften der ägyptischen Frühzeit. Harrassowitz, Wiesbaden 1963, ISBN 3-447-00052-X. Hermann Alexander Schlögl: Das Alte Ägypten. Beck, Hamburg 2003, ISBN 3-406-48005-5. Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen. Albatros, Düsseldorf 2002, ISBN 3-491-96053-3.