mini|Lausitzer Revier mit Braunkohleabbaugebieten und Kraftwerken (Stand 2009). Bis 1990 erstreckte es sich auch weiter südlich bis zum Dreiländereck mit Polen und Tschechien mini|Blick über den ehemaligen Tagebau Jänschwalde im März 2017
Das Lausitzer Braunkohlerevier, früher auch Ostelbisches Braunkohlerevier genannt, ist ein Bergbaurevier in der Lausitz im Südosten Brandenburgs und Nordosten Sachsens. Dazu gehören die derzeit aktiven Braunkohleabbaugebiete Nochten, Reichwalde und Welzow-Süd. Mit der dort im Tagebau geförderten Braunkohle werden die Kraftwerke Jänschwalde, Schwarze Pumpe und Boxberg versorgt. Die hier direkt erzeugte Leistung beträgt damit zusammen etwa 8000 Megawatt.
Der aktive Braunkohlebergbau pumpte 2005 rund 230 Millionen Kubikmeter Grundwasser („Sümpfungswasser“) ab – mehr als alle anderen Nutzer zusammen: Industrie, Landwirtschaft und Trinkwasserwerke kommen in Brandenburg zusammen auf rund 160 Millionen Kubikmeter.Neue Tagebaue und Wasser kein-tagebau.de, GRÜNE LIGA Umweltgruppe Cottbus, 4. Oktober 2013;
Grenzen und Einteilung mini|Kraftwerk Boxberg im Mai 2007 mini|Kraftwerk Jänschwalde im Juli 2004 mini|Kraftwerk Schwarze Pumpe im August 2005
Das Lausitzer Braunkohlerevier besteht aus Abbaugebieten in der Niederlausitz und der nördlichen Oberlausitz (Brandenburg und Nordostsachsen). Daneben gibt es das Oberlausitzer Bergbaurevier nahe Zittau (Sachsen und Polen).
Die Braunkohle und ihre Bedeutung Die in der Lausitz vorkommende Braunkohle des 2. Lausitzer Flözes hat einen Heizwert von 7900 bis 9300 kJ/kg, der Aschegehalt liegt zwischen 6 % und über 14 %, der Wassergehalt beträgt 50–60 % und der Schwefelgehalt beläuft sich auf 0,8–2,8 %.Dieter Kahl u. a.: Braunkohleverstromung im Lausitzer Revier. Cottbus 2009, ISBN 978-3-9811412-2-1, S. 19. Insgesamt belaufen sich die Lagerstättenvorräte auf 12,1 Milliarden Tonnen, davon sind 3,6 Milliarden Tonnen gewinnbar und 1,3 Milliarden Tonnen im Tagebau erschlossen. Die Braunkohle in der Lausitz ist vor rund 15–20 Millionen Jahren entstanden. Die Flöze befinden sich in 35–120 Metern Tiefe und sind ungefähr 8–16 Meter mächtig. Insgesamt wird etwa ein Drittel oder sogar mehr der deutschen Braunkohle im Lausitzer Revier gefördert, im Jahr 2018 waren das 60,7 Millionen Tonnen von 166,3 Millionen. Man schätzt die Zahl der Arbeitsplätze auf 8200, mit Zulieferern auf 25.000.Janosch Delcker, Martin Sümening, Christoph Seidler: Der wahnwitzige Braunkohle-Boom. spiegel.de, 24. Juni 2014, abgerufen am 24. Juni 2014 Die heute dominierende Nutzungsform ist die Verstromung in lagestättennah gelegenen Großkraftwerken.
Ausstoß von Treibhausgasen Der Einsatz der Braunkohle in den Kraftwerken des Reviers erzeugt auch hohe Mengen des für die Klimaerwärmung mit verantwortlichen Treibhausgases Kohlendioxid. Das Kraftwerk mit den vierthöchsten anteiligen Emissionen in Deutschland ist das Kraftwerk Jänschwalde mit 1200 Gramm CO2 pro Kilowattstunde. Die Werke Boxberg und Schwarze Pumpe belegen die Plätze 10 und 14 mit 1100 und 1000 Gramm pro Kilowattstunde. Die Werte für Steinkohlekraftwerke liegen ca. 200 Gramm niedriger. Der mittlere Wert im deutschen Strommix unter Einrechnung der Anlagen mit Wind-, Wasser-, Atomkraft und Photovoltaik lag 2006 bei 530 Gramm pro Kilowattstunde. Der Gesamtausstoß im Jahr 2006 betrug für den Standort Jänschwalde 23,7 Millionen Tonnen Kohlendioxid, für Boxberg 15,5 und für Schwarze Pumpe 12,2 Millionen Tonnen.Die Daten wurden von der Europäischen Kommission im Rahmen des Community Independent Transaction Logs (Emissionshandel) veröffentlicht.
Um die CO2-Emissionen zu reduzieren, plante der Konzern Vattenfall am Standort Jänschwalde die Errichtung einer Versuchsanlage zur CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS). Langfristig sollte der gesamte Kraftwerkspark auf diese Technologie umgerüstet werden. Aufgrund des Widerstands in der Bevölkerung und der Ablehnung in anderen Bundesländern ist die Zukunft des Vorhabens unklar. Die brandenburgische Landesregierung erwog inzwischen auch den Bau neuer Braunkohlekraftwerke ohne CCS.
Eine 2023 veröffentlichte Studie von Energy Brainpool im Auftrag des BUND Sachsen attestiert dagegen, dass in gegenwärtigen Szenarien ein Kohleausstieg in der Lausitz bis spätestens 2030 erfolgen müsse, um das Klimaschutzgesetz einzuhalten (Stilllegungen: Jänschwalde bis 2025, Boxberg und Schwarze Pumpe bis 2027 bzw. 2029). Im Falle einer „Flexibilisierung der Stromnachfrage und dem Zubau von Solar-, Wind- und Gaskraftwerken“ sei dies auch mit sinkenden Strompreisen möglich, was eine näher am Pariser Klimaabkommen liegende Emissionsminderung möglich mache.
Kohleveredlung Die Veredlung der Produkte zu Braunkohlenbriketts, Staubkohle und Wirbelschichtkohle erfolgt am Standort Schwarze Pumpe. Im Jahr 2007 wurden 351,4 kt Briketts, 690,1 kt Staub, 220,8 kt Wirbelschichtkohle und 3,9 kt Braunkohlenxylit erzeugt, wobei eine Kohlemenge von 2.545.657 Tonnen (Nassgewicht) eingesetzt wurde.
Historisch bedeutsam war die Erzeugung von Benzin und Dieselöl wie auch von Stadtgas und Koks.
Die Tagebaue mini|Abraumförderbrücke 33F60 im Tagebau Nochten mini|Eimerkettenbagger der Abraumförderbrücke 27F34 im Tagebau Cottbus-Nord
Die Jahresförderung des Lausitzer Reviers liegt bei 55,7 Millionen Tonnen (2009), davon 41,5 Millionen Tonnen im Land Brandenburg. Die Förderung in Deutschland betrug insgesamt 169,9 Millionen Tonnen (2009). Für alle deutschen Reviere beläuft sich die Braunkohlegewinnung seit 1800 auf 24,4 Milliarden Tonnen.
Folgende Liste enthält Tagebaue in der Lausitz (aktive Tagebaue in Fettdruck): Tagebau Bärwalde (1973–1992), südlich von Weißwasser/östlich von Hoyerswerda, nach Flutung Bärwalder See Tagebau Bluno (1955–1978), südwestlich von Spremberg, nach Flutung Blunoer Südsee Tagebau Burghammer (1959–1973), nordöstlich von Hoyerswerda, nach Flutung Bernsteinsee Tagebau Cottbus-Nord (1978–2015), östlich von Cottbus, nach Flutung Cottbuser Ostsee Tagebau Dreiweibern (1981–1989), östlich von Hoyerswerda, nach Flutung Dreiweiberner See Tagebau Gräbendorf (1981–1992), westlich von Drebkau, nach Flutung Gräbendorfer See Tagebau Greifenhain (1936–1994), westlich von Drebkau, nach Flutung Altdöberner See Tagebau Heide (1909–1968), bis 1949: Grube Heye III, südwestlich von Lauta Tagebau Jänschwalde (1974–2023), westlich von Forst/östlich von Cottbus, nach Flutung Klinger See Tagebau Kleinleipisch (1946–1980), südöstlich von Finsterwalde Tagebau Klettwitz (1951–1991), südöstlich von Finsterwalde/nördlich von Senftenberg Tagebau Klettwitz-Nord (1984–1992), südöstlich von Finsterwalde, nach Flutung Bergheider See Tagebau Koschen (1953–1972), östlich von Senftenberg, nach Flutung Geierswalder See Tagebau Laubusch/Grube Erika (1918–1963), westlich von Hoyerswerda, nach Flutung Erikasee Tagebau Lohsa (1950–1984), bis 1968: Tagebau Werminghoff III/Glückauf III, östlich von Hoyerswerda, nach Flutung Speicherbecken Lohsa II Tagebau Meuro (1960–1999), nördlich von Senftenberg, nach Flutung Großräschener See (Ilsesee) Tagebau Niemtsch (1938–1966), südlich von Senftenberg, nach Flutung Senftenberger See Tagebau Nochten (seit 1968), südlich von Weißwasser Tagebau Reichwalde (seit 1985), südöstlich von Weißwasser Tagebau Scheibe (1984–1996), östlich von Hoyerswerda, nach Flutung Scheibesee Tagebau Schlabendorf-Süd (1975–1991), südlich von Lübbenau, nach Flutung Schlabendorfer See Tagebau Schlabendorf-Nord (1959–1977), südlich von Lübbenau, nach Flutung Lichtenauer See Tagebau Sedlitz (1926–1980), nördlich von Senftenberg, nach Flutung Sedlitzer See Tagebau Seese-Ost (1983–1996), südlich von Lübbenau, nach Flutung Bischdorfer See Tagebau Seese-West (1962–1978), südlich von Lübbenau, nach Flutung Schönfelder See Tagebau Scado (1939–1977), südwestlich von Senftenberg, nach Flutung Partwitzer See Tagebau Spreetal/Tagebau Hoffnung III bzw. Brigitta (1908–1983), nördlich von Hoyerswerda, nach Flutung Neuwieser See, Blunoer Südsee, Sabrodter See und Bergener See Tagebau Spreetal-Nordost (1983–1991), nördlich von Hoyerswerda, nach Flutung Spreetaler See Tagebau Welzow-Süd (seit 1962), westlich von Spremberg Tagebau Werminghoff I (1913–1945), südöstlich von Hoyerswerda, nach Flutung Knappensee Tagebau Werminghoff II/Tagebau Glückauf II (1934–1960), östlich von Hoyerswerda, nach Flutung Silbersee/Mortkasee
Geschichte der Braunkohleindustrie in der Lausitz Das Lausitzer Braunkohlerevier wurde früher auch Ostelbisches Braunkohlerevier genannt. Dazu zählten die Lausitz und Niederschlesien mit dem Zentrum Cottbus-Senftenberg nebst der drei Randreviere Frankfurt (Provinz Brandenburg), Görlitz (Provinz Niederschlesien) sowie Forst (Provinz Brandenburg).Wilhelm Hölling, Friedrich August Pinkerneil: Die deutsche Bergwirtschaft der Gegenwart. R. Hobbing, 1928, S. 12 f.Erich Obst: Allgemeine Wirtschafts- und Verkehrsgeographie. Walter de Gruyter, 1965, S. 78.
Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Braunkohle für die Energie- und Brennstoffversorgung Deutschlands nur eine geringe Bedeutung. Verwendet wurde überwiegend die hochwertigere Steinkohle. Nach dem Ersten Weltkrieg musste das Deutsche Reich zahlreiche Gebiete abtreten und verlor etwa 40 % seiner besten Steinkohlenvorkommen. Die belassenen Steinkohlenreviere hatten zudem erhebliche Reparationsleistungen zu erbringen. Damit wurde die Braunkohle in allen Industriezweigen zu einem unentbehrlichen Energiefaktor. Während vor dem Jahr 1919 der Anteil der Braunkohle an der elektrischen Energieerzeugung aufgrund ihres geringen Heizwertes, ihrer schlechten Transportfähigkeit sowie der fehlenden Heiz- und Übertragungstechnik gar keine Rolle gespielt hatte, erzwangen die mit den Gebietsabtretungen verbundene Kohlenknappheit und die Autarkiebestrebungen in der Weimarer Republik eine Zunahme auf einen Anteil von fast 60 % der Energieerzeugung.Ursula Bischoff: Der Einfluss der bergbaulichen Traditionen und großindustriellen Entwicklungen auf das soziale Gefüge und die Mobilität der Braunkohlenarbeiterschaft von Borna. Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin, 2000, S. 76. Humboldt-Universität zu Berlin, abgerufen am 20. September 2019.
Damit erfolgte in allen deutschen Braunkohlegebieten eine gewaltige Steigerung der Förderleistung. Auf dieser Basis entwickelte sich Deutschland in den 1920er Jahren weltweit zum größten Produzenten und zugleich zum größten Verbraucher von Braunkohle.Georg Balzer: Die europäische Kohlenwirtschaft unter besonderer Berücksichtigung des internationalen Arbeitszeitproblems. Verlag Funk, 1934, S. 55. Die statistische Gliederung unterschied bis 1945 als größte Braunkohlengebiete das Mitteldeutsche Revier, das Ostelbische Revier und das Niederrheinische Revier.Ferdinand Friedensburg: Die Bergwirtschaft der Erde. Verlag Ferdinand Enke, 1965, S. 135. Das mitteldeutsche Revier lieferte vor dem Zweiten Weltkrieg ungefähr zwei Fünftel, das ostelbische und das rheinische je etwa ein Viertel aller deutschen Braunkohlen.Eckart Schmitt, Dietmar Gohl, Jürgen Hagel: Handbuch der Geographie. Deutschland. List-Verlag, 1975, S. 126.
Beginn der Lausitzer Braunkohleindustrie 1894 gingen die ersten öffentlichen Elektrizitätswerke in der Oberlausitz in Betrieb. Sie versorgten die Häuser und Gewerbe in Oderwitz und Eibau mit 2×110 Volt Gleichstrom, zum Transport der Energie wurde das Drehstrom-Prinzip mit einer Spannung von 3000 Volt genutzt. 1896 folgte Ebersbach, 1897 Hirschfelde und 1898 wurde in Neusalza ein Elektrizitätswerk errichtet.