mini|hochkant|Stabkirche Gol 2017
Die Stabkirche Gol ist eine Museumskirche im Norsk Folkemuseum in Oslo und eine der 28 Stabkirchen in Norwegen mit mittelalterlicher Bausubstanz. Sie ist eine 14-Mast-Stabkirche, wurde 1884 unter der Leitung von Nicolay Nicolaysen von Gol in der Provinz Buskerud an den heutigen Standort versetzt und 1885 von dem Architekten Waldemar Hansteen nach dem Vorbild der Stabkirche Borgund rekonstruiert. Die Mastkonstruktion stammt aus dem 13. Jahrhundert. Malereien im Chor und in der Apsis sind aus dem 17. Jahrhundert. Der Dachschmuck mit den typischen Drachenköpfen wurde der Stabkirche Borgund nachempfunden.
Die Kirche ist die zweite der insgesamt sechs versetzten Stabkirchen (Wang 1841–1844, Gol 1881–1885, Haltdalen 1881, Fortun 1884, Garmo 1918–1919 und Øye 1953). Da die Kirche an ihrem Ursprungsort abgebrochen und durch eine neue ersetzt werden sollte, initiierte der private Altertumsverein Foreningen til norske Fortidsminnesmerkers Bevaring die Versetzung, um ihre Bausubstanz zu retten. Der König von Norwegen und Schweden Oskar II. bezahlte das Vorhaben. Die Kirche war zunächst Teil der königlichen Sammlung alter Gebäude, die 1907 schließlich in das öffentliche Freilichtmuseum umgewandelt wurde.
Die Kirche ist heute eine Touristenattraktion und eines der wichtigsten Ausstellungsobjekte des Norsk Folkemuseum. Sie diente als Vorbild einiger Replikate wie der 1996 errichteten neuen Stabkirche in Gol sowie einigen privaten Nachbauten in Norwegen und den USA.
Obwohl die Kirche nach ihrer Versetzung und Rekonstruktion nur noch ein Ausstellungsobjekt des Museums ist, fanden seit 1907 einige lutherische Gottesdienste und auch katholische Messen statt. Sie wird also immer noch als Kirche im Sinne eines Gotteshauses wahrgenommen und auch verwendet.
Lage mini|Der heutige Ort der Stabkirche auf der Halbinsel Bygdøy in Oslo Die Kirche befindet sich heute im Freilichtmuseum Norsk Folkemuseum auf der Halbinsel Bygdøy in Oslo. Die Halbinsel ragt am nördlichsten Ende in den Oslofjord hinein und ist heute eine Museumsinsel mit diversen Museen zur norwegischen Geschichte wie zum Beispiel das Fram-Museum und das Kon-Tiki-Museum. Die Museumsinsel kann von der E18 über die Straße Bygdøyveien erreicht werden.
Die Stabkirche steht in einer Gruppe von drei Gebäuden, die zur königlichen Sammlung von Oskar II. gehörten und über ein speziell dafür gefertigtes Portal erreicht werden können. Neben der Kirche steht ein traditionelles Einzimmergebäude aus Hove in Heddal, Telemark, von 1738 und ein reich geschnitztes Kornhaus aus Støylsemmne in Hylestad, Aust-Agder, von ungefähr 1500.
Geschichte bis zur Versetzung Es wird vermutet, dass die Stabkirche Gol der Nachfolgebau einer einfachen Holzkirche ist.Jørgen H. Jensenius: FRA EN OMVISNING I GOL STAVKIRKE. Middelalderforum, nr.2/1996: 15-23. Die ersten Holzkirchen wurden im 10. Jahrhundert kurz nach der Christianisierung Norwegens gebaut. Sie waren einfache Stabkirchen mit schlichtem Aufbau ohne zusätzliche Außenverschalung mit Laubengang. Die Masten waren noch Teil der Wände. Die erste Generation der Stabkirchen war geprägt von zahlreichen Ornamenten in Portalen, Säulen und Außenverschalung.Claus Ahrens: Die frühen Holzkirchen Europas. Katalog. Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2001, ISBN 3-8062-1397-6, S. 284 Teilweise wurden die Schnitzereien in den späteren Kirchen wiederverwendet, wie in der Stabkirche Urnes. Innerhalb der nächsten zwei Jahrhunderte änderte sich einiges an der kirchlichen Liturgie und der Auffassung von der idealen Architektur einer Kirche. Häufig war die Kirche auch durch das Wachstum der Gemeinde zu klein geraten, so dass ein Neubau nötig wurde. Die spätere Stabkirche Gol wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts gebaut, wie dendrochronologische Untersuchungen zeigen. Die heute noch erhaltenen ältesten Teile der Kirche wurden auf 1212 datiert. Die Stabkirche in Gol wurde 1309 erstmals urkundlich erwähnt.Yasuo Sakuma, Ola Storsletten: Die Stabkirchen Norwegens. Meisterwerke nordischer Baukunst. Bechtermünz-Verlag, Augsburg 1997, ISBN 3-86047-239-9, S. 78–83
mini|links|Wie die Stabkirche mit der Trennwand zum Chor früher einmal ausgesehen haben könnte Das Baumaterial ist verharztes Kiefernholz. Der Baum wurde gekappt und trocknete noch vor Ort mit der Wurzel aus. Der Vorteil war, dass er vor Vertrocknung als Schutzreaktion vermehrt Harz produzierte, was die bessere Konservierung des Holzes ermöglichte.Peter Knolle: Süd Norwegen Traumlandschaften Stabkirchen Skandinavien. Bavarian Video, 2005, ISBN 978-3-89763-851-8.
Von der Stabkirche aus dem 13. Jahrhundert ist der Säulengrundbau im Innern erhalten geblieben. Heute lassen sich aus den Quellen und aus Untersuchungen des vorhandenen Gebälks schließen, dass es sich um eine 14-Mast-Stabkirche gehandelt hat, mit einem erhöhten Mittelteil und einer Apsis sowie einem Laubengang (Svalgang). Die Außenbeschalung, der Aufbau des Daches mit Dachhaut und Dachschmuck, der Chor, der Apsisturm, die Ausgestaltung des Laubenganges und viele andere Details dieser Kirche sind heute völlig unbekannt und können wegen der zahlreichen Um- und Ausbauten und der schlechten Quellenlage auch nicht mehr wissenschaftlich rekonstruiert werden.
mini|Die Stabkirche Gol im Jahr 1846 nach einer Zeichnung von J. N. Prahm Die Aus- und Umbauten sind seit dem 17. Jahrhundert dokumentiert: 1652 wurde eine Bemalung der Apsisplanken und der Chorwände vorgenommen, 1675 eine neue Außenverschalung mit Brettern errichtet. 1684 wurde dokumentiert, dass der Laubengang aus senkrechten Bohlen und runden Säulen auf der Westseite sowie ein bogenförmiges Giebelfeld über dem Eingang sehr baufällig waren. Ob er in Folge renoviert oder entfernt wurde, ist nicht klar. 1694 erneuerte man den Dachreiter und die damals eingezogene Türe zwischen Schiff und Chor.
1699 spendete der Bauer Bjørn Frøysaak der Kirchgemeinde Gol ein Bild von sich und seiner Familie in den Trachten. Es ist ein gutes Beispiel für die Haltung der Menschen gegenüber der Kirche und des Gottesdienstes. Es war bis ins 19. Jahrhundert üblich, während des Gottesdienstes in den Stabkirchen Trachten zu tragen. Das Bild befindet sich heute in der Sammlung des Norsk Folkemuseum.
Ein neuer Chor in Blockbauweise entstand 1730 und war nun ebenso breit wie das Schiff. 1740 entfernte man die Trennwand zwischen Chor und Schiff. 1802 und 1803 verbreiterte man das Schiff auf etwa 8,8 Meter, indem man die alte Wand des Schiffes entfernte und eine neue Wand mit neuen Ecksäulen baute, etwa einen halben Meter von der äußeren Linie des früheren Laubengangs entfernt. Auf die neue Wand und die Ecksäulen kam ein neues Pultdach zu liegen. Das Hauptdach wurde in Richtung Chor verlängert, womit die Kirche nun einer Basilika ähnelte. Während dieses Umbaus entfernte man das Südportal mit den Schnitzereien. Ein Teil davon diente vermutlich als Umrandung des Waffenhauses. Fast sämtliche äußeren Ausschmückungen der Kirche wurden entfernt. Zu den Erweiterungen im 19. Jahrhundert gehört auch die an den Chor angebaute Sakristei.
Versetzung und Rekonstruktion 1881 In den 1870er Jahren wurde entschieden, dass die Stabkirche abgerissen werden und einer größeren Kirche weichen sollte. 1881 nahm die Direktion des privaten norwegischen Altertumsvereins, der zuvor bereits die Stabkirche Wang vor dem Abbruch gerettet hatte, Verhandlungen mit dem Eigentümer auf, um einzelne Stücke der Kirche für die Universität zu erwerben. Für 200 Kronen konnte die gesamte Kirche inklusive der Malereien erstanden werden – unter der Bedingung, dass der Verein die Kirche vom gegenwärtigen Standort selbständig wegtransportieren müsse.
Da König Oskar II. Schutzherr des Vereins war, bot er ihm an, in seinem Gebäudepark Badstuebråten auf Bygdøy Platz für den Wiederaufbau zur Verfügung zu stellen. Der Archäologe des Altertumsverein, Nicolay Nicolaysen, veranschlagte die Kosten für Transport und Restaurierung auf mindestens 4000 Kronen. Geplant war, die Kirche mit Schlitten über den gefrorenen See Krøderen zu transportieren. Die ungünstigen Witterungsbedingungen im Winter 1881/82 verhinderten dies zunächst jedoch.
1882/83 Der Altertumsverein rief mit einem Inserat in der Presse zu einer Spendensammlung auf und legte Zeichnungslisten in Aschehougs und Cammermeyers Buchhandel sowie in sämtlichen Gesellschaftsräumen der Stadt Oslo aus. Die Sammlung erbrachte jedoch nur einen Bruchteil der veranschlagten Kosten (je nach Quelle 387 Kronen oder 423 Kronen).Jahresberichte der Fortidsminneforening 1881–1884Tonte Hegard: Romantikk og fortidsvern. Historien om de første friluftsmuseene i Norge. Universitetsforlaget, Oslo 1984
Da der Altertumsverein auf ideale Wetterbedingungen warten musste, bot der vormalige Eigentümer an, dass die Kirche solange auf dem alten Standort verbleiben könne, bis sich eine für den Transport geeignete Wetterlage eingestellt habe. Bereits 1882 hatten etwa 500 Meter nordöstlich des ursprünglichen Standorts der Stabkirche in Gol die Bauarbeiten an einer neuen Langkirche mit ca. 500 Sitzplätzen begonnen; Architekt war Henrik Nissen. Auf Bygdøy wurde der steinerne Untergrund für die Rekonstruktion errichtet, und auch die Pläne für den Bau wurden erstellt. Doch auch der Winter 1882/83 erlaubte keinen Transport.
1884 mini|links|Die Kirche von hinten. Im März 1884 war die Kirche dann für den Abtransport bereit. Der Altertumsverein hatte jedoch nur einen Bruchteil der zwischenzeitlich auf 6500 Kronen geschätzten Kosten für die Versetzung sammeln können. Daher ließ der König durch den Verwalter des königlichen Hofes und des Gebäudeparks mitteilen, dass er für den fehlenden Betrag aufkommen werde.Aug. Sundby: Regnskabsdedetailler vedkommende opførelsen af Gols stavkirke. In: Gols gamle Stavkirke og Hovestuen paa Bygdø Kongsgaard., Med Illustrationer, uddeles som gave fra Hans Majestæt Kongen. Christiania 1885
So konnte in diesem Jahr die Kirche in ihre Einzelteile zerlegt, in Schlitten ins Tal gebracht und von Gulsvik über den gefrorenen See Krøderen bis zur gleichnamigen Bahnstation transportiert werden. Mit dem Zug verließen die Teile schließlich unbeschadet Buskerud und kamen in Christiania (Oslo) an.
Architekt Waldemar Hansteen und Baumeister Torsten Torstensen waren für den Wiederaufbau verantwortlich. Ihr Ziel war es, die Veränderungen der letzten Jahrzehnte in Richtung Basilika rückgängig zu machen, der Kirche ein möglichst authentisches Aussehen zu verleihen und die aus der Sicht des Denkmalschutzes relevanten Details der früheren Jahrhunderte wiederherzustellen. Da es nicht mehr möglich war zu eruieren, wie das Äußere der Stabkirche im 13. Jahrhundert ausgesehen hatte, orientierte sich Hansteen bei den fehlenden Teilen an der Stabkirche Borgund. Der Dachschmuck mit den Drachenköpfen sowie der Laubengang und die Apsis sind deshalb der Kirche Borgund nachempfunden, die auch bei vielen anderen Kirchenrekonstruktionen als Vorbild diente und als einzige Stabkirche gilt, die noch eine authentische Außenform hat. Das ornamentale, auskragende Ortganggesims der Satteldächer ist der Stabkirche Hopperstad nachempfunden. Die Schnitzereien des Südportals wurden ebenfalls während der Rekonstruktion nach dem Vorbild des Westportals neu gefertigt.Claus Ahrens, Die frühen Holzkirchen Europas, S. 411 ff
Architektur und Innenausstattung Dachkonstruktion mini|Sechsstufiger Aufbau. Apsis aus drei Stufen Kegeldächern. Chor mit eigenem Satteldach. Das Schiff trägt einen Dachreiter mit einem Satteldach und zwei Pyramidendächern mini|links|Dach mit fünf Sparren, wobei die drei inneren Scherensparren und der chorseitige Sparren mit einem Kehlbalken verstärkt sind