hochkant|mini|Johann Hinrich Wichern Johann Hinrich Wichern (* 21. April 1808 in Hamburg; † 7. April 1881 ebenda) war ein deutscher Theologe, Sozialpädagoge und Gefängnisreformer. Er gründete das Rauhe Haus in Hamburg und gilt als Begründer der Inneren Mission der evangelischen Kirche, als einer der Väter der deutschen Rettungshausbewegung sowie als Erfinder des Adventskranzes.
Leben Familiärer Hintergrund und Schulzeit Johann Hinrich Wichern war das älteste von sieben Kindern der Eheleute Johann Hinrich Wichern sen. und Caroline Maria Elisabeth geb. Wittstock. Er verbrachte seine Kindheit in „einfachen, aber aufstiegsorientierten Verhältnissen“ (Jochen-Christoph Kaiser). Sein Vater konnte wegen einer Erkrankung nicht als Böttcher arbeiten und ging wechselnden Beschäftigungen nach, unter anderem als Lohnkutscher. Schließlich wurde er Schreiber bei einem Notar und 1806 selbst zum Notar angenommen, wozu in Hamburg kein Studium erforderlich war. Kampfhandlungen im Zuge der Befreiungskriege gegen Napoleon zwangen die Familie 1814, für ein halbes Jahr aus Hamburg zu fliehen. Der älteste Sohn sollte den familiären Aufstieg fortsetzen und erhielt Privatunterricht, bis er als Zehnjähriger in das Johanneum, ein renommiertes Hamburger Gymnasium, eintrat.Helmut Talazko: Johann Hinrich Wichern, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1985, S. 44.
Der frühe Tod des 47-jährigen Vaters im Jahr 1823 bedeutete einen Bruch in der Biografie, denn der Fünfzehnjährige verlor mit ihm seine wichtigste Bezugsperson. Die Familie musste 1825 ihre Wohnung in der Kurzen Straße aufgeben und zog in die Kurze Twiete 23, wo die Mutter Zimmer vermietete und einen kleinen Handel mit Wollwaren betrieb.Martin Gerhardt: Johann Hinrich Wichern: ein Lebensbild. Band 1. Hamburg 1927, S. 28. Sohn Johann Hinrich musste das Gymnasium ohne Abschluss verlassen, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Er erteilte Klavierstunden und arbeitete später auch als Hilfslehrer. Im Konfirmandenunterricht lernte Wichern die Frömmigkeit der Erweckungsbewegung kennen, die ihn fortan prägte. Der Rektor des Johanneums Johann Gottfried Gurlitt war in Hamburg ein prominenter Vertreter des Rationalismus; Wichern wahrte zu ihm Distanz. Persönlichkeiten der Erweckungsbewegung beeinflussten dagegen den jugendlichen Wichern: sein Konfirmator Otto Wolters, der Pastor von Hamburg-St. Georg Johann Wilhelm Rautenberg, der Senatssyndikus Karl Sieveking und die Philanthropin Amalie Sieveking; letztere finanzierte Wicherns weiteren Schulbesuch bis zum Abitur. Bei einem Besuch im Lauenburgischen veranlasste Pastor Johannes Claudius den jugendlichen Wichern, eine Nachschrift der Vorlesungen seines Rektors Gurlitt anzufertigen und sie dem Senator Martin Hieronymus Hudtwalcker, einem führenden Vertreter der Erweckungsbewegung in Hamburg und entschiedenen Gegner Gurlitts, zu übergeben. „Sein auf so eigenartige Weise zustande gekommener Kontakt zu Hudtwalcker riß nicht wieder ab.“Helmut Talazko: Johann Hinrich Wichern, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1985, S. 47.
Studium hochkant|mini|Wicherns Göttinger Studentenwohnung, Untere Karspüle 6, mit Gedenktafel Ein Stipendium, das von Freunden aus den erwecklichen Kreisen Hamburgs finanziert wurde, und eine jährliche Rente durch Amalie Sieveking ermöglichten Wichern die Aufnahme des Theologiestudiums. Er immatrikulierte sich am 22. Oktober 1828 an der Universität Göttingen.Götz von Selle: Die Matrikel der Georg-August-Universität zu Göttingen 1737–1837. Lax, Hildesheim 1937, S. 809 (Digitalisat). Der Neutestamentler Friedrich Lücke, ein Vertreter der Vermittlungstheologie, wurde dort sein wichtigster akademischer Lehrer.
Im Jahr 1831 wechselte Wichern nach Berlin. Hier lehrten Schleiermacher und Hegel, aber Wichern zog vor allem der Kirchengeschichtler August Neander an. Außerhalb der Universität bewegte sich Wichern in erweckten Kreisen und empfing dort Impulse, die in seiner späteren sozial-karitativen Arbeit fruchtbar wurden: Hans Ernst von Kottwitz hatte am Alexanderplatz für arbeitslose Handwerker eine „Freiwillige Beschäftigungsanstalt“ gegründet. Nikolaus Heinrich Julius hatte eine Arbeit über die Reformen im Gefängniswesen verfasst.
Wichern kehrte im Herbst 1831 nach Hamburg zurück, um sich auf sein Examen vorzubereiten. Seinen Unterhalt verdiente er durch Privatstunden und als Lehrer an der Freischule (Armenschule) der Hauptkirche St. Nikolai. Worin Wichern die Lösung für das Armutsproblem sah, geht bereits aus seiner ersten Veröffentlichung hervor: Der Hamburger Advokat und Kriminalrichter Carl Wilhelm Asher hatte angeregt, zu den Gründungsgedanken der Hamburger Allgemeinen Armenanstalt zurückzukehren und den Armen Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. In einer Rezension von Ashers Schrift, die am 21. Januar 1832 im Bergedorfer Boten abgedruckt wurde, erklärte Wichern, dass die Armut nur bekämpft werden könne, wenn man ihre Hauptursache beseitige, das „Sittenverderben des Volks“, eine Konsequenz aus dem um sich greifenden „gottlosen Unglauben“.Hans-Walter Schmuhl: Senfkorn und Sauerteig. Die Geschichte des Rauhen Hauses zu Hamburg 1833–2008. Agentur des Rauhen Hauses Hamburg, Hamburg 2008, S. 30–33.
Wicherns Rettungsdorf in Hamburg-Horn Hamburgs wahres und geheimes Volksleben Am 6. April 1832 legte Wichern vor dem Hamburger Geistlichen Ministerium das Erste Kirchliche Examen ab. Er hatte aber keine Aussicht auf eine Pfarrstelle, da er auf Platz 30 der Warteliste stand. So blieb er bis zu seiner Übernahme in den preußischen Staatsdienst (1857) Kandidat der Theologie. Johann Wilhelm Rautenberg, Pastor in Hamburg-St. Georg, lud Wichern ein, ehrenamtlich die neu eingerichtete Sonntagsschule zu leiten. Am 24. Juni 1832 trat Wichern dieses Amt an und begann, die Familien der Sonntagsschulkinder zuhause zu besuchen. In den Quartieren, die die Allgemeine Armenanstalt am Dammtorwall und in St. Georg hatte bauen lassen, lernte er das „Massenelend des vormärzlichen Pauperismus“ kennen.Hans-Walter Schmuhl: Senfkorn und Sauerteig. Die Geschichte des Rauhen Hauses zu Hamburg 1833–2008. Agentur des Rauhen Hauses Hamburg, Hamburg 2008, S. 33. Er fertigte Protokolle an, wobei er in Kontenbüchern die familiären und gesundheitlichen Zustände der Kinder vermerkte. Meist interpretierte Wichern seine Beobachtungen mit Hilfe der dominierenden Kausalkette Unglaube – Sittenlosigkeit – Familienzerstörung, alternativ gelegentlich auch Armut – Entsittlichung – Gottlosigkeit.Hans-Jürgen Benedict: Wicherns Familienbegriff – ein Mittel gegen die Zerstörung des Lebensweltlichen? Eine Erinnerung zum 125. Todestag Wicherns mit aktuellen Ausblicken, Stuttgart 2008, S. 103. Seine Notizen veröffentlichte er 1832/1833 unter dem Titel Hamburgs wahres und geheimes Volksleben.
Gründung des Rauhen Hauses mini|Idealisierte Darstellung von Knabenfamilien des Rauhen Hauses, die begleitet von ihren Brüdern singend zur Gartenarbeit ausziehen (1883) Am 8. Oktober 1832 tagte der Besuchsverein von St. Georg und besprach die Gründung eines Rettungshauses für arme Hamburger Kinder. Wichern war einer der Anwesenden. Die Vereinsmitglieder suchten fortan nach Möglichkeiten, Kapital aufzubringen und ein Haus und Grundstück zu erwerben. Da fügte es sich, dass eine Spende für die geplante milde Stiftung einging. Diese musste nach hamburgischem Recht von einem Mann öffentlich quittiert werden, der für die korrekte Verwendung des Geldes bürgte. Senator Hudtwalcker wurde deshalb angesprochen und erfuhr so von dem Projekt aus St. Georg. Als Testamentsvollstrecker konnte Hudtwalcker über die bedeutende Summe von 17.500 M verfügen, die zum Bau einer Erziehungsanstalt nach Vorbild der „Anstalt zur Erziehung sittlich verwahrloster Kinder“ in Berlin (David Traugott Kopf) bestimmt war.Hans-Walter Schmuhl: Senfkorn und Sauerteig. Die Geschichte des Rauhen Hauses zu Hamburg 1833–2008. Agentur des Rauhen Hauses Hamburg, Hamburg 2008, S. 34 f. Senatssyndicus Karl Sieveking bot Wichern am 28. April 1833 schriftlich eine Immobilie zur Miete an: die strohgedeckte, recht baufällige Kate Rauhes Haus in der Landherrenschaft Hamm und Horn. Am 12. September 1833 konstituierte sich im Auktionssaal der Hamburger Börsenhalle in der Bohnenstraße der Trägerverein, und Wichern stellte vor großem Publikum sein Projekt vor:Hans-Walter Schmuhl: Senfkorn und Sauerteig. Die Geschichte des Rauhen Hauses zu Hamburg 1833–2008. Agentur des Rauhen Hauses Hamburg, Hamburg 2008, S. 38.
das Modell der Kinderfamilie; freie Entfaltung des Individuums verbunden mit Gemeinschaftsbewußtsein; Erziehung durch Arbeit und zur Arbeit; das alles im Geist des Evangeliums.
Dass sich Wichern mit einer programmatischen Rede an die Öffentlichkeit wandte, zeigt, dass er auf private Sponsoren setzte. Ausdrücklich verzichtete er auf staatliche Hilfen.Frank Hamburger: Soziale Arbeit und Öffentlichkeit. In: Werner Thole (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit: Ein einführendes Handbuch, Leske+Budrich, Opladen 2002, S. 755–778, hier S. 756 f. So blieb er unabhängig von ordnungspolitischen Vorgaben der Stadt Hamburg.
mini|Arbeit im Haus Goldener Boden (1846)Illustration aus: Illustrirte Zeitung, Nr. 175 (7. November 1846), S. 301. Am 31. Oktober zog Wichern mit seiner Mutter und seiner Schwester in das Rauhe Haus ein. Bereits zum Jahresende 1833 hatte Wichern zwölf Jungen in die Hausgemeinschaft aufgenommen. Die Zahl der Jungen wuchs, sodass neue Gebäude errichtet werden mussten. Die Kinder lebten in familienähnlichen Strukturen zusammen, jeweils zehn bis zwölf Jungen mit einem Betreuer.
Anfangs wollte Wichern die Jungen des Rauhen Hauses nur auf eine spätere Arbeit in der Landwirtschaft vorbereiten, aber bald war der zünftige Handwerker das Erziehungsziel. Das Rauhe Haus stellte vielfältige Arbeitsangebote bereit. Daher war es möglich, auf individuelle Neigungen der Jungen einzugehen, wie eine Illustration von 1846 zeigt: Die Jungen werden von Handwerksmeistern unterrichtet, die einzelnen Bereiche sind durch Bretterwände abgeteilt. Im Vordergrund sieht man die Jungen beim Wollekämmen und Spinnen, dahinter Drechseln und Tischlern, links unter den hohen Fenstern befinden sich eine Schneider- und eine Schusterwerkstatt.Hans-Walter Schmuhl: Senfkorn und Sauerteig. Die Geschichte des Rauhen Hauses zu Hamburg 1833–2008. Agentur des Rauhen Hauses Hamburg, Hamburg 2008, S. 53. Später wurde auch eine Ausbildung zum Matrosen vermittelt.Hans-Walter Schmuhl: Senfkorn und Sauerteig. Die Geschichte des Rauhen Hauses zu Hamburg 1833–2008. Agentur des Rauhen Hauses Hamburg, Hamburg 2008, S. 73.
Brüderanstalt An der Qualifikation der Betreuer (Erziehungsgehilfen), die er im Rauhen Haus einsetzte, war Wichern schon früh interessiert. Er orientierte sich dabei unter anderem an der Armenschullehreranstalt, die Christian Heinrich Zeller 1820 in Beuggen gegründet hatte. Der Vorstand des Rauhen Hauses erkannte den Wert einer pädagogischen Ausbildung allerdings nicht, sondern schlug vor, die Gehilfen unter den Chausseearbeitern zu rekrutieren.Hans-Walter Schmuhl: Senfkorn und Sauerteig. Die Geschichte des Rauhen Hauses zu Hamburg 1833–2008. Agentur des Rauhen Hauses Hamburg, Hamburg 2008, S. 75. Erst im März 1844 wurde die Brüderanstalt des Rauhen Hauses offiziell begründet, nachdem eine vergleichbare Ausbildung zuvor als Gehilfeninstitut bezeichnet wurde. Den Wechsel der Bezeichnung von „Gehilfen“ zu „Brüdern“ begründete Wichern später (1868) damit, dass „Gehilfen“ die falsche Assoziation erwecke, als seien diese nicht zu eigenverantwortlicher Arbeit fähig. Die Bezeichnung „Diakone“ lehnte Wichern ab.Annette Noller: Diakonat und Kirchenreform. Empirische, historische und ekklesiologische Dimensionen einer diakonischen Kirche. Kohlhammer, Stuttgart 2016, S. 310. Vgl. Johann Hinrich Wichern: Rettungsanstalten als Erziehungshäuser in Deutschland, in: Ausgewählte Schriften, Band 2, S. 239–249.