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Das Wohnquartier Lindenhof ist eine im Jahr 2016 begonnene Wohnbebauung unter Einbeziehung der auf dem sieben Hektar großen Gelände vorhandenen denkmalgeschützten Bauten der früheren Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Lindenhof in Berlin-Lichtenberg. Die Klinik ging wiederum aus dem Knabenarbeitshaus Lindenhof (ursprünglich: Zwangserziehungs-Anstalt für verwahrloste Knaben) an gleicher Stelle hervor. Das Wohnquartier soll bis Ende 2020 fertig gestellt sein.Neubauprojekt Lindenhof auf www.howoge.de; abgerufen am 20. Februar 2019.
Geschichte Bau und erste Nutzung als Knaben-Erziehungsanstalt Die Gemeinde Lichtenberg besaß gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Rummelsburger Arbeitshaus ein Gebäude, in dem verwahrloste und kriminell gewordene Jungen untergebracht und erzogen wurden. Mit der schnellen Zunahme der Wohnbevölkerung des aufstrebenden Industrieortes nahm die Kriminalität ebenfalls rasant zu und das Arbeitshaus war bald überbelegt. In dieser Situation beauftragte die Gemeindeverwaltung den Stadtbaurat Hermann Blankenstein, der schon einige Krankenhaus- und Fabrikbauten errichtet hatte, mit der Projektierung eines Knaben-Erziehungsheimes. Dieses sollte auf einem Gelände des früheren Rittergutes entstehen, das beim Bau des KEH übrig geblieben war. Am 10. Juni 1896 wurde das neue Heim für 200 Insassen eröffnet. Den schwerfälligen Namen Zwangs-Erziehungsanstalt in Lichtenberg verkürzten die Einwohner der Gemeinde bald in Die Lichte. Als wesentliches Mittel der Umerziehung diente in dieser Zeit vor allem militärischer Drill in Verbindung mit praktischer Arbeit. Die Abschaffung des Deutschen Kaiserreichs führte zu einem Umdenken in der Erziehung, eine humanistisch-progressive Pädagogik löste den preußischen Drill ab. Gleichzeitig erhielt die Anstalt den neuen Namen Lindenhof. Margarete Buber-Neumann vermerkt dazu in ihren Memoiren: „Das Experiment des Lindenhofes war mir, wie damals sicher allen an pädagogischen Problemen interessierten Menschen, Laien und Fachleuten, in Deutschland und auch im Ausland, gut bekannt. Karl Wilker gehörte in die vorderste Reihe der deutschen Reformer nach dem ersten Weltkriege. Er hatte 1917 die in üblem Rufe stehende Lichte, eine Zwangserziehungsanstalt nach strengstem preußischem Muster, übernommen, mit der Absicht, sie zu einem modernen Institut mit aufgeklärten Besserungsmethoden umzuwandeln. Diese Absicht erschöpfte sich nicht darin, dass er der Anstalt einen neuen Namen gab, sie Lindenhof taufte, sondern Wilker versuchte, den Umgangston mit den Zöglingen radikal zu ändern. Bevor er die Lichte übernahm, hatte man die eingesperrten Kinder und Jugendliche wie erwachsene Verbrecher behandelt. Man dachte nicht daran, sie umzuerziehen, sondern hielt sie wie Sträflinge. Prügel und Torturen waren an der Tagesordnung. Zu Wilkers Zeiten konnte man noch die Prügelzelle sehen, deren Wände über und über mit Blut bespritzt waren. Jetzt war sie allerdings nur noch eine abschreckende Sehenswürdigkeit. Zum größten Teil waren bis zum Jahre 1917 die Erzieher in dieser Anstalt ehemalige Berufssoldaten, sogenannte Zwölfender, die man nach der Beendigung ihrer Dienstzeit in den Beamtenstand übernommen hatte. Auch Wilker vermochte nicht, diese Schinder ganz aus dem Lindenhof zu entfernen. Er hatte bei seiner Amtsübernahme lediglich erreichen können, dass die städtischen Behörden, denen der Lindenhof unterstand, ihm erlaubten, die Hälfte der Erzieherposten nach eigenem Ermessen zu besetzen.“Margarete Buber-Neumann: Von Potsdam nach Moskau. Stationen eines Irrweges, 2. Aufl. Stuttgart 1958, S. 124.
Trotz des so entstandenen guten Rufes kam es zu öffentlichen Protesten, unter anderem zu einer Großkundgebung von Jugendlichen im Lehrervereinshaus. Als Ursachen der Proteste gelten die offen ausgebrochenen Differenzen der alteingesessenen Erzieher des Heimes gegen die gelockerten und freundlicheren Umgangsformen des Leiters Dr. Wilker. Dieser hatte wegen des andauernden Mobbings schließlich sein Amt im November 1920 niedergelegt. Mit dieser Kundgebung und dem Auftreten von Vertretern des Lichtenberger Jugendamtes brachten die Zöglinge ihre Unterstützung für Karl Wilker und seine Mitarbeiter zum Ausdruck.Gegen die Vorgänge im Erziehungsheim Lindenhof, Berliner Tageblatt, 22. November 1920.
Die Nationalsozialisten verlegten die Erziehungsanstalt 1941 nach außerhalb der Berliner Stadtgrenzen in die Nähe von Ludwigsfelde nach Struveshof. In die Gebäude des Lindenhofs zogen dafür die Kinderabteilungen aus dem Oskar-Ziethen-Krankenhaus ein. Ein Bombentreffer am Ende des Zweiten Weltkriegs führte zu größeren Gebäudeschäden. Die damals 120 Kinder wurden aber weiterbehandelt und konnten das Kriegsende hier erleben. (Homepage der Charité mit Informationen zur Kinderklinik in Lichtenberg, PDF; 126 kB); abgerufen am 10. März 2009; erneut abgerufen am 15. Januar 2016.
1945 bis 2012: Kinderkrankenhaus Ausbau zum Kinderkrankenhaus Lindenhof
Im April 1945 sollte die Wehrmacht auf dem Gelände stationiert werden, um die vordringende Rote Armee aufzuhalten. Der Anstaltsleiter verhinderte dies und ließ dagegen eine weiße Fahne hissen. Nachdem die erste Einheit der sowjetischen Truppen eingetroffen war, wurden sofort Lebensmittel für die Kinder geliefert und sogar drei Kühe mit Futter bereitgestellt, um die Milchversorgung zu gewährleisten; ein Rotarmist wurde zum Melken abkommandiert.Die Befreiung Berlins, Berlin 1985, S. 109.
Am 24. September 1946 ordnete der sowjetische Stadtkommandant Kotikow die Entwicklung dieser medizinischen Einrichtung zum „größten Kinderkrankenhaus im sowjetischen Sektor“ an.
Im Zeitraum 1947 bis 1951 konnten alle Kriegsschäden beseitigt und weitere Gebäude auf dem Gelände errichtet werden. Das Kinderkrankenhaus Lindenhof (KKL) bot nun Behandlungsmöglichkeiten für 284 junge Patienten in neun verschiedenen Stationen.Jan Feustel: Spaziergänge in Lichtenberg, Band 75 der „Berlinischen Reminiszenzen“, Haude und Spener Berlin, 1996, Seite 46, ISBN 3-7759-0409-3 In den Jahren bis 1989 erfolgte eine kontinuierliche bauliche Erweiterung, verbunden mit einer immer besseren medizinischen Behandlung und Diagnostik. Die Einrichtung wurde verwaltungstechnisch selbstständig, arbeitete jedoch weiterhin eng mit dem Oskar-Ziethen-Krankenhaus (OZK) zusammen.
In den 1980er Jahren galt die Kinderklinik als (Ost-)Berlins größte Einrichtung dieser Art. In zwei Fachambulanzen sowie auf elf Stationen wurden die Kinder und Jugendlichen vor allem aus den damaligen Stadtbezirken Lichtenberg, Köpenick, Marzahn und Hellersdorf medizinisch betreut.
Neuordnungen nach 1990
Nach der Wende schloss zum Ende Dezember 1991 die Poliklinik und das KKL fusionierte 1992 wieder mit dem OZK. Anstelle der Poliklinik etablierte sich ein Sozial-Pädagogisches Zentrum (SPZ; kurz Sozialpädiatrie genannt), dessen Spezialisten Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 18 Jahren mit nachhaltigen Störungen der Entwicklung und/oder Behinderungen ambulant behandeln.Informationen des SPZ zur Arbeit im „Lindenhof“; abgerufen am 10. März 2009 Mit der Privatisierung des Krankenhauses durch den Sana-Verbund ging der Lindenhof als Kinderabteilung in das Sana-Klinikum über. Als im Jahr 2002 die Erweiterungsbauten des OZK am Hauptstandort begonnen wurden, hatten die Bezirksverantwortlichen an eine Aufgabe des Standortes Lindenhof gedacht, was jedoch zunächst verworfen wurde.Marlies Emmerich: Kinderklinik Lindenhof bleibt bestehen. Doppelhochhaus aufpoliert. 62 Wohnungen geplant, In: Berliner Zeitung, 12. November 1994; abgerufen am 10. März 2009Lindenhof-Kinderklinik soll umziehen, In: Berliner Morgenpost, 31. Juli 2003; abgerufen am 10. März 2009 Die Einrichtung beschäftigte etwa 250 Personen, sie hieß nun „Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Lindenhof des Sana Klinikums Lichtenberg“. 110 Betten, eine gesonderte Tagesklinik, eine Kinder-Rettungsstelle und zahlreiche medizinische Spezialabteilungen gehörten ebenfalls dazu. (Homepage der Sana-Kliniken mit Informationen zur Kinderklinik); Stand 2009; erneut abgerufen am 15. Januar 2016. Ab Juli 2005 verfügte die Klinik über ein zertifiziertes Schlaflabor für Kinder.Zertifikat für Schlaflabor der Kinderklinik Lindenhof, In: Berliner Morgenpost, 23. Juli 2005; abgerufen am 10. März 2009 Anfang März 2009 beschloss der Senat von Berlin auf Antrag der BVV Lichtenberg ein Stadt-Sanierungsgebiet, das auch das Gelände des Lindenhof umfasst. (Homepage des Bezirksamts Lichtenberg mit Informationen zum Kinderklinikum Lindenhof); abgerufen am 10. März 2009; erneut abgerufen am 15. Januar 2016.
Verlegung des Kinderkrankenhauses 2012 Nach Fertigstellung der Gebäude im Gelände des OZK (Investitionssumme 25 Millionen Euro) wurde die Kindereinrichtung zwischen März und Mai 2012 doch in die Fanningerstraße verlegt. mit exakter Angabe zur Eltern-Kind-Einrichtung am Standort Fanningerstraße; abgerufen am 12. September 2012. Dort wurde die Einrichtung mit einer Festveranstaltung am 10. Mai 2012 in ein neu eröffnetes Eltern-Kind-Zentrum eingebunden., Presseinformation der Sana-Klinik, 9. Mai 2012, abgerufen am 12. Januar 2014.
Damit im Zusammenhang stellte die BVG ihre spezielle Omnibuslinie als Zubringer zum Kinderkrankenhaus ein. Diese wurde aber auch von vielen Anwohnern und Besuchern des Zentralfriedhofs genutzt, was im Sommer 2012 zu etlichen Protesten und Forderungen der Wiederinbetriebnahme führte.Die Senioren werden ausgebremst. Nibelungenviertel: Ältere Bürger fordern bessere Busanbindung in: Berliner Woche, Ausgabe Lichtenberg, 12. September 2012; S. 5.
Im Jahr 2001 hatte das Kinderkrankenhaus einen Tag der offenen Tür durchgeführt, zu dem Vertreter des DRK, des Zivilschutzes und des THW eingeladen waren. Auf dem Freigelände konnten die jungen Besucher die Arbeitsweise der Hilfsorganisationen und die Rettungstechnik kennenlernen.
Der Tag der offenen Tür des Jahres 2012 war zugleich der Schlusspunkt der Einrichtungen am alten Standort.
Medizinische Leiter des Kinderkrankenhauses von 1933 bis 2012 von – bis Name Lebensdaten1933–1938 Alfred Nitschke 1898–19601938–1946 Leonid Doxiades 1889–19691947–1975 Martin Hochbaum 1910–19901976–1987 Manfred Breunung * 19361987–1989 Michael Böttcher 1989–31. August 2007 Volker Hesse * 1942; abgerufen am 10. März 2009ab 1. September 2007–2012 Volker Stephan * 1959
Lindenhof als Wohnquartier Um- und Neubaupläne Das gesamte Gelände der früheren Kinderklinik an der Gotlindestraße wurde im Jahr 2012 an die Wohnungsbaugesellschaft Howoge verkauft. Diese hat Architekten und die Landschaftsplaner Grünplanung Oehm & Herlan (Nürnberg) mit den detaillierten Planungsarbeiten beauftragt.Alle Informationen zum Baugeschehen auf der Fläche des Lindenhof der Informationstafel an der Gotlindestraße entnommen, Foto kann hochgeladen werden; Stand Februar 2019.
Die ersten bekannt gewordenen Pläne sahen vor, dass ab Frühjahr 2016 in den historischen Gebäuden 410 barrierearme Mietwohnungen eingerichtet werden.Howoge baut auf dem Lindenhof-Gelände, abgerufen am 22. September 2015. Zusätzliche fünf- bis sechsgeschossige Gebäude auf dem Gelände sollen zu weiteren Wohneinheiten führen.
Am 5. September 2016 erfolgte der erste Spatenstich für die Bauarbeiten auf dem Gelände. Das neue Wohnquartier sollte im Dezember 2018 fertiggestellt sein.Baustart für den Lindenhof. Das ehemalige Krankenhaus-Areal wird zum Wohngebiet. In: Berliner Woche, 21. September 2016, S. 3. Für den planmäßigen Baubeginn wurden das historische Pförtnerhäuschen an der Gotlindestraße und das frühere Gästewohnhaus auf dem Krankenhausgelände abgerissen.
Realisierung