mini|Daniel Kahneman (2009)

Daniel Kahneman (Aussprache: ; ; * 5. März 1934 in Tel Aviv; † 27. März 2024 in Nunningen, Kanton Solothurn, Schweiz) war ein israelisch-US-amerikanischer Psychologe und Hochschullehrer, der 2002 mit Vernon L. Smith den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt. Die zugrundeliegende ausgezeichnete Prospect Theory entwickelte er mit Amos Tversky.Uwe Jean Heuser: Psychologie: Schreck der Ökonomen, Die Zeit, 21/2012

Leben Daniel Kahneman entstammt einer jüdisch-litauischen Familie, die mehrere namhafte Rabbiner hervorgebracht hatte.Michael Lewis: Aus der Welt. Grenzen der Entscheidung oder Eine Freundschaft, die unser Denken verändert hat. Campus, Frankfurt am Main 2017, S. 48. Anfang der 1920er Jahre wanderten seine Eltern aus Litauen nach Frankreich aus. Daniel Kahneman wurde in Tel Aviv geboren, als seine Mutter dort Verwandte besuchte. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht im Juni 1940 floh die Familie aus Paris nach Juan-les-Pins in die unbesetzte Zone Frankreichs.Michael Lewis: Aus der Welt. Grenzen der Entscheidung oder Eine Freundschaft, die unser Denken verändert hat. Campus, Frankfurt am Main 2017, S. 47. Als deutsche Truppen am 11. November 1942 auch diese Zone besetzten, versteckte sich die Familie in Cagnes-sur-Mer und schließlich in einem Dorf bei Limoges.

1946 wanderte Kahneman in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina aus. Er studierte Psychologie und Mathematik an der Hebräischen Universität Jerusalem. Nach den Examina im Jahre 1954 leistete er seinen dreijährigen Wehrdienst in der israelischen Armee, die ihn anschließend als Psychologen einstellte, um Tests zur Auswahl von Offizierbewerbern zu entwickeln. Ab 1958 studierte er Psychologie an der University of California und wurde 1961 promoviert. Von 1961 bis 1978 lehrte er an der Hebräischen Universität Jerusalem und von 1978 bis 1986 an der University of British Columbia; von 1986 bis 1994 war er Professor an der University of California, Berkeley. Seit 1993 hatte er die Eugene-Higgins-Professur für Psychologie an der Woodrow Wilson School für öffentliche und internationale Angelegenheiten der Princeton University inne.

Kahneman war in erster Ehe mit der Erziehungspsychologin Irah KahnemanDaniel Kahneman – Biographical. NobelPrize.org. Nobel Prize Outreach AB 2021. 21. Juni 2021. Abgerufen am 21. Juni 2021 (englisch). verheiratet. Seine zweite Ehe mit der Kognitionspsychologin Anne Treisman bestand von 1978 bis zu ihrem Tod im Jahr 2018. Kahneman hatte vier Kinder. Er starb am 27. März 2024 im Alter von 90 Jahren per assistiertem Suizid durch eine Suizidhilfeorganisation im Weiler Roderis der Schweizer Gemeinde Nunningen SO.«Weltstar stirbt in der Schweiz: Die bewegende Geschichte eines Psychologen, der unser Denken verändern wollte» in Badener Tagblatt online

Werk Bekannt wurden vor allem seine Arbeiten zu Urteilsheuristiken und kognitiven Verzerrungen.Oliver Burkeman: Daniel Kahneman: “We’re beautiful devices”, The Guardian, 14. November 2011Jens-Christian Rabe: Wahrheit und Erzählung. In: Süddeutsche Zeitung vom 26. Januar 2016, S. 9. Steven Pinker nannte Kahneman den „wichtigsten lebenden Psychologen“.

Daniel Kahneman und Amos Tversky legten die Grundlagen der Verhaltensökonomik. Sie entwickelten die Prospect Theory, um menschliche Urteile bei wirtschaftlichen Entscheidungen realistischer als im traditionellen Kosten-Nutzen-Modell bzw. als Homo oeconomicus zu modellieren. Ein Framing-Effekt sorgt dafür, dass Entscheidungen abhängig von äußeren Einflüssen getroffen werden: Bei der Wahl zwischen zwei Programmen gegen eine bedrohliche Seuche wurde einmal formuliert: Ein Programm rettet sicher 200 Menschen, das andere mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Drittel alle 600. Die meisten waren für das erste Programm. Anders wurde formuliert: Bei einem Programm sterben bis zu 400 Personen, beim anderen mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Drittel kein einziger. Die meisten wollten das zweite Programm. Die Schlussfolgerung ist: Die Menschen fürchten Verluste mehr als dass sie Gewinne wertschätzen. Das Phänomen ist als Verlustaversion bekannt.

Galten Kahneman und Tversky an der Hebräischen Universität anfangs als Rivalen, so legte sich das im Jahr 1969. Danach saßen sie häufig zusammen in einem Seminarraum. Tverskys Ehefrau sagte später, jene Beziehung sei intensiver gewesen als eine Ehe.

2012 nahm er Stellung zur Reduplikationskrise der Sozialpsychologie, die eingetreten war, als viele Studien sich als nicht replizierbar erwiesen, und schlug ein Reduplikationskarussell vor. Kahneman hat gemeinsam mit seiner Frau Anne Treisman das Konzept der adversarial collaboration („gegnerschaftliche Zusammenarbeit“) entwickelt und selbst praktiziert, bei dem Wissenschaftler mit gegenteiligen Auffassungen gemeinsam in einem Forschungsprojekt arbeiten. Dies soll die wissenschaftliche Kontroverse produktiver gestalten, indem die Gegner einander als legitim anerkennen und sich auf die Suche nach einem kleinsten gemeinsamen Nenner machen.

In einem Interview erklärte Kahneman 2013 den Gegensatz seines Ansatzes zur Chicagoer Schule und dass es darauf ankomme, ein Umfeld zu schaffen, „das einerseits die persönliche Freiheit gewährleistet und andererseits die Leute dazu bringt, Entscheidungen zu treffen, die sie später nicht bereuen“.

2015 wurde Kahneman von der Wochenzeitschrift The Economist auf Rang 7 der weltweit einflussreichsten Ökonomen geführt.

Ehrungen (Auswahl) 1993: Wahl zum Mitglied der American Academy of Arts and Sciences 1995: Ernest R. Hilgard Award der American Psychological Association (APA) für seinen Beitrag zur Allgemeinen Psychologie 1995: Warren Medal der Society of Experimental Psychologists 2001: Wahl zum Mitglied der National Academy of Sciences 2002: Wirtschafts-Nobelpreis (mit Vernon L. Smith) 2002: George A. Miller Prize in Cognitive Neuroscience 2004: Ehrendoktorwürde der philosophischen Fakultät der Universität Würzburg 2004: Wahl zum Mitglied der American Philosophical Society 2007: Wahl zum Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften 2008: Wahl zum korrespondierenden Mitglied der British Academy 2010: Leontief-Preis 2012: Weltwirtschaftlicher Preis des Instituts für Weltwirtschaft an der Universität Kiel 2013: Presidential Medal of Freedom 2014: Ehrendoktorwürde der Yale UniversityBiographies of the 2014 honorands bei der Yale University (yale.edu); abgerufen am 9. Juni 2014

Schriften (Auswahl)

Experienced utitily and objective happiness: A moment-based approach. In: Daniel Kahneman, Amos Tversky (Hrsg.): Choices, Values and Frames. New York 2000. als Hrsg. mit Edward Diener und Norbert Schwarz:

Deutsche Ausgabe:

Deutsche Ausgabe:

Literatur Michael Lewis: Aus der Welt. Grenzen der Entscheidung oder Eine Freundschaft, die unser Denken verändert hat. Campus, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-593-50686-9. Maya Bar-Hillel: Daniel Kahneman: The psychologist who won a Nobel Prize in Economics for replacing Homo economicus with flesh-and-blood humans. In: PNAS. Band 121, Nr. 27, 2024, e2409646121, doi:10.1073/pnas.2409646121. Baruch Fischhoff: Daniel Kahneman (1934–2024). Pioneer in the psychology of judgment and decision-making. In: Science. Band 384, Nr. 6695, 2024, S. 515, doi:10.1126/science.adp6405. Eldar Shafir: Daniel Kahneman obituary: psychologist who revolutionized the way we think about thinking. In: Nature. Band 629, 2024, S. 526, doi:10.1038/d41586-024-01344-6.

Weblinks

Daniel Kahneman an der Woodrow Wilson School of Public and International Affairs

Vortrag über happiness (englisch)

Einzelnachweise

Kategorie:Psychologe Kategorie:Träger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften Kategorie:Hochschullehrer (Hebräische Universität Jerusalem) Kategorie:Hochschullehrer (University of British Columbia) Kategorie:Hochschullehrer (University of California, Berkeley) Kategorie:Hochschullehrer (Princeton University) Kategorie:Sachbuchautor (Pädagogik und Psychologie) Kategorie:Träger der Presidential Medal of Freedom Kategorie:Ehrendoktor der University of Pennsylvania Kategorie:Ehrendoktor der Ben-Gurion-Universität des Negev Kategorie:Ehrendoktor der Julius-Maximilians-Universität Würzburg Kategorie:Ehrendoktor der Harvard University Kategorie:Ehrendoktor der University of British Columbia Kategorie:Ehrendoktor der Universität Mailand Kategorie:Ehrendoktor einer Universität in Frankreich Kategorie:Ehrendoktor der Universität La Sapienza Kategorie:Ehrendoktor der University of Michigan Kategorie:Ehrendoktor der University of Cambridge Kategorie:Ehrendoktor der Hebräischen Universität Jerusalem Kategorie:Ehrendoktor der Yale University Kategorie:Ehrendoktor der McGill University Kategorie:Ehrendoktor der Universität Stellenbosch Kategorie:Ehrendoktor der Universität Haifa Kategorie:Ehrendoktor der HEC Paris Kategorie:Ehrendoktor der York University Kategorie:Mitglied der American Academy of Arts and Sciences Kategorie:Mitglied der American Philosophical Society Kategorie:Mitglied der British Academy Kategorie:Mitglied der National Academy of Sciences Kategorie:Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften Kategorie:Israeli Kategorie:Geboren 1934 Kategorie:Gestorben 2024 Kategorie:Mann