Die Elektrowerke A.G. (Abkürzung EWAG, zeitweise auch Reichs-Elektrowerke genannt) war ein Energieversorgungsunternehmen mit Hauptsitz in Berlin. Vorläufer war die 1892 als Tochter der AEG gegründete Braunkohlenwerk Golpa-Jeßnitz AG hervor, deren Tätigkeit sich auf die Erschließung von Braunkohlegruben im Bitterfelder Bergbaurevier und Weiterverarbeitung der dort geförderten Vorräte erstreckte. Mit dem Bau des damals weltgrößten Dampfkraftwerks in Zschornewitz stieg das Unternehmen 1915 in die Produktion elektrischer Energie ein und änderte seinen Namen. Während des Ersten Weltkriegs geriet sie als kriegswichtiges Unternehmen in den vollständigen Besitz des Deutschen Reiches und errichtete mit der Golpa-Leitung eine der ersten deutschen Fernstromleitungen zur Versorgung eines Berliner Aluminiumwerks.

In den 1920er Jahren baute die ab 1923 zur Vereinigte Industrieunternehmen AG (VIAG) gehörende EWAG eine Großversorgung aus den Kraftwerken des mitteldeutschen und Lausitzer Reviers auf und errichtete zur Verteilung der elektrischen Energie ein 110-kV-Hochspannungsnetz. Über dieses bestanden Verbindungen mit der Berliner Bewag, dem Märkischen Elektrizitätswerk, dem Elektrizitätswerk Sachsen-Anhalt, der AG Sächsische Werke und der oberschlesischen Ostkraftwerk AG. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde erneut eine Kriegswirtschaft aufgebaut, für die Versorgung der Rüstungsunternehmen, wie auch der Erschließung von Ressourcen in Österreich begann die EWAG unter staatlicher Regie den Aufbau eines als Reichssammelschiene bezeichneten 220-kV-Netzes.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs verlor die EWAG ihre Besitztümer in der Sowjetischen Besatzungszone bzw. der späteren Deutschen Demokratischen Republik und in Österreich und damit alle ihre Kraftwerke. Bis zur Umwandlung in eine GmbH 1986 war die westdeutsche EWAG noch Betreiber einiger 110- und 220-kV-Leitungen in West-Berlin und Bayern, die daraufhin an die Bewag bzw. das Bayernwerk abgetreten wurden. Bis zum Ende der VIAG im Jahr 2000, als sie mit der VEBA zur E.ON fusionierte, wurden in der EWAG GmbH die Anteile der VIAG an Unternehmungen im Energiebereich gebündelt.

Geschichte Vorläuferunternehmen und Kriegsproduktion Die Braunkohlenwerk Golpa-Jeßnitz AG wurde 1892 in Halle (Saale) gegründet. Intention war es, Braunkohlevorräte im Bitterfelder Bergbaurevier zu nutzen. Hierfür übernahm sie das 1888 in Betrieb genommene Braunkohlewerk Golpa im Rahmen einer Zwangsversteigerung. Neben der Grube entstand eine Brikettfabrik und eine Ziegelei, für die Braunkohle aus den vier Tagebauen Golpa I-III und Sachsenburg gefördert wurde. Um 1911 beabsichtigte die Berliner Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) erstmals, an diesem Standort ein Kraftwerk zu bauen, um aus der Kohle elektrische Energie zu produzieren und damit die Berliner Elektrizitätswerke mit elektrischer Energie zu beliefern.Hochspannungsleitung Teufelsbruch-Werderstraße 1913 übernahm die AEG dann alle Aktien der Braunkohlenwerk Golpa-Jeßnitz AG. Jedoch lehnte die Stadt Berlin dieses Vorhaben trotz bereits erfolgter Bauvorbereitungen ab.Elektrowerke AG, Berlin 1926: Elektrowerke Aktiengesellschaft, S. 5 Ein weiterer Plan der AEG von 1914 sah dann eine Fernstromversorgung aus dem Bitterfelder Raum für die umliegenden Städte Berlin, Magdeburg und Leipzig vor.Harald Radtke: Historie der Elektroenergieübertragung im Osten Deutschlands von 110 kV über 220 kV zur 380 kV. S. 8

Der Eintritt des Deutschen Reiches in den Ersten Weltkrieg zum 1. August 1914 machte dieses Vorhaben wieder zunichte. Vorrang hatte nun die Kriegsproduktion, insbesondere die Bereitstellung von Stickstoff aufgrund einer Seeblockade und damit ausfallenden Natriumnitratlieferungen. Für ein in der Errichtung befindliches Kalkstickstoffwerk der Bayerischen Stickstoffwerken in Piesteritz wurde zum 9. Februar 1915 ein Stromliefervertrag mit dem Braunkohlenwerk Golpa-Jeßnitz über den Bezug von 60.000 kW elektrischer Leistung abgeschlossen.Dr.-Ing. Georg Boll: Entstehung und Entwicklung des Verbundbetriebs in der deutschen Elektrizitätswirtschaft bis zum europäischen Verbund. Verlags- und Wirtschaftsgesellschaft der Elektrizitätswerke m.b.H. Frankfurt/Main 1969, S. 27 Infolgedessen begann in der Nähe der Grube Golpa bei Zschornewitz der Bau des damals größten Dampfkraftwerks der Welt mit 128.000 kW Leistung. Das ausführende Unternehmen beendete die Brikettherstellung vollständig, nannte sich in Elektrowerke AG um und verlegte seinen Firmensitz von Halle nach Berlin. Ende 1915 war das Kraftwerk fertiggestellt und produzierte Strom für das Stickstoffwerk sowie ein unmittelbar benachbartes, eigens errichtetes Elektrosalpeterwerk der Elektro-Nitrium AG. mini|220-kV-Mast der Reichssammelschiene

Da das Bauprojekt wegen gestiegener Kosten im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg zu einem finanziellen Desaster für die AEG zu werden drohte, das Kraftwerk aber von großer Bedeutung für die mitteldeutsche Rüstungsindustrie war, übernahm der Reichsfiskus 1917 für etwa 50 Millionen Mark das gesamte Grundkapital der EWAG. Fortan fand die Stromerzeugung und -verteilung komplett unter staatlicher Regie statt. Am 18. Juni 1917 kam es im Elektrosalpeterwerk zu einer Explosion und damit zur Zerstörung des kriegswichtigen Werkes. Die 30 MW an überschüssiger elektrischer Leistung in Zschornewitz, die mit der Zerstörung des Elektrosalpeterwerks auftraten, sollten auf Geheiß des Kriegsamts für andere Kriegsproduzenten genutzt werden. Hierfür wurde ein Aluminiumwerk in Berlin-Rummelsburg ausgewählt, das bisher von den städtischen Kraftwerken Oberspree und Rummelsburg versorgt wurde, deren Leistung für die energieintensive Produktion jedoch nicht mehr ausreichte.Harald Radtke: Historie der Elektroenergieübertragung im Osten Deutschlands von 110 kV über 220 kV zur 380 kV. S. 9 Von Oktober 1917 bis Mai 1918 baute die EWAG eine 132 km lange 110-kV-Doppelleitung von Zschornewitz nach Rummelsburg zur Versorgung des Werks. Im Oktober 1918 wurden über eine weitere Doppelleitung die Energielieferungen für ein Werk der Griesheim Elektron AG in Bitterfeld aufgenommen, das als Ersatz für das zerstörte Elektrosalpeterwerk diente.

Ausweitung des Verbundnetzes Das Ende des Ersten Weltkriegs machte eine Umstrukturierung der Energieversorgung nötig, nachdem die Kriegsproduktion eingestellt wurde und das Aluminiumwerk zum 9. November 1919 die Produktion einstellte. Neue Aufgabe der EWAG war nun die Sicherstellung einer öffentlichen Fernstromversorgung unter staatlicher Regie. Das Reich strebte durch die Kriegserfahrungen bedingt eine Autarkie an und bündelte seine Industrieunternehmen: 1919 wurde die EWAG Mitglied im Mitteldeutschen Braunkohlen-Syndikat, das ein Zwangskartell bildete. Ausgehend von der Leitung Zschornewitz–Rummelsburg wurde 1919 ein Stromvertrag mit den Berliner Elektrizitätswerken über die Lieferung von zunächst 16.000, dann 30.000 und schließlich 60.000 kW abgeschlossen.Elektrowerke AG, Berlin 1926: Elektrowerke Aktiengesellschaft, S. 6 Mit den Grundlastlieferungen aus Zschornewitz sollten durch ausbleibende Kohlelieferungen verursachte Engpässe bei der Versorgung Berlins mit elektrischer Energie ausgeglichen werden. Weitere Verträge wurden mit den benachbarten Energieversorgern AG Sächsische Werke und Elektrizitätswerk Sachsen-Anhalt abgeschlossen, um diese mit Energie aus Zschornewitz zu beliefern. Hierzu wurde eine Leitung von Zschornewitz nach Magdeburg gebaut sowie die Leitung von Zschornewitz nach Bitterfeld bis Leipzig verlängert

Im Dezember 1919 übernahm die EWAG die Niederlausitzer Kraftwerke AG in Spremberg, die 1917 das Kraftwerk Trattendorf in Betrieb nahm.Dr.-Ing. Georg Boll: Entstehung und Entwicklung des Verbundbetriebs in der deutschen Elektrizitätswirtschaft bis zum europäischen Verbund. Verlags- und Wirtschaftsgesellschaft der Elektrizitätswerke m.b.H. Frankfurt/Main 1969, S. 28 Dies markierte den Beginn eines Verbundnetzaufbaus auf der 110-kV-Ebene zur Fernversorgung des zum 1. Oktober 1920 gegründeten Groß-Berlins: Von Trattendorf wurde eine Doppelleitung zur Hauptschaltstation in Berlin-Friedrichsfelde gebaut, wohin die von Zschornewitz kommende Leitung verlängert wurde. Die Stromlieferungen aus Trattendorf wurden am 24. November 1921 aufgenommen. Eine dritte Leitung wurde von Friedrichsfelde mitten durchs dicht besiedelte Berliner Stadtgebiet zum Kraftwerk Moabit verlegt. 1923 wurde diese Leitung zum Kraftwerk Charlottenburg verlängert.

Seit dem 7. März 1923 war die EWAG als Gründungsmitglied Teil der Vereinigte Industrieunternehmungen AG (VIAG), in der im Rahmen der Autarkiepolitik sämtliche Industrie- und Energieunternehmen mit Beteiligung des Reichs gebündelt waren. Weitere Energieversorgungsunternehmen unter dem Dach der VIAG waren das Alzwerk, die Bayerischen Kraftwerke, das Innwerk, das Ostpreußenwerk und die Württembergische Landes-Elektrizitäts AG.

Eine zweite Leitung von Zschornewitz aus wurde 1925 über die Umspannwerke Brandenburg an der Havel und Spandau nach Charlottenburg errichtet, womit erstmals ein Ringnetz entstand.Elektrowerke AG, Berlin 1926: Elektrowerke Aktiengesellschaft, S. 8 Dazu wurde das Kraftwerk Zschornewitz um ein Kesselhaus mit sechs Kesseln und drei Turbinen erweitert. Ein zweiter Maschenschluss folgte 1928 mit der Leitung von Trattendorf nach Spandau. 1929 wurde mit der Leitung Trattendorf – Lautawerk – Zschornewitz ein großer 110-kV-Ring zwischen den Kraftwerken der EWAG hergestellt.Arthur Schnug, Lutz Fleischer: Bausteine für Stromeuropa. 50 Jahre Deutsche Verbundgesellschaft, S. 192 Das dem Aluminiumwerk Lauta benachbarte Kraftwerk wurde im Oktober 1921 an die EWAG verkauft. Zu diesem Zeitpunkt umfasste das Leitungsnetz der EWAG rund 1060 km an 110-kV-Doppelleitungen.EWAG: Geschäftsbericht der Elektrowerke Aktiengesellschaft zu Berlin für das Jahr 1929,. Berlin, 1929

Neben Berlin entwickelte sich Niederschlesien zu einem weiteren Schwerpunkt des Energieabsatzes. Durch den Erwerb der Gesellschaft Lohser Werke, die bei Sorau eine Braunkohlegrube und ein Kraftwerk betrieben, schloss die EWAG einen Stromlieferungsvertrag mit dem bisherigen Abnehmer, der Kommunalen Elektrizitäts-Lieferungsgesellschaft Sagan ab.Elektrowerke AG, Berlin 1926: Elektrowerke Aktiengesellschaft, S. 10 Daraufhin errichteten sie eine 110-kV-Leitung von Trattendorf nach Hansdorf. Der Abschluss eines weiteren Liefervertrags mit dem Provinzialverband des Elektrizitätswerks Schlesien in Breslau und der Erwerb der Aktienmehrheit am Elektrizitätswerk Liegnitz im Jahr 1927 führten zu Verlängerung dieser Leitung über Bunzlau und Liegnitz zum Kraftwerk Tschechnitz.

Die Steuerung des Verbundnetzes wurde ab 1921 von der Leitwarte der Hauptschaltstation Friedrichsfelde aus durchgeführt, während die Frequenzhaltung 1929 von der Lastverteilerstelle des Kraftwerks Klingenberg der Berliner Elektricitäts-Werke (seit 24. November 1923 Bewag) übernommen wurde. Die Netze der EWAG und Bewag waren miteinander in einem gemeinsamen Netzverbund gekoppelt.