Der Herr der Ringe Rollenspiel ist die deutschsprachige Version eines Fantasy-Pen-&-Paper-Rollenspiels des US-amerikanischen Verlags Decipher, das auf dem verlagseigenen universellen Regelsystem „CODA“ beruht. Grundlage für die Spielwelt ist die von dem britischen Schriftsteller J. R. R. Tolkien um dessen genreprägenden Fantasy-Roman Der Herr der Ringe geschaffene High-Fantasy-Welt von „Mittelerde“, an die die CODA-Regeln angepasst wurden.
Nachdem das Rollenspiel unter dem Titel The Lord of the Rings Roleplaying Game im Jahr 2002 zuerst in englischer Sprache veröffentlicht worden war, erschien es 2003 in Deutschland bei Pegasus Spiele. Die englische Version wurde 2002 als „bestes Rollenspiel“ mit dem Origins Award ausgezeichnet.OriginsAwardsWinners 2003 – 29th Annual Ceremony. Auf: originsgamefair.com.
Geschichte Lizenz Die Rechte für Tolkiens Werke Der Herr der Ringe und Der Hobbit liegen bei dem US-amerikanischen Unternehmen Tolkien Enterprises, das Anfang der 1980er-Jahre eine Lizenz für Spiele an den US-amerikanischen Spieleverlag Iron Crown Enterprises (ICE) vergab. ICE veröffentlichte ab 1982 mehrere Spiele nach Tolkien-Motiven, darunter das Mittelerde-Rollenspiel (MERS, 1984) und als dessen vereinfachte Version das Lord of the Rings Adventure Game (1991). Die Lizenz erstreckte sich jedoch ausdrücklich nicht auf Tolkiens bekannteste Werke, so dass die Spielwelt von MERS zeitlich rund 1500 Jahre vor dem in Der Herr der Ringe beschriebenen Geschehen angelegt wurde.John D. Rateliff: A Brief History of Tolkien roleplaying games. Rede auf der Middle-Earth Role Playing Convention (MerpCon), August 2008, Teil 2. Die Lizenz wurde dann 1997 vom Rechteinhaber Tolkien Enterprises nicht mehr verlängert, sondern anlässlich der Produktion der Herr-der-Ringe-Filmtrilogie modifiziert und neu zur Vergabe ausgeschrieben. Zunächst entwickelte Wizards of the Coast ein Rollenspiel für diese Lizenz, stieg jedoch vor dessen geplanter Veröffentlichung 2001 aus den Lizenzverhandlungen aus.John D. Rateliff: A Brief History of Tolkien roleplaying games. Rede auf der Middle-Earth Role Playing Convention (MerpCon), August 2008, Teil 3.
Der anfangs auf Sammelkartenspiele spezialisierte Verlag Decipher erwarb 2001 eine Lizenz am Mittelerde-Hintergrund und an der Herr-der-Ringe-Filmtrilogie für ein Sammelkartenspiel. Nachdem Decipher seine erfolgreichste Lizenz für Star-Wars-Kartenspiele nicht hatte weiterführen können, nahm der Verlag zusätzlich zu seinen erfolgreichen Medien-Franchise-Kartenspielen zu Star Trek und zu Der Herr der Ringe ab 2002 auch Rollenspiel-Produkte in sein Programm auf. Dafür erweiterte Decipher 2002 seine Herr-der-Ringe-Lizenz von Tolkien Enterprises auf den Rollenspiele-Bereich.
Veröffentlichung Der Lizenznehmer Decipher veröffentlichte 2002 die englischsprachige Originalversion seines Herr-der-Ringe-Rollenspiels unter dem Titel The Lord of the Rings Roleplaying Game. In Deutschland erschien das Spiel dann 2003 bei Pegasus Spiele als Übertragung ins Deutsche unter dem Titel Der Herr der Ringe Rollenspiel. Als Abkürzungen haben sich LotR RPG für das englische Original und HdR RSP für die deutsche Übersetzung eingebürgert. mini|Der „Allmacht bewirkende“ Eine Ring ist das bekannteste Symbol für Der Herr der Ringe. Der Veröffentlichung des Grundregelbuchs (Core Book) im Sommer 2002 ging die Publikation einer Einsteiger-Box voraus: Um Fans des im Dezember 2001 erschienenen Fantasyfilms Der Herr der Ringe: Die Gefährten als Käufer zu gewinnen, brachte Decipher im Februar 2002 unter dem Titel The Lord of the Rings Roleplaying Adventure Game eine Box mit vereinfachten Regeln und dem kurzen Rollenspielabenteuer Durch die Minen Morias auf den Markt.
Das Konzept einer wenige Seiten umfassenden Kurzspielanweisung mit einem Anfänger-Abenteuer-Heft und anderem ZubehörVgl. die Rezension von Bernd Perplies: . In: Ringbote Online, 17. Mai 2005. wurde kurz vor Erscheinen des zweiten Films Die zwei Türme als The Two Towers. The Lord of the Rings Roleplaying Adventure Game fortgesetzt.Die Einsteiger-Boxen wurden auch als Introductory Adventure Game bezeichnet. Vgl. . Auf DRoSI.de.
Die auf 2004 nach Erscheinen des dritten Films Die Rückkehr des Königs verschobene Einsteiger-Box unter dem Titel The Return of the King. The Lord of the Rings Roleplaying Adventure Game wurde letztlich nicht mehr veröffentlicht. Bei den nach dem Grundregelbuch erschienenen Materialien orientierte sich Decipher an den Filmpublikationen und der Romanvorlage. Die (englischsprachigen) Quellenbücher mit Spielwelt-Beschreibungen erschienen als Hardcover und mit zahlreichen, teilweise ganzseitigen Fotos aus den Filmen. Sie waren, wie schon das Grundregelwerk, mit vielen Zitaten aus dem Roman versehen. Steven S. Long in: Interview with Steven S. Long. Auf: darkshire.net; ursprünglich auf mevault.ign.com, August 2001.
Die Gefährten, das deutsche Quellenbuch zum ersten Teil der Filmtrilogie, enthält jeweils eine Zusammenfassung über die Handlung von Buch und Film und eine Auflistung ihrer Unterschiede. Neben den Filmcharakteren werden auch im Film nicht vorkommende Figuren wie Tom Bombadil vorgestellt.Vgl. . Dieses Verfahren lag auch dem zweiten in deutscher Sprache erschienenen Quellenbuch Wilde Bestien und wundersame Magie zugrunde, in dem neben den in den Filmen gezeigten Monstern auch Grabunholde und Drachen vorgestellt und durch Zeichnungen statt Szenenfotos repräsentiert wurden.Vgl. die Rezension von Stefan Moriße: Wilde Bestien und wundersame Magie. Auf: LORP.de, 1. April 2004.
Auszeichnungen Die englischsprachige Version The Lord of the Rings Roleplaying Game und das von Steven S. Long geleitete Entwickler-Team wurden mit dem Origins Award 2002 für das beste Rollenspiel ausgezeichnet. Beim Deutschen Rollenspiele Preis 2003 wurde das Der Herr der Ringe Rollenspiel hingegen als eines der „Unbeliebtesten Rollenspiel-Produkte“ bewertet und an dritter Stelle dieser Kategorie platziert.. Übersicht auf DRoSI.de.
Einstellung des Vertriebs Zahlreiche Kritiken fielen grundsätzlich positiv aus, wobei Ausstattung und Grafik oft gelobt, allerdings auch häufig hohe Preise bemängelt wurden.Markus Kolbeck: . In: Ringbote Online, 28. April 2004Thomas Michalski: . Auf: games-net.de.Uwe Mundt: . Auf: DRoSI.deTanja Weber: Der Herr der Ringe Rollenspiel – Grundregelbuch. Auf: reich-der-spiele.deMatthias Deigner: . Auf: x-zine.deChristoph Fischer: . Auf: fantasyguide.deJan Stetter: . Auf: helden.deDer Herr der Ringe Rollenspiel. Auf: faszination-tolkien.de. Die Quellenbände wurden sogar als Übersichten über die Hintergründe von Der Herr der Ringe an Tolkien-Fans empfohlen, die nicht das zugehörige Rollenspiel spielen wollten. Dennoch erfüllten die Verkaufszahlen nicht die Erwartungen des Verlages und blieben hinter dem Absatz des Der Herr der Ringe Sammelkartenspiels zurück. Schätzungen liegen bei etwa 1000–2500 verkauften Regelwerken in Deutschland, womit das Rollenspiel nicht an die Marktführer im Rollenspielbereich mit über 20.000 verkauften Regelwerken heranreicht.Vgl. Auf: DRoSI.de.
Nachdem Decipher ab 2004 kaum noch Material veröffentlichte, stellte Pegasus Spiele daraufhin Anfang 2005 die deutsche Übersetzung ein.Rainer Nagel: . Auf: foren.pegasus.de, 11. Februar 2005. Obwohl im Mai 2005 noch eine Wiederaufnahme der Publikationstätigkeit in rund achtwöchigem Rhythmus angekündigt wurde,. Auf: decipher.fanhq.com, 12. Mai 2005. änderte Decipher nach dem Quellenbuch Helm’s Deep im Juni 2005Timothy Creese: . Auf: decipher.fanhq.com, 1. Juni 2005. seine Veröffentlichungspraxis und beschränkte sich auf den Vertrieb der bereits in einer druckreifen Form mit aufwändigem Layout vorliegenden Quellenbände in Form von E-Books im PDF-Format.Scott Gaeta: Auf: decipher.fanhq.com, 4. Oktober 2005. Neben Rollenspielabenteuern erschienen die Beschreibung des Schauplatzes Isengard und die Magie-Erweiterung Paths of the Wise 2005 als kostenpflichtige Downloads,Auf: decipher.fanhq.com, 23. November 2005; Tim Creese: . Auf: decipher.fanhq.com, 12. Oktober 2005, sowie ebenda (PDF, 786 kB)Andreas Loos: . In: Ringbote Online, 12. Februar 2006Andreas Loos: . In: Ringbote Online, 21. Februar 2006. weitere geplante E-Books, etwa über Barbarians & Warriors, wurden hingegen nicht mehr veröffentlicht.
Mit einem Aprilscherz demonstrierte Pegasus Spiele 2006, als die Publikationstätigkeit von Decipher bereits eingestellt war, dass sie an die Existenz einer Fangemeinde glaubten, die sich über die Fortführung des Rollenspiels freuen würde. Pegasus kündigte an, sich selbst der Weiterentwicklung des Der Herr der Ringe Rollenspiel annehmen zu wollen. Man beabsichtige die Fortsetzung der Übersetzungen und sogar die Entwicklung eigener Quellenbände – etwa über Minas Tirith, Mordor und Das vierte Zeitalter –, nachdem man die Lizenz von Decipher übernommen hätte.. In: Ringbote Online, 1. April 2006. Das Dementi folgte umgehend: „Die Rückkehr des Königs? Da lacht ja der Gollum!“ In: Ringbote Online, 2. April 2006.
Schließlich teilte Decipher 2007 offiziell mit, dass der Verlag seine Rollenspiel-Abteilung schließen werde. Die Lizenz bei Tolkien Enterprises werde nicht erneuert und das Der Herr der Ringe Rollenspiel damit ebenso eingestellt wie Deciphers Star Trek Roleplaying Game, das parallel bearbeitet worden war. Das inoffizielle Herr-der-Ringe-Rollenspiel-Fan-Webzine The Hall of Fire publiziert hingegen in über 60 Ausgaben seit Herbst 2004 weiteres Material zum Spiel, darunter kurze Rollenspielabenteuer, Beschreibungen von Figuren, Kreaturen und Artefakte sowie optionale Regelerweiterungen.The Hall of Fire. Inoffizielles Webzine.
Regelsystem Spielmechanik mini|Als einziger „Zufallsgenerator“ im Der Herr der Ringe Rollenspiel dienen Würfelwürfe mit „2D6“ Zielwerte im Der Herr der Ringe Rollenspiel Schwierigkeitsgrad WertLeicht5Standard10Herausfordernd15Schwierig20Fast unmöglich25 Das Der Herr der Ringe Rollenspiel verwendet das Decipher-Regelsystem „CODA“ und passt es auf den tolkienschen Fantasy-Hintergrund an. Die verlagseigene Entwicklung, die auch Grundlage des Star Trek Roleplaying Game war, weist deutliche Ähnlichkeiten zum d20-System auf, auf dem Dungeons & Dragons basiert: Um den Erfolg einer Aktion der Spielfigur zu überprüfen, addiert der Spieler verschiedene Modifikatoren (für die Fähigkeiten der handelnden Figur und die Rahmenbedingungen) zum Ergebnis eines Würfelwurfs (als Zufallselement) und vergleicht das Ergebnis mit einem Zielwert (“Target Number”), der den Schwierigkeitsgrad der versuchten Aktion angibt. Hat er mit Modifikatoren und Würfelwurf den Zielwert erreicht oder überboten, war der Versuch erfolgreich.
Im Unterschied zum D20-System gilt: Je größer die Differenz zwischen Zielwert und Ergebnis ist, desto eindrucksvoller sind die Auswirkungen von Erfolgen (wenn das Ergebnis größer als der Zielwert ist) sowie Misserfolgen (wenn der Zielwert größer als das Ergebnis ist). Die markanteste Abweichung ist jedoch die Verwendung zweier sechsseitiger Spielwürfel („2D6“, D für englisch dice) statt eines zwanzigseitigen Würfels („D20“). Die spezifische Wahrscheinlichkeitsverteilung hat deutliche Auswirkungen auf die Spielmechanik: Extreme Würfelergebnisse („2“ und „12“) sind seltener als im D20-System, so dass außerordentliche Erfolge und Fehlschläge seltener auftreten als mittlere Ergebnisse. Die Standardschwierigkeit „10“ etwa ist mit einem mittleren Würfelergebnis von „7“ bei einem angenommenen Modifikator von „+3“ deutlich häufiger als in der Hälfte aller Fälle zu erreichen, nämlich mit einer Wahrscheinlichkeit von 58,33 %.