Forensik ist ein Sammelbegriff für wissenschaftliche und technische Arbeitsgebiete, in denen kriminelle Handlungen systematisch untersucht werden. Der Begriff stammt vom lateinischen forensis „zum Forum, Marktplatz gehörig“. Gerichtsverfahren, Untersuchungen, Urteilsverkündungen sowie der Strafvollzug im antiken Rom wurden öffentlich und meist auf dem Marktplatz (Forum) durchgeführt.
Etymologie Das Wort forensisch kommt vom lateinischen Begriff forēnsis, was „von oder vor dem Forum“ bedeutet. Die Geschichte des Begriffs stammt aus der römischen Zeit, in der eine strafrechtliche Anklage bedeutete, den Fall vor einer Gruppe von öffentlichen Personen auf dem Forum zu präsentieren. Sowohl die Person, die des Verbrechens beschuldigt wurde, als auch der Ankläger hielten Reden, in denen sie ihre Sicht der Dinge darlegten. Der Fall wurde zu Gunsten desjenigen entschieden, der die besten Argumente und Reden vorbrachte. Dies ist die Quelle der beiden modernen Verwendungen des Wortes forensisch – als eine Form der juristischen Beweisführung und als eine Kategorie der öffentlichen Präsentation.
Untergebiete Die Auftraggeber forensischer Untersuchungen sind Staatsanwälte, Gerichte und Polizeidienststellen. Zu fast jeder Aufgabenstellung muss von den sogenannten forensischen Sachverständigen ein Gerichtsgutachten verfasst werden.
Die forensische Kriminaltechnik ist in Deutschland meist an eigenen Instituten angesiedelt, eingegliedert in die Strukturen des Bundeskriminalamts bzw. der Landeskriminalämter. Davon zu unterscheiden ist die Rechtsmedizin.
Rechtsmedizin
mini|Obduktionssaal der Charité Berlin
Forensische Traumatologie ist ein Teilgebiet der Rechtsmedizin, das sich mit körperlichen Verletzungen befasst.
Die forensische Osteologie identifiziert Personen anhand des Skeletts, die forensische Zahnmedizin anhand des Zahnsystems, was insbesondere bei Opfern von Natur- und Verkehrskatastrophen sowie bei Verbrechensopfern angewandt wird. Die Thanatochemie umfasst die Untersuchung chemischer und biochemischer Vorgänge nach dem Tod, die klinische Chemie bei Lebenden.
Die weiteren Teilgebiete der Forensik werden unter den folgenden Sparten der Kriminaltechnik gefasst:
Forensische Genetik Die forensische Genetik befasst sich mit denjenigen Aspekten (straf)rechtlich relevanter Sachverhalte, die sich mit den Methoden der molekularen Genetik untersuchen lassen. Häufig wird dabei die Individualisierung angestrebt. Es soll z. B. eine biologische Spur an einem Tatort – ein Blutspritzer, eine Hautschuppe, ein Haar – eindeutig einer Person zugeordnet, also individualisiert werden. Oder es soll eine, z. B. durch Fäulnis visuell unkenntlich gewordene Leiche identifiziert oder, z. B. nach einer Naturkatastrophe, ein Leichenteil einer Leiche zugeordnet werden. Aber auch die „klassische“ Vererbungslehre findet ihre forensische Anwendung, wenn, häufig in gerichtlichem Auftrag, das biologische Abstammungsverhältnis von zwei oder mehr Personen festgestellt, wenn also ermittelt werden soll, ob z. B. ein Mann wirklich der Vater eines bestimmten Kindes oder eine Frau wirklich in mütterlicher Linie verwandt mit einer bestimmten Person ist. Die Grundlage für die genannten Untersuchungen ist die Erstellung eines oder mehrerer DNA-Profile.
Neben der Individualisierung kann aber auch die Kontextualisierung biologischer Spuren von erheblicher Bedeutung sein, die also die Rekonstruktion (von Teilen) des Tathergangs anhand der Analyse des Spurenbilds und dessen Zustandekommen gestattet. Häufig wird beispielsweise nach der biologischen Art einer Spur gefragt, also ob es sich bei einer sekretverdächtigen Spur um Speichel, Sperma, eine Mischung oder nichts davon handelt. Diese und viele weitere Fragen zur Kontextualisierung, etwa Zustands- und Zeitbestimmungen, sind nicht mittels DNA-Untersuchung zu klären, können aber durch Analyse von RNA-Molekülen im Spurenmaterial beantwortet werden, die Untersuchung ist dabei kompatibel und parallel durchführbar mit der DNA-Analyse. Damit eröffnet sich die Möglichkeit, ohne zusätzlichen Probenverbrauch auch bei kleinsten Tatortspuren nicht nur die Spurenart zu bestimmen, sondern auch das DNA-Profil des Spurenlegers zu typisieren.
Seit einiger Zeit werden zudem auch epigenetische Analysen in der forensischen Genetik vornehmlich zu den Zwecken der Spurenartidentifikation, zur Bestimmung des Alters eines Individuums und zur Unterscheidung eineiiger Zwillinge eingesetzt, außerdem wird die Möglichkeit des Einsatzes der Mikrobiom-Analyse zur Zuordnung von Individuen, Orten und Gegenständen erforscht.
Forensische Traumatologie Im Gegensatz zur klassischen Traumatologie besteht die Zielsetzung der forensischen Traumatologie darin, kriminologische Ursachen von Verletzungen, die durch eine Straftat verursacht wurden, festzustellen und zu analysieren. Hierzu werden unterschiedliche Formen von Gewaltanwendung gegeneinander abgegrenzt, die schwere Verletzungen oder den Tod des Opfers hervorrufen können. Um nähere Aussagen zum Tathergang machen zu können, beinhaltet die Analyse Aspekte der Biomechanik, durch die Aussagen dazu getroffen werden können, ob Verletzungen durch aktive oder passive Gewaltanwendung entstanden sind.Mark Buchta, Dirk W. Höper, Andreas Sönnichsen (2004) Forensische Traumatologie Springer Link, aufgerufen am 9. November 2021.
Rechtlich werden dabei Fahrlässigkeit und Vorsatz gegeneinander abgegrenzt, sowie Körperverletzung und Tötung und bei Letzterer wiederum Totschlag und Mord. Alternativ muss geprüft werden, ob die Verletzungen auf einen Unfall oder Unglücksfall zurückgeführt werden können. Suizid sowie ein Suizidversuch bleiben ohne strafrechtliche Folgen, wenn die betroffene Person bis zuletzt vollumfänglich selbst über die suizidale Handlung entscheidet, ohne zu dieser genötigt zu werden.Rechtsbegriffe der forensischen Traumatologie Thieme, aufgerufen am 10. November 2021.
Die Ausbildung von Gerichtsmedizinern bietet für die folgerichtige Rekonstruktion von Verletzungsmechanismen beim Lebenden und Verstorbenen, eigens Kurse an, in denen für die forensische Traumatologie relevante Verletzungsbilder, in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen, gegeneinander abgegrenzt und unter juristischen Aspekten analysiert werden.Grundlagen der Kriminalistik und Kriminaltechnik von Ulf Steinert, aufgerufen am 10. November 2021.
Forensische Linguistik
Die forensische Linguistik untersucht geschriebene Sprache auf einen kriminologischen Aspekt hin (zum Beispiel bei der Feststellung des Urhebers eines Erpresserbriefes). Dabei wird der Text des unter Tatverdacht stehenden Autors (z. B. des Erpressers) unter linguistischen Gesichtspunkten mit anderen Texten desselben Autors (z. B. Geschäftskorrespondenz) abgeglichen. Durch diesen Abgleich werden Rückschlüsse auf die Identität des tatverdächtigen Autors gezogen. Je mehr Textmenge zum Abgleich zur Verfügung steht, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Identitätsfeststellung gelingt.
Hilfreich ist auch die „Kompatibilität“ der abzugleichenden Textsorten.Für den gesamten Absatz: Interview mit der forensischen Linguistin Isabelle Thormann: Sprachwissenschaftler im Dienste von Justitia. In: NJW-aktuell. Heft 26/2015, S. 12.
Forensische Untersuchungen von Handschriften zur Urheberidentifizierung oder zum Nachweis von Unterschriftsfälschungen erfolgen durch Schriftvergleichung.
Forensische Phonetik Die forensische Phonetik beschäftigt sich mit gesprochener Sprache (also etwa einem Erpresseranruf). Sie wendet phonetisches Wissen auf die Untersuchung von sprechertypischen Stimm- und Sprecheigenschaften eines Täters an.
Forensische Toxikologie
Im Bereich der forensischen Toxikologie, in der es um den Nachweis von Giften und Drogen geht, überschneiden sich die Aufgabenstellungen mit den Aufgaben der Rechtsmedizin.
Forensische Entomologie
Die forensische Entomologie wertet die sukzessive Besiedelung von Leichen durch Insekten aus, um Hinweise auf die Leichenliegezeit, Todesursache und Todesumstände zu ermitteln. Auch bei lebendigen Lebewesen, Lebensmitteln und Gebäuden ermöglicht die Auswertung von Insekten (sowie deren Eiern, Larven oder Kot) Rückschlüsse zum Tatverlauf, zeitlichen Abfolgen und Orten, an denen sich ein überlebendes oder verstorbenes Opfer befand.
Forensische Psychiatrie und Psychologie
Die forensische Psychiatrie befasst sich mit der Schuldfähigkeit und der Einschätzung des Gefährlichkeitsgrades von Straftätern sowie deren Behandlung. Forensische Psychiatrie ist mittlerweile eine Schwerpunktbezeichnung, die von Fachärzten für Psychiatrie erworben werden kann. Sie schließt andere Zweige der Begutachtung, beispielsweise das Sozialrecht, und die Behandlung im Maßregelvollzug ein.
Die Rechtspsychologie ist eine mögliche mehrjährige Weiterbildung für Psychologen. Sie unterstützt, wie die forensische Psychiatrie, die Begutachtung der verminderten Schuldfähigkeit oder Schuldunfähigkeit von Angeklagten und solche der Gefährlichkeit von Straftätern. Darüber hinaus unterstützt sie Begutachtungen der Glaubwürdigkeit von Zeugen und vor allem Begutachtungen im Familienrecht, insbesondere bei Entscheidungen im Sorgerecht. Sie beschäftigt sich aber auch mit Prävention sowie fachlicher Information von nicht-psychologischem Fachpersonal (zum Beispiel Staatsanwälten, Richtern, Sozialarbeitern). Für alle Bereiche ist die Rechtspsychologie stärker als die Psychiatrie in Forschung involviert, wobei hier naturgemäß psychologische Themen im Vordergrund stehen (wie systematische Verzerrungen bei richterlichen Entscheidungsprozessen, Wahrnehmungsfehler bei der Identifikation von Verdächtigen durch Zeugen und Ähnliches). Die Rechtspsychologie erarbeitet und veröffentlicht vor allem Ergebnisse von rechtspsychologischer Grundlagenforschung.
Forensische Schusswaffenuntersuchung
Die forensische Schusswaffenuntersuchung umfasst sowohl die Ballistik der jeweiligen Munition als auch alle sonstigen an und durch die verwendete Waffe hinterlassenen Spuren. Dabei werden Geschosse verglichen (zum Beispiel mit einem Vergleichsmikroskop) und Geschosswirkungen anhand vorheriger wissenschaftlicher Versuchsreihen beurteilt. Vormals wurde mittels der Comparative Bullet Lead Analysis versucht, Geschosse einer bestimmten Produktionscharge zuzuordnen, was sich aber als nicht wissenschaftlich haltbar herausstellte und daher wieder verworfen wurde.
Technische Formspuren und Fingerabdrücke In der Trassologie werden alle Arten technischer Formspuren untersucht, um beispielsweise einen Reifen- oder Schuhabdruck dem Profil einer individuellen Schuhsohle oder einer bestimmten Reifenmarke zuordnen oder ein zum Wohnungseinbruch eingesetztes Hebelwerkzeug identifizieren zu können. Die forensische Daktyloskopie wertet Fingerabdrücke aus.
Forensische Altersdiagnostik Die forensische Altersdiagnostik versucht, mit wissenschaftlichen Methoden das vermutete Lebensalter von Menschen einzugrenzen. Einsatzgebiete sind die Altersbestimmung von unbekannten Leichen sowie Leichen- und Skelettteilen, um darüber die Identifikation von unbekannten Toten aus Straftaten aber auch aus Unfällen und Katastrophen zu erleichtern.Berthold Mueller: Gerichtliche Medizin. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-662-27217-6, S. 141 ff.Andreas Olze: Forensisch-odontologische Altersdiagnostik bei Lebenden und Toten. Dissertation. 2005. An lebenden Personen werden Untersuchungen vorgenommen, um Diagnosen zum wahrscheinlichen Vorliegen bestimmter Altersgrenzen im Jugendstrafverfahren und in der JugendfürsorgeForensische Altersdiagnostik bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In: Deutsches Ärzteblatt. Heft 18, 2004. aber auch über das Erreichen der Altersgrenze für den RenteneintrittArbeitsgemeinschaft für forensische Altersdiagnostik: Empfehlungen für die Altersdiagnostik bei Lebenden im Rentenverfahren. zu machen.
Wirtschaftsforensik