Unter Mosambikanischer Literatur wird die auf Portugiesisch verfasste Literatur mosambikanischer Autoren verstanden. Da Mosambik bis 1975 Teil des portugiesischen Kolonialreichs war, ergeben sich zwangsläufig Überschneidungen zur portugiesischen Literatur. Aus diesem Grund werden in diesem Artikel auch Autoren aufgeführt, die eine andere als die mosambikanische Staatsbürgerschaft innehatten oder nur eine kurze Zeit in Mosambik wohnhaft waren, deren Werke aber Teil der mosambikanischen Literaturgeschichte sind bzw. großen Einfluss auf die weitere mosambikanische Literatur hatten. Es handelt sich bei der mosambikanischen um eine sehr junge Literatur, da man von mosambikanischer Nationalliteratur im engeren Sinne erst seit der Unabhängigkeit von Portugal 1975 sprechen kann. Das Interesse an mosambikanischer Literatur als einem von der portugiesischen Literatur unabhängigen Forschungsgegenstand entstand daher auch erst in den 1970er Jahren im Rahmen der postkolonialen Theoriebildung. Da dieser Artikel suggerieren könnte, dass es sich bei der mosambikanischen Literatur um ein einheitliches Phänomen handelt, ist darauf hinzuweisen, dass es eine sehr heterogene und noch im Entstehen befindliche Literatur ist.

Problem des Konzepts „Nationalliteratur“ mini|Das portugiesische Kolonialreich bis 1975 Das Konzept der Nationalliteratur entstand in der Romantik im 19. Jahrhundert. Literatur wird als eine Manifestationsform des „Volksgeistes“, also einer Nationalkultur verstanden. Mosambik war über Jahrhunderte eine portugiesische Kolonie. Nach einem zehn Jahre andauernden Unabhängigkeitskrieg wurde die Kolonie erst nach der Nelkenrevolution 1974 und damit dem Ende der Diktatur in Portugal 1975 in die Unabhängigkeit entlassen. Da die Nationalstaatlichkeit in Mosambik erst mit der Unabhängigkeit 1975 verwirklicht wurde, es aber eine Staatlichkeit über Jahrhunderte durch die Kolonialherren gab, kam es nicht zu einem „natürlichen Heranwachsen“ der mosambikanischen Nationalkultur.Patrick Chabal: Vozes moçambicanas. Literatura e Nacionalidade. Lissabon 1994. ISBN 972-699-438-1, S. 15ff. Vielmehr war die mosambikanische Nation von vornherein stark von der portugiesischen Kultur beeinflusst.

Dies zeigt sich vor allem an der Übernahme der portugiesischen Sprache. Da in Mosambik über ein Dutzend Sprachen gesprochen werden (Bantusprachen), für die praktisch keine Schrifttradition bestand, wurde die portugiesische Sprache als „língua de unidade nacional“ (Sprache der nationalen Einheit) übernommen.Gerhard Schönberger: Mosambikanische Literatur portugiesischer Sprache: Entstehung und Probleme einer Nationalliteratur. Frankfurt a. M. 2002. ISBN 3-927884-59-6, S. 58. Die Gründe hierfür sind historischer und praktischer Art. Zum einen hatte die mosambikanische Elite in den Städten schon früh die Sprache der portugiesischen Kolonialherren übernommen, da viele Intellektuelle in Portugal studierten und mit der Assimilierung an die portugiesische Kultur soziale Aufstiegschancen verbunden waren. Zum anderen existierte (und existiert) keine einheimische Sprache, die von allen Mosambikanern verstanden wird, so dass das Portugiesische eine lingua franca für ganz Mosambik darstellt. Da die Literatur in einheimischen Sprachen ausschließlich in oraler Form vorlag, kamen diese nicht zur Schaffung einer geschriebenen Nationalliteratur in Frage. Darüber hinaus erlaubte das Portugiesische den Anschluss an andere portugiesischsprachige Länder wie Angola, das ehemalige Mutterland Portugal oder andere ehemalige portugiesische Kolonien wie Brasilien, Guinea-Bissau, Kap Verde oder São Tomé und Príncipe. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit betrug die Analphabetenrate der mosambikanischen Bevölkerung 95 %, die höchste aller ehemaligen afrikanischen Kolonien.Gerhard Schönberger: Mosambikanische Literatur portugiesischer Sprache: Entstehung und Probleme einer Nationalliteratur. Frankfurt a. M. 2002. ISBN 3-927884-59-6, S. 64. Die mosambikanische Befreiungsbewegung FRELIMO wählte aus den genannten Gründen schon während des Unabhängigkeitskampfes das Portugiesische zur Sprache ihrer Alphabetisierungskampagne und nutzte es zur Verbreitung ihrer marxistisch-nationalistischen Ideologie.

Das Portugiesische wurde dadurch zur Literatursprache des Landes erhoben. Die meisten mosambikanischen Schriftsteller bedienen sich heutzutage des Portugiesischen, da viele von ihnen in Großstädten aufgewachsen sind und keine afrikanische Sprache mehr als Muttersprache sprechen. Darüber hinaus versprechen sie sich angesichts der nach wie vor hohen Analphabetenquote in Mosambik durch das Portugiesische eine größere Leserschaft im Ausland (in Europa, aber auch in Brasilien und den anderen portugiesischsprachigen Ländern Afrikas und Asiens). Sie verstehen sich aber dennoch als Schöpfer einer eigenständigen Nationalliteratur.

Periodisierung der mosambikanischen Literatur 1. Phase 1854–1924 – Vorbereitung Da die Druckerpresse erst 1854 in Mosambik eingeführt wurde, entstand erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts gedruckte Literatur in Mosambik.Pires Laranjeira: Literaturas Africanas de Expressão Portuguesa. Lissabon 1995. ISBN 972-674-129-7, S. 18. Die Kolonie erlebte zunächst eine nur sehr geringe literarische Produktion. Eine Ausnahme stellte der gebürtige Mosambikaner Campos Oliveira (1847–1911) dar, der schon während seines Jurastudiums in Portugiesisch-Indien zahlreiche Gedichte veröffentlichte. Auch nach seiner Rückkehr nach Mosambik 1866 publizierte er weiterhin und gründete außerdem Zeitschriften wie die Revista Africana und den Almanach Popular.Gerhard Schönberger: Mosambikanische Literatur portugiesischer Sprache: Entstehung und Probleme einer Nationalliteratur. Frankfurt a. M. 2002. ISBN 3-927884-59-6, S. 70.

Die eigentliche Entstehung literarischer Texte in Mosambik begann erst Anfang des 20. Jahrhunderts. Getragen von einer assimilierten Intellektuellenschicht in den Städten, die im Wesentlichen aus Mestizen und Mulatten bestand, entstand eine genuin mosambikanische portugiesischsprachige Literatur. 1920 wurde mit dem Grémio Africano die erste Kulturvereinigung Mosambiks gegründet.Patrick Chabal: Vozes moçambicanas. Literatura e Nacionalidade. Lissabon 1994. ISBN 972-699-438-1, S. 40. In dieser Vereinigung waren, im Gegensatz zu späteren Kulturvereinen, in denen strikt nach Rassen getrennt wurde, sowohl Schwarze als auch Mulatten zugelassen. In dieser Zeit kam es auch zur Gründung zahlreicher Zeitschriften. Zu den wichtigsten Zeitschriften zählten O Africano (1909–1918), die von den Brüdern José und João Albasini gegründet wurde. Nach dem Verkauf der Zeitschrift 1918 gründete das Brüderpaar zusammen mit Estácio Dias und Karel Pott die Zeitschrift O Brado Africano (1918–1974), in der viele bedeutende Schriftsteller Mosambiks ihre ersten Werke veröffentlichten. Die Gruppe der Autoren, die in dieser Zeitschrift publizierten, setzten sich offen für die Interessen der Schwarzen in der Kolonie ein. So prägte O Brado Africano eine gesamte Schriftstellergeneration und führte zum allmählichen Entstehen eines afrikanischen Selbstbewusstseins.Gerhard Schönberger: Mosambikanische Literatur portugiesischer Sprache: Entstehung und Probleme einer Nationalliteratur. Frankfurt a. M. 2002. ISBN 3-927884-59-6, S. 73.

2. Phase: 1925–1946 – Entstehung Als erstes Werk der mosambikanischen Erzählliteratur gilt das postum herausgegebene Werk O livro da dor von João Albasini, eine Sammlung von kurzen und persönlichen Reflexionen.Pires Laranjeira: Literaturas Africanas de Expressão Portuguesa. Lissabon 1995. ISBN 972-674-129-7, S. 257. Mit dieser Publikation begann die zweite Phase in der Entwicklung der mosambikanischen Literatur. Diese Phase ist geprägt von der Imitation der europäischen Literatur. Viele Mosambikaner sprachen zu dieser Zeit nur gebrochen Portugiesisch und wurden deshalb von den Weißen, aber auch gebildeten Mestizen verachtet. Aus diesem Grund waren die Autoren bemüht, das europäische Vorbild möglichst genau nachzuahmen.Gerhard Schönberger: Mosambikanische Literatur portugiesischer Sprache: Entstehung und Probleme einer Nationalliteratur. Frankfurt a. M. 2002. ISBN 3-927884-59-6, S. 77. Dies zeigt sich unter anderem an der Wahl der Gattungen. Der Dichter Rui de Noronha wählte für einen großen Teil seiner Werke die Gedichtform des Sonetts, einer klassischen europäischen Gattung.

Generell überwog die Poesie in der literarischen Produktion dieser Zeit. Als erstes Gedichtwerk hatte Sousa Ribeiro 1928 Symphonia conspirante veröffentlicht. Augusto Conrado publizierte 1931 den Gedichtband A Perjura ou a Mulher de Duplo Amor, 1933 Fibras d'um coração und 1938 Divagações. Als Vorreiter einer wirklich mosambikanischen Dichtung gilt Rui de Noronha, der in seinen Gedichten die Situation der Schwarzen und der Mestizen thematisierte und damit auf die negativen Seiten des Kolonialismus hinwies.Maria Nazareth Soares Fonseca / Terezinha Taborda Moreira: (PDF; 245 kB), S. 28. Noronha unternahm auch als erster mosambikanischer Schriftsteller den Versuch, die oralen Traditionen seines Landes in die Literatur einzubringen und sich somit von europäischen Vorbildern zu lösen.

In den 1930er Jahren begann auch Rui Knopfli mit Veröffentlichungen als Journalist. 1941 wurde die Zeitschrift Itinerário gegründet (1941–1955). Die Zeitschrift behandelte soziale, literarische und kulturelle Probleme Mosambiks und trug dadurch zur Herausbildung einer nationalen Identität bei.

Durch die Errichtung des Estado Novo 1933 und die damit einhergehende Zensur wurde die Herausbildung einer mosambikanischen Nationalliteratur hinausgezögert. Im Vergleich mit den französischen und britischen Kolonien waren in Mosambik die Meinungs- und Pressefreiheit noch stärker eingeschränkt. Aus diesem Grund wurden die mosambikanischen Entwicklungen in Portugal kaum wahrgenommen. Die Repression führte aber gleichzeitig zu einer Politisierung der Literatur und zur Herausbildung eines afrikanischen Bewusstseins.Gerhard Schönberger: Mosambikanische Literatur portugiesischer Sprache: Entstehung und Probleme einer Nationalliteratur. Frankfurt a. M. 2002. ISBN 3-927884-59-6, S. 78. Diese Phase endete 1946 mit der postumen Herausgabe der Sonetos von Rui de Noronha.

3. Phase: 1946–1963 – Emanzipation Während die vorherige Phase durch die Nachahmung der europäischen Literatur gekennzeichnet ist, charakterisiert die um 1946 beginnende Phase eine umfassende Neuorientierung. Beeinflusst vom portugiesischen Neorealismus und der Négritude-Bewegung thematisierten die mosambikanischen Schriftsteller zunehmend die Unterschiede zu den portugiesischen Kolonialherren.Pires Laranjeira: Literaturas Africanas de Expressão Portuguesa. Lissabon 1995. ISBN 972-674-129-7, S. 260. Die mosambikanische Literatur emanzipierte sich in dieser Zeit von der portugiesischen, so dass man ab dieser Zeit von der Herausbildung einer wirklichen Nationalliteratur sprechen kann.Gerhard Schönberger: Mosambikanische Literatur portugiesischer Sprache: Entstehung und Probleme einer Nationalliteratur. Frankfurt a. M. 2002. ISBN 3-927884-59-6, S. 90.