mini|Wolfram, Parzival 1,1ff (Prolog) – Ist zwiffel hertzen noch gebur ... (Heidelberg, Cod. Pal. germ. 339, fol. 6r)
Parzival ist ein Versroman der mittelhochdeutschen höfischen Literatur von Wolfram von Eschenbach, der zwischen 1200 und 1210 entstand.Kindlers Literatur Lexikon. Metzler, Stuttgart 2008. Das Werk umfasst etwa 25.000 paarweise gereimte Verse und wird in den modernen Ausgaben in 16 Bücher gegliedert.
In kunstvoll verzahnten Handlungssträngen einer Doppelromanstruktur werden die Aventiuren erzählt, die abenteuerlichen Geschicke zweier ritterlicher Hauptfiguren – einerseits die Entwicklung des Titelhelden Parzival (von ) vom Unwissenden im Narrenkleid zum Gralskönig, andererseits die gefahrvollen Bewährungsproben für den Artusritter Gawain.
Thematisch gehört der Roman zur sogenannten Artusepik, wobei die Aufnahme Parzivals in die Tafelrunde des legendären britischen Königs nur als Durchgangsstation der Gralssuche erscheint, doch dann zu einer Voraussetzung seiner Bestimmung als Gralskönig wird.
Der Stoff wurde literarisch, aber auch in der Bildenden Kunst und in der Musik vielfach bearbeitet; die nachhaltigste Wirkung erreichte Richard Wagners Adaption für das Musiktheater mit seinem Bühnenweihfestspiel Parsifal (Uraufführung 1882).
Thema
Der Parzival-Stoff behandelt komplexe Themengebiete. Es geht um das Verhältnis von Gesellschaft und Weltferne, die Gegensätze zwischen Männerwelt und Frauenwelt, die Spannung zwischen der höfischen Gesellschaft und der spirituellen Gemeinschaft der Gralshüter, um Schuld im existenziellen Sinn, Minne und Sexualität, Erlösungs-, Heils-, Heilungs- und Paradiesphantasien. Aufgegriffen wird nach psychologischemVgl. auch Irmgard Büchel: Die Bezeichnungen für psychologische Begriffe in Wolframs Parzival. Gießen 1925 (= Gießener Beiträge zur deutschen Philologie. Band 16). bzw. psychoanalytischem Fokus die Entwicklung des Protagonisten Parzival von seiner unschuldigen Selbstbezogenheit zur Empathiefähigkeit und zum Ausbruch aus der engen Dyade mit seiner Mutter Herzeloyde. Parzival ist zunächst ein Ignorant und Sünder, der im Handlungsverlauf zu Erkenntnis und Läuterung gelangt und bei seinem zweiten Besuch auf der Gralsburg Munsalvaesche den Makel des Frageversäumnisses (der mitleidbezeugenden Frage nach dem Leiden seines Onkels, des Gralskönigs Anfortas) wiedergutmachen kann. Parzival ist die Erlösergestalt im Gralsmythos.
Literaturgeschichtliche Einordnung Geschichte und Struktur Unter den Versromanen der mittelhochdeutschen Literatur ragt Wolframs wilde maere – von Gottfried von Straßburg im „Literaturexkurs“ des Tristan polemisch abwertend so genannt – in mehrfacher Hinsicht heraus:
Mit seiner komplexen Sinnstruktur und der aufwendigen erzählerischen Komposition ist der Parzival von vornherein keine „leichte Lektüre“. Dennoch kann dem Werk mit über 80 überlieferten Textzeugnissen eine einzigartige Wirkungsgeschichte schon im Mittelalter nachgesagt werden. Joachim Bumke (siehe unten: Literatur) spricht von einer „literarischen Sensation“, die das Werk gewesen sein müsse, so häufig zitiert und kopiert wie kein anderes im 13. Jahrhundert.
Die Einteilung in 16 Bücher und 827 Abschnitte zu 30 Versen ist der ersten kritischen Edition Karl Lachmanns (1793–1851) von 1833 zu verdanken. Diese Edition ist bis in die Gegenwart gültig und unersetzt geblieben. Zuvor hatte Christoph Heinrich Myller, ein Schüler Johann Jacob Bodmers, einen Editionsversuch unternommen. Ludwig Tiecks Vorhaben von 1801, den Parzival Wolframs zu edieren, wurde nicht verwirklicht.
Wolfram verarbeitet alle geläufigen Problemstellungen seiner literarischen Epoche (vor allem Minne-Problematik, Aventiure-Forderungen, Geeignetsein zum Herrscher, religiöse Determiniertheit) – teilweise kritisch ironisierend, teilweise für seine Zeit neuartig zuspitzend. Dem Roman kommt damit exemplarische Bedeutung für die Themenkomplexe der höfischen Literatur insgesamt zu.
Der Autor verfolgt parallel zum Hauptgeschehen um Parzival eine Vielzahl von weiteren Handlungssträngen. In immer neuen „Würfelwürfen“ (schanzen, Parz. 2,13 – Metapher Wolframs im Prolog des Parzival in Bezug auf sein eigenes narratives Verfahren) spielt er die politischen, gesellschaftlichen und religiösen Probleme, mit denen Parzival konfrontiert wird, mit anderen Hauptfiguren durch und entfaltet die Romanhandlung so zu einer umfassenden Anthropologie.
Wolfram selbst war sich bewusst, dass seine oft sprunghafte, bildreich assoziierende Erzählweise neu und ungewöhnlich war. Er vergleicht sie mit dem „Hakenschlagen eines Hasen auf der Flucht vor Ignoranten“ (tumben liuten, Parz. 1,15 ff) und betont damit, wiederum gegenüber Gottfried, der dieselbe Metapher spöttisch abwertend verwendet, selbstbewusst seine auffällige sprachkünstlerische Formkraft und inhaltliche sowie thematische Phantasie. Auffällig und ungewöhnlich für einen mittelalterlichen Autor ist Wolframs souveränes Neuarrangement des bei Chrétien de Troyes vorgefundenen Stoffes. Die Bearbeitung geschieht gemäß eigenen literarischen Ideen und Intentionen.
Das Werk Parzival folgt einer Doppelromanstruktur mit einem langen Prolog. Nach den ersten beiden Büchern, die sich der Vorgeschichte der Haupthandlung widmen, also den Abenteuern von Gahmuret, Parzivals Vater, beginnt Wolfram von der Kindheit seines Protagonisten zu erzählen. Es folgt später der Wechsel zur Gawan-Handlung, die durch den Besuch Parzivals beim Einsiedler Trevrizent unterbrochen und anschließend wieder aufgenommen wird. Der Inhalt der beiden letzten Bücher ist Parzival gewidmet.
Wolframs Parzival und Chrétiens Perceval Hauptquelle des Parzival ist der unvollendete Versroman Perceval le Gallois ou le conte du Graal/Li contes del Graal von Chrétien de Troyes, entstanden um 1180 und 1190. Wolfram selbst distanziert sich im Epilog von Chrétien und nennt mehrfach das Werk eines „Kyot“ als Vorlage, das er mit einer abenteuerlichen Entstehungsgeschichte versieht. Da aber ein solcher „Kyot“ außerhalb von Wolframs Dichtung nicht identifiziert werden konnte, werden diese Angaben in der Forschung als Quellenfiktion und literarische Koketterie des Autors eingeordnet.
Die Handlung des Parzival ist gegenüber der Vorlage umfangreich erweitert, insbesondere durch die Rahmung mit der einleitenden Vorgeschichte um Parzivals Vater Gahmuret und den abschließenden Ereignissen im Zusammentreffen Parzivals mit seinem Halbbruder Feirefiz. Die Einbettung in die Familiengeschichte dient – über die pure Lust am Fabulieren hinaus – der verstärkten Kausalmotivation der Handlung. Wolfram kommt auf fast 24.900 Verse gegenüber den 9.432 Versen bei Chrétien.
In jenen Passagen, in denen Wolfram Chrétien inhaltlich folgt (Buch III bis Buch XIII), geht er wesentlich freier und selbstbewusster an die Nacherzählung als andere zeitgenössische Autoren (etwa Hartmann von Aue, dessen Artus-Romane Erec und Iwein Bearbeitungen von Chrétiens Romanen sind). Der Textumfang der Vorlage erfuhr eine Verdoppelung auf etwa 18.000 Verse, weil Wolfram seine Protagonisten wesentlich ausführlicher ethische und religiöse Fragestellungen reflektieren lässt und sich selbst als reflektierender Erzähler zu Vorgängen der fiktiven Handlung äußert. Er bindet die Figuren in ein Netz von VerwandtschaftsbeziehungenVgl. auch Walter Delabar: „Erkantiu sippe unt hoch geselleschaft“. Studien zur Funktion des Verwandtschaftsverbandes in Wolframs von Eschenbach „Parzival“ (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 518). Kümmerle Verlag, Göppingen 1990, ISBN 3-87452-757-3, passim, und Christian Gellinek: Zur Personenbeziehung in Wolframs von Eschenbach „Parzival“. In: Amsterdamer Beiträge zur älteren Germanistik. Band 13, 1978, S. 103–117. ein und weist ihnen NamenVgl. Joachim-Hermann Scharf: Die Namen im „Parzival“ und im „Titurel“ Wolframs von Eschenbach. Berlin/New York 1982. zu.
Siehe auch die kymrische Sage Peredur fab Efrawg („Peredur, Sohn des Efrawg“), die ebenfalls dieses Thema behandelt. Die wechselseitige Beeinflussung konnte noch nicht restlos geklärt werden.Bernhard Maier: Lexikon der keltischen Religion und Kultur (= Kröners Taschenausgabe. Band 466). Kröner, Stuttgart 1994, ISBN 3-520-46601-5, S. 265.Vgl. auch Michael Dallapiazza: Emotionalität und Geschlechterbeziehungen bei Wolfram, Chrétien und Hartmann. In: Paola Schulze-Belli, Michael Dallapiazza (Hrsg.): Liebe und Aventiure im Artusroman des Mittelalters (= GAG. Band 532). Göppingen 1990, S. 167–184.
Handlung
Parzivals Erziehung zum Ritter und seine Suche nach dem Gral ist zwar – wie der Erzähler mehrfach betont – Hauptthema der Handlung, fast gleichwertig aber verfolgt Wolfram kontrastierend die Ritterfahrt Gawans. Während Gawan durchgängig als der geradezu vollkommene Ritter auftritt und sich in zahlreichen Abenteuern immer erfolgreich bewährt, die Schuldigen an Missständen der Weltordnung zur Verantwortung zu ziehen und diese Ordnung zu restituieren, durchlebt Parzival neben Abenteuern auch extreme persönliche Konfliktsituationen und wird – aus Unkenntnis oder aufgrund von Fehlinterpretationen von Aussagen und Situationen – immer wieder selbst schuldig. Doch gerade er, der über lange Jahre hinweg die Folgen seines Fehlverhaltens ertragen muss, erlangt am Ende die Gralsherrschaft. Das Epos endet mit einem Ausblick auf die Geschichte von Parzivals Sohn Loherangrin (vgl. Wagners Lohengrin).
Der folgende Überblick orientiert sich mit der Einteilung des Textes in sogenannte ‚Bücher‘ am etablierten Ordnungsprinzip Karl Lachmanns, des ersten ‚kritischen‘ Herausgebers des Parzival, auf dessen – mittlerweile allerdings überarbeitete – Edition die Forschung auch heute noch angewiesen ist.
Wolframs Prolog (Buch I, Verse 1,1 bis 4,26)
Beginn: Elsterngleichnis (Vers 1,1–2,4)
Wolfram beginnt seinen Parzival mit dem Elsterngleichnis (Vers 1,1-1,14).Vgl. auch Helmut Brall: Diz vliegende bîspel. Zu Programmatik und kommunikativer Funktion des Parzivalprologes. In: Euphorion. Band 77, 1983, S. 1–39. Hier verwendet er die Analogie des zweifarbigen Federkleides der Elster agelstern (mittelhochdeutsch) bezogen auf die sinnfällige Gegenüberstellung von Wankelmut und treuer Ergebenheit. Er kommt hier zu dem Schluss, dass es eben nicht nur schwarz und weiß, gut und böse gibt, sondern dies alles wie das Gefieder einer Elster ineinander übergeht.
Adressaten und Lehren aus dem Parzival (Vers 2,5–4,26)
Es werden die Adressaten genannt. Die Turnierritter sollen sich auf die hohen Ideale des Rittertums besinnen und die Frauen daraus lernen, wem sie ihre Liebe und Ehre schenken. Dies ist ein Lobgesang auf jene ritterlichen Tugenden, die Parzival später noch finden soll: Ehre, Treue und Demut.
Die Vorgeschichte: Gahmurets Ritterfahrten (Buch I–II)
Wolfram leitet seinen Roman mit der breit ausgemalten Geschichte Gahmurets ein, des Vaters von Parzival.