Franz Murer (* 24. Jänner 1912 in St. Lorenzen ob Murau;Taufbuch St. Georgen ob Murau, tom. X, fol. 160 (Faksimile), abgerufen am 28. Dezember 2023 † 5. Jänner 1994 in Leoben) war ein Funktionär der NSDAP, einer der Hauptverantwortlichen für die Vernichtung der Juden in Vilnius und unter den Opfern als der „Schlächter von Wilna“ bekannt.Mascha Rolnikaitė: Ich muss erzählen. Mein Tagebuch 1941–1945. Dort die kaltblütige Ermordung eines Mädchens (S. 83 f), die Prügel einer nackten Frau (S. 110 f.), der Sadismus gegen einen älteren Mann (S. 111).Doron Rabinovici: Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938-1945. Der Weg zum Judenrat. Historische Studie, Jüdischer Verlag, Frankfurt 2000, ISBN 3-633-54162-4 (Zugleich Diss. phil. Universität Wien 2000). S. 31.

Herkunft und Ausbildung Franz Murer wurde am 24. Jänner 1912 als Sohn des Landwirts Johann Murer und dessen Ehefrau Maria (geborene Seidl) geboren und noch am selben Tag auf den Namen Franz getauft. Seine Firmung erfolgte am 24. Juli 1922. Am 12. Mai 1938 beantragte Murer die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 6.171.713).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/29940662 Wenige Monate später trat er aus der römisch-katholischen Kirche aus und wurde erst nach Kriegsende mit 24. Februar 1946 wieder in diese aufgenommen. Er wurde in der NS-Ordensburg Krössinsee ausgebildet.

Verbrechen in Vilnius Von 1941 bis 1943 war Murer in der dem Reichskommissariat Ostland eingegliederten Stadt Wilna als Stellvertreter des Gebietskommissars Hans Christian Hingst „zuständig für jüdische Angelegenheiten“. Vilnius, einst als „Jerusalem des Nordens“ bekannt, hatte eine jüdische Bevölkerung von 80.000 Personen, die während Murers „Zuständigkeit“ auf 600Nürnberger Prozesse, Bd. 8, S. 340 ff. sank. Er war für seinen Sadismus bekannt, da er es genoss, seine Opfer zu verhöhnen. Am 1. Juli 1943 wurde Murer durch Bruno Kittel (* 1922), früher Musiker und Schauspieler, nun SS-Oberscharführer und Leiter des „Judenreferats“ der Gestapo in Vilnius, ersetzt, der die Aufgabe erhielt, das Ghetto Wilna aufzulösen.Arno Lustiger: Feldwebel Anton Schmid. Judenretter in Vilnius 1941–1942. In: Vincas Bartusevičius, Joachim Tauber, Wolfram Wette (Hrsg.): Holocaust in Litauen: Krieg, Judenmorde und Kollaboration im Jahre 1941. Böhlau, Köln 2003, S. 195.Manus I. Midlarsky: The Killing Trap. Genocide in the Twentieth Century. Cambridge UP, Cambridge 2005, S. 301.Mascha Rolnikaitė: Ich muss erzählen. Mein Tagebuch 1941–1945, S. 139 und passim. Murer wurde stattdessen als Lehrkraft und zur eigenen Weiterbildung an die Ordensburg Krössinsee berufen. Dort war er vermutlich von 1943 bis 1945 als Lehrkraft tätig.Hagen Stöckmann: Gewalträume. Die sog. NS-Ordensburgen und ihre Absolventen zwischen propagandistischer Zurichtung, Politik der Vernichtung und generationeller Vergemeinschaftung. In: Söhnke Grothusen, Vânia Morais, Hagen Stöckmann (Hrsg.): Generation und Raum: Zur symbolischen Ortsbezogenheit generationeller Dynamiken. Wallstein, Göttingen 2014, S. 125.

Nürnberger Prozess In den Zeugenaussagen und Dokumenten des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher wurde Murers Beteiligung am Holocaust benannt.

Ghetto Wilna Die Anklage vernahm den Zeugen Abram Gerzewitsch Suzkewer am 27. Februar 1946.Nürnberger Prozesse, Bd. 8, S. 335 ff.

Die Sängerin Lyuba Levicka ließ er wegen eineinhalb Kilo geschmuggelter Erbsen sterben.Mascha Rolnikaitė: Ich muss erzählen. Mein Tagebuch 1941–1945, S. 130.

Sonderaktion 1005 in Ponary Am 14. August 1946 wurde aus dem Affidavit D-964Nürnberger Prozesse, Bd. 21, S. 178 ff. aus der Zeugenvernehmung des Szloma Gol zitiert. Der Zeuge berichtet darin, dass im Dezember 1943 die Massengräber bei Wilna geöffnet wurden (Sonderaktion 1005).

Bereicherung

Nachkriegszeit 1947 wurde Murer eher zufällig festgenommen, und es wurden Ermittlungen beim Landesgericht für Strafsachen Graz wegen seiner Tätigkeit als Gebietskommissar der Stadt Wilna vorgenommen. Murer gab in seinen Einvernahmen an, mit dem Ghetto und den Judenangelegenheiten niemals etwas zu tun gehabt zu haben.

Am 4. Juli 1947 erschien eine Meldung in der Österreichischen Zeitung in dem über Murers Rolle im NS-Regime sowie das Vermögen seiner Frau berichtet wurde.

Murer wurde im März 1948 gemäß der Moskauer Deklaration, nach der nationalsozialistische Verbrecher am Ort ihrer Verbrechen anzuklagen seien, an die Sowjetunion überstellt, weil Vilnius inzwischen zur Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik gehörte. In Vilnius wurde er am 25. Oktober 1948 wegen der persönlichen Selektion von Juden (wobei er über 5000 in den Tod geschickt haben soll) und wegen der Erschießung von zwei Jüdinnen vom litauischen Militärtribunal zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.

1955 wurde Murer entsprechend den Vorgaben des Staatsvertrages an Österreich übergeben. Von der österreichischen Justiz wurde Murer nicht weiter verfolgt. Erst 1962 kam es nach juristischer Intervention von Simon Wiesenthal zu einer neuerlichen Verhaftung und einem Prozess in Graz, der am 19. Juni 1963 mit einem Freispruch endete, was von einem Teil der österreichischen Öffentlichkeit bejubelt wurde. Der Prozessverlauf schlug zu einem Tribunal gegen die überlebenden Opfer um. Beobachter berichteten, dass „die Söhne des Angeklagten jüdische Zeugen verhöhnten“. Im Prozess sagten prominente Fürsprecher, unter anderen solche der ÖVP, zu seinen Gunsten aus. Die Nichtigkeitsbeschwerde der Staatsanwaltschaft gegen den Freispruch wurde schließlich 1974 vom Landesgericht Graz endgültig abgewiesen und das Verfahren eingestellt. Der umfangreiche Gerichtsakt befindet sich im Steiermärkischen Landesarchiv in Graz.StLA, Landesgericht für Strafsachen Graz, 15 Vr 1811/1962.

Er war zuletzt Bezirksbauernvertreter der ÖVP.

Privates und Familie Murer lebte bis zu seinem Tod in Gaishorn am See im Bezirk Liezen und starb am 5. Jänner 1994, wenige Tage vor seinem 82. Geburtstag, im Landeskrankenhaus Leoben.

Laut Bescheinigung der Bezirkshauptmannschaft Murau trat Murer am 16. Oktober 1938 aus der Kirche aus und wurde am 24. Februar 1946 in Gaishorn wieder in die Kirche aufgenommen.

Am 14. März 1940 heiratete er in Rottenmann standesamtlich Elisabeth Möslberger, die er rund sieben Jahre später, am 30. April 1947, in St. Stefan ob Leoben auch kirchlich heiratete. Ein Sohn Murers ist der 1941 geborene FPÖ-Politiker und ehemalige Staatssekretär und Nationalratsabgeordnete Gerulf Murer. 1989 kündigte er an, neutrale Historiker aus Deutschland würden mit einem von ihnen verfassten Buch die Unschuld seines Vaters Franz Murer beweisen, doch ist ein solches Buch nie erschienen.

Film Von April bis Juni 2017 entstand unter der Regie von Christian Frosch der Spielfilm Murer – Anatomie eines Prozesses mit Karl Fischer in der Titelrolle.

Literatur Christoph Dieckmann: Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941–1944. 2 Bde., Wallstein-Verlag, Göttingen 2011, ISBN 978-3-8353-0929-6. Josef Fiala: „Österreicher“ in den SS-Einsatzgruppen und SS-Brigaden. Die Tötungsaktionen in der Sowjetunion 1941-1942. Diplomica Verlag, Hamburg 2010, ISBN 9783842850156 (zum Lebenslauf Murers siehe S. 92–94). Florian Freund (Hrsg.): Ess firt kejn weg zurik … Geschichte und Lieder des Ghettos von Wilna 1941–1943. Picus-Verlag, Wien 1992, ISBN 3-85452-222-3. Internationaler Militärgerichtshof Nürnberg (Hrsg.): Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof (14. November 1945 bis 1. Oktober 1946). Amtlicher Text in deutscher Sprache. Heimo Halbrainer, Martin F. Polaschek (Hrsg.): Kriegsverbrecherprozesse in Österreich: eine Bestandsaufnahme. Clio, Graz 2003, ISBN 3-9500971-5-5. Lukas Nievoll: „Jüdische“ Zeugenschaft. Aspekte des Umgangs mit Holocaust-Überlebenden am Beispiel des Prozesses gegen Franz Murer 1963 in Graz. In: zeitgeschichte 48 (2021), Heft 2, S. 207–224. Mascha Rolnikaitė: Ich muss erzählen. Mein Tagebuch 1941–1945. Kindler Verlag, 2002, ISBN 3-499-23555-2. Johannes Sachslehner: „Rosen für den Mörder“: Die zwei Leben des NS-Täters Franz Murer. Molden, Wien 2017, ISBN 978-3-222-15006-7. Mirjam Schnorr: „Es ist in meiner Gegenwart niemals jemand erschossen worden.“ Der Prozess gegen Franz Murer vor dem Landesgericht für Strafsachen Graz 1963. In: Alliierte Prozesse und NS-Verbrechen (= Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland; 19). Hrsg. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Bremen 2020, S. 198–206. Mirjam Schnorr: From Vilnius to Graz: Franz Murer as an Accomplice to Mass Murder. In: Karoline Georg, Verena Maier und Paula A. Oppermann (Hrsg.): Between Collaboration and Resistance. Papers from the 21st Workshop on the History and Memory of National Socialist Camps and Extermination Sites. Metropol, Berlin 2020, S. 196–217. Abraham Sutzkever: Wilner Getto 1941–1944. Übersetzt von Hubert Witt, Ammann Verlag, Zürich 2009, ISBN 978-3-250-10530-5 (Murer u. a. auf S. 82 f).

Weblinks

Einzelnachweise

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