mini|Julian Huxley, 1964 Evolutionärer Humanismus ist die Selbstbezeichnung einer Reihe von humanistischen Weltanschauungen, die die Einbindung des Menschen in die biologische Evolution betonen. Der Ausdruck wurde von Julian Huxley englisch als Evolutionary Humanism in Essays of a Humanist (1964) geprägt.Julian Huxley: Die Grundgedanken des evolutionären Humanismus. In: Julian Huxley: Der evolutionäre Humanismus. Zehn Essays über die Leitgedanken und Probleme. München 1964. Nach Gerhard Vollmer unterscheiden sich nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene humanistische Strömungen, wie der evolutionäre Humanismus (aber auch der Transhumanismus), durch ihre Begründungsgrundlage von traditionellen humanistischen Entwürfen. Diese begründeten ihr Welt- und Menschenbild geisteswissenschaftlich, u. a. im Bezug auf metaphysische Systeme, also auf Transzendentes (siehe Theistische Evolution). Die jüngeren humanistischen Entwürfe verzichten auf Rechtfertigungsgründe außerhalb der erfahrbaren Welt und betonen die Natur- und Sozialwissenschaften, erweitern dabei aber auch den Evolutionsbegriff um soziale und kulturelle Dimensionen. In Nachfolge von Huxley nennt Vollmer Michael Schmidt-Salomon und Gerhard Engel als Vertreter des evolutionären Humanismus.
Begriffsprägung Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs ging es Huxley um die Begründung einer universellen Ethik, die dabei nicht Bezug nahm auf die vorhandenen Begründungen und die Weltbilder der christlichen Bekenntnisse, des Islam oder des Hinduismus, aber auch nicht auf politische Ideologien wie Kapitalismus, Marxismus, Sozialismus, Totalitarismus oder Nationalismus. Die Basis müsse vielmehr ein wissenschaftlicher Humanismus sein, der als Arbeitsphilosophie für die UNESCO dienen sollte, deren Generalsekretär er war.
Diese Arbeitsphilosophie könne nicht statisch oder idealistisch sein. Es solle ein evolutionärer Ansatz gewählt werden, der die Notwendigkeit lehrt, in dynamischen Kategorien wie Geschwindigkeit und Richtung von Entwicklungen zu denken, statt statisch von gegenwärtiger Position und Erreichtem. Damit würden nicht nur die Ursprünge und biologischen Quellen der menschlichen Werte sichtbar, auch natürliche Phänomene und potenziell widersprüchliche Trends könnten besser eingeordnet werden.
Ideengeschichte Wenn auch Julian Huxley den Begriff evolutionärer Humanismus begründete, wurden auch andere vor ihm avant la lettre mit solchen Positionen in Verbindung gebracht. Dass Charles Darwin humanistisch dachte, lässt sich an vielen Stellen seines Werks ablesen. Insbesondere in seinem Buch The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex (Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl) macht Darwin sich Gedanken über die Stellung des Menschen bei seiner unbestreitbaren Abstammung aus dem Tierreich.
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin erarbeitete Anfang des 20. Jahrhunderts eine ausführliche Beschreibung kooperativen Handelns und einer Ethik nach evolutionären Mechanismen, basierend auf dem Tierreich. Der evolutionäre Humanismus soll auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und humanistischer Werte Antworten auf die existenziellen Grundfragen des Menschseins geben.
Kropotkin: Kooperation und Ethik entwickelten sich aus dem Tierreich mini|hochkant|Pjotr Kropotkin Pjotr Alexejewitsch Kropotkin setzte sich in seinen Büchern Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt und Ethik, Ursprung und Entwicklung der Sitten intensiv mit der Evolutionstheorie nach Darwin auseinander, vor allem mit der damals populären Auslegung als Überlebenskampf (Survival of the Fittest) und ihrer Anwendung auf die Soziallehre in Form des Sozialdarwinismus. Dieser Idee eines erbarmungslosen Konkurrenzkampfs als „natürliche“ Verhaltensweise, der andere ethische Vorstellungen gegenüberstehen, stellt Kropotkin die Vorstellung eines evolutionären ethischen Fortschritts entgegen.
In Ethik beschreibt Kropotkin zunächst, welche Hauptlinien der Ethik sich im Laufe der vergangenen 2500 Jahren entwickelt haben. Er stellt fest, dass ethische Theorien oft die Fragen nach dem Ursprung des Impulses, sich ethisch zu verhalten, aussparen. Dafür bietet Kropotkin einen biologisch-evolutionären Ansatz, der die Menschen als ethisch handelnde Wesen in einem Kontinuum mit der Tierwelt sieht. Er grenzt sie also weder von der Tierwelt ab, wie religiöse Positionen, noch teilt er den ethischen Nihilismus anderer szientistischer Positionen (wie des Sozialdarwinismus). Diesen Ursprung sieht er in einem Gefühl von Gleichartigkeit, das er schon bei einfachen, gesellig lebenden Tieren vorzufinden meint: Der Andere (zunächst der eigenen Art) wird als ein Gleicher empfunden, was zur Bildung von Verhaltensweisen führt, die später zu Gerechtigkeit (im Sinne von Gleichberechtigung) führen, und zu einer grundsätzlichen Sympathie und der gegenseitigen Hilfe. Das steht im Gegensatz zu anderen Metaethischen Positionen, die z. B. die Ethik etwa auf dem Gefühl von Lust und Unlust aufbauen (Eudaimonie, Hedonismus, Utilitarismus) oder auf einer Idee der Pflicht, die metaphysisch oder religiös gerechtfertigt wird. Kropotkin betont, dass diese seiner Meinung nach keine Bereitschaft zur Aufopferung (Altruismus) erklären können, die unbedingte Solidarität mit dem Anderen dagegen sehr wohl. Die Frage nach einer Motivation zu altruistischem Verhalten ist ein Grundthema humanistischer Ethik-Konzeptionen.
Huxley: Begriffsbildung für eine wissenschaftsbasierte Weltanschauung Aus Sicht Huxleys – der den Begriff evolutionärer Humanismus ursprünglich als Arbeitsphilosophie für die UNESCO schuf – ist die Wissenschaft in der Lage, im Rahmen einer allgemeinen Theorie der Evolution nicht nur die biologische Evolution, sondern auch anorganische Entwicklungen wie die Sternenentwicklung auf der einen Seite sowie auch menschliche und soziale Entwicklungen auf der anderen Seite zu erklären. Den Menschen sieht Huxley dabei als das höchste Produkt der Evolution an, weil der Mensch zudem fähig sei, die Evolution zu kontrollieren und, beispielsweise durch Gentechnik am Menschen, voranzutreiben. Gleichwohl erkannte er an, dass wissenschaftliche Erkenntnisse stets fehleranfällig und somit korrekturbedürftig sind und auch ethisch-politische Normen einem historischen Entwicklungsprozess unterliegen.Paul Kurtz: Skepticism and Humanism: The New Paradigm. 2001, ISBN 1-4128-3411-2, S. 244f. (online).
Somit weist der evolutionäre Humanismus Züge auf, die für Weltanschauungen untypisch sind. Er setzt sich selbst nicht absolut, sondern versucht ein Rahmenmodell zu entwickeln, das andere weltanschauliche bzw. religiöse Standpunkte fair berücksichtigt. Sein Weltbild ist nicht statisch, sondern auf stete Weiterentwicklung ausgerichtet.
Schmidt-Salomon: Philosophische Weiterentwicklung des Konzepts mini|hochkant|Michael Schmidt-Salomon Die Offenheit des Konzepts gegenüber neuen Erkenntnissen und alternativen Sichtweisen zeigt sich darin, dass sich der evolutionäre Humanismus, wie er im Manifest des evolutionären Humanismus von Michael Schmidt-Salomon aus dem Jahr 2005 vertreten wird, teils deutlich von Huxleys Positionen aus den 1960er Jahren unterscheidet. Das Manifest des evolutionären Humanismus plädiert für eine naturalistische Philosophie.
Allerdings sollte laut Schmidt-Salomon in diesem Zusammenhang nicht übersehen werden, dass auch manche traditionelle humanistische Vorstellungen in Konflikt mit dem heutigen erweiterten Wissen über Mensch und Natur geraten seien. Evolutionär sei diese Strömung des Humanismus nicht nur, weil sie den Menschen als Zufallsprodukt der natürlichen Evolution begreife, sondern auch „weil wir nicht von absoluten, unantastbaren ewig gültigen Wahrheiten und Werten ausgehen, sondern vielmehr meinen, dass wir unsere Vorstellung über die Welt permanent kritisch hinterfragen und dann gegebenenfalls auch verändern müssen. Es ist also kein starres Weltmodell, sondern ein offenes, dynamisches, das darauf ausgerichtet ist, sich evolutionär weiterzuentwickeln.“ Der Begriff der Menschenwürde sei an das Selbstbestimmungsrecht des Individuums gebunden, woraus sich ein rein formaler, weltanschaulich neutraler Begriff der Menschenwürde ergebe, der folgendermaßen gefasst werden könne: Die Würde des Einzelnen ist dadurch bestimmt, dass der Einzelne über seine Würde bestimmt – nicht der Staat, nicht die Familie und auch keine Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft. Der evolutionäre Humanismus schütze als Rahmenmodell auch solche Überzeugungen, die aus seiner eigenen weltanschaulichen Perspektive als irrational erscheinen. Hier benennt er das Recht eines Gläubigen, in der „Nachfolge Jesu“ zu leiden und auf Palliativmedizin oder Sterbehilfe zu verzichten. Es stünde dem evolutionären Humanismus fern, Andersdenkenden die eigene Weltsicht aufzuzwingen. Er trete für einen weltanschaulich neutralen Staat ein, der jeder Person die Freiheit einräume, gemäß der eigenen weltanschaulichen oder religiösen Überzeugung zu leben – sofern dadurch keine Rechte Dritter verletzt werden. Der Ansatz folge dem von Karl Popper beschriebenen Konzept der offenen Gesellschaft, das auf den vier grundlegenden Prinzipien Liberalität, Egalität, Individualität und Säkularität beruht.
In den Zehn Angeboten des evolutionären Humanismus, die Schmidt-Salomon den Zehn Geboten der Bibel gegenübergestellt, regt er an, dem großen Ideal der Ethik zu dienen, das Leid in der Welt zu mindern; sich fair gegenüber dem Nächsten und dem Fernsten zu verhalten; keine Angst vor Autoritäten zu haben, sondern den Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen; sich in die Tradition derer zu stellen, die die Welt zu einem besseren, lebenswerteren Ort machen woll(t)en und das Leben zu genießen, da höchstwahrscheinlich nur dieses eine gegeben sei. In Hoffnung Mensch. Eine bessere Welt ist möglich aus dem Jahr 2014 legt er einen Schwerpunkt darauf, die positive Bilanz der Entwicklung des Menschen darzustellen. Die biologische und kulturelle Entwicklung der menschlichen Spezies zeige, dass der Mensch das Potential habe, immer „humaner“ zu werden. Er benennt positive Entwicklungen vor allem aus den Bereichen der Ethik, Wissenschaft, Technologie und Kunst, auf die es in Zukunft aufzubauen gelte. Der Text enthält verschiedene indirekte Bezüge zur Evolution und beruft sich auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse der Soziobiologie, Hirnforschung und eine evolutionäre Erklärung der Religiosität.
Engel: Integrativer Ausblick Gerhard Engel (ehem. Präsidiumsmitglied bei der Humanistischen Akademie Deutschland) stellt heraus, dass der evolutionäre Humanismus keine Weltanschauung sei, sondern vielmehr eine Methode, an einer Weltanschauung zu arbeiten, um ein objektives Gesamtbild der Welt im Sinne einer menschenwürdigen Gestaltung der Zukunft zu gewinnen. Demnach sei er Programm, Auftrag und Aufforderung auch in gesellschaftlicher Hinsicht der sozialen und kulturellen Evolution. Der evolutionäre Humanismus fördere die Suche nach intellektuellen Kooperationsgewinnen. Diese ließen sich nicht nur im Gespräch zwischen den Wissenschaften, sondern auch im Gespräch zwischen Wissenschaft, Kunst, Religion, Literatur, Musik und Philosophie erzielen. Recht verstanden bedeute Evolution nicht nur Differenzierung und Anpassung, sondern auch Integration – also die Verbindung von Systemen zu immer leistungsfähigeren Komplexen. Der Mensch könne überall leben, sogar (für begrenzte Zeit) im Weltraum. Ein so akzentuierter evolutionärer Humanismus wäre eine Theorie der biologischen Differenz; sie hätte zu erforschen, wie und warum der Mensch diejenigen Grenzen immer weiter hinausschieben könne, welche die Natur den übrigen Lebewesen aufzuerlegen scheint. Eine Synopse aller wissenschaftlichen Disziplinen, wie Kant sie in seiner Architektonik der reinen Vernunft ins Auge fasste, sei der allein noch offene Weg, um ein rational zu rechtfertigendes Weltverständnis zu erreichen. Der evolutionäre Humanismus sei demnach ein Schritt auf diesem Wege.