Tinnitus aurium (deutsch „Klingeln der Ohren“, von tinnīre, „klingeln“, auris „Ohr“), kurz Tinnitus oder Ohrgeräusch genannt, bezeichnet ein Symptom, bei dem der Betroffene Geräusche wahrnimmt, denen keine äußeren Schallquellen zugeordnet werden können. Ähnliche Bezeichnungen sind Ohrensausen und Phantomgeräusch.
Definition Tinnitus ist eine Hörerfahrung, die ohne einen auf das Ohr treffenden Schall ein- oder beidseitig erlebt wird. Sie beruht auf einer Störung der Hörfunktion. Der Höreindruck des Tinnitus hat in der Regel auch nicht irgendeinen Bezug zum Schall in der Umgebung des Patienten. Die Art der scheinbaren Geräusche ist sehr vielfältig: Die auditiven Eindrücke werden als Pfeifen, Piepen, Zischen, Rauschen, Brummen oder Dröhnen beschrieben. Das Geräusch kann in seiner Intensität gleichbleibend sein, aber auch einen schwankenden oder sogar rhythmisch-pulsierenden Charakter haben. Es hat jedoch nicht immer eine Ähnlichkeit mit einem Geräusch aus der realen akustischen Umwelt. Auch ist Tinnitus deutlich von auditiven Halluzinationen – sogenannten Akoasmen – abzugrenzen.
Im Mittelalter wurden subjektive akustische Wahrnehmungen beschrieben mit dem Begriff sausen (mittelhochdeutsch siusen oder sûsen; auch im Sinne von klingen oder rauschen).Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 455 (zu sausen, etwa in: „etwen so seusent die oren, als die glocken dar jnnen sein oder als daz wasser, daz da seuset“). Bereits in der Antike sind Fallberichte beschrieben, die sich als Tinnitus interpretieren lassen.Doreen Huppert, Johannes Gerb, Filipp Filippopulos: Tinnitus: well known in antiquity, highly relevant today. In: Journal of Neurology. 2026, Band 273, Nummer 2, S. 142 .
Tinnitus kann auch bei der Mehrheit hörgesunder Menschen künstlich erzeugt werden, und zwar bereits durch einen bloßen Aufenthalt von nur wenigen Minuten in einer lautlosen, schallisolierten Kabine. Als mögliche Erklärungen hierfür wurden eine ungewohnte Beeinflussung der normalen Lautstärkeabstimmung im auditorischen Gehirn oder eine Aufdeckung eines bereits vorher vorhandenen – aber durch das normale Umweltrauschen verdeckten – schwachen Tinnitus diskutiert.J. J. Eggermont, L. E. Roberts: Tinnitus: animal models and findings in humans. In: Cell and tissue research, Band 361, Nummer 1, Juli 2015, S. 311–336; doi:10.1007/s00441-014-1992-8, PMID 25266340, (Review).
Tinnitus wird oft in verschiedene Schweregrade eingeteilt. Biesinger definiert vier Schweregrade:E. Biesinger, H. Iro (Hrsg.): Tinnitus. Springer-Verlag, Heidelberg 2005, ISBN 3-540-27491-X, S. 21 und 63. Grad I: Der Tinnitus belastet den Betroffenen kaum. Trotz der Ohrgeräusche besteht kein Leidensdruck. Grad II: Betroffene kommen noch ohne größere negative Folgen mit ihrem Alltag zurecht. Der Tinnitus wird in bestimmten Situationen oder bei Stress jedoch als belastend erlebt. Grad III: Es bestehen dauerhafte Beeinträchtigungen der Lebensqualität sowie der beruflichen Leistungsfähigkeit. Störungen im emotionalen, körperlichen und kognitiven Bereich sind zu erwarten. Noch sind die betroffenen Personen arbeitsfähig. Grad IV: Völlige Dekompensation: Betroffene sind beruflich wie privat schwer beeinträchtigt; Erwerbsunfähigkeit, Suizidgedanken oder -versuche.
Ab Grad III spricht man von einem dekompensierten Tinnitus.
Pulsatiler Tinnitus Puls-synchrone Ohrgeräusche sind ein durch verschiedene Ursachen hervorgerufenes Symptom, das von idiopathischem Tinnitus abzugrenzen ist. Sie sind meistens einseitig und beruhen oftmals auf einer blutgefäßbedingten Ursache im Kopf- oder Halsbereich, wie etwa einer Dissektion der Arteria carotis interna oder einer arteriovenösen Fistel. Eine wichtige Rolle bei der Diagnose spielen daher bildgebende Verfahren, z. B. Craniale Computertomographie und craniale Magnetresonanztomographie.E Hofmann, R Behr, T Neumann-Haefelin, K Schwager: Pulsatile tinnitus—imaging and differential diagnosis. In: Dtsch Arztebl Int, 2013, 110(26), S. 451–458. doi:10.3238/arztebl.2013.0451 (deutsche Ausgabe) Das Hörorgan selbst ist beim pulssynchronen Ohrgeräusch zumeist intakt.Aristides Sismanis: Pulsatile tinnitus. In: Otolaryngologic Clinics of North America, Vol. 36, Ausg. 2, April 2003, S. 389–402; doi:10.1016/S0030-6665(02)00169-X
Verbreitung Mehr als 25 % der Einwohner der Industrieländer sind im Laufe ihres Lebens von Tinnitus betroffen. In Deutschland nehmen über 15 % der Personen über 65 Jahren ständig und langdauernd Ohrgeräusche wahr.Survey des Robert Koch-Instituts 2003, zitiert nach Hörstörungen und Tinnitus. Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 29 (2006). Wegen unterschiedlicher Erfassungsmethoden sind nahezu alle Vergleiche von Studien zur Verbreitung von Tinnitus nach Region, Geschlecht, Alter etc. bislang (Stand 2017) von sehr geringem Wert.A. McCormack, M. Edmondson-Jones, S. Somerset, D. Hall: A systematic review of the reporting of tinnitus prevalence and severity. In: Hearing research, Band 337, Juli 2016, S. 70–79; doi:10.1016/j.heares.2016.05.009, PMID 27246985 (freier Volltext) (Review). Zudem leidet jede siebente Person in Deutschland, Österreich und der Schweiz mindestens einmal im Leben an lang andauernden Ohrtönen.
Ursachen Tinnitus kann im Zusammenhang mit vielfältigen anderen Erkrankungen des Ohres oder der Hörbahn auftreten. Dabei wird unterschieden zwischen dem üblichen „subjektiven Tinnitus“ und dem seltenen „objektiven Tinnitus“.S. Erlandsson, N. Dauman: Categorization of tinnitus in view of history and medical discourse. In: International journal of qualitative studies on health and well-being. Band 8, Dezember 2013, S. 23530, PMID 24369780, . Letzterer beruht auf einer im Körper vorhandenen Schallquelle, meist im Innenohr, deren akustische Aussendungen (Emissionen) im Gehörgang als spontane otoakustische Emissionen (SOAE) messbar sind.S. J. Norton, A. R. Schmidt, L. J. Stover: Tinnitus and otoacoustic emissions: is there a link? In: Ear and hearing, Band 11, Nummer 2, April 1990, S. 159–166, PMID 2340968 (Review).M. J. Penner: An estimate of the prevalence of tinnitus caused by spontaneous otoacoustic emissions. In: Archives of Otolaryngology – Head and Neck Surgery, Band 116, Nummer 4, April 1990, S. 418–423, PMID 2317322.
Der subjektive Tinnitus ist nur für den Betroffenen selbst vernehmbar und lässt sich akustisch nicht messen, da er nicht auf Schallwellen beruht, sondern auf fehlgesteuerter Nervenaktivität in auditorischen und anderen Teilen des Gehirns. Entsprechend abweichende Gehirnaktivität lässt sich jedoch mit bildgebenden Verfahren darstellen – was bislang (Stand 2017) allerdings nur zu Forschungszwecken geschieht und noch nicht zur Unterstützung von Diagnosen.Reviewed in: A. M. Leaver, T. K. Turesky, A. Seydell-Greenwald, S. Morgan, H. J. Kim, J. P. Rauschecker: Intrinsic network activity in tinnitus investigated using functional MRI. In: Human brain mapping, Band 37, Nummer 8, August 2016, S. 2717–2735; doi:10.1002/hbm.23204, PMID 27091485, .
Fortschritte zur Objektivierung der Tinnitus-Intensität wurden anhand Nutzung von Nahinfrarotspektroskopiedorsch.hogrefe.com beschrieben.M Shoushtarian, R Alizadehsani, A Khosravi, N Acevedo, CM McKay, S Nahavandi et al.: Objective measurement of tinnitus using functional near-infrared spectroscopy and machine learning. In: PLoS ONE, 2020, 15(11), S. e0241695. doi:10.1371/journal.pone.0241695
Studien an Tumorpatienten, denen im Rahmen einer Tumoroperation der Hörnerv durchtrennt wurde, zeigten, dass diese Operationen in der Regel keine oder nur eine geringe Linderung der Tinnitussymptomatik brachten.J. W. House, D. E. Brackmann: Tinnitus: surgical treatment. In: Ciba Found Symp. 1981, S. 85, S. 204–216, PMID 6915835.K. I. Berliner, C. Shelton, W. E. Hitselberger, W. M. Luxford: Acoustic tumors: effect of surgical removal on tinnitus. In: Am J Otol., 1992, S. 13–17; PMID 1598977. Dies hat seine Erklärung darin, dass die Ursache des chronischen Tinnitus in der Regel nicht im Innenohr liegt (siehe oben).
mini|Warnzeichen gegen Lärmschwerhörigkeit Mögliche Ursachen von subjektivem Tinnitus Lärmschwerhörigkeit Schalltrauma (akut oder chronisch) Knalltrauma Hörsturz Hydrops cochleae Morbus Menière Bogengangsdehiszenz Neuritis vestibularis Tauchunfälle Dekompressionskrankheit Barotrauma Ototoxische Substanzen Akustikusneurinom (ein Tumor der Gehörnerven) Kraniomandibuläre Dysfunktion Verstopfung des Gehörgangs mit Ohrenschmalz
Pathophysiologie mini|220px|Die funktionelle Bildgebung ermöglicht die Darstellung umschriebener neuronaler Aktivierung Lange dachte man, dass subjektiver Tinnitus im Innenohr entstehe. Diese Theorie konnte jedoch nicht aufrechterhalten werden, da Tinnitus nach Durchtrennung des HörnervenVgl. auch Charles Alfred Ballance: A case of division of the auditory nerve for painful tinnitus. In: Lancet. Band 2, 1908, S. 1070 ff. in der Regel fortbesteht.
Mit Hilfe von bildgebenden Verfahren konnte gezeigt werden, dass bei Patienten mit Tinnitus die neuronale Aktivität in verschiedenen Gehirnarealen verändert ist. Es wird angenommen, dass Tinnitus – wenn er eine Folge von Hörstörungen ist – in ähnlicher Weise entsteht wie Phantomwahrnehmungen und Phantomschmerzen.D. De Ridder, A. B. Elgoyhen, R. Romo, B. Langguth: Phantom percepts: tinnitus and pain as persisting aversive memory networks. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Band 108, Nummer 20, Mai 2011, S. 8075–8080; doi:10.1073/pnas.1018466108, PMID 21502503, .D. De Ridder, S. Vanneste, N. Weisz, A. Londero, W. Schlee, A. B. Elgoyhen, B. Langguth: An integrative model of auditory phantom perception: tinnitus as a unified percept of interacting separable subnetworks. In: Neuroscience and biobehavioral reviews. Band 44, Juli 2014, S. 16–32; doi:10.1016/j.neubiorev.2013.03.021, PMID 23597755.S. Vanneste, D. De Ridder: Deafferentation-based pathophysiological differences in phantom sound: Tinnitus with and without hearing loss. In: NeuroImage. Band 129, April 2016, S. 80–94; doi:10.1016/j.neuroimage.2015.12.002, PMID 26708013. Durch wiederholte bewusste Beachtung wird Tinnitus in der Regel verstärkt, und zwar durch nervliche Lernprozesse der Sensitivierung. Auch in dieser Beziehung verhält sich Tinnitus ähnlich wie Schmerz.E. Biesinger, H. Iro (Hrsg.): Tinnitus. Springer-Verlag, Heidelberg 2005, ISBN 978-3-540-27491-9, S. 93 f., Vorschau – Google Books.H. P. Zenner, M. Pfister, N. Birbaumer: Tinnitus sensitization: Sensory and psychophysiological aspects of a new pathway of acquired centralization of chronic tinnitus. In: Otology & neurotology: official publication of the American Otological Society, American Neurotology Society [and] European Academy of Otology and Neurotology, Band 27, Nummer 8, Dezember 2006, S. 1054–1063; doi:10.1097/01.mao.0000231604.64079.77, PMID 17130796 (Review).
Akustischer oder anderweitiger Stress erhöht das Risiko der Auslösung von Tinnitus. Gehirnareale, die hier beteiligt sind, etwa die Mandelkerne, beeinflussen auch die Aktivität in der Hörbahn und hierdurch die mögliche Tendenz zur Tinnituswahrnehmung.A. M. Leaver, A. Seydell-Greenwald, J. P. Rauschecker: Auditory-limbic interactions in chronic tinnitus: Challenges for neuroimaging research. In: Hearing research, Band 334, April 2016, S. 49–57; doi:10.1016/j.heares.2015.08.005, PMID 26299843 (Review).K. S. Kraus, B. Canlon: Neuronal connectivity and interactions between the auditory and limbic systems. Effects of noise and tinnitus. In: Hearing research, Band 288, Nummer 1–2, Juni 2012, S. 34–46; doi:10.1016/j.heares.2012.02.009, PMID 22440225 (Review).