Bei einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) übernehmen nach DSM-5 und ICD-11 verschiedene Persönlichkeitszustände (dissoziative Identitäten) abwechselnd die Kontrolle über das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen. Aus dieser Sicht verfügen solche Identitäten über eigene Charaktereigenschaften, Verhaltensweisen, Fähigkeiten, Wahrnehmungs- und Denkmuster, und werden daher auch als Zeichen Struktureller Dissoziation betrachtet. Zudem können Erinnerungslücken zu Ereignissen oder persönlichen Informationen auftreten, die nicht mehr durch gewöhnliche Vergesslichkeit erklärbar sind.

Das früher als multiple Persönlichkeit(sstörung) (MP/MPS) bekannte Zustandsbild ist nicht zu verwechseln mit Persönlichkeitsstörungen oder psychotischen Störungen (siehe Abschnitt Klassifikation) und wird in der Regel von weiteren psychischen Symptomen begleitet.

Verbreitung Aufgrund mehrerer Studien wurde die Prävalenz der DIS auf 0,5 bis 1 Prozent in der Gesamtbevölkerung und auf 5 Prozent bei stationären psychiatrischen Patienten geschätzt. Nach einer Publikation von 1993 war das Verhältnis von Frauen zu Männern 9:1., PDF.

In einer Übersichtsarbeit zu den von 2000 bis 2010 veröffentlichten Fällen wurde festgestellt, dass die internationale Verbreitung der DIS wegen stark verzerrter Datenlage (u. a. nordamerika-lastig) nicht zu beschreiben war. Im Übrigen wurde hervorgehoben, dass Diagnosen außerhalb von Therapien nahezu nie vorkamen., PDF.

Ursachen und Entstehung Trauma-Hypothese Nach jahrzehntelanger Auswertung einer großen Anzahl von Krankengeschichten gibt es die Hypothese, dass die DIS durch äußere Störeinflüsse auf die Entwicklung während der Kindheit verursacht werde, da mehrheitlich von Patienten frühere traumatische Lebensereignisse berichtet würden. Extrem negative Lebensumstände überwältigender Art wie Vernachlässigung, Misshandlung und sexuelle Übergriffe könnten die Entwicklung einer integrierten Persönlichkeit beeinträchtigen, insbesondere wenn die ersten traumatischen Erfahrungen vor dem Alter von fünf Jahren geschehen. Stattdessen könne es zu einer Abkapselung von Gedächtnisinhalten und wechselnden Identitäten kommen. Die DIS wird von manchen Autoren als Traumafolgestörung angesehen. Neben anderen Modellen basiert das Ego-State-Modell auf diesem Erklärungsansatz.

Soziokognitive Hypothese Von manchen Autoren wurden Unstimmigkeiten im Zusammenhang mit der Störung gesehen: Sehr wenige Kinder hätten diese Diagnose erhalten, obwohl die Krankheit ab dem Alter von drei Jahren auftreten könne. Es traten Identitäten in Form von Tieren oder Fabelwesen auf. Im Verlauf der Therapie sowie generell bis in die 1990er Jahre habe es eine Zunahme der Anzahl der jeweiligen Identitäten pro Person gegeben. Erinnerungsverfälschungen wie Pseudoerinnerungen seien seit den 1990er Jahren dokumentiert worden.

Einige Autoren folgerten daraus, dass therapeutische Suggestion eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Störung spielen könnte.

Es wurde vielfach untersucht, ob es möglich ist, eine DIS zu simulieren. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2014 kam zu dem Ergebnis, dass bei den Hauptsymptomen gesunde Versuchspersonen, die die Störung simulieren sollten, und Versuchspersonen, die mit DIS diagnostiziert waren, weitgehend ununterscheidbar waren. Die Autoren folgerten daraus, dass die Simulationsstudien eher die soziokognitive Hypothese als die Trauma-Hypothese stützen würden., PDF.

Symptombild Betroffene haben wechselnde Identitäten mit jeweils eigenem Selbstbild und -konzept, beispielsweise grundlegende Einstellungen und Gefühle betreffend. Hinzu kommen Erinnerungslücken und regelmäßig auch Symptome ähnlich denen der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Unterschiedliche weitere Symptome, die denen anderer Störungen ähneln, sind häufig und bessern sich in der Regel nur, wenn die DIS in ihre Behandlung mit einbezogen wird. Dazu gehören insbesondere Depressionen, Angst-, Schlaf- und Essstörungen, Sucht- und Zwangserkrankungen, somatoforme Störungen, ängstlich-vermeidendes und Borderline-Verhalten. Markante Unterschiede zwischen den einzelnen Identitäten sind dabei nicht ungewöhnlich; auch das empfundene Alter oder Geschlecht sowie die Handschrift können sich unterscheiden. Das gesamte Symptombild weist dadurch eine besondere Bandbreite und Variabilität auf. Des Weiteren nehmen die Betroffenen ihre Identitätswechsel in der Regel lange Zeit nicht als solche, sondern als unklare Störungen wahr. Auch deshalb bleibt eine DIS oft lange unerkannt oder falsch diagnostiziert.

Neurobiologie mini|Die Neuro­bio­logie der DIS wird unter anderem mit bild­geb­enden Ver­fahren unter­sucht.

Mit dem Identitätswechsel gehen Wechsel körperlicher Werte des vegetativen Nervensystems (zum Beispiel Puls, Blutdruck, Muskelspannung, Sehschärfe) und markante Wechsel in der Aktivität des Gehirns einher, wie mit bildgebenden Verfahren wiederholt nachgewiesen wurde.M. N. Modesti, L. Rapisarda, G. Capriotti, A. Del Casale: Functional Neuroimaging in Dissociative Disorders: A Systematic Review. In: Journal of personalized medicine. Band 12, Nummer 9, August 2022, , PMID 36143190, (Review).S. Lotfinia, Z. Soorgi, Y. Mertens, J. Daniels: Structural and functional brain alterations in psychiatric patients with dissociative experiences: A systematic review of magnetic resonance imaging studies. In: Journal of Psychiatric Research. Band 128, September 2020, S. 5–15, , PMID 32480060 (Review) (freier Volltext).A. Krause-Utz, R. Frost, D. Winter, B. M. Elzinga: Dissociation and Alterations in Brain Function and Structure: Implications for Borderline Personality Disorder. In: Current psychiatry reports. Band 19, Nummer 1, Januar 2017, S. 6, , PMID 28138924, (Review). Auch bestimmte anatomische Abweichungen im Gehirn von Menschen mit DIS wurden wiederholt festgestellt. Diese betrafen jedoch nur statistische Daten von Gruppen, nicht aber die Daten von Einzelpersonen.

Diagnose Die Diagnose erfolgt durch Erhebung der Krankengeschichte, eventuell mit Eigen- und Fremdanamnese. Sie gilt als anspruchsvoll, auch weil es Teil des Symptombildes ist, dass die Persönlichkeitszustände oft nur getrennt erlebt werden und teilweise die Tendenz besteht, sie zu verbergen. Auch daher ist das Risiko einer Fehldiagnose erhöht.

Sofern ein Persönlichkeitszustand dominant ist und normalerweise im Alltag funktioniert, jedoch dissoziatives Wiedererinnern (Intrusionen) anderer Persönlichkeitszustände vorkommen, und die exekutive Kontrolle über das Bewusstsein und Verhalten, wenn überhaupt, nur gelegentlich, begrenzt und vorübergehend bei verschiedenen Persönlichkeitszuständen liegt, kommt eine partielle dissoziative Identitätsstörung (ICD-11 6B65; ICD-10 F44.9 dissoziative Störung [Konversionsstörung], nicht näher bezeichnet) als Diagnose in Betracht.

Differentialdiagnosen Bipolare Störungen Bipolare Störungen können wie die DIS durch deutliche Stimmungsschwankungen gekennzeichnet sein. Bei der DIS beruhen diese Schwankungen jedoch auf dem Wechsel zwischen unterschiedlichen Identitätszuständen, während sie bei bipolaren Störungen episodisch verlaufen und nicht mit dissoziativen Amnesien verbunden sind. Der Nachweis alternierender Identitäten unterscheidet die DIS somit klar von bipolaren Störungen.

Posttraumatische Belastungsstörung Die PTBS teilt mit der DIS zentrale Symptome wie Flashbacks und dissoziative Erlebnisse. Die PTBS ist jedoch im Gegensatz zur DIS durch eine einheitliche Identität gekennzeichnet. Fragmentierte, also bruchstückhafte, sensorisch überladene und schwer in eine kohärente Erzählung einzubettende Erinnerungen betreffen im Falle der PTBS vorrangig das Traumageschehen, während dies bei der DIS auch Alltagserinnerungen betreffen kann. Der dissoziative Subtyp der PTBS (DSM-5) erschwert die Abgrenzung zusätzlich, da er ähnliche Phänomene wie Depersonalisation und Derealisation umfasst.

Komplexe posttraumatische Belastungsstörung Die komplexe PTBS überlappt in einigen weiteren Aspekten mit der DIS, da neben den Kernsymptomen der PTBS auch Störungen der Selbstorganisation, Affektdysregulation, negatives Selbstkonzept und Beziehungsprobleme auftreten. Anders als bei der DIS liegen jedoch auch hier keine multiplen Identitätszustände vor und Gedächtnislücken treten nicht in vergleichbarem Ausmaß auf. In der ICD-11 ist die komplexe PTBS als eigenständige Diagnose verankert, während sie im ICD-10 und im DSM-5 nicht gesondert aufgeführt ist. Die komplexe PTBS gilt als wichtige, aber doch klar abgrenzbare Differentialdiagnose.

Psychotische Störungen Psychotische Störungen wie Schizophrenie können der DIS ähneln, da auch hier Stimmenhören und ungewöhnliche Wahrnehmungen auftreten können. Bei der DIS stammen die Stimmen jedoch von inneren Anteilen und der Realitätsbezug bleibt erhalten, während bei Schizophrenie echte Halluzinationen und Wahnvorstellungen vorliegen. Das Fehlen multipler Identitätszustände und die Art der Stimmen unterscheiden beide Störungen, da bei der DIS die Stimmen als nicht als von außen kommend wahrgenommen werden, während bei Schizophrenie gerade dieser Fremdheitscharakter zentral ist.

Borderline-Persönlichkeitsstörung Die Borderline-Persönlichkeitsstörung zeigt Überschneidungen mit der DIS, weil stressbezogene Dissoziation ein zentrales Merkmal sein kann und mit Emotionsdysregulation, Identitätsstörungen und interpersonellen Problemen zusammenhängt. Abgrenzend bleibt bei der Borderline-Störung die Identität grundsätzlich einheitlich und die Symptome resultieren ebenfalls nicht aus multiplen Identitätszuständen mit Kontrollwechseln und ausgeprägten dissoziativen Amnesien.

Substanz- und medikamenteninduzierte Störungen Substanzen wie Alkohol oder Medikamente können Amnesien und verändertes Verhalten hervorrufen, die einer DIS ähneln. Bei der DIS treten diese Phänomene jedoch ohne Substanzeinfluss auf und die Symptome sind Teil des strukturellen Dissoziationsprozesses. Substanzinduzierte Störungen sind daher differentialdiagnostisch relevant, treten aber auch häufig komorbid auf.

Funktionelle neurologische Störungen Funktionelle Störungen wie psychogene nicht-epileptische Anfälle (PNES) können Amnesien und unwillkürliche Bewegungen hervorrufen, die einer DIS ähneln. Bei der DIS sind diese Symptome jedoch in ein umfassenderes dissoziatives Muster eingebettet und mit Identitätswechseln verknüpft. Funktionelle neurologische Störungen werden daher differentialdiagnostisch berücksichtigt. EEG-Untersuchungen helfen bei der Abgrenzung.

Epileptische Anfallsleiden Komplex-fokale epileptische Anfälle können dissoziationsähnliche Symptome wie kurze Amnesien oder veränderte Bewusstseinszustände erzeugen. Im Unterschied zur DIS sind diese Anfälle jedoch neurologisch erklärbar und nicht mit multiplen Identitätszuständen verknüpft. Epileptische Anfallsleiden sind daher differentialdiagnostisch zu beachten, wobei auch hier EEG-Befunde entscheidend für die Abgrenzung sind.

Sonstige dissoziative Störung bzw. partielle dissoziative Identitätsstörung Die sonstige dissoziative Störung, näher bezeichnet, weist Überschneidungen mit der DIS auf, da ebenfalls dissoziative Symptome und Persönlichkeitsanteile auftreten können. Im Unterschied zur DIS erfüllen diese Anteile jedoch nicht vollständig die Kriterien klar abgegrenzter Identitätszustände oder es fehlt die Amnesie zwischen ihnen. Diese Diagnose wird daher nur gestellt, wenn die Kriterien für eine DIS nicht erreicht werden. In der ICD-11 wurde zusätzlich die partielle dissoziative Identitätsstörung eingeführt, bei der zwar unterscheidbare Persönlichkeitsanteile vorhanden sind, diese aber nicht regelmäßig die vollständige Kontrolle übernehmen und die Amnesie weniger stark ausgeprägt ist.

Artifizielle Störung und Simulation