mini|Evangelische Stadtkirche von Laubach Die Evangelische Stadtkirche (ehemalige St. Maria) in Laubach besteht aus einem romano-gotischen Ostbau aus dem 13 .Jahrhundert und einem barocken Kirchenschiff aus dem Jahr 1702. Sie beherbergt Ausstattungsgegenstände von überregionaler kunstgeschichtlicher Bedeutung und ist hessisches Kulturdenkmal.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.); Lang (Red.): Kulturdenkmäler in Hessen. Landkreis Gießen I. 2008, S. 246.

Die Kirchengemeinde gehört zum Dekanat Gießener Land in der Propstei Oberhessen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Geschichte mini|Blick Richtung Osten Hinweise auf eine Laubacher Pfarrei gehen auf das Jahr 1021 zurück. Eine Kirche wurde 1057 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Sie war der hl. Maria geweihtLandesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.); Lang (Red.): Kulturdenkmäler in Hessen. Landkreis Gießen I. 2008, S. 244. und verfügte in vorreformatorischer Zeit über vier Altäre, die Unser Lieben Frauen, St. Katharina, St. Nikolaus und St. Sebastian geweiht waren. Kirchlich gehörte Laubach im 15. Jahrhundert zum Archidiakonat St. Johann in der Erzdiözese Mainz.Gerhard Kleinfeldt, Hans Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum. (= Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau 16). N. G. Elwert, Marburg 1937, ND 1984, S. 56. Mit Einführung der Reformation durch Graf Friedrich Magnus I. von Solms-Laubach im Jahr 1544 wechselte die Kirchengemeinde zum evangelischen Bekenntnis. Erster lutherischer Pfarrer war Lucas Geyerberg.Kirchenvorstand der Ev. Kirchengemeinde Laubach (Hrsg.): Lebendige Geschichten unterm Kirchturm. 2013, S. 24.

Der ältere Ostteil der heutigen Kirche geht auf das 12. und 13. Jahrhundert zurück. Das ursprüngliche schmale romanische Langschiff ist nicht mehr erhalten. Es wurde 1700 bis 1702 durch das heutige Kirchenschiff im barocken Stil ersetzt. Mit Hilfe des Neubauprojekts konnten Graf Johann Friedrich und seine Frau Benigna die in der Kirchengemeinde verfeindeten Parteien der lutherischen Orthodoxie und des Pietismus befrieden.Kirchenvorstand der Ev. Kirchengemeinde Laubach (Hrsg.): Lebendige Geschichten unterm Kirchturm. 2013, S. 5. Das Inventar im Chorraum wurde 1735 umgestaltet, die Epitaphe abgehängt und der Stuhl für den Gräflichen Rat von Schütz entfernt. Da die Gruft unter dem Querschiff im 18. Jahrhundert belegt war, ließ Graf Christian August 1775 eine weitere Gruft unter dem Mittelgang des Kirchenschiffs anlegen.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1935, S. 262. Im Jahr 1868 wurde die Sakristei an der Nordseite abgebrochen und an dieser Stelle 1869 ein Treppenturm geschaffen. Die Kirche wurde 1871/72 „restauriert“, was den Wegfall einiger Kunstgegenstände bedeutete. 1909 erfolgte unter Berücksichtigung denkmalpflegerischer Gesichtspunkte eine Renovierung, bei der die Wandmalereien im Chorraum freigelegt wurden. Fritz Geiges entwarf die bunten Glasfenster.Wellenkötter: Laubach. Geschichte und Gegenwart. 2004, S. 19. 1962 wurde die Kirche innen erneut restauriert. 1984 erfolgten Freilegungen an der Außenmauer der östlichen Chorwand, bei welcher zwei Plastiken im romanischen Stil zum Vorschein kamen. Die umfassende Renovierung in den Jahren 2008 bis 2011 beinhaltete die Sanierung des Dachstuhls und die Innenrenovierung des Kirchenschiffs, bei der die ursprüngliche Farbfassung von 1702 und die Kassettendecke wiederhergestellt wurden.

Baubeschreibung mini|links|hochkant|Vierung und Chor mini|Barockes Langhaus mini|hochkant|Bekrönte Madonna in der Südseite des Querschiffs Die Stadtkirche befindet sich erhöht auf dem sogenannten Kirchenplatz, einem kreisförmig umbauten Platz westlich des Schlosses, an welchem die meisten Häuser aus dem 18. Jahrhundert stammen.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 540. An der Kirche lassen sich zwei verschiedene Baustile erkennen. Der Chor, der Turm und das Querschiff sind romanisch bzw. frühgotisch, das Langhaus barock.

Ältester Baukörper aus dem 12. Jahrhundert ist der Vierungsturm mit dem Querschiff aus Bruchsteinmauerwerk mit unregelmäßiger Eckquaderung.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 110. Das verschieferte, hölzerne Rautendach mit vier Giebeln über einem Holzgesims lässt rheinischen Einfluss erkennen. Das Gewölbe im Inneren des Chors stammt aus der Bauzeit. Im Turm sitzt es auf Kapitellen und im Chor sitzt das Kreuzgewölbe auf Konsolen. Der spätromanische Chor mit 5/8-Schluss entstand unter dem Einfluss der Arnsburger Bauhütte im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts. Außen befinden sich Ecklisenen, die in einen Spitzbogenfries übergehen. Die Mauer weist unregelmäßige Quader auf, die teils aus Basaltlava und teils aus Basaltlavatuff sind. Bis auf ein Fenster in der nördlichen Chorwand und eins im Nordquerarm aus dem zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts stammen die übrigen Fenster aus spätgotischer Zeit und haben Maßwerk.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.); Lang (Red.): Kulturdenkmäler in Hessen. Landkreis Gießen I. 2008, S. 245.

In den Außenwänden des Ostteils sind sechs kleine spätromanische Steinplastiken in Nischen angebracht, die 1983/1984 freigelegt wurden. Möglicherweise wurden sie unter Einfluss der Arnsburger Bauhütte aus Überresten älterer Bauwerke als Spolien in die Wände eingelassen.Falkenstein: Die neuentdeckten Figuren an der Laubacher Stadtkirche. 1989, S. 48. Nach anderer Deutung wurden sie ursprünglich für die Wände der alten Laubacher Kirche geschaffen, nach deren Abriss in die Außenwände des Ostteils eingelassen und wahrscheinlich 1872 verputzt.Weyrauch: Zu den Plastiken in der südlichen Querhauswand. 1992, S. 94. Sie zeigen an der Südseite eine bekrönte Madonna mit Kind und einen lehrenden Jesus mit Bibel. Bei den zwei nicht identifizierten Figuren Richtung Schloss handelt es sich vermutlich um zwei Herrscher oder Stifter. An der Nord- und Westseite werden zwei Bischöfe dargestellt. Während eine Gestalt stark verwittert ist, wird hinter der anderen, die eine goldene Tiara trägt und eine Hand zum Segensgruß erhebt, der heilige Wigbert vermutet, dem eine Glocke geweiht wurde.Kirchenvorstand der Ev. Kirchengemeinde Laubach (Hrsg.): Lebendige Geschichten unterm Kirchturm. 2013, S. 39–41.

Das Langhaus ist in ausgesprochen hochbarocken Formen mit französisch-klassizistischer Prägung gestaltet. Es ist verwandt mit der Kirche von Gambach und entstand zwischen 1700 und 1702. Ende des 17. Jahrhunderts begann das alte Schiff zu verfallen und wurde 1700 abgerissen. Durch das neue Schiff entstand eine typische evangelische Predigtkirche aus der Zeit um 1700. Das Langhaus besteht aus einem großen Bau mit fast quadratischem Grundriss mit kräftiger Pilastergliederung der Wände. Im Inneren tragen die durchgehenden Emporenstützen eine kassettierte Holztonne in der Mitte und teilen den Raum in drei Schiffe.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 111. Emporen und Stützen weisen eine gelbe Fassung mit leichter Marmorierung auf, während die Profile mit Braun abgesetzt sind. Die Fensteranordnung ist zweigeschossig. Die Stichbogenfenster sind die ersten in dieser Gegend. Im Westen hat das Langhaus einen fünfseitigen Abschluss. Bei dem Dach handelt es sich um ein Mansarddach. Das Westportal mit Giebeln und Pilastern ist im Giebelfeld für 1700 datiert. Ein gedeckter Fachwerkgang, der sogenannte „Grafengang“, entstand um 1750 und dient als Verbindung des Heddrichsbaus vom Schloss mit der Ostwand der Kirche.

Unter dem Mittelgang des Kirchenschiffs und unter dem Querschiff liegen in Nord-Süd-Ausrichtung zwei langgestreckte Grüfte für Angehörige der gräflichen Familie. Als erste wurden Agnes von Hessen im Jahr 1602 und als letzte Elisabeth Charlotte zu Solms-Laubach 1829 hier beigesetzt. In den Jahren 1886 und 1983 wurden die Grüfte, die für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind, geöffnet und die Särge dokumentiert. In der Gruft unter dem Mittelgang befinden sich zwei Bleisärge, drei Zinksärge, von denen zwei reich verziert sind, ein Sammelsarg und zwei Holzsärge sowie insgesamt neun Kindersärge aus Metall oder Holz.Kirchenvorstand der Ev. Kirchengemeinde Laubach (Hrsg.): Lebendige Geschichten unterm Kirchturm. 2013, S. 37.

Ausstattung Wandmalereien mini|hochkant|Wandmalereien im Chorraum Im Chor befindet sich ein Wandbild des 14. Jahrhunderts mit dem heiligen Georg, der Schutzmantelmadonna und Engelfiguren. Im nördlichen Querarm sind an der Ostseite schlicht ausgeführte Passionsbilder gemalt, die Geißelung, Verspottung, Kreuztragung und Kreuzigung Christi zeigen. An der Nordseite sind Wandbilder von drei Aposteln sichtbar, welche alle aus dem 14. Jahrhundert stammen. Eindeutig zu identifizieren sind Petrus und Philippus.Miethe, Schuette: Gotische Malereien. 2010, [S. 64]. Die übrigen wurden durch Fensterdurchbrüche zerstört. Im östlichen Bogenfeld des nördlichen Querschiffs befindet sich ein Vesperbild in einem von zwei Engeln gehaltenen Rosenkranz, darüber eine heilige Anna selbdritt und Rankenwerk, die alle um 1500 entstanden. Am Gewölbe dieses Querarms und in den Laibungen der nördlichen Fenster befindet sich feine Groteskenmalerei, welche wahrscheinlich gleichzeitig mit dem Grabmal des Grafen Friedrich Magnus 1563 entstanden ist und Kennzeichen der Renaissance aufweist.Wellenkötter: Laubach. Geschichte und Gegenwart. 2004, S. 17.

Grabdenkmäler mini|hochkant|Grabmal für Graf Friedrich Magnus (1563) In der Kirche befinden sich Grabdenkmäler von Solmser Grafen. Im nördlichen Querarm steht das Alabaster-Grabmal des Grafen Friedrich Magnus I. (* 5. Oktober 1521; † 13. Januar 1561), der im Jahr 1544 die Reformation in Laubach einführte. Auf dem Sarkophag kniet vor dem Kruzifix Friedrich Magnus als freiplastische, weiße Ritterfigur von Jordanus Brekevelt (Brechfeld), welche laut Inschrift 1562/63 entstand. Rechts vor dem Triumphbogen (ursprünglich im Chor) ist aus rotem Sandstein das Grabmal des Grafen Johann Friedrich zu Solms-Wildenfels (* 19. Februar 1625; † 10. Dezember 1696) und seiner Ehefrau Benigna (* 24. März 1648; † 9. November 1702) aufgestellt, die den Kirchenneubau förderte.Kirchenvorstand der Ev. Kirchengemeinde Laubach (Hrsg.): Lebendige Geschichten unterm Kirchturm. 2013, S. 10 f. Auf dem Sarkophag steht ein Obelisk zwischen den allegorischen Figuren der Tugend und der Frömmigkeit, die Reliefbildnisse der Verstorbenen auf ovalen Schilden tragen. Das Grabmal wurde 1714 von Johann Friedrich Sommer aus Marburg nach einem Entwurf von J. P. Meyer gearbeitet.

Ebenfalls im südlichen Seitenschiff ist ein gemaltes Epitaph von Clemens Beuteler aufgestellt, welches die gräfliche Familie zeigt, Albrecht Otto I. zu Solms-Laubach (* 9. Dezember 1576; gefallen am 2. März 1610) mit seiner Frau Anna von Hessen-Darmstadt (* 3. März 1583; † 13. September 1631), ihren sieben Töchtern und dem einzigen Sohn. Die Auferstehungsszene im Hintergrund stellt die Vision von den Totengebeinen aus dar. Dahinter ist eine Ansicht von Laubach im Jahr 1616 zu sehen, die älteste Ansicht der Stadt. Das kleinere, obere Bild zeigt, wie Judas Makkabäus im Kampf stirbt .Kirchenvorstand der Ev. Kirchengemeinde Laubach (Hrsg.): Lebendige Geschichten unterm Kirchturm. 2013, S. 15 f. Im nördlichen Seitenschiff erinnert ein Grabmal aus Alabaster an Johann Georg I., das Balthasar Büttner 1600/1601 architektonisch reich gestaltete. Die Grabplatte in der vermauerten Türnische der nördlichen Chorwand lag ursprünglich mitten im Chor und könnte entsprechend der Wappen für Mechthild von Hessen (14. Jahrhundert) gefertigt sein.Wellenkötter: Laubach. Geschichte und Gegenwart. 2004, S. 22.

Orgel mini|Orgel von 1750