mini|150px|Stiftskirche St. Goar mini|150px|Aquarell der Stiftskirche von Théodore Fourmois, 1854 mini|150px|Südostansicht
Die Stiftskirche St. Goar ist eine evangelische Gemeindekirche in der Stadt Sankt Goar in Rheinland-Pfalz. Die ehemalige Stiftskirche gehört zu den prominentesten Vertretern mittelalterlicher Kirchenbauten im Rhein-Hunsrück-Kreis. Mit ihrer romanischen Krypta, dem spätromanischen Chor und dem spätgotischen Langhaus gibt sie reges Zeugnis von den Bautraditionen und architektonischen Entwicklungen am Mittelrhein.
Seit 2002 ist die Stiftskirche St. Goar Teil des UNESCO-Welterbes Oberes Mittelrheintal, des Weiteren ist sie ein geschütztes Kulturgut nach der Haager Konvention.
Die Kirchengemeinde, bereits seit 1528 evangelisch, gehört zum Kirchenkreis Koblenz der Evangelischen Kirche im Rheinland.
Patrozinium mini|hochkant|Spätgotische Gewölbemalerei des Heiligen Goar im Seitenschiff Die Kirche ist nach dem heiligen Goar, einem Priester und Eremiten aus Aquitanien, benannt (geb. um 495 in Frankreich, gest. am 6. Juli 575 in St. Goar). Unter König Childebert I. (511–558) kam er an den Rhein und gründete in der Nähe des heutigen Oberwesel eine Zelle. In der nach ihm benannten Siedlung St. Goar am Mittelrhein ist in der Katholischen Kirche St. Goar und St. Elisabeth eine Reliefplatte mit dem Bild des Heiligen erhalten. Sie zeigt Goar als Gründer der Stadt mit einem Kirchenmodell. Der Heilige steht siegreich auf dem Teufel, während zwei Engel ihm das Gewand tragen und zwei weitere krönend einen Baldachin über ihn halten.
Der Turm der evangelischen Pfarrkirche (ehem. Stiftskirche) von St. Goar gibt ebenfalls Zeugnis vom Stadtgründer und dessen berühmter Gastfreundschaft v. a. gegenüber den Rheinschiffern. In einem Bildfeld treten der Heilige Goar sowie ein um Hilfe flehender Schiffer und eine von Dämonen umgebene Frau auf. Im dazugehörigen Text heißt es: „St. Goar, deren, die vom Schiffbruch und ehrlichen Namen Not leidenden Patron.“Karl Künstle: Ikonographie der Heiligen. Herder, Freiburg i. Br. 1926, S. 283.
Entstehungsgeschichte und Bauverlauf Die Zelle des Heiligen Goar und die Bauten der Abtei Prüm Erstmals nachgewiesen ist ein Bau an der Stelle der heutigen evangelischen Pfarrkirche von St. Goar im siebten Jahrhundert. Es handelte sich dabei um die vom Heiligen Goar errichtete Zelle zur Beherbergung von Geistlichen und Gläubigen. Nach dem Tod des Heiligen hatten Kleriker dessen Tätigkeiten in der Marienkapelle und im Hospitium der neu gegründeten Siedlung fortgeführt, neue Gebäude sind aus jener Zeit jedoch nicht überliefert. Auf der Reichsversammlung zu Attigny im Jahr 765 verlieh König Pippin die Zelle an den Abt Assuer von Prüm. Diese persönliche Schenkung ging unter König Karl dem Großen um 782 in das Eigentum der gesamten Abtei Prüm über.Pfarrers Krammes: Private Website zur ehemaligen Stiftskirche St. Goar Diese ließ im Verlauf des 8. Jahrhunderts an der Stelle der ehemaligen Zelle eine dem Priestermönch St. Goar geweihte Kirche, sowie ein benachbartes Stiftsgebäude errichten.
Die Stiftskirche zur Zeit der Grafen von Katzenelnbogen Um 1089 verwüstete ein Brand den Bau und die Kirche wurde über fast vier Jahrhunderte hinweg von Grund auf neu errichtet. Nach dem Bau der romanischen Krypta am Ende des elften Jahrhunderts wurden um 1250 der spätromanische Chor, sowie seine Flankentürme errichtet. Ihren Abschluss fanden die Bauarbeiten in der Neuerrichtung des gesamten Langhauses von 1444 bis 1469 durch die Grafen von Katzenelnbogen. Als ehemalige Vögte der Abtei Prüm hatten sie im Zuge der Territorialisierung die Stadt St. Goar und den dortigen Rheinpass zu einem ihrer Herrschaftsmittelpunkte ausbauen können, wovon die Burg Rheinfels oberhalb der Stadt noch heute eindrucksvolles Zeugnis ablegt. Sie nutzten die Kirche bis Mitte des 15. Jahrhunderts als Residenzkirche und planten dort wohl auch eine Erbgrablege, die aber nicht verwirklicht wurde, weil das Haus Katzenelnbogen um 1479 im Mannesstamm ausstarb. Die Niedergrafschaft Katzenelnbogen fiel an die Landgrafen von Hessen.
Die Stiftskirche zur Zeit der Landgrafen von Hessen Unter den Landgrafen von Hessen als Universalerben der Grafen von Katzenelnbogen vollzog sich im 16. Jahrhundert auch der Nutzungswandel von der katholischen Stiftskirche zur evangelischen Pfarrkirche, denn Landgraf Philipp I. von Hessen (1504–1567) war 1524 der erste deutsche Fürst, der sich zur Reformation bekannte. Die Homberger Synode verabschiedete bereits zwei Jahre später (1526) die so genannte Hessische Reformationsordnung und legte Schritte zur Etablierung der neuen Glaubensauffassung fest. Der Theologieprofessor Adam Krafft wurde 1527 eigens vom Landgrafen mit einem Besuch der Niedergrafschaft Katzenelnbogen beauftragt. Bei seiner Ankunft am 1. November 1527 brachte er bereits den neuen Pfarrer Gerhard Eugenius Ungefug mit nach St. Goar und am 1. Januar 1528 wurde die erste evangelische Predigt in der Stiftskirche abgehalten. Während des Schmalkaldischen Krieges und des darauf folgenden Augsburger Interims blieb der damals in St. Goar amtierende Superintendent Melchior Schott trotz massiver Einschüchterungsversuche durch den damaligen Erzbischof Johann V. von Isenburg beim lutherischen Bekenntnis. Schotts Epitaph im Hochchor der Stiftskirche gibt darüber ausführlich Auskunft. Nach dem Tod Landgraf Philipps I. und der hessischen Erbteilung von 1567 fielen mit der Niedergrafschaft Katzenelnbogen auch St. Goar und die Burg Rheinfels an Landgraf Philipp II. von Hessen-Rheinfels, dessen kunsthistorisch bedeutende Grablege sich in einer der nördlichen Seitenkapellen der Stiftskirche befindet. Um 1576 scheiterte ein weiterer Versuch des Erzbischofs von Trier, die Stiftskirche nun über ein noch bestehendes Rückkaufrecht der Abtei Prüm aus dem Jahr 1449 zu rekatholisieren. Dazu kam es jedoch nicht, weil die Landgrafen von Hessen ihre als prüm’sche Lehensleute erforderliche Zustimmung zur Inkorporation der Abtei in das Kurerzstift Trier an die Bedingung knüpften, dass der Erzbischof auf dieses Rückkaufrecht verzichtete. Zwischen 1598 und 1610 wurde auf Befehl des Landgrafen Moritz von Hessen-Kassel, dessen Haus nach dem kinderlosen Tod von Landgraf Philipp II. in den Besitz der Niedergrafschaft gekommen war, an der Stiftskirche das reformierte Bekenntnis eingeführt. Dabei sorgten die im Zuge dieser Maßnahme und unter Berufung auf das calvinistische Bilderverbot verfügte Übermalung der Fresken und der Abbau der Orgel für erhebliche Proteste in der St. Goarer Bürgerschaft.
Die Stiftskirche heute Heute ist die Stiftskirchen eine der fünf Predigtstätten der Evangelischen Kirchengemeinde St. Goar. Das an der Ev. Stiftskirche in St. Goar angesiedelte Stift überdauerte die Einführung der Reformation in Hessen, weil die in der hessischen Kirchenordnung gebotene Auflösung der Klöster auf geistliche Stifte nicht anwendbar war. Die Säkularisation kirchlicher Güter in den 1794 von Frankreich besetzten linksrheinischen Gebieten fand ebenfalls keine Anwendung auf evangelisches Kirchengut, so dass die Vermögenswerte des Stifts in erheblich reduzierter Form noch heute existieren und von einem Stiftsbeirat, der als Ausschuss des St. Goarer Presbyteriums bestellt wird, verwaltet werden.
Beschreibung Grundriss und Aufbau der Kirche Die ehemalige Stiftskirche von St. Goar ist geostet und weist eine dreischiffige Baustruktur auf.
Die romanische Krypta mini|Romanische Hallenkrypta Frühestes erhaltenes Zeugnis sakraler Bebauung ist die große Krypta aus der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts, die Georg Dehio in seinem Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler als „schönste am Rhein zwischen Köln (St. Maria im Kapitol) und Speyer“ bezeichnet hat.Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Band Rheinland-Pfalz/Saarland, 2. bearb. und erw. Auflage, Deutscher Kunstverlag, Berlin und München 1984, S. 913. Dieser erste, noch heute erhaltene Bauabschnitt erstreckt sich unter der Grundfläche des Chors und der Apsis über insgesamt vier Joche. Die säulengestützte Krypta schließt im Osten wie die auf ihren Außenmauern errichtete Apsis halbrund ab. Aus der Unterteilung der Krypta in ein Mittel- und zwei Seitenschiffe resultiert die Ausprägung quadratischer Kreuzgratgewölbe im Mittelschiff und rechteckiger Gewölbe in den Seitenschiffen. Die Joche des Mittelschiffes werden teils durch runde, teils durch leicht spitz zulaufende Gurtbögen definiert und geben ein frühes Zeugnis vom zaghaften Einzug gotischer Baukultur am Mittelrhein. Die Säulen bestehen aus Marmor, Granit und Sandstein und stehen auf hohen attischen Basen. Der Gewölbeansatz ruht auf gedrungenen Würfelkapitellen. Die unterschiedlichen Materialien gepaart mit den einfachen Formen der Romanik erzeugen in der Krypta eine schlichte und heitere Ästhetik. Der ursprüngliche Zugang zur Krypta befand sich an der Westseite im Mittelschiff, ist heute jedoch nicht mehr begehbar. Man erreicht sie stattdessen über einen Eingang an der Südwestseite der Kirche. Vermutlich stammen auch die Grundmauern der Chorflankentürme, sowie der Triumphbogen und die Seitenwände der Apsis aus diesem frühesten Bauabschnitt.
Die spätromanische Choranlage Die endgültige Errichtung der Apsis im 5/10-Abschluss auf den östlichen Begrenzungsmauern der Krypta, sowie der Bau des Chores und der Flankentürme erfolgten jedoch erst um 1250. Die polygonale Struktur der Apsis wird am Außenbau durch Ecklisenen betont, die Wandfelder werden durch Lanzettfenster durchbrochen und sind durch Blendwerk in Spitzbogenoptik belegt. Das mittlere der Fenster weist ein Maßwerk auf, wobei der Zeitpunkt seiner Entstehung unsicher ist. Das aus Birnstabrippen bestehende Gewölbe der Apsis entspringt im Inneren aus Diensten, welche durch Wirtel (Schaftringe) gebündelt sind. Der südliche Chorflankenturm reicht lediglich bis zum Kranzgesims des Chores und weist bis heute den Originalzustand der Ostanlage nach. Am Standort der heutigen Taufkapelle im Untergeschoss finden sich Tonnen- und Kreuzrippengewölbe. Im Obergeschoss verweisen gekuppelte Spitzbogenfenster auf die spätromanische Erbauungszeit. Der nördliche Chorflankenturm gibt dagegen Zeugnis von sporadischen Veränderungen in der Barockzeit, wie beispielsweise der Dachreiter mit Zwiebelhaube über dem Satteldach belegt. Über die Gestalt des Langhauses vor dem Brand im elften Jahrhundert ist nichts bekannt. Sein heutiges Aussehen erhielt das Kirchenschiff der ehemaligen Stiftskirche von etwa 1444 bis 1469, als der Bau zur Residenzkirche der Niedergrafschaft Katzenelnbogen erhoben und Gelder für den seit Ende des elften Jahrhunderts anvisierten Wiederaufbau des Langhauses zur Verfügung standen.
Das spätgotische Langhaus Das weitgehend unverändert erhaltene spätgotische Kircheninnere ist 19 Meter breit, bis zum Chor 24 Meter lang und 16 Meter hoch. Die Seitenschiffe nehmen in ihrer Tiefe jeweils etwa die Hälfte der Grundfläche des Langhauses ein und erstrecken sich im Aufriss über dieselbe Höhe (Hallenkirche). Die in den Seitenschiffen eingezogenen Emporen weisen den Bau als Emporenhalle aus. Der Hauptzugang zum Kirchenraum führt im Westen durch einen mit Zinnen bekrönten und fast vollständig in das erste Joch des Langhauses eingestellten Westturm, der gleich einem Riegel zwischen das erste Joch des nördlichen und südlichen Querhauses geschoben ist. Auf Höhe des zweiten und dritten Joches wurden an beide Seitenschiffe nach Norden und Süden je zwei Kapellen angebaut. Das Kircheninnere wird von einem aufwendigen, in Mittel- und Seitenschiffen leicht variierenden Netzgewölbe auf Achteckpfeilern überwölbt, das in aufwendig gestalteten figürlichen und ornamentalen Schlusssteinen endet. Die Rippen der Arkaden, welche die Seitenschiffe vom Langhaus scheiden, gehen teilweise in das filigrane Netzgewölbe über.