Kapitalismus kontra Kapitalismus ist der Titel eines 1991 erschienenen Fachbuches des französischen Ökonomen Michel Albert. Der Originaltitel lautet Capitalisme contre capitalisme, die deutsche Übersetzung erschien 1992.

Albert definiert den Begriff des Rheinischen Kapitalismus als allgemeinen Typus einer vornehmlich aus dem deutschen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem abgeleiteten Ausprägung des Kapitalismus und stellt diesem System ein neo-liberales Modell als Ableitung der Ökonomie der USA gegenüber. Albert stellt die These auf, der Rheinische Kapitalismus sei effizienter und gerechter als der angloamerikanische. Dennoch werde sich der angloamerikanische durchsetzen; er werde medial attraktiver präsentiert und verbreitet und sei für einflussreiche Gesellschaftsschichten vorteilhafter. Den europäischen Ländern und insbesondere Frankreich empfiehlt er die Umsetzung des Rheinischen Kapitalismus.

Entstehung des Buches Das Buch war ursprünglich als Beitrag zur politischen Debatte in Alberts Heimatland Frankreich gedacht. Während Deutschland zur damaligen Zeit selbst die Kosten der deutschen Einheit zu verkraften schien, hatte Frankreich unter Premierministerin Edith Cresson mit wirtschaftlichen Problemen, Streiks und dem ineffizienten Etatismus zu kämpfen. Albert wollte Frankreich die Vorteile einer Variante des deutschen Systems aufzeigen.Ludwig Siegele: France à la Bundesrepublik. In: Die Zeit, Nr. 49/1991.

Der Begriff Rheinischer Kapitalismus

Alberts in diesem Buch geprägter Begriff Rheinischer Kapitalismus als idealtypischer, verallgemeinerter Bezeichnung für eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nach im Wesentlichen deutschem Vorbild hat sich international nicht durchgesetzt. International und zunehmend auch in der deutschen Forschung werden die von Peter A. Hall und David Soskice in ihrem Buch Varieties of Capitalism verwendeten Begriffe LME liberal market economies („Liberale Ökonomien“) und CME coordinated market economies („Koordinierte Ökonomien“) verwendet. Der Begriff Koordinierte Ökonomie ist kein Synonym für Rheinischer Kapitalismus, aber weitgehend deckungsgleich und nicht scharf von diesem abzugrenzen.Claudia Bogedan: (PDF) Friedrich-Ebert-Stiftung; abgerufen am 6. März 2009. Rheinischer Kapitalismus im engeren Sinne des deutschen Modells ist eine spezielle Ausprägung einer koordinierten Ökonomie.Manfred G. Schmidt: Das politische System Deutschlands: Institutionen, Willensbildung und Politikfelder. C.H.Beck, 2011, ISBN 978-3-406-62243-4, S. 373

Aufbau und Inhalt Das Buch ist neben der Einführung und einem Schlusswort in zehn Kapitel gegliedert: America is back America backwards Die Finanzwirtschaft und der Ruhm Das angelsächsische Versicherungssystem gegen das alpenländische Versicherungssystem Der andere Kapitalismus Die wirtschaftliche Überlegenheit des rheinischen Modells Die soziale Überlegenheit des rheinischen Modells Die Rückwärtsentwicklung des rheinischen Modells Warum obsiegt der weniger Leistungsstarke? Die zweite Lektion aus Deutschland

Einführung Die Einführung zeichnet die Argumentation vor und definiert den Begriff Rheinischer Kapitalismus.Referiert und zitiert wird aus der deutschen Ausgabe: Campus, Frankfurt am Main 1992.

Albert konstatiert drei Siege des Kapitalismus,

der Steuersenkungswettlauf in den urkapitalistischen Ländern England und USA, also seine Entfesselung, die kampflose Kapitulation des Kommunismus und die dadurch offenbar werdende wirtschaftliche Erschöpfung des Ostblocks der Zweite Golfkrieg und damit der Sieg des Kapitalismus über Diktaturen.

Seitdem sei der Begriff „Dritte Welt“ inhaltslos. Vermeintlich gliedere sich die Welt jetzt recht einfach in kapitalistische Länder, Länder auf dem Weg dahin und Länder, die sich früher oder später auch auf diesen Weg begeben würden. Tatsächlich offenbare aber eine solche Betrachtung, dass es die eine Spielart des Kapitalismus nicht gebe, sondern verschiedene. Dabei ließen sich zwei recht konträre Modelle herausarbeiten. Er greift dazu 10 Beispiele heraus: Einwanderung: Hier orientiert sich Albert implizit an dem Franzosen Emmanuel Todd, indem er feststellt, dass die angelsächsischen Länder viel mehr bereit sind, ihre Einwanderer zu integrieren, als dies im „deutsch-japanischen Modell“ der Fall sei. Armut: In den USA und Japan gebe es eine Tendenz, Arbeitslose als Faulenzer zu verachten. Daher hätten diese Länder Sozialsysteme, die in keiner Weise mit den hochentwickelten der europäischen Länder verglichen werden könnten, die Arbeitslose eher als Opfer sehen. Europäer hätten sich solche Systeme bereits geleistet, als sie noch ein deutlich niedrigeres Pro-Kopf-Einkommen als Japan und Amerika gehabt hätten. Allerdings beginne man auch in Europa, an Sozialausgaben zu sparen. Wirkung von sozialer Sicherheit auf die wirtschaftliche Entwicklung: Während man in den USA und England soziale Sicherheit als Begünstigung der Faulheit betrachte, sehe man sie in den Alpenländern, Beneluxstaaten und den skandinavischen Ländern als Konsequenz des wirtschaftlichen Fortschrittes. Man sehe dort auch die Risiken, welche in der Ausgrenzung der Armen liegen. Allerdings sei auch eine Entwicklung aus den extremen Polen heraus aufeinander zu festzustellen. Hierarchie der Löhne und Gehälter: Eine Tradition des Kapitalismus schlechthin sei eine individuelle Kosten-Nutzen-Einschätzung eines jeden Mitarbeiters und eine darauf beruhende Festlegung des Entgeltes. Dies begünstige sehr große Einkommensunterschiede und die Kluft würde sich in der Tat in England und USA seit der konservativen Revolution der Angelsachsen rasch vergrößern. In den Alpenländern und Japan dagegen versuche man „die Hierarchie der Löhne und Gehälter in engen Grenzen zu halten“ (S. 16). Muss das Steuerwesen das Sparen oder das Schuldenmachen begünstigen? In Frankreich, Deutschland, Japan würde das Sparen begünstigt, dort wären die „Ameisen“ zu Hause. In den USA wären die „Grillen“ zu Hause, hier drücke sich Erfolg durch äußere Symbole des Reichtums aus, Schulden würden durch das Steuersystem begünstigt. „Seit vielen Jahren werden die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich von Japan und Deutschland finanziert“ (S. 17). Dies sei Ursache für einen tiefgreifenden Konflikt zwischen den Modellen. Was ist besser: mehr Regulierungen und Beamte, um sie anzuwenden, oder weniger Regulierungen und mehr Rechtsanwälte, um prozessieren zu können? Nachdem das neokonservative Credo die Deregulierung sei, fiele in diesen Ländern auf, dass die Hauptgewinner der Deregulierung die „lawyers“ (Rechtsanwälte) seien, deren Anzahl in den USA bereits die der Farmer übertreffe. Gleichwohl bewege sich das Recht der EG auch in diese Richtung. Bank oder Börse: Gemäß der liberalen Theorie garantiere allein ein völlig freier, für Wettbewerb offener Kapitalverkehr die optimale Geldversorgung der Unternehmen. Demgemäß sei der Anteil der Finanzierungen der Unternehmen durch Banken in den USA von 1970 bis 1990 von 80 % auf 20 % gefallen. Auch in den Alpenländern und Japan hätten sich die „jungen Wölfe und die alten Aktionäre“ zur angelsächsischen Partei gefunden. Volkswirtschaften, welche die Banken den Börsen vorzögen, böten weniger Möglichkeiten, Vermögen zu machen. So sei das Bankensystem überall unter Druck. Wie muss die Macht in einem Unternehmen zwischen den Aktionären auf der einen Seite und den Managern und dem Personal auf der anderen Seite verteilt sein? Bei dieser Frage herrsche „Krieg“ in den Unternehmensleitungen und es stünden sich das angelsächsische Modell, welches ein Unternehmen als eine Ware betrachte, und das deutsch-japanische, welches es als eine Art komplexer Gemeinschaft sehe, gegenüber. Wie muss die Rolle des Unternehmens in der Erziehung und Ausbildung sein? Nach angelsächsischer Tradition sei es Aufgabe des Unternehmens, Gewinne zu erzielen. Ausbildung und Investitionen in das Personal seien langfristig, ungewiss und behinderten die Gewinnerzielung. In Japan und Deutschland, wo das Unternehmen eine umfangreichere Funktion habe, sehe man das anders. das Versicherungssystem als klassischer Bereich der Debatte: Aufgabe von Versicherungen sei es, die Zukunft aufzuwerten. Für die angelsächsischen Länder sei dies eine reine Markttätigkeit. Die andere Auffassung lege dagegen Wert auf einen institutionellen Rahmen, welcher die Sicherheit der Unternehmen und Individuen garantiere.

Offenbar gebe es keinen „one-best-way“.Anspielung auf den Taylorismus. Der Kapitalismus sei „so komplex wie das Leben“, aber es zeichne sich eine Polarisierung ab. Dabei seien die USA das einzige Vorzeigemodell der reinen Lehre der liberalen Variante. Als Gegenpol dränge sich auf den ersten Blick eine deutsch-japanische Variante auf, bei genauerem Hinsehen gebe es aber deutlich zu wenige Gemeinsamkeiten zwischen den beiden. Auch ein europäisches Wirtschaftsmodell ließe sich mit Blick auf Großbritannien, Italien, Spanien nicht identifizieren. So böten sich die Alpenländer an, aber – um auch die Niederlande mit einzuschließen – noch mehr das Wort rheinisch. Dabei müsse man gedanklich Skandinavien mit einschließen und mit einer kulturellen Verschiebung und Blick auf das Soziale dann auch Japan.

Man finde so einen Gegensatz zweier Wertesysteme in „ein und desselben Kapitalismus, inmitten desselben Liberalismus“ (S. 26).

America is back Seit dem Golfkrieg und dem Zusammenbruch des Kommunismus sei der Zeitgeist geradezu „maßlos liberal“, das gelte auch für Europa, dessen 1993 startender gemeinsamer Markt in seiner Abwesenheit von Regulationsmechanismen Amerika noch übertreffe. Dies sei ein „Triumph der Absurdität“. So wie Europa zuerst nicht in der Lage gewesen sei, die Schwäche hinter der Kulisse des Sowjetsystems zu erkennen, sei es jetzt nicht in der Lage, die wirtschaftlichen und sozialen Schwächen der USA hinter ihrer militärischen Macht auszumachen.

Wie könne es dazu kommen, dass eine noch vor kurzem moderne und permissive Gesellschaft wie die amerikanische so rasch einen Willen zu Revanche und Macht entwickle? Amerika habe vor der Präsidentschaft Reagans zu viele außenpolitische Niederlagen eingesteckt und als Demütigungen empfunden. Hinzu kam innenpolitisch, dass in den 1970er Jahren der „amerikanische Traum durch das amerikanische Übel“ (S. 31) ersetzt worden sei. „Die berühmte schweigende Mehrheit spürte auf schmerzhafte Weise den Zerfall des sozialen Netzes und des politischen Systems“ (S. 33). Reagan habe da mit dem Motto „Amerika kommt zurück!“ die Hoffnungen auf sich gezogen. Dieser betrieb nun mit Aufrüstung und SDI eine medial erfolgreiche Außenpolitik der Stärke und nach innen die „Erneuerung des amerikanischen Kapitalismus in seiner draufgängerischen Version“ (S. 35) und Ende der 1980er Jahre habe Amerika seine Führungsrolle zurückgewonnen.

Tatsächlich sei dieser Erfolg jedoch das Ergebnis einiger „handfester Privilegien“ der USA: „eine unvergleichliche, wirtschaftliche, finanzielle und technologische Erbsubstanz“ (S. 39) und kulturelle Vorherrschaft gestützt auf Sprache (Englisch), Universitäten und die Medien. Amerika sei also gar nicht weg gewesen, habe nur einen vorübergehenden relativen Niedergang erlebt, in dem Reagan ein Strohfeuer entfacht habe, der damit das amerikanische Erbe teilweise verschleuderte. Tatsächlich seien die Lichter 1990 bereits wieder am Erlöschen.

America backwards Amerika zeige Anzeichen des Verfalls – nicht nur im sozialen, auch in der Substanz – und sei von Ghettoisierung, Verarmung, Ausgrenzung, Kriminalität und verfallener Infrastruktur betroffen. Es erlebe seinen Ausverkauf an ausländische Investoren. Ob es auch bereits ein Land im Niedergang ist, sei schwer zu beantworten, man erhielte jedoch beunruhigende Eindrücke einer Desorientierung. Jedenfalls sei ein rasanter Anstieg des Gini-Koeffizienten zu beobachten, der inzwischen als „Dualismus“ beschrieben werde und aus dem schwere Unruhen entstehen könnten.