mini|Lage von Vindonissa am DIRL
Vindonissa war ein Legionslager der römischen Armee im Gebiet der Helvetier und seit dem Ende des 1. Jahrhunderts in der römischen Provinz Germania superior (Obergermanien). Die archäologisch gut erforschte antike Siedlung wurde im frühen 1. Jahrhundert nach Christus neben einem ehemaligen keltischen Oppidum auf einem Hochplateau zwischen der Aare und der Reuss angelegt. Das Areal der frühen Siedlung befindet sich heute in der Gemeinde Windisch im Kanton Aargau in der Schweiz. Der moderne Ortsname kommt vom antiken, vielleicht schon vorrömischen Namen Vindonissa.
Das Legionslager lag an einer Kreuzung wichtiger Verkehrsverbindungen, mit dem Wasserweg auf der Aare, der Römerstraße Neckar–Alb–Aare–Aventicum und den Strassen über die Aarebrücke im heutigen Brugg nach Augusta Raurica und nach Turicum (Zürich) und nach Raetien. In der Zeit von 14 bis 101 nach Christus waren nacheinander die drei römischen Legionen 13, 21 und 11 in Vindonissa stationiert. Darauf folgte eine längere Phase ohne die Präsenz starker Truppen. Erst nach der Zurückschlagung einer alamannischen Invasion im späten 3. Jahrhundert erhielt das Castrum Vindonissense wieder eine militärische Bedeutung im Hinterland der Kastellkette am Donau-Iller-Rhein-Limes und war von etwa 300 bis in das 5. Jahrhundert wieder militärisch besetzt. Zwei Kilometer westlich das alten Legionslagers sind bei Brugg-Altenburg die Ruinen eines spätantiken Kleinkastells erhalten.
Name und schriftliche Erwähnungen Der Name Vindonissa ist durch lateinische Inschriften seit der Römerzeit überliefert. Mutmasslich hatten schon die Helvetier dem früheren Oppidum im gleichen Gebiet diesen Namen gegeben, doch ist davon kein Schriftzeugnis bekannt. Der Name Vindonissa leitet sich wohl entweder vom keltischen Personennamen Vindos oder vom keltischen Gattungswort *uindo- «weiss» her, in beiden Fällen ergänzt um das Suffix -is(s)a, insgesamt also entweder «Ort des Vindos» oder «Weissbach»Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen. Hrsg. vom Centre de Dialectologie an der Universität Neuenburg unter der Leitung von Andres Kristol. Frauenfeld/Lausanne 2005, S. 970 f.
Der Historiker Tacitus erwähnt das Legionslager Vindonissa in seinem Werk über die Ereignisse nach dem Freitod des Kaisers Nero. Um 300 wird der Name Vindonissa im Strassenverzeichnis Itinerarium Antonini und in der Strassenkarte Tabula Peutingeriana aufgezeichnet. Im Jahr 310 schrieb der gallische Rhetoriker Eumenius in Trier für Kaiser Konstantin den Großen eine Lobrede (Panegyrikus) und erwähnte darin Constantius I., der bei Vindonissa um 293 die Alamannen schlug. In der Notitia Galliarum, einem um 400 entstandenen Verzeichnis der gallischen Provinzen, ist das Castrum Vindonissense erwähnt.
Durch mehrere Bauinschriften sind Gebäude des Legionslagers und die Namen von Legionskommandanten dokumentiert. Die Weihinschrift eines den Göttern Mars, Apoll und Minerva gewidmeten Bauwerks aus dem Jahr 79CIL XIII 5195; Anne Kolb: Tituli Helvetici. Die römischen Inschriften der West- und Ostschweiz. Habelt, Bonn 2022, Nr. 479. und die Inschrift eines JupitertempelsCIL XIII 5194; Anne Kolb: Tituli Helvetici. Die römischen Inschriften der West- und Ostschweiz. Habelt, Bonn 2022, Nr. 530. nennen die Bewohner der zivilen Siedlung neben dem Militärstandort, die vicani Vindonissenses.Regine Fellmann Brogli, Regula Frei-Stolba, Thomas Kahlau, Andrew Lawrence, Philippe Rentzel, Ulrich Stockinger, Jürgen Trumm: Die Steininschriften von Vindonissa. Kantonsarchäologie Aargau, Brugg 2024, S. 230–233 und 240–243.
Die archäologisch noch im 4. Jahrhundert fassbare Ortschaft war zeitweise Sitz eines christlichen Bischofs, wovon eine kleine Inschrift zeugt. Eine um 600 geprägte Münze trägt die Aufschrift Vindonisse fitur («in Vindonissa geprägt»).Jürgen Trumm: Vindonissa – Ein kurzer Überblick zur Archäologie. In: Regine Fellmann Brogli, Regula Frei-Stolba, Thomas Kahlau, Andrew Lawrence, Philippe Rentzel, Ulrich Stockinger, Jürgen Trumm: Die Steininschriften von Vindonissa. Kantonsarchäologie Aargau, Brugg 2024, S. 39–47, hier S. 47.
Geschichte mini|Blick in die Arena des Amphitheaters Vindonissa, wo gerade die Aufführung der Braut von Messina stattfindet, 1911 Vor der Ankunft römischer Truppen existierte an der äussersten Spitze des Sporns zwischen Aare und Reuss ein keltisches Oppidum. Es entstand wohl nach der Niederlage der Helvetier in der Schlacht bei Bibracte (58 v. Chr.) und wurde durch einen Halsgraben geschützt. Nach den Augusteischen Alpenfeldzügen unter Drusus und Tiberius besetzten die Römer im Jahr 15 v. Chr. das Mittelland und bauten kleinere Stützpunkte. Einer davon entstand auf dem strategisch wichtigen Sporn zwischen Aare und Reuss, wobei die Römer die Befestigung des Oppidums übernahmen. Anschließend setzte Tiberius mit der 19. Legion noch über den Hochrhein und richtete das Lager bei Dangstetten (15–9 v. Chr.) ein.
Im Jahr 14 n. Chr., als die Römer den 15 km entfernten Hochrhein als neue Nordgrenze des Imperiums festlegten, hoben sie das Lager von Augusta Vindelicum (heute Augsburg-Oberhausen) auf. Als Ersatz baute die 13. Legion (die Legio XIII Gemina) den Stützpunkt Vindonissa zu einem aus Holzbauten bestehenden Legionslager aus. Aus dieser Zeit sind nur noch wenige Befunde erhalten, so zum Beispiel ein Spitzgraben an der Nordseite des Lagers und Reste von Mannschaftsbaracken. Um 21 n. Chr. wurde eine erste Erweiterung nach Westen angenommen, um 30 fand eine erneute Vergrösserung und Verschiebung des Lagers nach Norden und Osten statt.
mini|Amphitheater von Vindonissa Die 13. Legion zog um 44/45 n. Chr. ab, an ihrer Stelle wurde die aus Vetera (nahe dem heutigen Xanten) kommende 21. Legion (Legio XXI Rapax) hier stationiert. Diese Legion nahm in der Folge tiefgreifende bauliche Änderungen vor und ersetzte die Holzbauten durch Gebäude aus Stein. Aus dieser Phase sind Thermen, Valetudinarium und Kasernen bekannt. Ebenfalls bekannt ist der damalige Grundriss des Lagers. Es war 21 Hektaren gross, bildete ein unregelmässiges Siebeneck und war von einem Wall und Gräben umgeben. Südlich und östlich des Lagers befand sich eine zivile Siedlung (ein vicus), im Südwesten lagen Forum und Amphitheater.
Da die 21. Legion im unruhigen Vierkaiserjahr 69 n. Chr. das helvetische Umland verheert hatte, wurde sie durch die 11. Legion (Legio XI Claudia) ersetzt, die in Vindonissa bis zum endgültigen Abzug des Militärs blieb. Unter Domitian wurde die Provinz Germania superior eingerichtet, zu der auch Vindonissa gehörte; zugleich wurde durch die Eroberung des Dekumatlandes die römische Reichsgrenze nach Norden verschoben. Damit verlor der Standort an militärischer Bedeutung. Daher wurde die 11. Legion im Jahr 101 n. Chr. von Kaiser Trajan an die Donau verlegt, um dort die Feldzüge gegen die Daker vorzubereiten.
mini|Nachgebaute Contubernia Bis Mitte des 2. Jahrhunderts blieb das Lager unter der Verwaltung der bei Strassburg stationierten 8. Legion (Legio VIII Augusta), die hier einen kleinen Aussenposten unterhielt. Die Zivilbevölkerung nutzte aber mit der Zeit immer grössere Teile des Lagers für ihre eigenen Zwecke. In den 250er Jahren überwanden die Alamannen den Obergermanisch-Raetischen Limes und fielen ins Mittelland ein. Die Römer räumten das Dekumatland, womit der Rhein wieder zur Reichsgrenze wurde. Dadurch erlangte Vindonissa aufs Neue eine strategische Bedeutung und wurde Teil des spätantiken Donau-Iller-Rhein-Limes. Zu einem bisher nicht genauer bestimmbaren Zeitpunkt in den Jahrzehnten um 300 entstand hier eine neue Befestigung, die wohl mit dem in der Notitia Galliarum erwähnten castrum Vindonissense zu identifizieren ist. In diesem geschützten Areal lebte vermutlich Zivilbevölkerung, daneben war dort aber möglicherweise auch wieder eine militärische Besatzung stationiert.Zum castrum Vindonissense Matthias Flück, Jürgen Trumm: Auf dem Windischer Sporn – Anmerkungen zu einer spätrömischen Befestigung von Vindonissa. In: Ana Z. Maspoli, Sandra Ammann, Hannes Flück, Sven Straumann (Hrsg.): Ianua patet cor magis. Festschrift für Peter-Andrew Schwarz zum 65. Geburtstag (= Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa. Band 33). Kantonsarchäologie Aargau, Brugg 2025, ISBN 978-3-907662-14-4, S. 343–360 (online). Bis wann das castrum besiedelt war, ist ungewiss.
Bauten und Befunde Neben den Bauten im Lager gibt es ein Amphitheater und zwei Wasserleitungen aus dem 1. Jahrhundert n. Chr., von denen eine teilweise heute noch benutzt wird. Ausserdem sind Heiligtümer, der Hafen, vier Friedhöfe, eine Mansio und ein sehr fundträchtiger Schutthügel bekannt. Aus diesem stammen viele Kleinfunde, unter anderem Schreibtäfelchen, die viele Details aus dem Leben der Besatzung offenbaren.
Westtor mini|Westtor (Vindonissa) Das schwer befestigte Westtor war für Vindonissa das wichtigste, da es das Lager mit den grossen Fernstrassen verband. Vor dem Tor lag die zivile Siedlung, in der sich Handwerker, Kaufleute und Angehörige der Legionäre niedergelassen hatten. Ein Legionslager verfügte über vier Lagertore (portae), durch die zwei Hauptstrassen ins Lager führten: das vordere Tor (porta praetoria), das rückwärtige Tor (porta decumana) sowie die beiden Seitentore (portae principales). Das Westtor in Vindonissa war im Vergleich zum Nord- und Südtor mit zwei grossen, mehreckigen Seitentürmen sehr aufwändig gestaltet. Dies erklärt sich aus seiner Lage: Hier führten die von Gallien, Italien und Germanien kommenden Fernstrassen ins Lager. Die beiden in ihren Grundmauern erhaltenen Türme waren achteckig und erreichten eine Höhe von vermutlich rund 20 Metern. Neben dem Hauptdurchgang für die Fuhrwerke gab es auf jeder Seite einen Durchlass für Fussgänger.
Innerhalb des Westtors (porta principalis dextra) begann die West–Ost verlaufende Hauptstrasse (via principalis), eine der beiden Lagerhauptstrassen. Diese verlief bis zum Osttor (porta principalis sinistra) und traf unterwegs auf die Süd–Nord verlaufende Hauptstrasse (via praetoria). Die vom Westtor ausgehende Römerstrasse verlief direkt unter dem später durch die Habsburger errichteten Kloster Königsfelden und unter dem Start/Ziel-Gebäude des Legionärspfads hindurch. Ausserhalb des Westtors führte die Strasse weiter ins Mittelland nach Aventicum, der Hauptstadt der Helvetier, und über den Bözberg nach Augusta Raurica. Vor dem Tor lag auch die zivile Siedlung, die sich im Lauf der Zeit um das Legionslager entwickelt hatte und nach Abzug der Truppen aus Vindonissa im Jahr 101 n. Chr. weiterbestand. In der Siedlung lebten einheimische und römische Kaufleute, Handwerker und wohl auch Angehörige der Soldaten. Im «Schauraum Töpferöfen» des Parkhauses der Fachhochschule Nordwestschweiz (Campus Brugg-Windisch) können die sehr gut erhaltenen Töpferöfen eines Töpferquartiers frei besichtigt werden.
Nordtor mini|Fundamente des Nordtors (Vindonissa) Das Nordtor überwachte nicht nur den Schiffsverkehr auf der Aare, sondern die steile Böschung vor dem Tor diente auch als Abfallhalde. Diese ist für heutige Archäologen eine wahre Goldgrube. Die Entdeckung des Nordtors (porta decumana) 1905 war bahnbrechend für die frühe Vindonissa-Forschung. Nun konnten die letzten Zweifel aus dem Weg geräumt werden: Vindonissa war tatsächlich ein Legionslager gewesen – und keine zivile Siedlung. Das Tor liegt an der Nordkante des Windischer Plateaus, direkt über dem Abhang zur Aare. Von hier hat man einen beeindruckenden Ausblick nach Norden, auf den Einschnitt der Aare durch die Jurakette.