mini|Alfredushaus in Essen vor Juli 1910 Das Alfredushaus in der Essener Altstadt war das Vereinshaus des 1870 gegründeten Christlichen Arbeitervereins. Der Verein hatte vielfältige Funktionen für seine Mitglieder, insbesondere diente er der Interessenvertretung gegenüber ihren Arbeitgebern und staatlichen Institutionen. Das Gebäude war vor allem Arbeiter-Hospiz, also ein Schlafhaus, und Versammlungsgaststätte. Von 1897 bis 1912 war dort auch das Volksbüro eingerichtet, das Arbeitern half, die neuen bismarckschen Leistungen zur Sozialgesetzgebung zu beantragen. Dies war das erste dieser Art in Deutschland überhaupt, dem bald viele andere folgten. Wegen finanzieller Unstimmigkeiten und vor allem politischem Druck wurde der dem Zentrum nahestehende Verein 1935 aufgelöst. Das Haus nahe der Produktionsstätten der kruppschen Gussstahlfabrik fiel alliierten Bomben im Zweiten Weltkrieg zum Opfer.
Der Name Alfredushaus wurde gewählt sowohl zu Ehren des Gründers von Stift und Stadt Essen, Altfrid, als auch dem Gründersohn und Inhaber der Firma Krupp Alfried Krupp, der 1887, also zehn Jahre vor Bezug des Hauses, gestorben war. Die latinisierte Form des Wortes entsprach seit dem Humanismus dem Zeitgeschmack.
Kirchengeschichtliches Umfeld Das Ruhrgebiet ist und war in vielerlei Hinsicht geteilt. So gehören beispielsweise sowohl Teile des Rheinlandes als auch Westfalens dazu, zwei Großräume in Deutschland, die von recht unterschiedlicher Mentalität geprägt sind. Auch in konfessioneller Hinsicht ist es geteilt: Orte, die bis zur Säkularisation zu Kurköln oder zur Vest Recklinghausen gehörten, waren traditionell katholisch, die Ländereien der Herzogtümer Berg und Jülich, die im 17. Jahrhundert an Preußen gefallen waren, eher protestantisch dominiert. Die Industrialisierung änderte diese Prägung nicht, auch wenn durch sie eine schnellere Vermischung der Konfessionen stattfand.
Die Katholische Kirche war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Puls der Zeit: Sie kanalisierte das Gerechtigkeitsempfinden breiter Bevölkerungsschichten gegen die revolutionären Gedanken von 1789, förderte auf der anderen Seite aber deren moderne demokratische Forderungen. Als ein Beispiel kann das katholische Vereinswesen herangezogen werden. Das Alfredushaus mit all seinen Aktivitäten zeigt dies exemplarisch.
Katholisches Vereinswesen im Rheinland Viele soziale Neuerungen dieser Zeit kommen aus dem Arbeitermilieu mit christlicher Prägung wie zum Beispiel die Gründung christlicher Gewerkschaften oder eben die katholischen Arbeitervereine, deren Vorgänger, die Piusvereine, sich mit den Ereignissen der 1848er-Revolution gebildet haben. Seit dem Ende der 1860er Jahre entstanden unter Berufung auf die Ideen des Mainzer Bischofs, Wilhelm Emmanuel von Ketteler, in Aachen, Elberfeld, Essen und Krefeld erste Arbeitervereine, die vom geistlichen Präses am Niederrhein geleitet wurden. Der Essener Verein war mit 4000 Mitgliedern mit Abstand der stärkste. Im Ruhrgebiet waren die Arbeitervereine als Knappenvereine entstanden, mit denen die Bergleute auf den Identitätsverlust durch die Knappschaftsreformvergleiche hierzu: ohne Verfasser: „Unsere Stellung zur Knappschaftsreform“, mutmaßl. Hrsg.: Gewerkverein christlicher Bergarbeiter Deutschlands, Essen, ca. 1911, S. 4 und Gerhard Pomykaj: Bergarbeiterbewegung und Sozialdemokratie an der Ruhr vor und nach dem Streik von 1889 (PDF; 725 kB) von 1854 reagierte.
Nach zunächst religiösen Motiven ausgerichtet, politisierten die Vereine sehr schnell aufgrund der Massenarmut (Pauperismus), dem ein Großteil ihrer Mitglieder unverschuldet ausgesetzt war. Sozial besonders engagierte Priester wurden von konservativen Kirchenkreisen so schnell als „rote Kapläne“ diffamiert.
Auch der erste „Massenstreik“,Laut Massenstreikdebatte dürfte es sich bei diesem Streik noch nicht um einen Massenstreik gehandelt haben. Der Begriff Massenstreik wurde von der angegebenen Quelle übernommen. der vom 16. Juni bis zum 28. Juli 1872 dauerte und in dem 26.000 Bergarbeiter in den Ausstand traten, wurde von den Vereinen organisiert. Interessant ist es festzuhalten, dass dieser Streik nicht in das östliche – also protestantische – Revier überging, weil es die Bergwerksbesitzer verstanden, die Aufständler vor ihren eigenen Arbeitern als „Jesuitenstreikler“ zu ächten. Dies zeigt, dass die konfessionelle Bindung gegenüber der Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Arbeiterschaft noch überwog.
In dieser Anfangszeit waren die Vereinsler nicht nur dem Misstrauen ihrer bürgerlichen Katholiken ausgesetzt, sie mussten sich auch mit den staatlichen Organen auseinandersetzen: Im August 1874 wurde vom Oberbürgermeister Essens Gustav Hache der Arbeiterverein „bis zur ergehenden richterlichen Entscheidung vorläufig“ verboten. Mehrere Vereinsmitglieder wurden nach Hausdurchsuchungen wegen Verstoßes gegen das Vereinsgesetz angezeigt, aber sowohl in erster als auch zweiter Instanz freigesprochen.Vera Bücker: Katholizismus im Ruhrgebiet: http://www.kirche-im-ruhrgebiet.de/KIR/04%20Katholizismus%20im%20Ruhrgebiet.pdf
Nach Ansicht des leitenden Richters im Hammer Prozess 1874 waren die „Vereinigungen in den Gemeinden des Landkreises als besondere Vereine, als Zweigvereine des christlichen Arbeitervereins Essen anzusehen“.Bericht des katholischen Arbeitersekretärs zu Essen-Ruhr. ‚Der Volksfreund‘ GmbH, vorm. F. J. Halbeisen, Essen 1909, S. 5. Demnach kann der Essener Verein als eine Art Dachverband der anderen Essener katholischen Arbeitervereine angesehen werden. Eine Prüfung dieses Sachverhalts ist heute nicht mehr möglich, vor allem, weil die Vereine wegen des Kulturkampfes (s. u.) einen Eintrag ins Vereinsregister mieden. Die Rechtsunfähigkeit des Vereins nahm man dafür in Kauf.
+ Mitglieder in Essener Arbeitervereinen Gründung Bezeichnung Zahl der Mitglieder 1901 1907 1908 1870 CAV Essen Altstadt 1370 1047 900 1873 KAV Rellinghausen 150 158 155 1876 CAV Rüttenscheid n. v. 500 480 1883 KAV Holsterhausen 106 n. v. n. v. 1889 KAV Altendorf 560 1479 1539 1891 KAV Huttrop 190 – – 1893 KAV St. Marien (Segeroth) 310 371 457 1902 KAV Holsterhausen (St. Mariae Empfängnis) – 417 596 1905 KAV Frohnhausen – 326 386 1906 KAV Holsterhausen (St. Mariae Geburt) – 385 539 1907 KAV St. Andreas (Rüttenscheid) – 102 112 1907 KAV Bergerhausen – 139 125 Summe 2686 4924 5189CAV = Christlicher Arbeiterverein, KAV = Katholischer Arbeiterverein;
Franz Fink übernahm am 1. März 1901 die Leitung des Essener Christlichen Arbeitervereins und stellte mit Verwunderung fest, dass von seinem Vorgänger, Pfarrer Drießen, keine Dokumente über Beschlüsse, Schriftverkehr, Verträge und so weiter vorhanden waren. Dieser antwortete ihm: „Aus Furcht vor Schaden, der klug macht, wie man mir sagte, wurde hartnäckig jede Anregung meinerseits zu schriftlichen Aufzeichnungen zurückgewiesen“.Friedrich Lantermann: Berichte und Beiträge. des Dezernates für gesellschaftliche und weltkirchliche Aufgaben, Bischöfliches Generalvikariat Essen, Heft 29, Essen 1996. Gemeint war die Konfliktzeit des Kulturkampfes mit den Auseinandersetzungen mit Polizei und Justiz. Die Folgezeit ist wieder dokumentiert, aber für die Anfangsjahre gibt es nur wenige Primärquellen.
Auf diesem Höhepunkt des Kulturkampfes ist ein Essener Delegierte der Generalversammlung des sozialistischen Allgemeinen Arbeitervereins in Berlin zu zitieren: „Pfaffen sind die gefährlichsten Feinde unserer Sache, sie treten im entscheidenden Moment selbst mit unserem Programm auf und sagen: wir wollen dasselbe, nur muß die Religion bewahrt bleiben.“
Der Essener Verein war einer der wenigen, die sich nicht „katholisch“, sondern „christlich“ nannten. Wahrscheinlich war der Gedanke, so auch für Christen der anderen Konfessionen offen zu sein. Dies dürfte aber durch einige Paragrafen der Satzung schwer gewesen sein:
Katholische Vereine vs. Sozialisten Vorab ist eine kurze Betrachtung des Begriffes „Sozialismus“ notwendig. Als Gegenbewegung zu Kapitalismus und Liberalismus wollte er soziale Gerechtigkeit für die schwächsten Bevölkerungsteile durchsetzen. Diese Ziele sollten auch über Klassenkampf oder eine Revolution erreicht werden. Nach ersten Zusammenschlüssen in Arbeiter- oder Gewerkvereinen Mitte des Jahrhunderts gründete Ferdinand Lassalle 1863 den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) als erste politische Partei. Diese wurde 1875 mit der 1869 von Bebel und Liebknecht gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei zu der Sozialistischen Arbeiterpartei vereinigt und 1890 zu der noch heute existierenden Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) umbenannt. (Hauptartikel → Geschichte der deutschen Arbeitervereine)
Das Vorgehen der Partei war sehr aggressiv und polarisierend, was zu Kontroversen mit den christlichen Arbeitervereinen führte. Verschärft wurden die Konflikte, weil die christlichen Vereine staatliche Instanzen akzeptierten, während die marxistisch orientierten Sozialisten in der Mehrheit einen Umsturz erzwingen wollten.
Der Zulauf zu den Christlich-Sozialen (Katholiken) kann mit der Mentalität der Bergleute erklärt werden, die in erster Generation ihre kleinst-landwirtschaftliche Lebensweise umstellen mussten hin zu monotoner „Zechenmaloche“. Ihr Stück Land, ihre Handvoll Hühner und die Ziege hinter dem Haus bewirtschafteten sie nebenbei weiter. 1878 zählte der SPD-Vorläufer Sozialistische Arbeiterpartei etwa 30 Arbeitergruppen mit insgesamt etwa 2300 Mitgliedern, die christlich orientierten Arbeitervereine hingegen nahezu 230 Gruppen mit 46.000 Mitgliedern.zitiert nach Heiner Budde, „Die roten Kapläne“, Köln 1978, S. 3 und 7 So repräsentierten und dominierten die katholischen Vereine die Arbeiterschaft der 1870er Jahre.
Damit verbunden waren aber auch Repressalien wie 1878 etwa die kruppsche Androhung, allen Vereinsmitgliedern zu kündigen. Solche und ähnliche Maßnahmen waren immer die Folge von Forderungen nach Lohnerhöhungen, Arbeitszeitverkürzungen, Ruhetagen u. ä. oder auch dem Verbot der Fabrikarbeit schulpflichtiger Kinder.
Politische Forderungen und ihre Umsetzung Das Thema Kinderarbeit war schon längere Zeit ein politisches Thema, das für Unmut sorgte. Das Kultusministerium konnte sich mit seiner Absicht, die Kinderarbeit zur Durchsetzung der gesetzlichen Schulpflicht zu verringern, nicht durchsetzen. Erst 1837, als ein Barmer Fabrikant auf dem Provinziallandtag erneut die Beschränkung der Kinderarbeit forderte, kam unerwartet Unterstützung vom Militär, das sich um die Gesundheit der Wehrpflichtigen sorgte. So konnte ab 1839 die Kinderarbeit für unter Neunjährige verboten und für über neunjährige Schulpflichtige auf zehn Stunden einschließlich Pausen festgelegt werden. 1853 wurde das Mindestalter auf 12 Jahre erhöht, für unter 14-Jährige auf sechs Stunden täglich reduziert. Erst jetzt wurde eine staatliche Fabrikinspektion eingeführt, die die Einhaltung der Regelungen zu prüfen hatte. Weitere Reformen im preußischen Gewerberecht (1845 bzw. 1849) bewirkten die Mitbestimmung von Arbeitern im örtlichen Gewerberat, die Ungültigkeit von Verträgen über die Sonntagsarbeit und weitere gesundheitliche Vorschriften.
Aus heutiger Sicht stellten die Errungenschaften eine kontinuierliche Verbesserung der Arbeitnehmerrechte dar: Es folgten 1883 das Krankenversicherungsgesetz, 1884 das Unfallversicherungsgesetz, 1889 das Gesetz über die Alters- und Invalidenversicherung und 1911 schließlich noch das Angestelltenversicherungsgesetz.
Soziales Umfeld Die Stadt Essen besaß in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in etwa die Ausdehnung des heutigen Stadtbezirkes I. Um den Stadtkern (Altstadt) herum gruppierten sich die fünf Stadtviertel Nord-, Ost-, Südost-, Süd- und Westviertel. Die Adresse des Alfredushauses war die Frohnhauser Straße, die, dem heutigen Stadtteil Frohnhausen zu, das Westviertel nahezu zentral von Ost nach West in zwei Hälften zerschnitt. Im Jahre 1896 überstieg die Einwohnerzahl die Marke von 100.000; Essen wurde Großstadt.
Stadtentwicklung