mini|Abbildung des Athanasius von Alexandria auf einer Ikone Der Tomus ad Antiochenos ist ein Brief bzw. Vermittlungsvorschlag, der von Bischof Athanasius von Alexandria im Namen einer 362 in Alexandria von ihm einberufenen Regionalsynode verfasst wurde und sich an eine Gruppe Bischöfe wandte, die eine Lösung für das Schisma zwischen „Eustathianern“ und „Meletianern“ in den Kirchengemeinden von Antiochia am Orontes suchten. Dieser Brief spielte eine Schlüsselrolle in den trinitätstheologischen Auseinandersetzungen zwischen dem Ein-Hypostasen-Modell und Drei-Hypostasen-Modell der Trinität und nahm schon die Wende ab den 370er Jahren in dieser Frage vorweg.Hanns Christof Brennecke, Annette von Stockhausen, Christian Müller, Uta Heil, Angelika Wintjes (Hrsg.): Athanasius Werke. Dritter Band, erster Teil. Dokumente zur Geschichte des arianischen Streites. 4. Lieferung: Bis zur Synode von Alexandrien 362. Walter de Gruyter, Berlin/Bosten 2014, S. 589ff.

Im Mittelpunkt steht das Anliegen, auf der Basis des Bekenntnisses von Nicäa eine theologische Einigung herbeizuführen. Durch die Einsicht, dass gewisse theologische Streitpunkte im arianischen Streit nicht nur auf Glaubensunterschieden, sondern auch auf unterschiedlichen Sprachregelungen bzw. begrifflichen Differenzen zwischen lateinischer und griechischer Sprache beruhten, bereitet der Tomus den Weg für die trinitätstheologische Sprachregelung der drei Kappadokier ab den 370er Jahren: Basilius von Cäsarea, dessen Bruder Gregor von Nyssa und deren gemeinsamer Freund Gregor von Nazianz etablierten in der Folge die Redeweise vom einen Wesen (ousia) und den drei Hypostasen Gottes, die durch die Entscheidung des Ersten Ökumenischen Konzils von Konstantinopel 381 (Nicäno-Konstantinopolitanum) Verbindlichkeit erlangte.

Kirchen- und dogmengeschichtlicher Kontext Konstellation der trinitätstheologischen Auseinandersetzungen Hintergrund des Tomus ad AntiochenosDie Darstellung des kirchen- und dogmengeschichtlichen Kontextes folgt v. a. Franz Dünzl: Kleine Geschichte des trinitarischen Dogmas in der Alten Kirche. Herder, Freiburg i. Br. 2006, ISBN 978-3-451-28946-0. sind die Auseinandersetzungen um die Trinität, die traditionell als „arianischer“, in heutiger Dogmengeschichtsschreibung auch als „trinitarischer“ oder „subordinatianischer Streit“ bekannt sind.Vgl. Gemeinhardt, S. 172. Einig waren sich die Kontrahenten, dass sich in Jesus Christus der Logos inkarniert hatte. Umstritten war aber insbesondere die Frage, wie das Verhältnis dieses Logos zu Gott, das Verhältnis des Sohnes zum Vater zu verstehen war. Das Konzil von Nicäa von 325 hatte die arianische Lehre verurteilt, dass der Sohn bzw. Logos nicht wahrer Gott, sondern ein Geschöpf (wenn auch das erste und erhabenste Geschöpf) Gottes sei und einen Anfang habe. Fast unmittelbar nach dem Konzil entzündeten sich aber besonders an zwei Punkten jahrzehntelange Kontroversen:

In den Anathematismen im Anhang des Bekenntnis von Nicäa werden jene als Häretiker verurteilt, die behaupten, der Sohn sei aus einer anderen Hypostase oder einem anderen Wesen (Ousia) als der Vater. Dies widersprach dem im – griechischsprachigen – Osten des Römischen Reiches seinerzeit weit verbreiteten Trinitäts-Verständnis im theologischen Fahrwasser des Origenes, nach der Vater, Sohn und Heiliger Geist drei unterschiedliche Hypostasen seien.Vgl. Gemeinhardt, S. 173. Die nicänische Aussage, der Sohn sei wesenseins/wesensgleich (homousios) mit dem Vater, welche die Einheit Gottes betonte, konnte modalistisch verstanden werden, weswegen die Formel theologisch bei der im Osten dominierenden 'origenistischen Mittelgruppe' häretisch wirkte. Rund 30 Jahre später, ab etwa 357, entstanden schließlich die gemäßigt 'origenistischen' Homöusianer, welche statt der Wesensgleichheit die Wesensähnlichkeit des Sohnes lehrten; die gemäßigt 'origenistischen' Homöer, welche lediglich die Ähnlichkeit des Sohnes mit dem Vater 'nach den heiligen Schriften' lehrten, aber eine genauere Bestimmung dieser Ähnlichkeit ablehnten, da beispielsweise über das Wesen von Vater und Sohn in den Schriften nicht gesprochen werde; die radikalen Heterousianer, welche die Wesensverschiedenheit des Sohnes mit dem Vater vertraten und mit ihrer Radikalität die Entwicklungsdynamik ausgelöst hatten.Franz Dünzl: Kleine Geschichte des trinitarischen Dogmas in der Alten Kirche. Verlag Herder, Freiburg (Breisgau) u. a. 2006, S. 92, S. 110. ISBN 3-451-28946-6; Jan Rohls: Gott, Trinität und Geist (Ideengeschichte des Christentums, Band III/1). Mohr Siebeck, Tübingen 2014, S. 92; Wolf-Dieter Hauschild, Volker Henning Drecoll: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Band 1: Alte Kirche und Mittelalter. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2016, S. 76f., S. 90. 5., vollständig überarbeitete Neuausgabe.

Die reichspolitische Situation Kaiser Konstantin hatte zwar das Konzil von Nicäa einberufen und das nicänische Bekenntnis, insbesondere die Homousios-Formel, unterstützt, machte sich aber nach 325 im Interesse des Reichsfriedens für eine Wiederintegration der in Nicäa verurteilten Arianer stark. Kompromisslose und energische 'Anti-Arianer' wie Athanasius und Markell von Ankyra standen seinen Integrationsbemühungen im Weg.

Unter den Nachfolgern Konstantins war es vor allem Constantius II., Kaiser zunächst im Osten, ab 353 Alleinherrscher über das gesamte Reich, welcher neue Kompromiss-Formeln unter Abgrenzung vom nicänischen Bekenntnis suchte, was unter anderem zu Verbannungen des kompromisslosen Athanasius und zur Durchsetzung des so genannten homöischen Reichsdogmas Anfang des Jahres 360 führte. Diese unter kaiserlichem Druck zustande gekommenen Bekenntnisformel, wenig verändert gegenüber der Formel von Nike und der 4. sirminischen Formel, verbot zudem den Begriff 'Wesen' (usia) und seine Verwendung in Zusammenhang mit Gott Vater und seinem Sohn, ebenso den Begriff 'Hypostase' und seine – trinitätstheologische – Verwendung in Zusammenhang mit Gott Vater, seinem Sohn und dem Heiligen Geist.Franz Dünzl: Kleine Geschichte des trinitarischen Dogmas in der Alten Kirche. Verlag Herder, Freiburg (Breisgau) u. a. 2006, S. 110; Hanns Christof Brennecke, Annette von Stockhausen, Christian Müller, Uta Heil, Angelika Wintjes (Hrsg.): Athanasius Werke. Dritter Band, erster Teil. Dokumente zur Geschichte des arianischen Streites. 4. Lieferung: Bis zur Synode von Alexandrien 362. Walter de Gruyter, Berlin/Bosten 2014, S. 550.

Mit dem Tod von Kaiser Constantius II. 361 und dem Regierungsantritt seines Cousins und Rivalen Julian änderte sich die Kirchenpolitik grundlegend: Julian wollte die Einheit des Reiches durch Wiedereinführung des heidnischen Staatskultes sichern und überließ die Kirche sich selber, da ihm anders als seinen Vorgängern nichts an einer kirchlichen Einheit lag.Vgl. Dünzl 2006, S. 112f.; Hanns Christof Brennecke, Annette von Stockhausen, Christian Müller, Uta Heil, Angelika Wintjes (Hrsg.): Athanasius Werke. Dritter Band, erster Teil. Dokumente zur Geschichte des arianischen Streites. 4. Lieferung: Bis zur Synode von Alexandrien 362. Walter de Gruyter, Berlin/Bosten 2014, S. 578. Durch das Restitutionsedikt vom 9. Februar 362 wurden Verbannungen, darunter auch diejenige von Athanasius, aufgehoben, so dass dieser am 21. Februar 362 als Bischof nach Alexandria zurückkehren konnte.Hanns Christof Brennecke, Annette von Stockhausen, Christian Müller, Uta Heil, Angelika Wintjes (Hrsg.): Athanasius Werke. Dritter Band, erster Teil. Dokumente zur Geschichte des arianischen Streites. 4. Lieferung: Bis zur Synode von Alexandrien 362. Walter de Gruyter, Berlin/Bosten 2014, S. 589.

Die Synode von 362 Athanasius berief im Frühjahr oder Sommer 362 für verschiedene Anliegen eine Synode in Alexandria ein. Dort ging es u. a. um das Bekenntnis von Nicäa als alleinige theologische Basis. Ein weiter Punkt war die Vermittlung im großen Kirchengemeinden-Konflikt von Antiochia, konkret ging es um zwei der drei Fraktionen, die sich gebildet hatten. Einerseits gab es dort eine kleine Gemeinde von Anhängern des 327 abgesetzten Bischofs Eustathios von Antiochia um den Diakon Paulinus, die wie Athanasius altnicänisch das eine Wesen und die eine Hypostase Gottes lehrte und mit der sich Athanasius besonders verbunden fühlte.Peter Gemeinhardt: Tomos ad Antiochenos, in: Peter Gemeinhardt (Hrsg.), Athanasius Handbuch. Mohr Siebeck, Tübingen 2011, S. 228-335, hier S. 228f. Andererseits gab es eine größere Gemeinde um den Bischof Meletius, der ein homöusianisches Glaubensbekenntnis und damit die östlich-origenistische Drei-Hypostasen-Lehre vertrat. Mit der dritten Gruppierung um Bischof Euzoius, einem engen Freund von Arius und Vertreter des homöischen Reichsdogmas, kam eine Verständigung von vornherein nicht in Frage.Socrates, Historia ecclesiastica 1,6; 15; ; vgl. Dünzl 2006, S. 114.

Der 'Tomus ad Antiochenos' selbst entstand in Anschluss an die Synode. Als ein Rundschreiben der Synode kann die Epistula catholica gelten, von Athanasius als Hauptautor und mindestens einem Mitautor verfasst.Peter Gemeinhardt: Epistula catholica, in: Peter Gemeinhardt (Hrsg.), Athanasius Handbuch. Mohr Siebeck, Tübingen 2011, S. 226-228, hier S. 226.

Absender und Adressaten des Tomus ad Antiochenos Der Tomus ist ein brieflicher Vermittlungsvorschlag von Athanasius, im Namen der Teilnehmer der Synode in Alexandria (362) an eine fünfköpfige Kommission aus Bischöfen gerichtet, die sich mit der Lösung für das 'antiochenische' bzw. 'Meletianische Schisma' beschäftigte. Der Vermittlungsvorschlag sollte von den Bischöfen den vom Schisma zwischen 'Eustathianern' und 'Meletianern' betroffenen Gemeinden in Antiochia zur Akklamation verlesen werden.Peter Gemeinhardt: Tomus ad Antiochenos, in: Peter Gemeinhardt (Hrsg.), Athanasius Handbuch. Mohr Siebeck, Tübingen 2011, S. 228-335, hier S. 228f. Genannt werden (Tom pr., 'Einleitung') Eusebius von Vercelli und Lucifer von Calaris, Cymatius von Paltus, Asterius von Petra und Anatolius von Euboea, beide sonst nicht bekannt. Der Titel „Tomus ad Antiochenos“ ist nicht ganz präzise, der Brief wurde über die Bischofskommission nur mittelbar an die Gemeinden in Antiochia adressiert. Daher gilt der Titel als sekundär.Tetz 1975, S. 197.

Zwei dieser Bischöfe, Eusebius und Asterius, waren selbst an der Synode von Alexandria anwesend. Sie sind dadurch nicht nur Adressaten, sondern auch Mitabsender, Letzteres gemeinsam mit „Athanasius und allen, die mit ihm in Alexandrien waren“ (Tom 10,2). Als Verfasser ist allerdings allein Athanasius durch die Überlieferung bezeugt, so schon früh nach seinem Tod durch seinen Nachfolger Petros sowie durch Apollinaris von Laodicea.

Hauptthemen des Tomus ad Antiochenos Der Brief thematisiert u. a. besonders hinsichtlich der Situation in Antiochia die Friedenssehnsucht der Christen, die Einheit der Kirche und Ablehnung des Arianismus, das Bekenntnis von Nicäa und seine Bedeutung sowie die Frage, ob es der Ergänzung bedarf, die Frage nach einer oder dreier Hypostasen in der Trinitätslehre, die menschliche Natur Christi und die damit verbundenen Schwierigkeiten sowie das Thema der Gottheit des Heiligen Geistes.Tomus-Text (Übersetzung) in: Hanns Christof Brennecke, Annette von Stockhausen, Christian Müller, Uta Heil, Angelika Wintjes (Hrsg.): Athanasius Werke. Dritter Band, erster Teil. Dokumente zur Geschichte des arianischen Streites. 4. Lieferung: Bis zur Synode von Alexandrien 362. Walter de Gruyter, Berlin/Bosten 2014, S. 592-603. Interpretationen bei Tetz 1975 und Gemeinhardt 2006.

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